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Der ungeplante Headlinerposten: jeffk spielen im Jenaer Kulturbahnhof nach dem Ausfall von Toundra alleine

Info

Künstler: jeffk

Zeit: 11.06.2022

Ort: Jena, Kulturbahnhof

Internet:
http://www.facebook.com/this.is.jeffk/
http://www.kuba-jena.de

An Konzertausfälle aufgrund positiver Coronatests hat man sich auch im Zeitalter des abklingenden bzw. auf niedrigem Niveau stattfindenden pandemischen Geschehens mittlerweile gewöhnt, vergißt dabei aber, dass es auch noch solche aus bereits vor 2020 bekannten Gründen geben kann (ähnlich wie man auch kaum noch auf dem Schirm hat, dass trotz des Vorherrschens von Covid-19 die „normalen“ grippalen Infekte keineswegs ausgestorben sind). Zu einer solchen Situation kommt es an diesem frühsommerlichen Junisamstag: Der fahrbare Untersatz von Toundra, die am Abend zuvor einen Festivalgig in München gespielt hatten, bleibt kurz hinter der bayerischen Metropole liegen, und zwar strukturell so ungünstig innerhalb eines größeren Staus, dass der Abschleppwagen nicht durchkommt. Letztlich kostet das alles so viel Zeit, dass die Band keine Chance mehr sieht, rechtzeitig nach Jena zu kommen, so dass sie das Konzert absagt. Das Team vom Cosmic Dawn e.V. beschließt darauf, das Konzert lediglich mit dem Support jeffk durchzuziehen und in eins auf Kollektenbasis umzuwandeln – alle Vorbereitungen vor Ort sind ja bereits getroffen, und die Chance, so kurzfristig noch einen großen Prozentsatz der potentiellen Anreisenden über einen Komplettausfall zu informieren, ist selbst im Zeitalter der sozialen Medien eher gering.

Auch der Rezensent schaut vorher nicht nochmal auf Homepage oder Facebookseite des KuBa und erfährt die Neuigkeit daher erst vor Ort. jeffk ihrerseits sind außerstande, ihr Programm sozusagen im Handumdrehen von Support- auf Headlinerlänge auszubauen, aber ungefähr eine Stunde spielen sie dann doch (was in anderen Konstellationen durchaus schon Headlinerlänge wäre), und sie arbeiten stilistisch zudem in Welten, die denen von Toundra durchaus nicht unähnlich sind, so dass, wer die einen mag, grundsätzlich auch mit den anderen etwas anfangen können sollte. Dabei steigen die Leipziger mit „The Up High Down Low Low“ eher harmlos ein – der Opener des 2018 veröffentlichten, aber immer noch das aktuellste Full-Length-Werk darstellenden Inadequate Shelter-Albums bietet nur relativ unspannenden Postrock von der Stange, bei dem lediglich zwei Komponenten markant hervorstechen: der ungewöhnlich dunkle Snaresound und der im Laufe des Songs auftauchende verzerrte Gitarrensound, der wie die Achtziger-Generationen der Zahnarztbohrer klingt. Der Nichtkenner der Band könnte hier schon Sorgenfalten bekommen, wie sich der Rest des Sets gestalten würde, zumal dieser, wie sich hinterher herausstellt, zu drei Siebenteln aus Material von Inadequate Shelter speist. Aber schon mit „Fingers“ an zweiter Setposition spielt das Trio seine songwriterischen Stärken in bedeutend größerer Fülle aus, bleibt grundsätzlich zwar im Postrock, schmuggelt aber auch ein paar Harmonien aus dem klassischen Melodic Rock ein, verzichtet auf die durchgehende Anwendung der Wiederholung von Passagen in Vielfachen von 4, bringt etwas mehr Spannung und Variabilität ein, ohne das Material zu sehr ausfasern zu lassen, und liefert als Grande Finale noch eine Andeutung orchestraler Größe. Dabei geht das Trio generell nicht sonderlich basisch zu Werke, wie man es von einer Formation dieser Besetzung gemäß althergebrachter Rock’n’Roll-Prinzipien hätte erwarten können: Mittlerweile gibt es ja Loopstations, die für live erzeugte und doch vielschichtige Klangvervielfältigung sorgen, und zudem rufen sowohl Gitarrist Matthias als auch Bassist Börge gelegentlich noch ein paar zusätzliche Effekte aus der Konserve ab. Sonderlich eingängig sind die allesamt recht langen Nummern nicht, obwohl postrocktypisch so manches Motiv umfangreiche Wiederholungen erfährt, und Gesang gibt es von vornherein keinen – Börge hat ein Mikrofon neben sich stehen, aber das nutzt er nur für die wenigen, insgesamt drei Ansagen, wobei es zwischen den Songs nahezu keine Pausen gibt, sondern immer irgendwelche Klangflächen durchlaufen, und sei es, dass einer der beiden Saitenspieler schon mal einen der neuen Loops einspielt. Nach hinten heraus treten öfter auch Passagen auf, in denen Drummer Steffen das überwiegend eher bedächtige, freilich nicht klassisch doomige Tempo anzieht und bisweilen in einen regulären treibenden Vierviertelbeat verfällt, was Nummern wie dem regulären Setcloser „Black Hole White Sheet“ noch einen speziellen Touch gibt. Dieser Song wie auch die Zugabe „Oh! Eightball“ stammen gleichfalls von Inadequate Shelter-Album, so dass dessen Material gewissermaßen einen Rahmen um den Set bildet, während zumindest der Rezensent die Herkunft der anderen vier Nummern nicht kennt und es sich zumindest teilweise um noch unkonserviertes Material handeln könnte. Die Spielfreude des Trios überzeugt, wobei Börge gern über die Bühne springt, während Matthias den ruhenden Pol der beiden Frontleute bildet und auch Steffen kein sonderlicher „Showdrummer“ zu sein scheint, sondern sich darauf konzentriert, seine Arbeit zu tun, und das wiederum macht er gut. Dank eines äußerst klaren Soundgewands in angenehmer Lautstärke kann der Hörer das Gebotene prima nachvollziehen, das Publikum grämt sich ob des Ausfalls von Toundra auch nicht lange, macht das Beste aus der Situation und applaudiert jeffk fleißig, wobei einige Enthusiasten vor der Bühne auch das Tanzbein schwingen, was sich rhythmisch in vielen Fällen auch für Nichtkenner des Materials als gar nicht so kompliziert entpuppt, wobei man allerdings aufpassen muß, weil die Band durchaus nicht geruht, immer den klassischen Dynamikprinzipien innerhalb der Songs zu gehorchen, so dass anstatt der erwarteten markanten Steigerung ein Song plötzlich auch einfach zu Ende sein kann. Ob das dominant blau-gelb kombinierte Licht während der ersten Songs als politisches Statement zu werten ist, muß unklar bleiben, aber die gelegentlich anspringenden Ventilatoren der Klimaanlage, die nahe vor zwei Scheinwerfern hängen, sorgen beim Einsatz der letzteren für ein wohl ungeplantes psychedelisches Moment im sonst recht straighten Umfeld. Dem Publikum gefällt’s, und jeffk ernten viel Applaus und eine Schlange am Merchstand, nachdem sie wie erwähnt noch „Oh! Eightball“ als Zugabe ausgepackt haben. Das Gros des Publikums bleibt danach da, um noch das eine oder andere Getränk zu vernichten, während der alternde Rezensent nicht böse ist, zwei Stunden eher ins Bett zu kommen.

Setlist:
The Up High Down Low Low
Fingers
Ratio
Arcades
Idle Eyes
Black Hole White Sheet
--
Oh! Eightball

Roland Ludwig


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