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Artikel

Der Kaiser fünf Jahre ohne Beischlaf: Pascal „Raskal“ Clair arbeitet 40 Jahre französische Metalgeschichte lexikalisch auf

Info

Autor: Pascal „Raskal“ Clair

Titel: Made In France – 40 Years Of Metal 1976–2016

Verlag: Eigenproduktion

Preis: € 30

220 Seiten

Internet:
http://www.metal-integral.org

Aus Frankreich schwappten lange Zeit eher wenige Metalbands über die deutsche Grenze – das hat sich erst im extremeren Bereich geändert, als seit den Neunzigern Formationen wie Loudblast, Misanthrope, Blut Aus Nord, Alcest oder Gojira auch in Deutschland weitreichend Gehör fanden. Aber zuvor war der frühere Erbfeind in der deutschen Metalszene kaum präsent, selbst Formationen wie Sortilège oder ADX schafften es zu Zeiten, als sie bei einem deutschen Label unter Vertrag standen, nicht zu Konzerten auf deutschem Boden, und sogar Trust, Frankreichs größte Hardrockband, kannte man hierzulande eher durch die „Antisocial“-Coverversion von Anthrax, wohingegen sich nur Ältere an einen „Rockpalast“-Auftritt der Truppe erinnert haben dürften, womit freilich die beiden öffentlichkeitswirksamsten Faktoren auf deutschem Boden während der ganzen Bandkarriere auch schon aufgezählt sind. Mit ihrem Bandlexikon „Heavy Metal aus Westeuropa“ betrieben Stefan Riermaier und seine Co-Autoren anno 1997 eine gewisse Pionierarbeit, und in Frankreich selbst gab es einen Fanatiker namens Pascal Clair, seit den frühen Achtzigern in der Metalszene aktiv und dort unter dem Spitznamen Raskal bekannt, der sich kurze Zeit danach hinsetzte, um die französische Metalszene zu dokumentieren und darzustellen. Das Ergebnis war ein eigenpubliziertes Buch namens „Made In France“, erstmals 2001 erschienen, 2003 und 2008 maßgeblich erweitert und mit letztgenannter Edition erstmals nicht nur im heimatlichen Französisch erhältlich, sondern auch in Englisch, was der internationalen Wahrnehmung natürlich sehr entgegenkam, wenngleich man bemerkte, dass Raskal kein englischer Muttersprachler ist und offenbar auch keinen solchen zum Korrekturlesen bei der Hand hatte. Die englische Version war weiland über Riermaiers Karthago-Records-Online-Shop auch hierzulande erhältlich und fand über diesen Weg auch in den hiesigen Bücherschrank. Der Plan, sie fürs CrossOver zu rezensieren, kam aus unterschiedlichsten Gründen aber nie zur Ausführung, und so diente das Exemplar gelegentlich als Nachschlagewerk und 2016 sogar leihweise als Vorlage für einen Reprint – das Buch war so gründlich ausverkauft, dass Raskal nicht mal mehr ein eigenes hatte und auch keine Druckvorlagen mehr. Naturgemäß aber war auch der Reprint auf dem Faktenstand von 2008 – auf Dauer ein unbefriedigender Zustand, und so machte sich Raskal abermals an die Arbeit, diesmal aber mit einer grundlegenden Neukonzeption und der Spaltung in zwei Bände. Original sind beide in Französisch erschienen, aber es gibt von beiden auch eine englische Fassung, und auf diese beziehen sich die folgenden Worte. Der eine Band trägt den Untertitel „Best Of“ und beinhaltet geschichtliche Artikel, Interviews, Fotos und weiteres Material über die französische Metalszene (Review folgt), der andere, hier vorgestellte kommt als reines Bandlexikon daher und verzichtet bis auf diverse Bandlogos völlig auf Abbildungen – nicht mal für das legendäre Cover von Titans Popeye Le Road wurde eine Ausnahme gemacht.

So umfaßt das Lexikon letztlich 220 A4-Seiten. Grundsätzlich zu beachten ist, dass Raskal als Liebhaber von Melodien kein allumfassendes metallisches Nachschlagewerk geschaffen hat, sondern sich auf die traditionelleren und/oder melodischeren Spielarten des Metal beschränkt. Das geht also im Grenzbereich von Rock und Hardrock los und zieht sich bis zum Grenzbereich aus Thrash und Death Metal, wobei in letzterem Areal nur Bands aufscheinen, die ihre Karriere spätestens 1993 begonnen haben, während die anderen Stile den gesamten Berichtszeitraum umspannen, soweit sie jeweils existieren. Im Doom-Sektor gibt es noch eine Abgrenzung: Klassischer Doom wird ebenso behandelt wie die Stoner-Sparte, nicht jedoch Death Doom oder gar Funeral Doom – zu letzterem gibt es ein hübsches Bonmot in der einleitenden „Gebrauchsanweisung“ für das Buch: „Funerary Doom is usually ‚aggressive, negative and unhealthy‘, so no listed.“ Grunge oder andere neumodische Stile sucht man naturgemäß gleichfalls vergeblich, und auch die moderne Thrash-Sparte, also die Biopantura-Fraktion, wird eher kurz gehalten, allerdings kurioserweise mit dem Terminus Power Metal belegt, während das, was der Rest der Welt unter Power Metal versteht, im Buch unter Melodic Heavy Metal firmiert. Zum Glück wird auch dieser Umstand in der „Gebrauchsanweisung“ erläutert, so dass, wenn man einmal drauf aufmerksam geworden ist, keine Mißverständnisse aufkommen sollten.
Nun besteht der Hauptteil allerdings nicht einfach aus einer A-bis-Z-Folge von Bands, sondern wurde nochmal in sechs Großkapitel untergliedert: „Hard Rock / Heavy Metal“, „Symphonic Metal / Progressive Metal“, „Stoner“, „Folk“, „Thrash / Death Thrash“ und schließlich „Doom“. Das hat den Nachteil, dass man, weiß man nur einen Bandnamen, aber nicht zumindest die grobe Stilrichtung, an bis zu sechs Stellen nachschlagen muß, um die Band aufzufinden – oder an sieben, denn nach dem Doom-Kapitel folgt noch eine Listung von obskuren Bands, bei denen selbst ein langjähriger Szenekenner wie Raskal samt seinem Informationsnetzwerk nichts Genaueres herausbekommen konnte oder aber die keinerlei Tonkonserven hinterlassen haben. Als Klammerbemerkung ist in dieser Liste, soweit bekannt, zumindest die Herkunft, die Aktivitätszeit und ggf. weiteres Wissenswertes vermerkt. Die einzelnen Bandeinträge in den regulären Kapiteln nennen den grundsätzlichen Stil (und ggf. Änderungen desselben), die Herkunft der Band (an die Département-Nummer muß sich der deutsche Leser erst gewöhnen, um nicht „Paris 75“ als Gründungsjahr mißzuverstehen), die Diskographie und ggf. Samplerbeiträge – besonders letztgenanntes ein schwieriges Stück Arbeit, gerade in aktuellen Zeiten, wo reine Online-Compilations wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden schießen. Die Berichterstattung im Buch endet dabei mit dem Jahr 2016, da ansonsten ein permanentes Faß ohne Boden entstanden wäre, das ständige Aktualisierungen erfordert hätte. Die einzelnen Veröffentlichungen werden noch mit diversen Zusatzinformationen ergänzt. Tracklisten gibt es nur bei Singles, aber dafür werden alle möglichen verschiedenen Pressungen aufgeführt, auch reihenweise russische Bootlegs, sonstige internationale Pressungen von Rumänien bis Venezuela und sogar die Fehlpressung von Sortilèges Métamorphose-LP, bei der auf die B-Seite fünf Songs der britischen Rock-/Jazz-Band Blurt gepreßt wurden. Und trotz der gewissen Kompaktheit bekommt man noch jede Menge mehr oder weniger nützliches, aber kultiges Zusatzwissen vermittelt, beispielsweise die über die größte Rarität nicht nur im französischen, sondern wahrscheinlich auch im weltmaßstäblichen Metal: die 6-Track-Mini-LP Jean Marie le charcutier der Formation Barney aus dem Jahr 2015, von der es genau zwei Exemplare gibt, nämlich eines bei der Band und eines bei einem Die-Hard-Fan, der die Pressung vermutlich in Auftrag gegeben hat (der Tonträger war regulär nur auf CD erschienen). Dagegen existieren von Avatars City Beneath The Surface-Maxi in gelbem Vinyl geradezu Massen ...
Die gewisse Spartanität der Informationen macht es unvermeidlich, bei Interesse das WeltWeitNetz zu bemühen, um weitere Fakten über die gewünschte Kapelle zu erfahren oder zu ergründen, wie man an die aufgelisteten Tonträger denn herankommt – französischer Metal spielte sich im allgemeinen noch weit stärker im Underground ab als etwa deutscher, und somit findet man das Gros der gelisteten Bands nicht im nächsten Elektronikmarkt, schon gar nicht die exotischeren: Raskal beschränkt sich räumlich nicht auf Festlandsfrankreich, sondern bezieht auch Korsika und die Überseeterritorien mit ein. Überraschung dabei: In Kourou spielt man, hat man eine harte Band gegründet, vermutlich Spacerock, Mathcore oder Ähnliches, aber keinen der Stile, die sich hier im Buch finden. An der Temperatur kann’s nicht liegen, denn es finden sich durchaus Bands aus La Réunion oder sogar aus Neukaledonien, und dort ist’s auch nicht wesentlich kühler als in Französisch-Guayana. Vielleicht muß man da als Gegenbewegung auch frostig-klirrenden Black Metal machen – dumm nur, dass bei den Temperaturen dann auch das Corpsepaint im Nu zerlaufen dürfte ...
Was richtig Spaß macht, ist, das Buch auf der Suche nach kultigen Bandnamen durchzuschmökern – wer sich ein wenig in der französischen Szene auskennt, dem dürfte die Combo bekannt sein, die sich den ungewöhnlichen Namen Der Kaiser gab. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs! Da gab es z.B. die Liebhaber des Heavy-Metal-Umlauts, die sich Höly Ghözt nannten – aber das konnten die Doomer Öxxö Xööx noch locker toppen, vermutlich jeden Uneingeweihten vor die verzweifelte Frage stellend, wie man das denn ausspricht. Dass es auch eine Doomband ist, die den wahrscheinlich längsten aller 4200 Bandnamen des Buches hat, verwundert nicht: The Dead Is Tired When The Morning Comes nannte sich diese Combo, die es übrigens auf eine Split-CD mit der auch hierzulande etwas bekannteren The Bottle Doom Lazy Band gebracht hat. Zum allgemeinen Amüsement kommt hier noch eine lose Aufzählung weiterer ungewöhnlicher Ideen bei der Bandnamensfindung: She Hunts Koalas, Hexenjäger (das wäre in Deutschland natürlich nicht ungewöhnlich, in Frankreich aber schon), Eisengott (dito), Stinking Cloud, Bakkara (ja, mit kk – und deutlich unbekannter als die völlig unmetallischen mit cc), 5 Sexless Years, Fantastic(s) 3 (nein, keine Fanta-4-Coverband), Happy As A Pig In Shit, Hamburger Alien, Tetris (eine Progmetalband aus Lyon) ... die Liste ließe sich fortsetzen . Und auch sonst stößt man auf mancherlei Kultiges. Da wäre etwa eine korsische Band, die sich Corsica Metalli taufte und ihr einziges Demo We Fuck France nannte (und eher seltsame Musik spielte). Beliebtester Bandname im hier abgedeckten Teil der Metalszene dürfte Darkness gewesen sein – rechnet man die Combo mit der Schreibweise Darknëss mit, gab es in Frankreich gleich sechs (!) Bands dieses Namens, und alle hatten offenbar die Existenz der durchaus auch über die deutschen Grenzen hinaus bekannten gleichnamigen Ruhrpott-Thrasher übersehen. Der längste Eintrag im Buch gehört erwartungsgemäß den Urvätern Trust, die es auf fast eine Doppelseite bringen und damit mehr Platz einnehmen als die ganze Folk-Metal-Rubrik – auf dem zweiten Platz stehen allerdings eher unerwarteterweise SUP bzw. Supuration (wenn man die beiden Bandeinträge zusammenfaßt, was angesichts der engen Verzahnung sinnvoll ist), wobei deren im Berichtszeitraum 16teilige Official-Bootleg-Serie allerdings schon alleine eine ganze Menge Platz braucht.
Für die Statistikfanatiker liefert Raskal am Ende des Buches noch ein paar Tabellen und Landkarten, wie sich die Bands aufs Land verteilen – wie nicht anders zu vermuten, gibt es eine gewisse Szenekonzentration in und um Paris, und auch die starken Szenen in Marseille und Lyon sind in gewisser Weise zu erwarten gewesen, die in Lille aber vielleicht eher nicht. Oder doch? Immerhin ist das ein altes Industriezentrum und damit für die Entwicklung metallischer Klänge ähnlich prädestiniert wie etwa das Ruhrgebiet oder der mittelenglische Raum, wo einstmals Black Sabbath den Heavy Metal erfanden.
So liegt hier also ein hochinteressantes Nachschlagewerk vor, das nutzbringend anzuwenden ist, wenn man einen Einblick in die metallische Welt unseres südwestlichen Nachbarn gewinnen will – man muß halt wissen, dass das Buch nur die Einstiegsdroge ist und man sich den konkreten Stoff dann auf anderen Wegen beschaffen muß. Und wer im Zeitalter der Online-Nachschlagewerke den Sinn eines solchen Buches bezweifelt, führe sich vor Augen, dass die Encyclopedia Metallum zum Rezensionszeitpunkt knapp 5700 französische Bands führt – da sind aber a) alle ab 2017 an die Öffentlichkeit getretenen eingerechnet und b) auch die Legionen von extremmetallischen Formationen, so dass das Buch für die mit ihm abgedeckten Teile der Metalwelt unseres Nachbarlandes eine größere Banddichte hat als die Datenbank. Sichtbarstes Zeichen: Von den sechs französischen Bands namens Darkness weist die Encyclopedia Metallum nur eine einzige aus, und zwar die mit der Schreibweise Darknëss. Also ist der Wert eines solchen Grundlagenwerkes unbestritten. Und jetzt versuche man bitte den Namen der Thrasher Hëmsythreïxck (die es nur auf ein Demo namens Le Christ Pantocrator gebracht haben) korrekt auszusprechen ...

Zum Rezensionszeitpunkt sind beide Made in France-Bände in Deutschland u.a. über den Shop von High Roller Records bestellbar. Sollten sie eines Tages vergriffen sein oder andere Fragen bestehen, wende man sich am besten direkt an den Autor.

Roland Ludwig


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