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Artikel

Riesenpanther in der Natur: Meniak open air beim Jazzklub Altenburg

Info

Künstler: Meniak

Zeit: 18.09.2020

Ort: Altenburg, Wiese neben Weindepot Priem

Fotograf: Rico Hinkel

Internet:
http://www.meniak.de

Am 18. September 1970 endete das irdische Leben von Jimi Hendrix, aber der Sänger und Gitarrist hatte sich zuvor bereits unsterblich gemacht, und so erwähnt auch Jazzklub-Chef Jörg Neumerkel die 50. Wiederkehr seines Todestages in seiner Anmoderation des Meniak-Konzertes, das wie schon dasjenige von Circus Electric vier Wochen zuvor open air auf der von Wolfgang Kern extra nochmal frisch gemähten Wiese neben dem Weindepot Priem stattfindet. Hatten Circus Electric allerdings den wahrscheinlich wärmsten Tag des Jahres 2020 erwischt, so werden Meniak mit einer etwas anderen Situation konfrontiert: Am Tag zuvor ist eine Kaltfront durchgezogen und hinter jener ziemlich trockene und kühle Luft nachgeströmt – tagsüber bei Sonnenschein ist es schon wieder angenehm warm, aber sobald die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist, wird es relativ schnell ziemlich frisch, wenngleich nicht so barbarisch kalt wie die Nacht zuvor. Trotzdem bleibt ein Anreiz, den musikalischen Anpfiff nicht gar zu lange hinter die verbrieften 20 Uhr zu schieben, und nur wenige Minuten nachdem der Rezensent angekommen ist, was so gegen 20.10 Uhr der Fall ist, legen Meniak auch schon los.

Zu Beginn haben sich allerdings noch gar nicht alle Musiker auf der Bühne versammelt – dort spielt erstmal nur ein Quintett, wohingegen die beiden Saxer während des eröffnenden Instrumentals vor der Bühne kreuz und quer durchs anordnungsgemäß in Klein- bis Kleinstgruppen dastehende Publikum streifen und erst zum Ende dieses Stückes die Bühne erklimmen. Eine nahtlose Überblendung in den regulären Opener „Es bleibt alles, wie es ist“ gelingt leider nicht, aber die kurze Pause läßt die soeben mühevoll aufgebaute Atmosphäre zumindest nicht gleich wieder völlig zusammenfallen, und der besagte Opener macht mit seiner zügigen Attitüde auch schnell klar, woher hier der Wind weht, wenngleich das in seiner Gesamtheit gar nicht so einfach zu beschreiben ist. Auszug aus der Ankündigung gefällig? Bitteschön: „Ihre Musik ist eine vielgestaltige Fusion aus Latin, Ska, Rock, Balkan, Funky Sounds, Drum’n’Bass und Reggae.“ Drum’n’Bass gibt es zumindest an diesem Abend nicht zu hören, aber der Rest findet sich tatsächlich wieder, teils nur in Spurenelementen, teils das Geschehen prägend, wobei in der Gesamtabrechnung Ska und Reggae über die Balkanelemente dominieren. Aus dieser Beschreibung kann man bereits schließen, dass die Musik Meniaks ziemlich bewegungsfördernd sein dürfte, und das trifft dann auch ein, wenngleich der Drummer gar nicht mal so oft in höheren Schlagzahlen zum Ziel kommt, sondern häufiger einen gepflegten Midtempo-Groove an den Tag legt, wofür der zweite Song „Panther in XL“ gleich als Prototyp dient, der dann später noch mannigfach variiert wird. Neben besagtem Drummer haben die Chemnitzer noch einen gesonderten Percussionisten in der Band, der allerdings an diesem Abend ein wenig zu sehr im klanglichen Abseits steht und somit seine Wirkungen nur entfalten kann, wenn sich die anderen Instrumentalisten etwas zurückhalten, was freilich gar nicht so selten geschieht, nicht zuletzt weil die beiden Saxer nebenbei auch noch Gesangsaufgaben übernehmen und in diesen Momenten natürlich ihre Instrumente schweigen müssen. Der hauptamtliche Sänger wiederum agiert in den meisten Songs noch als Zweitgitarrist, aber die beiden Saitenschwinger bauen nur eher selten knackige Rockriffs oder frenetische Metalsoli ein, und auch die hätte man im ansonsten klaren und weder zu lauten noch zu leisen Sound gern noch einen Tick deutlicher vernommen. Die Gesangsarrangements, nicht selten nach Call-and-response-Prinzip gearbeitet, erinnern den Rezensenten ein wenig an die längst verblichenen sächsischen Landsleute Blossom, und das lose Mundwerk haben/hatten die Frontleute beider Formationen auch gemeinsam. Kostproben von diesem Abend: „Ich hab‘ auch Angst – weil wir diesen Song lange nicht gespielt haben“ (vor „Der Angstmann“) oder „Wir freuen uns, hier beim Jazzklub zu spielen, aber wie ihr schon gemerkt habt, ist das, was wir machen, ja nicht ganz Jazz“ (vor „Nature“). Die Vocals, nicht selten im appellierenden Gestus gehalten, erklingen dabei hauptsächlich in Deutsch, wobei gelegentliche Ausflüge etwa ins Englische oder Spanische für Vielfalt sorgen. Und eine im Jazz wichtige Tugend pflegen Meniak auch: die Kunst des Improvisierens. Dazu sind sie bisweilen sogar gezwungen, denn statt eines Oktetts steht an diesem Abend nur ein Septett auf der Bühne, und die Reduzierung hat nichts damit zu tun, dass zu acht etwa die coronabedingten Abstandsregeln auf den die Welt bedeutenden Brettern nicht mehr eingehalten werden könnten: Der Trompeter hatte einen Fahrradunfall und ist mit diversen gebrochenen Gliedmaßen außer Gefecht. In „Nature“ singt allerdings üblicherweise er die zweite Strophe, also müssen sich die anderen etwas einfallen lassen, und die Lösung sieht an diesem Abend so aus, dass zunächst einer der Saxer zusätzliche Leads spielt und der Sänger dann aus dem Stegreif im klassischen Rap-Gestus flotte Rhymes aus dem Ärmel schüttelt – eine Aufgabe, der er sich so souverän entledigt, als würde er den ganzen Tag im Chemnitzer Heckert-Ghetto nichts anderes tun, als sich in jener Kunst zu üben.
Damit ist die in zwei Sets unterteilte Meniak-Show, die sich zu einem guten Teil aus Material vom noch gar nicht veröffentlichten neuen Album Mucho Ruido speist, zwar halbwegs umrissen, aber in ihrer Vielfalt noch keineswegs erschöpfend dargestellt, denn da treten auch noch ungewöhnliche Elemente hinzu, wenn einer mal ein Thema pfeift, die beiden Bandkinder Anouk und Vitus kurzerhand als Tänzer oder Rasselspieler in die Show eingebunden werden, was der Ansage gemäß an diesem Abend (dem zweiten Meniak-Gig nach dem Lockdown) Premiere hat, oder die Textzeile „Suddenly all of you stop“ sehr naturalistisch umgesetzt wird. Das temposeitig sehr vielschichtige, etliche Male in bretternden Highspeed umschaltende und die Tanzbeine im Publikum am intensivsten zum Schwingen bringende „Bombe“ schließt den zweiten Set ab, aber ohne Zugaben werden die Chemnitzer natürlich nicht fortgelassen, und die erste ist gleich nochmal was Besonderes: Ein Besucher namens Arndt erklimmt die Bühne und überredet die Band zu einer kleinen Jamsession mit ihm am Schlagzeug, bevor die geplante Zugabe erklingt. Da die Anwesenden aber immer noch nicht genug haben (und die Sets auch nicht unbedingt überlang waren), entscheiden sich Meniak, einen Song nochmal zu spielen, „als Erziehungsmaßnahme, damit ihr beim nächsten Mal die Texte könnt“, und stellen zwei zur Wahl. Das gewitzte Publikum fordert allerdings beide Songs ein und bekommt sie auch: „Panther in XL“ und „Nature“, letzteres mit nochmals gesteigerter Komplexität in den improvisierten Passagen im Mittelteil – da sind also richtige Könner am Werk. Schade nur, dass sich nicht alle Anwesenden davon mitreißen ließen: Im hinteren Teil der Wiese sind etliche Sitzgruppen aufgebaut und, als der Rezensent kommt, alle besetzt – als der Rezensent im zweiten Set mal nach hinten schaut, sind sie aber schon halb- und zum Zugabenteil nahezu ganz leer: Wer sich bei solchen Temperaturen nicht bewegt, friert halt irgendwann mal ... Selber schuld: In Bühnennähe wird das Tanzbein jedenfalls fleißig geschwungen, bis dann nach der summiert vierten Zugabenummer und brutto einer reichlichen anderthalben Stunde Spielzeit der Hammer fällt und Ulf vom Bataclan-DJ-Team, der schon vorm Gig und in der Pause für die Konservenmusikauswahl zuständig war, wieder übernimmt. Ach so: Eine Hendrix-Coverversion, wie sie Circus Electric mit „Purple Haze“ geboten hatten, gibt es an diesem Abend nicht (bzw. der Rezensent und Nicht-Hendrix-Spezialist hat sie, falls es doch eine gegeben haben sollte, nicht erkannt).

Roland Ludwig


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