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Artikel

Brechen Weckörhead demnächst das Röck’n’Röll Grundgesetz?

Info

Gesprächspartner: Markus Wecker (B, Voc)

Zeit: 23.11.2021

Ort: Berlin – Oesede bei Georgmarienshütte

Interview: E-Mail

Stil: Motörhead / Metal

Internet:
http://www.Weckoerhead.de

Norbert hatte bei 2021, dem zweiten Album der Motörhead-Verdeutscher Weckörhead, einige Veränderungen zu den vorausgegangenen Veröffentlichungen entdeckt und sich daher mit Bandkopf und Namensgeber Markus Wecker in Kontakt gesetzt, um ein paar Hintergründe auszuleuchten.


MAS: Hallo Markus! Zum zweiten Mal habt Ihr Euch auf die lange Strecke begeben und zum zweiten Mal die magische 80-Minuten-CD-Grenze angepeilt. „Value for Money“ als Prinzip?

Markus Wecker: Bisher steht da, von meinem angeborenen Wahnsinn mal abgesehen, kein wirklicher Plan dahinter. Der normale Gang der Dinge war bisher immer, dass ich ca. 15 Texte (fast) fertig habe, den Jungs sage: Hört euch da mal rein! Dann sagen die: Lass uns mal auf so ca. 10 Dinger konzentrieren! Und es endet dann so, dass wir knapp 20 Lieder einspielen und ich spontan im Studio selbst noch an weiteren Übersetzungen arbeite (wie z.B. dieses Mal bei „Abriss“).
Aber der Gedanke, etwas tatsächlich Wertiges zu erhalten, wenn ich ein Album kaufe, ist mir auch nicht fremd. Gerade in einer Zeit, wo viele nur noch streamen, sollte ein Album eine tatsächlich ordentliche Spieldauer haben (Da kamen uns die quasi Bonus-Trax mit den Gästen gerade passend.) und auch optisch/haptisch etwas hermachen.
Für mich ist da in Sachen Aufmachung Iron Maidens Live after Death die Messlatte. Gatefold Cover, LP, Booklet, Texte, Infos und massig Fotos aus Prinzip inkl. Erkennt man an unseren LPs, oder?

MAS: In diesen Zeiten bleibt keiner Band diese Frage erspart. Wie hat sich die Corona-Situation auf den Entstehungsprozess ausgewirkt? Manch ein Künstler sagt ja, man habe plötzlich mehr Zeit für die kreative Arbeit gehabt.

Markus Wecker: Wir waren sehr artig! Nachdem etliche Auftritte abgesagt wurden, haben wir auch tatsächlich nicht mehr geprobt, bis ca. Mitte März 2021. Erst dann gab es zwei Proben vor dem Studio, jeweils mit aktuellem Schnelltest etc., da drei von uns beruflich eh sehr viele Sozialkontakte haben. Dazwischen lagen auch noch zwei Operationen meinerseits, wofür die Pause auch gut passte. Auch gab es da die Luft, mit meinen Kindern 1916 aufzunehmen. (Anm: Bei dem Stück, das nun der Titelsong des aktuellen Albums geworden ist, haben die Kinder von Markus den Gesang übernommen; NvF)
Über die Texte hatte ich mich in der üblichen Art und Weise hergemacht – meisten spontan – woraus dann auch die Songauswahl entstand.
Der Aufenthalt im Soundlodge Studio war dann auch wieder unter den passenden Hygienebedingungen.

MAS: Du setzt Dich in den Linernotes kurz mit der Anfrage auseinander, die „wesentlichen“ Motörhead-Songs seien bereits abgearbeitet. Du siehst das anders. Wie groß schätzt Du denn das Potenzial noch zu bearbeitender Motörhead-Songs ein?

Markus Wecker: Bei 22 Studio Alben kommt schon einiges zusammen. Umso mehr ich mich mit Lemmys Texten beschäftige, desto näher kommen mir auch die Motörhead Stücke aus der Mikkey Dee Ära. Zu Beginn waren es ausschließlich die Gassenhauer, die allgemein als MHead Standards verstanden werden. Nun haben wir uns auf 2021 erstmals auch mit Scheiben jenseits von 1916 beschäftigt und auch da gibt es noch wesentlich mehr zu entdecken, denke ich. Es gibt ja nicht nur die Motörhead Fans, die ausschließlich auf die Drei Amigos stehen, sondern auch diese, die erst in den 2000ern zum wahren Glauben gefunden haben!

Diskografie

… für Lemmy (EP); Januar 2018

Pik Ass (Split 7“ mit den Smoking Hut on Stones); Mai 2018

Taub für Immer (CD); Mai 2019

… für Lemmy (Vinyl-Ausgabe); Mai 2020

2021 (CD); Oktober 2021
MAS: Damit verbunden die Frage, welche Perspektive für Weckörhead Du siehst. Wie lange könnt Ihr noch auf der bislang eingeschlagenen Route weiter gehen?

Markus Wecker: Wenn du die aktuelle Tribute-Welle anschaust, dann könnten wir auch einfach die Hände in den Schoß legen, unser Repertoire von inzwischen gut 50 Liedern halten und damit herumtingeln. Was würde uns das an Zeit, Geld, GEMA Gebühren etc. ersparen...? Kaum auszudenken!
Derzeit sehe ich in unseren Interpretationen und Aufnahmen eine Art Evolution und solange wir nicht stagnieren, kann ich mir vorstellen, den Backkatalog nach und nach weiter durchzuforsten… An manche Lieder wagen wir uns erst, wenn wir von Motörhead Fans darauf angesprochen werden. Auf „1916“ z.B. hat uns Hans Hämmer, Sänger der formidablen Dicks’n’Dynamite, gebracht! Und er hat mir auch gleich seine Version der Übersetzung des Textes in die Hand gedrückt.
von links nach rechts: Rico (Git), Wecker (Voc, B), Marco (Dr), Mitch (Git)

Eine Altersfrage ist das außerdem. Ein Großteil der Kapelle ist gut über 50 und da darf auch mal die Frage gestellt werden, wie lange wir noch pro Abend jeweils 8 Marshall Boxen, 4 Bass Boxen, die dicke Schießbude und ein fettes Backlight auf die Bühnen wuchten wollen und können.
Über ein Aufhören oder einen Stillstand kann ich allerdings gerade überhaupt nicht nachdenken. Dafür ist die Platte zu frisch und zu gut und dafür machen die Auftritte gerade viel zu viel Spaß!

MAS: Habt Ihr eventuell einige besonders relevante Stücke noch zurückgehalten, um nicht irgendwann doch nur noch Sachen aus der zweiten oder dritten Reihe zur Verfügung zu haben?

Markus Wecker: Mir fallen direkt einige Lieder ein, bei denen mir die Reihe, in der sie stehen wurscht ist, weil ich sie liebe: „Mean Machine“, „Rock out“, „The One who sings the Blues“, „Hammered“, „Burner“ und noch mehr…
Bei „Den Deibel kenn ich“ habe ich erst beim Bearbeiten des Textes gemerkt, wie viel Emotionen und Wut in dem Original steckt.
Es liegen auch noch ein paar auf Halde, die schon so gut wie fertig sind und wenn Doro mal Zeit und Bock hat, können wir gerne mal gemeinsam „Lieb mich für immer“ einträllern.



MAS: Gibt es Überlegungen über Motörhead hinauszudenken, sei es mit Klassikern anderer Bands (auch wenn Lemmy sie nie gecovert hat), sei es gar mit eigenen Songs?

Markus Wecker: Ja – tatsächlich gibt es beide Ideen bereits und auch für beide schon ein paar Ansätze.
Ich habe z.B. „Krieg in meinem Kopf“ von den Suizidalen Tendenzen fertig am Start. Doch gibt es dagegen aktuell Widerstände in den eigenen Reihen. So etwas wäre laut Röck’n’Röll Grundgesetz nicht gestattet oder ähnliches… Darüber reden wir noch!
Ich persönlich kann da gerne und frei dran lang denken. Wenn ein Lied in unseren klanglichen Kontext passt und der Text n Knaller ist, kann’s von mir aus losgehen.
Auch haben wir begonnen an eigenen Stücken zu werkeln. Mal sehen, was dabei herum kommt…

MAS: Mir kommt `2021´ im Vergleich zu `Taub für immer´ vielfältiger vor. Hat Euch die „Vorarbeit“ auf den ersten drei Veröffentlichungen, mit denen die absolut zwingenden Motörhead-Songs bearbeitet wurden, die Möglichkeit eröffnet jetzt auch etwas „exotischeres“ Material zu berücksichtigen?

Markus Wecker: Es sind zu Beginn, wie schon gesagt, die naheliegenden Lieder in unserem Live-Programm und auf unseren Platten aufgetaucht. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, der auf 2021 vorhandenen Diversität würde ein Plan zu Grunde liegen. Doch das Ergebnis spricht für sich, meine ich. Gerade die zwei „Balladen“ mit auf die Scheibe zu nehmen und „Altenessen“ in so eine Ruhrgebietshommage in Maxi Single Version ausarten zu lassen, hatte schon etwas Experimentelles. Bereits auf der Vinyl Version von Für Lemmy stand mit „Nur weil ihr die Macht habt, habt ihr noch lange nicht das Recht“ ein eher untypischer Motörhead Song.
Es ist nun mal bei Weckörhead so: Dinge passieren! Und wir lassen sie geschehen! Und das aus vollem Hals!

MAS: Weckörhead sind Wecker, Rico, Mitch und Marko. So steht es im Booklet. Es hat also einen Besetzungswechsel gegeben, auch wenn Marko auf dem Album noch nicht zu hören ist. Aus gesundheitlichen Gründen musstet Ihr noch einmal auf den bisherigen Drummer Jörg Uken zurückgreifen. Also offensichtlich keine Trennung im Streit. Kannst Du uns dazu was erzählen?

Markus Wecker: Jörg ist für mich in erster Linie ein Freund! Er nimmt auf, mixt und produziert Weckörhead von der ersten Note an, die wir in seinem Soundlodge Studio mit ihm zusammen eingespielt haben. Er hatte Ideen („Altenessen“) und auch ein ganzes Video-Konzept („Am Tod krepiert“) mit eingebracht. Dafür bin ich ihm ewig dankbar. Ohne ihn, wären wir nicht dort, wo wir jetzt sind!
Wenn er mich heute Abend anrufen würde, dass er für eine Produktion morgen einen Bassisten brauchen würde, säße ich morgen früh um 6 Uhr im Auto und würde ab ca. 8:30 Uhr bei ihm aufnehmen. Ähnlich bin ich auch dazu gekommen, Backround Vocals für die letzte und die kommende Anvil Scheibe einzutüten…
Wir haben dasselbe Baujahr und eine massive Übereinstimmung in der musikalischen Sozialisation. Und das nicht nur in Bezug auf Motörhead und Iron Maiden. Unsere Abneigungen gegen manche der aktuell etablierten Bands ist geradezu erschreckend identisch, ohne dass wir uns darüber je ausgetauscht hätten. Seltsam…
Nun – Jörg betreibt bekanntermaßen das Soundlodge Studio und lebt und ernährt seien Familie davon, dass er andere Bands aufnimmt und produziert. Da wir mit Weckörhead hauptsächlich an Wochenenden auftreten und dieses seine Hauptarbeitszeit ist, musste er für sich und seine Familie Prioritäten setzen. Das hat er getan.
Und als dann Marco 4 Tage vor dem Studiotermin für 2021 ausfiel, hat Jörg nicht lange gezögert und stantepede 17 Teile von den 22 mit uns zusammen eingeholzt. Bester Mann!
Die Alternative wäre gewesen, den gebuchten Urlaub umzulegen und die Platte im späten Herbst aufzunehmen. Dann wäre sie (zumindest die CD Version) jetzt noch nicht fertig. Nööö – keine gute Idee!
Weckörhead sehen sich primär als Live-Band.


MAS: Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft – soweit man die in diesen Zeiten planen kann. Eure Musik entsteht im Wesentlichen live im Studio. Das hört man und das spürt man – und das macht Lust Euch einmal auf der Bühne zu erleben. Ist da was geplant – eventuell auch überregional? Bislang wart Ihr – soweit ich weiß – im Wesentlichen im weiteren Umfeld von Georgsmarienhütte unterwegs

Markus Wecker: Auch wenn unsere Scheiben bisher, wie Mitch sagen würde, so scheiße nich sind, so sind wir doch hauptsächlich eine Live-Kapelle! Genau das versuchen wir bei den Aufnahmen festzuhalten.
Da wir uns etwas zu wenig ums Booking kümmern, kann der Eindruck entstehen, dass wir fast ausschließlich in unserem direkten Umfeld spielen. Das ist nicht der Fall. Emden, Ostfriesland im Allgemeinden, Luzern, Offenbach, demnächst Lünen, Schiltach im Schwarzwald und erneut Münster stehen im Kalender. Berlin war schon einmal angedacht, klappte dann aber aufgrund von Corona leider nicht…
Wenn ihr Bock auf ne gute Röck’n’Röll live Motörhead Huldigung habt, meldet euch einfach bei mir. Wir bekommen das schon hin!

MAS: Ich danke Dir für die Zeit, die Du Dir genommen hast.

Norbert von Fransecky


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