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Die Fleißarbeit von Hans-Jürgen Klitsch reißt die deutsche Beatmusik aus dem Dunkeln

Info

Autor: Hans-Jürgen Klitsch

Titel: Shakin‘ all over. Die Beatmusik in der Bundesrepublik Deutschland 1963 - 1967

Verlag: Fanpro

ISBN: 978-3-946502-11-1

Preis: € 49,80

488 Seiten

Internet:
http://www.shakin-all-over.de

Shakin‘ all over beeindruckt schon durch die äußeren Maße. Wie ein weißer Wal kommt es im Format eines im Hardcover gebundenen Telefonbuchs daher. (Ich erkläre das Wort jetzt mal nicht. Wer sich für die Musik dieser Jahre interessiert, weiß noch, was ein Telefonbuch ist.) Dabei ist es relativ leicht, weil nicht auf Hochglanzpapier gedruckt, was bei der Reproduktion der Schwarz-weiß Abbildungen zu leichten Qualitätsverlusten führt.

Aber die inneren Werte sind es, auf die es ankommt. Und hier ist Shakin‘ all over kaum zu toppen. Hans-Jürgen Klitsch erwähnt wahrscheinlich jede Person, die in den genannten Jahren zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen einer Gitarre außerhalb der eigenen vier Wände Beatmusik-artige Klänge entlockt hat. Das Zusammentragen dieser Unmasse an Informationen muss ihn ein Vielfaches der fünf Jahre gekostet haben, mit denen er sich inhaltlich beschäftigt. Im Vergleich dazu dürfte die Informationsbeschaffung für eine Doktorarbeit eine Pausenbeschäftigung sein.

Allerdings ist die Lesbarkeit des Buches ähnlich eingeschränkt, wie die vieler Doktorarbeiten. Ich wüsste gerne, ob es noch sehr viel mehr Menschen gibt, die den Wälzer, wie ich, von A bis Z durchgelesen haben.

Shakin‘ all over ist zweigeteilt. Der Hauptteil, Kapitel 30 Deutsche Bands unter der Lupe (Seite 132 bis 457), ist im Prinzip wie ein Lexikon aufgebaut und stellt die Bands vor, die in den Grenzen der BRD zwischen 1963 und 1967 Beatmusik gemacht haben. Dabei geht Klitsch in zwölf regionalen Unterkapiteln (30A bis 30L) vor. Beginnend in Berlin geht es im Uhrzeigersinn Richtung Süden über Hessen und Schwaben bis nach Bayern, um dann im Westen über Württemberg, das Rhein- und Münsterland und dann die Hansestädte Bremen und Hamburg zu gehen und in Hannover den Schlusspunkt zu setzen.

Die meisten Bandhistories spielen sich in der Zeit zwischen den letzten Jahren auf der Schule, über Studium und Ausbildung bis in die ersten Berufsjahre hinein ab – oft unterbrochen durch die Pflichtjahre in der Bundeswehr. Dann übernimmt der Ernst des Lebens das Ruder, sprich Karriere, Frau, Familie, Hausbau. Nur wenige der Bands, die Klitsch bespricht, hatten sich so fest etabliert, dass heute noch jemand die Namen kennt. Da wären die Rattles, die Lords. Und dann wird die Luft sehr schnell sehr dünn. Wer Bands, wie die German Bonds, auf dem Schirm hat, darf sich schon fast zu den Kennern zählen.

Irgendwann wird die Lektüre zäh. Denn letztlich wiederholen sich die Geschichten. Da tun sich ein paar (meist) Jungs zusammen, geben Konzerte, spielen Stücke der alten Legenden nach, schreiben vielleicht auch mal ein paar eigene Stücke, veröffentlichen dies oder das, lösen sich irgendwann wieder auf oder bleiben als Feierabend- oder Wochenendband auch länger zusammen. Im Prinzip ist dieser zweite Teil eben ein Lexikon und das benutzt man ja nicht zum Lesen, sondern zum Nachschlagen.

Im Prinzip genügt es auch den ersten Teil zu lesen – „Ein Blick in die Zeit- und Musikgeschichte“. Auf gut 120 Seiten stehen hier 28 Kapitel, die die diversesten Phänomene der Beat-Szene beleuchten. Da gibt es Kapitel über Mode, Plattenfirmen, die Band-Busse(!), Clubs, Instrumente, Frauen im Beat, den Star-Club (nicht nur) in Hamburg, den Beat-Club auf Radio Bremen und und und. Liest man diese Kapitel und vielleicht noch ein oder zwei Regionalkapitel des zweiten Teils, dann werden zwei Dinge sehr deutlich.

Die Funktion einer Beatband entspricht nicht dem, was man heute unter einer Band versteht, die ihre Musik bei Konzerten präsentiert. Die Beatband in den 60ern erfüllte eine Funktion zwischen dem Tanzorchester der Nachkriegsjahre und der Discothek der 70er Jahre. Die Besucher wollten in erster Linie nicht eine Band mit ihrer Musik hören. Das war eher eine mehr oder weniger willkommene Zugabe, die sich vor allem bereits erfolgreiche Beatbands leisten konnten. Die Besucher wollten zu den Songs tanzen, die sie kannten. Hauptaufgabe der Beatbands war es also, die bekannten Hits der Beatles, der Stones, der Shadows, der alten Rock’n’Roller, nach Mitte der 60er auch der Soul-Bands auf die Bühne zu bringen. Und das geschah oft mit mehreren Sets im Laufe des Abends und der Nacht. Tourneen waren für vieles Bands eher zweite Wahl. Einträglicher waren Monatsengagements in einem Club. Einige Jahre später erledigten Disc Jockeys diese Aufgabe wesentlich effektiver – und billiger.

Auch die Veröffentlichungspolitik war eine andere als heute. In den Discographien, die in Shakin‘ all over abgedruckt sind, dominieren Singles und Sampler-Beiträge. Das sind zwar auch heute noch gelegentlich der erste Einstieg für viele Bands, aber die Norm der Veröffentlichung ist eigentlich das Album, aus dem dann möglicherweise Singles ausgekoppelt werden. Dabei darf man nicht vergessen, dass das Album als Standard-Veröffentlichung in den 60ern noch nicht die Norm war. Auch bei den Beatles waren Alben noch Alben, d.h. Sammlungen von bereits Vorhandenem, so wie ein Fotoalbum eine Sammlung von Fotos ist, die man in der vergangenen Zeit geschossen hat.

Völlig neu war mir das, was Klitsch im Kapitel 6 „Von Langfingern und Erdnußchinesen – die Indonesier“ berichtet. Wenn das, was er hier darstellt, den Tatsachen entspricht, dann war die (Tanz)Musik-Szene Anfang der 60er von Indonesiern(!) beherrscht, die erst langsam von „Eingeborenen“ verdrängt wurden.

Ebenso überraschend die These, die Klitsch am Anfang seines Wälzers vertritt. Während Deutschland in der Regel als verspäteter Trittbrettfahrer auf der Bühne von Beat, Rock und Co erscheint, schlägt für Klitsch die Geburtsstunde des Beat in Hamburg. Die harte Schule, durch die u.a. die Beatles dort gegangen sind, hätten erst die Grundlage für den Liverpool- und Mersey-Beat geschaffen.

Bereits im Vorwort (S. 8) heißt es: „Deutschland hat die Beatmusik nachhaltig geprägt, in diesem unseren Land entwickelte sich, was später als Liverpool Sound oder Merseybeat weltweit für Kopfschütteln und Begeisterungsstürme (je nach Standpunkt) sorgen sollte.“ „Deutschland war innovativ. Das Fanzine, die Beatoper, die Lightshow – in den Jahren 65 bis 67 wurden sie hier angeboten.“ Naja, vielleicht auch nur eine strange Art von kulturellem Patriotismus.

Klitsch beschränkt sich auch in dieser Hinsicht nicht darauf, darzustellen. Er scheut auch vor Werturteilen nicht zurück. Dass man seinem Urteilsvermögen gelegentlich misstrauen sollte, zeigt die „Karte der deutschen Beatprovinzen“ (S. 132), mit der das Kapitel 30 eröffnet wird. Hier ist jeder Provinz eine landestypische Biersorte zugeordnet. (Und wer in Hannover etwas auf sie hielt (hält), trinkt natürlich Herrenhäuser und nicht die Plörre aus der Gilde-Brauerei.)

Besprochen wurde hier die 2020 veröffentlichte 3. Auflage von Shakin‘ all over, die im Wesentlichen unverändert die Erstauflage von 2000 wiederholt.

Norbert von Fransecky


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