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Mutti und das Theremin: Hammada, Arteaga, Mylr und Kyning im Leipziger Bandhaus

In den mehr als dreißig Jahren, die der Rezensent nun schon auf Konzerte geht, hat er Tausende von Bands aus Dutzenden Ländern gesehen – eine aus Chile aber war, wenn er sich recht erinnert, bisher noch nicht dabei. Arteaga stellen an diesem Abend also eine Premiere für ihn dar – sie holen an diesem frühlingshaften Freitagabend mit Hammada einen schon für Dezember 2021 geplant gewesenen Gig nach, müssen sich aber mit einem eher übersichtlichen Publikum begnügen, das freilich am Ende dieses Konzerts mehrheitlich konstatiert haben dürfte, unter den diversen Optionen für diesen Abend die richtige gewählt zu haben.

Letztlich tragen alle vier Bands ihr Scherflein zum positiven Gesamturteil bei, auch schon der Opener Kyning mit seinem seltsamen, aber interessanten Mix aus Progrock bzw. Progmetal und Stoner Rock. Die Leipziger machen schon in ihrem Setopener (Titel sind Schall und Rauch) klar, was von ihnen zu erwarten ist, bauen die urlange Nummer behutsam auf, poltern mittig mal heftiger drauflos, bevor sie wieder in entspanntere Gefilde schalten, die der Drummer aber trotzdem mit ziemlich intensivem Spiel in proggige Areale verschiebt, und die Leadgitarren kommen nicht selten halbakustisch zum Einsatz. Dazu tritt ein Sänger, der teilweise wie ein etwas weniger nasaler Geddy Lee tönt, aber bisweilen auch latent an seinen Kollegen von Taramis erinnert, sich zumeist in mittleren Klarlagen aufhält, aber auch ziemlich weit nach oben kommt, ohne dass er sich dazu sonderlich anstrengen muß – und in Kreischgefilde begibt er sich gelegentlich auch noch. Song 2 kommt etwas straighter daher, aber der Drummer spielt wieder ein Fill am anderen, und letztlich ergibt sich eine Art Epic Metal mit Stonerunterbau, der nach einer wilden Grunzeinlage des Vokalisten doomiger wird, bevor das Finale wieder in Geschrei mündet. Der Bassist, der optisch durch seine Latzhose völlig aus dem Rahmen fällt, spielt als Übergang in den nächsten Song ein ultradoomiges Motiv, das sich als eine Art Passacaglia-Grundthema entpuppt und Song 3 strukturell prägt, wenn auch nicht ganz durchgehend und durchaus nicht monotempisch – die drei anderen Instrumentalisten legen da durchaus auch mal angeproggten Speed drüber, den man akustisch nunmehr etwas besser nachvollziehen kann als die beiden Opener, denn das Soundgewand, das anfangs ein wenig zu verwaschen anmutete, wandelt sich mit Song 3 zum Klareren, aber dennoch Druckvollen, und das tut der Musik von Kyning definitiv gut. Nur das vom Sänger in seinem Zweitjob gespielte Gitarrensolo im etwas geradlinigeren Song 4 geht akustisch noch etwas unter, während man die zeitlich dominierenden Leads seines nicht singenden Instrumentenkollegen schon von Anfang an gut heraushören konnte. Mit einer von der Dynamikentwicklung her lehrbuchreifen Nummer, die das klassisch-metallischste Riffing des ganzen Sets enthält, schließen die Leipziger ihr Heimspiel ab und ernten gute Reaktionen vom Publikum, obwohl der Vokalist in puncto Publikumskommunikation durchaus noch etwas aus sich herausgehen könnte.

Wie man letztgenannte Aufgabe besser löst, zeigt der Kollege von Mylr, der sich als wahre Plaudertasche entpuppt, aber gerade noch rechtzeitig immer wieder die Kurve bekommt, bevor er sich verplaudert. Während er das lange Slidegitarrenintro einschaltet, gibt er bekannt: „Die, die draußen sind, können schon mal reinkommen, es geht gleich los“ – sein Drummer ist aber auch noch nicht da. Sobald das Trio vollzählig versammelt ist, geht es dann in die Vollen, und das Ergebnis liegt hier zwischen traditionellem Metal, Stoner Rock und gelegentlichen punkigen Anflügen, wobei das treibende, aber zwischendurch runterschaltende „Come Around“ und das doomigere „Running Cold“ zwei der Eckpfeiler des Stils des Trios markieren, während der dritte Eckpfeiler durch eine recht emotionale Halbballade und eine Art angebluesten Postrock gebildet wird. Da der Gitarrist eine Loopstation im Einsatz hat, kommen in seinen Soli so gut wie keine Soundlöcher vor, und sein Gesang bewegt sich überwiegend im Klarbereich, aber ebenfalls mit ein paar Ausflügen in Richtung Gekreisch. Zu seinen lockeren Sprüchen („Der nächste Song wird euch gefallen – es geht ums Trinken“) paßt die Optik mit den Bermudas prima, und zudem preist er das Mylr-Merch mit dem Hinweis an, dass das alles seine Mutti handgefertigt habe. Auch der Drummer fällt auf: Er spielt ein riesiges Kit und agiert ähnlich intensiv wie sein Kyning-Kollege – aber er bewegt seinen Oberkörper nahezu gar nicht, sondern holt seine ganze Spielvielfalt aus den Körperteilen jenseits der Schultergelenke. Der Bassist hingegen wirkt akustisch in den ersten beiden Songs noch wie ein Fremdkörper, aber ab „Running Cold“ gelingt auch seine Einbindung in den Gesamtsound deutlich besser. Gegen Setende gibt allerdings eine Komponente der Baßanlage ihren Geist auf, was eine längere Reparatur erfordert und den Zeitplan trotz der Tatsache, dass Mylr einen Song streichen und nur noch ihren Setcloser spielen, noch mehr ins Wanken bringt, als er vorher schon war. Um besagten Setcloser wär’s aber wirklich schade gewesen – eine wüste, aber interessante Mischung aus klassischem Metal, ein paar Rage-Against-The-Machine-Anleihen, einigen Blastbeats und doomigen Passagen, hinter die, nachdem Gitarrist und Drummer fertig sind, der Bassist noch einen einzelnen Schlußton setzt. Da einiges an lokaler (überwiegend weiblicher) Anhängerschaft da ist, fällt die Erzeugung einer positiven Stimmung im Publikum auch nicht sonderlich schwer.

Dann entern Arteaga die Bühne und machen schon mit ihren Apparaturen neugierig. Neben dem auch singenden Bassisten, dem Gitarristen und dem Drummer haben sie nämlich eine Multiinstrumentalistin in der Band, die neben einigen Percussioninstrumenten hauptsächlich altertümliche Keyboards und Effektgeräte bedient und außerdem noch ein Theremin neben sich stehen hat. Der deutsche Szenekenner denkt dabei natürlich sofort an Wucan, und die sind vom eigendefinierten „Satanic Retro Fuzz“ der vier Chilenen auch gar nicht so weit entfernt, wenngleich es an diesem Abend keine weiblichen Vocals zu hören gibt – die besagte Multiinstrumentalistin hat zwar tatsächlich auch ein Mikrofon vor sich stehen, aber über das wird im wesentlichen ihre Percussion abgenommen. Das urlange Intro mündet in eine Art Jamsession, bevor „Necromance“ im klassischen 70er-Rock landet, mit klaren, teils im appellierenden Gestus gehaltenen Vocals des Bassisten versehen ist und die Multiinstrumentalistin noch im klanglichen Abseits verharren läßt. Ihre spacigen Sounds hört man dann erstmals im groovigen „Serpiente“, und ab „Viaje N1“ wird der Gesamtsound dann klar genug, dass man sich ein gutes allgemeines Bild vom Können der Chilenen machen kann. Und das fällt ausnehmend positiv aus: Wie locker sie besagtes „Viaje N1“ nach seinem langen Spaceintro angehen, macht Laune, der extrem ausgedehnte Instrumentalteil aber noch viel mehr. Der Drummer spielt hier minutenlang völlig stoisch einen treibenden Vierertakt (das tut keiner seiner Kollegen an diesem Abend nochmal und auch er selbst nicht), nur von wenigen markanten Breaks durchsetzt, darüber liegt klassischer 70er-Rock, in diesem Fall mit Eloy-Geblubber – und das funktioniert bestens. Der Gitarrist ist mittlerweile ziemlich ins Schwitzen geraten, knöpft sein Hemd vor „Espiral“ aber erstaunlicherweise wieder zu. An der Musik – feister Doom mit Hammondunterbau – kann’s eigentlich nicht gelegen haben. Auch der Closer „Espejo Roto“ macht nochmal hochgradig Hörspaß, geht von einem eher basischen Midtempogroove zu vereinzelten Geräuschattacken über, mündet aber in einem ekstatischen Doom-Instrumental, über dem freilich weiter eine noisige Gitarre wütet. Dieser Eklektizismus gefällt dem Publikum offenbar, das viel Applaus spendet, wenn es denn mal dazu kommt (meist gehen irgendwelche Sounds durch, so dass man gar nicht richtig weiß, wann man eigentlich klatschen soll), aber der Drummer beginnt schon während des Outros mit dem Abbau seines Kits, so dass klar wird, dass keine Zugabe eingeplant ist. Randnotiz: Die Band hatte sich gewünscht, dass nur weißes Licht zum Einsatz kommt und auf Nebel (den der Drummer nicht verträgt) verzichtet wird – der Bediener der besagten Konsole verlebt also eine ruhige Zeit, aber die Wirkung des Sets ist gerade durch diesen Minimalismus, der in einem gewissen reziproken Verhältnis zum musikalisch überbordenden Faktor steht, geprägt. Fein gemacht – auch wenn es beim nächsten Mal gern noch ein wenig mehr Theremin sein darf.

Setlist Arteaga:
Intro Jess Franco
Necromance
Serpiente
Viaje N1
Interludio Gragoriano
Satiro
Espiral
Espejo Roto
Outro. Tres Son Multitud

Hammada füllen musikalisch die Geisterstunde aus und tun das ähnlich wie Kyning und Mylr mit einem Sound, der maßgeblich vom Stoner Rock geprägt ist, aber auch andere Elemente zuläßt, wozu hier ganz klar der Gesang gehört, wie schon im Opener deutlich wird: Der Vokalist liegt stimmlich in der Nähe eines leicht tiefergelegten Matt Barlow, erinnert aber noch stärker an Jeff Scott Soto in dessen Schaffen bei Sons Of Apollo. Dazu tritt in den ersten beiden Songs hier aber ein eigentümliches Soundgewand, das einen sehr dominanten Baß auffährt, der mit den Rhythmusgitarren akustisch verschmilzt und nur dann Auflockerung zuläßt, wenn der Gitarrist auf Leadbetrieb umschaltet. Dass diese bisweilen an Saint Vitus erinnernde Soundbesonderheit keine Absicht sein dürfte, zeigt sich ab dem Doomer an dritter Setposition, der im Mittelteil lange nur von Baß und Schlagzeug bestritten wird und danach nicht nur die Leads noch schärfer abgrenzt, sondern auch akustischen Raum zwischen Baß und Rhythmusgitarre schafft, so dass das Soundgewand in der weiteren Folge deutlich differenzierter daherkommt. Bis dahin hat man im zweiten Song einen Übergang in die schnellen Einwürfe entdeckt, den Black Sabbath auch nicht anders gestaltet hätten, und mit dem Humor des Bassisten, der die Ansagen übernimmt, sein Mikrofon aber nicht zum Singen einsetzt, Bekanntschaft geschlossen. In seiner Ansage zum dritten Song verkündet er beispielsweise, dass das an diesem Abend eine Art Releasegig darstelle, da in der Vorwoche die neue Scheibe der Band, Atmos, als LP herausgekommen sei: „Und um das zu feiern, spielen wir jetzt einen Song, der da gar nicht drauf ist!“ Offensichtlich drauf ist hingegen der vierte, denn den preist er folgendermaßen an: „Wir spielen jetzt den kürzesten Song des Sets. Der reicht genau, um eine LP zu kaufen!“ Natürlich rennt trotzdem niemand des mittlerweile etwas ausgedünnten Publikums nach draußen in den Vorraum zum Merchandisestand – der Vokalist aber nutzt hier und auch in anderen Songs den zur Verfügung stehenden Platz, um auch vor der Bühne zu agieren. Unter dem Arbeitstitel „GK“ feiert als Closer des regulären Sets ein neuer Song seine Premiere: Ein langes instrumentales Intro, für Hammada-Verhältnisse ungewöhnlich spacig, geht in eine breite epische Nummer über, die im Soloteil recht tempovariabel daherkommt und in ein großes Doomfinale mündet. Mit „Monument“ gibt es noch eine ähnlich strukturierte, aber nicht ganz so spacige Zugabe, was den Vokalisten nicht daran hindert, auch mal auf den Bühnenbrettern zu liegen und eigentümliche Verrenkungen zu vollführen, wie er auch generell eine Art Showtyp zu sein scheint, was den Fakt, dass er die Ansagen nicht macht, umso merkwürdiger erscheinen läßt. Aber da der Bassist das ja auch kann, geht das als Luxusproblem für die vier Freiberger durch, die zwar auf die Außergewöhnlichkeit von Arteaga nichts mehr draufsetzen können, aber dennoch einen unterhaltsamen Konzertabend auf hohem Niveau abschließen.

Roland Ludwig


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