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Der Abend der orchesteruntypischen Blechblasinstrumente: Die Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz kombiniert Kabalewski mit Bruckner

Info

Künstler: Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz

Zeit: 07.10.2021

Ort: Chemnitz, Stadthalle, Großer Saal

Fotograf: Daniel Garcia Bruno

Internet:
http://www.theater-chemnitz.de

Auch die Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz startet wieder mit großen Hoffnungen in eine neue Saison – in der vorherigen hatte nach einem vorgeschalteten Beethoven-Klavierkonzert-Zyklus nur das Auftaktkonzert u.a. mit Schostakowitschs Vierter regulär stattfinden können (siehe Rezension des letzteren auf diesen Seiten). Aus jener Zeit ist die umgebaute Bühne erhalten geblieben, also mit Verlängerung nach vorn auf die ehemaligen ersten elf Publikumsreihen, wo nur am bühnenabgewandten Rand wieder einige Stühle stehen, um die angesichts der Sitzabstandsregel verringerte Kapazität im Saal wenigstens noch um eine Handvoll Plätze erhöhen zu können. Das ist auch nutzbringend: Am Vorabend ist das Konzert ausverkauft, und auch am vom Rezensenten besuchten Abend bleibt nur eine kleine Anzahl von Plätzen im weiten Rund leer.

Zu Gast ist diesmal der Cellist Adolfo Gutiérrez Arenas, zum ersten Mal mit der Robert-Schumann-Philharmonie musizierend. Daraus ergeben sich aber noch zwei weitere Premieren: Der Cellist spielt erstmals in seinem Leben Dmitri Kabalewskis 2. Cellokonzert op. 77, und dieses 1964 geschriebene Werk wiederum ist noch nie in Chemnitz (und auch nicht in Karl-Marx-Stadt) erklungen. Nach außen hin hält es die althergebrachte dreisätzige Form des Solokonzerts ein, aber schon beim Tempomanagement ergibt sich die erste markante Abweichung, indem die übliche Schnell-Langsam-Schnell-Folge durchbrochen wird, und außerdem gibt es keine Pausen zwischen den Sätzen. Eine langsame Einleitung des ersten Satzes hingegen ist noch nichts per se Außergewöhnliches. Hier hören wir ultradüstere Tiefstreicher, über denen sich der Solist zunächst pizzicato Gehör verschafft und rasch eine große Eindringlichkeit entsteht, auch nach den ersten Flöteneinsätzen. Die Weiterentwicklung erfolgt elegisch, aber etwas weniger düster, und die Streicher-Pizzikati liefern schon einen Vorgeschmack, was nach dem Übergang aus dem Molto sostenuto ins Allegro molto e energico zu erwarten sein könnte. Dirigent Guillermo García Calvo legt es dann auch recht flott an, gibt inmitten der hin und her fliegenden Themenverarbeitungen aber auch den Ruhepolen Zeit zum Atmen, etwa der wunderbaren Harfenhinleitung hin zu einem sehnsuchtsvollen Seitengedanken, trotz der durchaus herben Tonsprache. Gutiérrez Arenas überzeugt mit einer behutsamen Formung der Kadenz, die wiederum wirkungsvoll mit einigen groben Schlägen kontrastiert, und der Spannungsfaktor liegt schon mal recht hoch.
Im Presto marcato bringt Kabalewski mit einem Altsaxophon ein im Orchesterschaffen eher seltenes Blasinstrument zum Einsatz, das gleich im enorm flotten Beginn Akzente setzt, aber bald einer einfallsreichen Weiterentwicklung Richtung Solocello Platz macht. In der Folge entspinnt sich so mancher Gedanke, bei dem man das Gefühl nicht loswird, dass Schostakowitsch den auch so umgesetzt hätte, allerdings mit deutlich gesteigertem existentialistischem Kampf, von dem sich Kabalewski trotz mancherlei Grollens und Pochens (und eigentümlichen, perkussiv anmutenden Spielgeräuschen des Solocellos) eher fernhält. Und ein Epigone ist er natürlich auch nicht, sondern bringt genug Eigenständigkeit ins Geschehen. Anflüge von Tanzweisen münden in von den Musikern gekonnt umgesetzte Leichtigkeit, flirrendes Miteinander bindet auch das Altsaxophon wieder ein, und Gutiérrez Arenas setzt den Tonfallübergang in der Kadenz meisterlich um, bevor er mit der Pauke duettiert und ein paar Ideen zu Gehör bringt, die Apocalyptica reichlich 30 Jahre nach der Komposition des Konzertes auch hätten generieren können. Die sehnsuchtsvolle Stimmung, die sich dann entwickelt ...
... geht ins Andante con moto über, das den dritten Satz eröffnet, bald aber mit mehr Dynamik angereichert wird, auch wenn zu den Haupttrümpfen hier die markant vom Englischhorn beförderte elegische Stimmung zählt. Gelang es dem Dirigenten bisher, die Klangbalance zwischen dem Orchester und dem Solisten gekonnt zu wahren, so stößt er im Allegro agitato bisweilen an Grenzen, obwohl die Tutti auch dort weit entfernt vom großen dräuenden Unheil angesiedelt sind. Sie fungieren auch eher als Wegbereiter für abermals stimmungsseitig intensives Tiefstreichergegroll, das zugleich darüber hinwegsehen läßt, dass man dem Orchester hier gelegentlich die lange Spielpause anhört, was z.B. die Automatismen bei Ritardandi angeht. Ein Molto-tranquillo-Teil führt die Stimmung am Satzende wieder in Richtung des Konzertbeginns zurück, diesmal aber kaum noch irgendwie drohend, sondern eher langsam sterbend, was Gutiérrez Arenas abermals meisterlich umsetzt, so dass auch die wichtige Schlußspannung weitgehend steht – mit einer Ausnahme: Der Rezensent sitzt diesmal im Parkett ungewöhnlich weit hinten, und die Dämmung des Saals in Richtung des Foyers läßt seltsamerweise viel Wortwechsel aus dem Foyer in den Saal durchdringen. Viel Applaus gibt es natürlich trotzdem, und der Solist bedankt sich mit einem Satz aus Benjamin Brittens 1971 für Mstislaw Rostropowitsch entstandener 3. Cellosuite, einem sehr stimmungsvollen Stück mit geschickt eingesetzter latenter Mehrstimmigkeit, behutsamen Schichtungen und einem sehr spannenden Schluß, wenngleich nicht alle im Saal das so sehen und irgendwo hinter dem Rezensenten jemand herzhaft gähnt.


Nach der Pause steht Anton Bruckners 7. Sinfonie E-Dur auf dem Programm, ein kolossales Werk, dessen Leipziger Uraufführung anno 1884 den Durchbruch für den lange unterschätzten Komponisten bedeutete. Im Vergleich zur Achten und Neunten ist es freilich immer noch „harmlos“, aber das konnte damals noch niemand wissen, und man braucht natürlich auch hier fähige Musiker und einen findigen Dirigenten, der es schafft, einen gangbaren Pfad durchs schier endlose Ideengestrüpp vor allem des eröffnenden Allegro moderato zu legen. Guillermo García Calvo zählt Bruckner allerdings zu seinen Lieblingskomponisten, ist mit dem Schaffen des Österreichers intensiv vertraut und meistert die Aufgabe daher erwartungsgemäß problemlos. Nur in einer Hinsicht weiß die Wiedergabe an diesem Abend nicht zu überzeugen: Die Einbindung der Trompeten ins Gesamtklangbild gelingt über sehr lange Zeit nicht, das hohe Blech mutet über weite Strecken des ersten Satzes wie ein Fremdkörper im sonst recht organisch entwickelten Ganzen an. Calvo beginnt mit den Schichtungen sehr weit unten und schafft daher viel nutzbaren Raum für Steigerungen, zieht den Klang nötigenfalls in die Breite, ohne zu sehr ins Schleppen zu geraten, und darf sich über teils zauberhafte choralartige Hörner freuen. Der Pfad durchs erwähnte Gestrüpp ist steinig, aber gangbar, und vor dem Schlußchoral bemerkt man mit einer gewissen Überraschung eine Passage, die so anmutet, als sei Olivier Messiaens „Erscheinung der ewigen Kirche“ in Bruckners Tonsprache vorweggenommen und auf weniger als eine Minute komprimiert worden. Der Schluß besitzt große, aber nicht übergroße Monumentalität, so dass der Überwältigungsfaktor durchaus noch Steigerungsmöglichkeiten offenläßt.
Das Adagio nimmt der Dirigent allerdings durchaus nicht „sehr langsam“, wie Bruckner das wollte, sondern sieht es im Gesamtschaffen als Vorstufe zu den kapitalen Adagiosätzen der Achten und Neunten – und ein paar der Gänsehautharmonien von hier finden sich ja tatsächlich auch im Adagio der Neunten in noch weiter gereifter Form wieder. Trotzdem muß natürlich auch dieser Satz autark bzw. im Kontext der Siebenten funktionieren, und das tut er an diesem Abend auch, zumal Calvo nicht zu sehr in den Trauermodus schaltet (was angesichts des Kompositionshintergrundes von Wagners Tod durchaus möglich gewesen wäre), einen guten Dynamikpfad findet, die muntereren Momente nicht zu sehr eindampft und das Hauptthema bei jeder Wiederkehr einen Tick eindringlicher vorbringen läßt. Nur die Klangeinbindung der Trompeten gelingt auch in diesem Satz noch nicht so richtig. Dafür entschädigt die brillante Dynamikschichtung über mehrere Minuten hin zum scheinbaren Satzfinale. Hier treten dann auch die nächsten ungewöhnlichen Blechblasinstrumente in Erscheinung, und die Wagnertuben können ihr Scherflein zum Gesamtbild gekonnt beitragen. Zwar fragt man sich irgendwie, was in der Coda nach dem Vorangegangenen eigentlich noch kommen soll, aber Bruckners Choralidee in Calvos Umsetzung bindet den Sack erfolgreich zu, und die Spannung steht auch wieder.
Im Scherzo nimmt der Dirigent Bruckners Anweisung „Sehr schnell“ auch nicht ganz wörtlich – eine Art flotter Groove ist das eher, aber es hilft trotzdem, den gewünschten scharfen Effekt zu erzielen, wenngleich das Orchester hier eher in finsteren Energiequellen wühlt, als leichtfüßig umherzuspringen. Die Termini „federnd-leicht“, die das Programmheft gebraucht, lassen sich an diesem Abend in diesem Satz jedenfalls nirgendwo ausmachen, ohne dass das freilich stören würde – im Gegenteil! Auch das Trio erklingt alles andere als gemütlich, wobei dem Holz hier und da etwas mehr akustischer Raum zu wünschen gewesen wäre – aber vielleicht hätte das den von Calvo gewünschten Eindruck zu stark verwässert. Die Reprise des A-Teils nimmt der Dirigent jedenfalls geringfügig weniger scharf, aber ins Finale streut er noch eine Extraportion Pfeffer. Wie sehr allerdings schon Detailänderungen zu markanten Änderungen im Gesamtbild führen können, zeigt die Passage, in der die Pauke in die Generalpause hineinspielen muß, um den Drive aufrechtzuerhalten. Im A-Teil arbeitet sie dort zu unauffällig, in der Reprise tritt sie stärker in den Vordergrund und erfüllt die Aufgabe daher besser, was aber irgendwie auch ins weniger geschärfte Gesamtbild der Reprise passen würde, falls der Pauker beide Male mit der gleichen Intensität gespielt haben sollte.
Das Finale will der Komponist „Bewegt, doch nicht schnell“ haben. Geschrieben, getan: Es entspinnt sich an diesem Abend ein munteres Hin und Her mit sehr böhmisch wirkenden Klarinettentönen, aber das Tempo hält Calvo in der Tat eher gebremst. Wie er das Unisono-Thema aus dem Nichts schichten läßt, das verrät den Könner ebenso wie das Aufstellen der feisten Bläsertürme, ohne dass diese wie Fremdkörper wirken. Erst allmählich wird die Pauke doch ein wenig treibender, wenn es darauf ankommt – aber die Feierlichkeit der Wagnertubenchoräle stört an diesem Abend nichts, dafür sorgt der Dirigent mit feinem Händchen, zumal er in diesem Satz auch endlich das organische Einbinden der Trompeten ins Klangbild schafft. Nur an zwei weiteren Aufgaben scheitert er. Zum einen fällt auch hier auf, dass die traumwandlerische Sicherheit bei der Gestaltung der Ritardandi nach der langen Spielpause noch nicht ganz wieder hergestellt ist. Zum anderen aber erklimmt das Orchester den Dynamikgipfel schon im vorletzten Tutti und hat im letzten daher noch Klangbreite, aber keine Klangwucht mehr zuzusetzen. Angesichts der trotzdem imponierenden Wirkung (dass die Bauform der Stadthalle den Klang sowieso stark in die Breite zieht und daher die Überwältigungswirkung schwierig macht, ist bekannt) gehen diese Kleinigkeiten aber als Jammern auf enorm hohem Niveau durch. Das sieht auch das Publikum so, das reichlich verdienten Applaus spendet und kollektiv hofft, dass die Saison so weitergeht.

Roland Ludwig


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