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Artikel

Flying Circus stellen das Jahr 1968 zwischen Regenbogen und deutschen Herbst

Info

Gesprächspartner: Michael Dorp (Vocals)

Zeit: 23.04.2020

Ort: Berlin - Jülich

Interview: E-Mail

Stil: HardProg

Internet:
http://www.flying-circus.com

Norbert liebt Musik, redet aber nicht so gerne drüber. Aber wenn eine Band auch etwas mitzuteilen hat, dann wird er hellhörig. Wenn eine Band ihr Album dann auch noch 1968 nennt und mit Titeln wie „My Lai“, „Prag“, „Berlin“ und „Memphis“ auftrumpft, dann sitzt er schnell an der Tastatur, um die Verursacher mit seinen Fragen zu quälen - nachdem Rainer das Album schon besprochen hatte. Und so musste sich Michael Dorp, seines Zeichens Lead-Sänger der deutschen Hardprogger Flying Circus, für einige Zeit hinter seine Tastatur klemmen. Ihm sei Dank dafür!

MAS: Lieber Michael, Euer neues Album heißt `1968´ - und das Blumen-Cover erfüllt erst einmal alle Erwartungen, die man an ein Flower Power Album hat. Bereits beim ersten Durchhören und erst Recht bei einem Blick in die Texte ändert sich das Bild aber dramatisch. Mit „Let’s go to San Francisco“, Blumen in den Haaren und ähnlichem hat das nun gar nichts mehr zu tun. Sehe ich das richtig?

Michael Dorp: Absolut! 1968 war ein sehr gewalttätiges Jahr. Der "Summer of Love" von 1967 war vorbei, und weltweit ging es vielen jungen Menschen und unterschiedlichsten benachteiligten Gruppen darum, ihre individuelle Freiheit endlich zu erweitern - wenn nötig mit Gewalt. Und das gab wiederum natürlich einen gehörigen Backlash auf Seiten derer, die gesellschaftliche Macht in den Händen hielten - egal ob nun der französische Staat unter de Gaulle gegen die demonstrierenden Studenten vorging, der Warschauer Pakt unter Führung der Sowjetunion das tschechische Experiment einer offeneren sozialistischen Gesellschaft unterdrückte oder reaktionäre Einzeltäter Menschen umbrachten, die sie - wie Martin Luther King in den USA oder Rudi Dutschke in Deutschland - für eine Gefährdung der bestehenden Machtverhältnisse hielten. Die Liste ist endlos; der Freiheitskampf der nordirischen Katholiken begann 1968, auch in Mexiko und Japan gab es gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Studentenbewegungen und Staatsmacht - die ganze Welt war in diesem erstaunlichen Jahr in Aufruhr, und das fanden wir einfach faszinierend - mal abgesehen davon, dass sich 1968 viele der Bands gründeten, die uns musikalisch beeinflusst haben: Led Zeppelin, Deep Purple, Yes, King Crimson und Rush zum Beispiel und hierzulande Can und Amon Düül II. Alles in einem Jahr!


MAS: Die erste LP-Seite – auch die Tracklist der CD ist deutlich von der zwei-seitigen LP-Struktur geprägt - endet mit einer vernichtenden Zwischenbilanz. Sie beginnt in Paris, wo im Text zwar noch die neuen Erwartungen der 68er, was Leben heißt, formuliert werden. Das Ganze wird aber bereits von einer schleppenden, eher düsteren Musik unterlegt. In New York (schleppender Soul-Blues) scheint die Bewegung dann schon in Drogen und Gewalt unterzugehen. Prag spielt erkennbar auf die gewalttätige Zerschlagung der (Studenten)bewegung an. Wort wie "Schatten", "Schlaf", "verlorene Herzen" prägen den Text. „The Hopes we had“ begräbt das, was wenige Monate vorher begonnen hat, dann mit Anspielungen auf weitere brutale Massaker in Tlatelolco und Tokyo endgültig.
Die zweite LP-Seite illustriert die Gewalt weiter, MLK (Memphis), Dutschke (Berlin), My Lay und Wien (Aktionskunst).
Ist das so als Beschreibung des Niedergangs einer Bewegung, die voller naiver Hoffnung gestartet war, richtig beobachtet?



Michael Dorp: Auf jeden Fall gab es ein Erwachen und schnelles Anwachsen gewalttätiger Reaktionen gegen "die Bewegung", das man in der ersten naiven Euphorie um, zum Beispiel, den Prager Frühling, vielleicht nicht in dieser Heftigkeit erwartet hätte und das immer mehr Widerstände und blutige Katastrophen hervorgerufen hat. Der Text von „The Hopes we had" erwähnt die von Dir angesprochenen Massaker in Tlateloco, also Mexiko-City, und Tokio natürlich, begreift sie aber eher als Rückschläge, denn als endgültigen Niedergang. Es bleibt immer noch die Hoffnung für die Zukunft - eben „The Hopes we had", und es besteht ja auch kein Zweifel: Über 50 Jahre nach 1968 ist die individuelle Freiheit auf der Welt sicherlich höher als damals. Man denke hierzulande zum Beispiel nur an die seitdem massiv gestärkten Rechte von Frauen oder der Homosexuellen oder in den USA an die - verglichen mit damals - stark positiv veränderten Rassengesetze. Andererseits ist auch die reaktionäre Seite nach wie vor sehr stark. Die nach und nach erkämpften Freiheiten sind gerade (wieder) akut höchst gefährdet, wenn man sich ansieht, wie viele autokratisch-populistische Machthaber und Politiker gerade versuchen, ihre Staaten entsprechend umzubauen. Deswegen ist das Album für uns auch nicht nur eine Rückschau, sondern brandaktuell. Es ist eine Erinnerung an den Blutzoll, der damals gezahlt werden musste, damit wir heute so leben können wie wir es tun - außerhalb der Zeiten von Corona zumindest... ;-)

MAS: Insbesondere der Text zu Berlin klingt sehr desillusioniert. Obwohl alle Hoffnung zerschlagen ist, geht der Kampf weiter – sinnlos. Aus dem David, der sich gegen den übermächtigen Feind wehrt, ist Kain geworden, der seinen Bruder erschlägt. Schon eine Anspielung auf RAF, den deutschen Herbst, etc?

Ande Roderigo, Drums

Michael Dorp: Der Text zu Berlin kreist ja um das Dutschke-Attentat, und sicherlich stellte sich der deutschen Studentenbewegung genau hier zum ersten Mal ganz klar auf breiter Front die Gewaltfrage. Als die Studenten in der Reaktion auf das Attentat in Berlin Richtung Springer-Hochhaus zogen, um dagegen zu demonstrieren, wie die Springer-Presse vorher wochenlang gegen Dutschke gehetzt hatte, musste sich jede und jeder einzelne fragen: "Wie weit gehe ich hier mit meinem Protest?", und es ist absolut richtig, dass genau hier unter den gewalttätigen Demonstranten die Entwicklung begann, die im deutschen Herbst mündete. Allerdings fanden wir das Spannendste am Dutschke-Attentat, dass Dutschke als Opfer des Anschlags dem Täter ins Gefängnis Briefe geschrieben hat, als er hörte, dass der junge Rechtsradikale Bachmann dem Selbstmord nahe war. Das Opfer tröstet den Täter? Das fanden wir eine absolut bemerkenswerte Handlung, und der Text des Songs ist als Dialog zwischen Bachmann und Dutschke angelegt. Bachmann hatte gehofft, für seine Tat als strahlender Held gefeiert zu werden, da er glaubte "den Volkswillen" umzusetzen, als er auf Dutschke schoss. Aber dieser machte Bachmann mit seinen Briefen klar, wie falsch er mit seiner Einschätzung der Lage gelegen hatte und dass Dutschke durchaus auch verkrachte kleinbürgerliche Existenzen wie Bachmann als Opfer des Systems sah und letztlich auch für deren Freiheiten kämpfen wollte. Dass man letztlich also auf der gleichen Seite stand. Als Bachmann das erkannte; dass er also mit seiner Tat fast eine Art Brudermord begangen hätte, brachte er sich um. Das Kain-Motiv hat seinen Ursprung also hier und beschreibt Bachmanns Schock, als er bemerkte, dass er eben kein strahlender Held geworden war, sondern immense Schuld auf sich geladen hatte.


MAS: Ganz gestorben ist Eure Hoffnung allerdings noch nicht. Bereits auf dem Cover ist ein Regenbogen zu sehen, der die Titelseite des Booklets dann sogar beherrscht. Mit „Derry“ gibt es sogar eine recht fröhliche Nummer auf dem Album. Und die Reprise von „The Hopes we had“ ist von den Textzeilen „Just remember the Hopes we had” und „Nothing that true can go wrong” gerahmt.
Es bleibt also eine Hoffnung erhalten. Was für Ereignisse würdet Ihr auswählen, wenn Ihr ein Folgealbum aufnehmen würdet, das von dieser bleibenden Hoffnung spricht?


Michael Dorp: Da Du den Regenbogen auf den Cover erwähnst, können wir ja direkt da bleiben: Obwohl wir das Motiv nicht deswegen gewählt haben, ist der Regenbogen ja nun auch das Erkennungszeichen der LGBT-Bewegung, und wie ich vorhin schon sagte, hat sich zum Beispiel auf diesem Sektor ja unbestreitbar viel Positives getan - dass Leute an vielen Orten der Welt einfach so leben können wie sie wollen. Dass es über 40 Jahre nach dem Mord an Martin Luther King in den USA den ersten schwarzen Präsidenten gab, war sicherlich auch ein Grund zum Feiern. Oder dass der ganze Ostblock 1989/1990 dann doch irgendwann das Sowjet-Regime abschütteln konnte und Alexander Dubcek in Prag bei der "Samtenen Revolution" neben Vaclav Havel stand. Das Karfreitagsabkommen zwischen Irland und Nordirland... da gibt es schon einiges an Positivem, das mit den Geschehnissen des 1968er-Albums korrespondiert, wie ich merke! Hey, ich glaube, Du bringst uns hier auf eine gute Idee... ein Nachfolge-Album...

MAS: My Lai, Prag, Dutschke, MLK – das sind Ereignisse und mit ihnen Orte, die auf der Hand liegen. Ich (Baujahr 63) musste bei Tlatelolco, Tokio, Wien und Derry erst mal recherchieren, worauf da angespielt wurde. Die Ereignisse werden in Euern Texten ja nicht explizit benannt, sondern nur in ihrer Wirkung reflektiert. Wie seid Ihr auf gerade diese Orte gekommen?

Rüdiger Blömer, Keyboards

Michael Dorp: Das war bei uns ganz ähnlich wie bei Dir: Als wir 2018, also 50 Jahre nach 1968, die Idee hatten, uns auf Albumlänge mit dem Jahr zu beschäftigen, standen am Anfang erst einmal die Ereignisse, die jeder im Kopf hat, aber als wir uns näher mit dem Thema beschäftigten und recherchierten, kamen nach und nach auch andere spannende Ereignisse hinzu. Dabei hing vieles davon ab, welche Stimmungen die musikalischen Ideen erzeugten, die wir als Skizzen bereits vorliegen hatten. Da war dieses Stück, dass nach absoluter Hoffnungslosigkeit und Lähmung klang - ah, das könnte die bleierne Stimmung nach dem Einmarsch der Sowjets in Prag sein. Oder: Oh, wir haben hier ja fast einen Trauermarsch - da machen wir das Stück zum Martin-Luther-King-Attentat draus, klar! Dann wieder wollten wir eben nicht nur blutige Auseinandersetzungen auf dem Album haben und fanden in dem abgedrehten Studentenhappening in Wien ein Thema, das einer musikalischen Skizze entsprach, die unser Keyboarder Rüdiger Blömer mit in den Ideenpool gebracht hatte. Und so wuchs das Material nach und nach, bis wir schließlich ein ganzes Album beisammen hatten.

MAS: Kommen wir mal vom Textkonzept weg. Als ich die aus Städtenamen bestehende Tracklist sah, habe ich unwillkürlich mit einer entsprechenden musikalischen Umsetzung gerechnet. Etwas Kaffeehaus und Schmäh in Wien, eine Sitar vielleicht in My Lay, C&W in Memphis. Darauf habt ihr verzichtet. Bewusst? Lediglich „Derry“ klingt etwas irish folkig.

Michael Dorp: Wie oben erwähnt ging es uns bei den einzelnen Songs in erster Linie um die jeweils dort behandelten Geschehnisse und nicht um die Orte an sich. Das hatte immer Vorrang vor Lokalkolorit. Wobei die gewisse Coolness des Blues-Parts bei „New York", das leicht asiatisch klingende Geigenintro bei „My Lai" oder die entfernt an Harmonien der osteuropäischen Klassischen Musik erinnernden Akkordfolgen bei „Prague" den jeweiligen Orten zumindest nicht widersprechen. Aber wie gesagt: Wichtig war uns in erster Linie, in den Songs Stimmungen zu erzeugen, die den jeweiligen Ereignissen angemessen sind und sie so - hoffentlich - nachempfindbar zu machen.


MAS: Ihr seid seit 30 Jahren im Geschäft. Bislang, soweit ich weiß, immer mit Eigenproduktionen. Jetzt taucht ihr zum ersten Mal mit einem Label im Rücken auf. Ein neuer Abschnitt in Eurer Karriere?

Michael Dorp: Unsere ersten beiden Alben sind - damals in den späten 90ern - auch mit Label-Unterstützung vermarktet worden. Ich sage bewusst nicht: "mit Label-Unterstützung entstanden", denn wir haben bei der Produktion unserer Alben immer sehr viel Wert auf absolute Unabhängigkeit und Eigenständigkeit gelegt. Insofern hast Du Recht mit den Eigenproduktionen, und das war jetzt auch mit 1968 nicht anders, denn das Album war bereits fertig gemischt und gemastert, bevor wir es unserem jetzigen Label vorgelegt haben. Insofern: Ja, es ist schon ein neuer Abschnitt, aber eher in Richtung Vermarktung, da wir mit diesem Album das Gefühl hatten, wirklich etwas Besonderes am Start zu haben, das vielleicht auch über die recht kleine Progressive-Rock-Nische hinaus Leute ansprechen könnte. Das Thema "1968" allein scheint schon viele Leute zu interessieren. Ich bezweifle zum Beispiel, dass der Deutschlandfunk sonst einen Bericht über uns gemacht hätte, wie er es diesmal in seiner Sendung Rock et cetera über das Album gemacht hat. Und auch sonst ist das Presseecho durch die zahlreichen Aktivitäten unseres Labels Fastball Music viel breiter als bisher in Eigenregie.

MAS: Wieso gerade Fastball? Das ist von seinem Zuschnitt doch eher ein Hard Rock, wenn nicht sogar Metal-Label?

Michael Dorp: Absoult! Ich dachte auch erst überhaupt nicht, dass das passen könnte, aber unser Proberaum liegt nur 20 Kilometer vom Fastball-Büro entfernt, und dann habe ich doch einfach mal angerufen. Beim ersten Treffen waren wir uns dann auch direkt sympathisch und die Zusammenarbeit funktioniert absolut prima. Und ganz ehrlich: Wir hatten es über die Jahre immer wieder bei vermeintlich passenderen Prog-Labels versucht, und niemand war interessiert; ganz einfach. Vielleicht weil wir ein bisschen zwischen den Stühlen sitzen: Für "normale" Prog-Labels haben wir zu viele Hard-Rock-Elemente und für Hard-Rock-Labels sind wir eigentlich zu „proggy“, wie Du sagst - aber dieser Mix ist nun mal das, was uns ausmacht, und genau da fühlen wir uns wohl. Jetzt mit dem neuen Album - und auch auf Fastball - mehr denn je! So kann es für uns also gerne weitergehen!

MAS: Michael, herzlichen Dank für die Antworten und viel Erfolg mit dem, was vor Euch liegt.

Norbert von Fransecky


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