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Von Funeral bis zur Melodiegirlande: Der zweite Abend des WinterfestEvils 2020 in Leipzig zeigt die Bandbreite des Doom Metals auf

Info

Künstler: Officium Triste, Urza, Fvneral Fvkk, Kalmen

Zeit: 01.02.2020

Ort: Leipzig, Bandhaus

Internet:
http://www.bandcommunity-leipzig.org

Einen Monat früher als anno 2019 steht in diesem Jahr das WinterfestEvil im Leipziger Bandhaus auf dem Programm, wobei von Winter draußen weit und breit nichts zu spüren ist – statt dessen herrschen zweistellige Plusgrade noch bis weit in den Abend hinein. An der grundsätzlichen Programmaufteilung hat sich nichts geändert – es gibt einen Abend, der sich nur einem metallischen Substil widmet, und einen, an dem es quer durch den harten Garten geht. Änderungen zeigen sich indes im Detail: Der Querdurch-Abend ist diesmal der erste, und der zweite widmet sich nicht wie 2019 dem Black Metal, sondern dem Doom Metal, was ein klein wenig verwundern könnte, denn mit „Risen From The Depths Of Doom“ gibt es im Bandhaus ja noch eine eigenständige Konzertreihe, die sich der metallischen Geschwindigkeitsunterschreitung verschrieben hat. Aber dem Anhänger dieser Stilistik soll ein verbreitertes Angebot natürlich nur recht sein, und so ist der Bandhauskeller am besagten zweiten Abend sehr gut gefüllt. Wie das am ersten Abend war, kann der Rezensent nicht sagen – er mußte aus gesundheitlichen Gründen passen, und ihm entgehen somit die Traditionsmetaller Skanners aus Südtirol, die gleichgearteten Lokalmatadore Prowler, die motörheadlastigen und auch aus Leipzig kommenden Your Mother sowie die Dresdner Ad Cinerem, die mit ihrem Doomsound schon mal eine Vorschau auf den zweiten Abend liefern. Knappe 12 Stunden Schlaf und reichlich Sauerstoff bei der Gartenarbeit am Samstag bringen auch den Rezensenten wieder auf die Beine, und so ist er am zweiten Abend pünktlich zur Stelle und harrt gespannt der Dinge.

Kalmen eröffnen den Abend, und an dessen Ende ist klar, dass sie die mit Abstand schnellste der vier Bands sind. Dabei bieten die beiden Setopener „Spectral“ und „Thieving Sky“ schon noch reichlich niedrige bis sehr niedrige Geschwindigkeit, aber ab „Portal“ geraten solche Passagen mehr und mehr ins Hintertreffen, vorbereitet bereits in „Thieving Sky“ mit originellen Schlagzeug-Prügelpassagen ohne Snare, die dann jeweils durch drei schnelle Snareschläge gegliedert werden. In den weiteren Songs reicht das Spektrum dann durchaus bis zum Blastbeat, wenngleich Midtempolagen in der Gesamtbetrachtung dominieren, in „Portal“ übrigens über einem Dreiertakt, der fast etwas Beschwingtes einbringt, und in „Arcane Heresies“ kann man dem urlange ausgedehnten Hauptriff auch einen gewissen Rock’n’Roll-Faktor samt Tanzbarkeit nicht absprechen. Generell machen Kalmen eher den Eindruck einer Post-Black-Metal-Band, die sich allerdings durchaus doomtypischer Gitarren bedient, wobei das an diesem Abend freilich etwas schwer herauszuhören ist, da die drei Saiteninstrumente klanglich oft ziemlich ineinanderlaufen und vor allem der melodische bzw. harmonische Aspekt schwer analysierbar bleibt. Das könnte freilich Absicht seitens des Quartetts gewesen sein, denn der Sound ist prinzipiell nicht schlecht und vor allem auch nicht zu laut. Für Undurchdringlichkeit sorgt etwas anderes: Der Bediener der Nebelmaschine schaltet diese ein, geht dann rauchen und vergißt die Maschine vorher wieder auszuschalten, so dass der Bandhauskeller bald den Straßen von London gleicht und man von hinten kaum noch die Bühne sieht, die sowieso nur spärlich von hinten beleuchtet wird, was den distanzierten Eindruck, den die Band offenbar vermitteln möchte (bis auf eine kurze Pause vor „Portal“ gehen alle Songs ineinander über, Ansagen gibt es überhaupt keine), noch verstärken hilft. Der auch Baß spielende Sänger artikuliert sich überwiegend kreischend und wechselt nur gelegentlich in rauheres Shouting; im Intro von „Arcane Heresies“ gibt es dazu eine ausgedehnte Passage mit appellierendem Sprechgesang über leisem Gitarrenquietschen. Dazu treten gelegentliche Vokalelemente eines der beiden Gitarristen, aber auch die bleiben im Kreischmodus. „Portal“ und „Arcane Heresies“ beinhalten als Zusatzelement noch spacige Soundeffekte, wie sie Hawkwind auch nicht besser hinbekommen hätten und die sich gekonnt ins Gesamtbild einfügen. Die Zeit reicht nur für sechs der acht Songs, die laut Setlist möglich gewesen wären – ob „Gizeh“ und „Sol Devina“ den Doomfaktor möglicherweise erhöht hätten, müssen Kenner der Dresdner beurteilen. Aufgrund der Durchspielsituation weiß das Publikum nicht so recht, wann es applaudieren soll, aber erste Headbanger sind bereits aktiv, und auch der Schlußapplaus fällt schon mehr als nur freundlich aus.

Setlist Kalmen:
Spectral
Thieving Sky
Portal
Uninfinite Black
My Soul Is Black
Arcane Heresies


Für Fvneral Fvkk wäre ein Soundgewand wie das von Kalmen Gift, aber sie sind letztlich schon ein gutes Stück klarer unterwegs, was das Durchhören ihrer Ideen deutlich erleichtert. Die Hamburger paaren instrumentenseitig klassischen Gothic Metal der Marke mittelfrühe My Dying Bride, aber ohne Keyboards, Violinen und ähnliche Zutaten, mit einem eher für den Epic Doom typischen Gesang, der allerdings ein wenig zu sehr in den Hintergrund gemischt ist, so dass nicht entschieden werden kann, ob der Sänger wirklich eine zwar melodiehaltefähige, aber eher dünne Stimme besitzt oder ob da unter anderen Soundbedingungen mehr Power im vokalen Vortrag rüberkommt. Auf dem Mikrofon liegt jedenfalls einiges an Hall, und das gehört zum Bandkonzept: Die Hamburger treten allesamt im Talar an, auf der Bühne stehen rote Kerzen, die Ansagen sind im predigthaften Ton gehalten, und die Inhalte bestehen aus biblischen Kernsätzen und ihrem Vergleich mit der Realität im weltlichen, aber auch im geistlichen Gestern und Heute, wobei die Realität erwartungsgemäß eher schlecht wegkommt, aber die überirdische geistliche Entität auch, wie „When God Is Not Watching“ nahelegt, denn Gott schaut und hört vermutlich doch zu und rächt sich für die Unterstellung, er sei schuld, dass Teile der Amtskirchen Homosexuelle als Menschen zweiter Klasse behandeln, indem er ins Intro gleich mal einen feisten Spielfehler legt, und auch sonst sind sich nicht immer alle der vier Instrumentalisten ganz einig, wann sie z.B. einen Song beenden sollen. Daß das Quintett songwriterisch durchaus was draufhat, zeigt z.B. „Alone With The Cross“ mit seinen beiden lehrbuchreifen Übergängen nach der Titelzeile, einmal in einen aggressiveren Part, einmal in einen balladesken, mit dem der Song dann auch ausklingt. Ebenfalls balladesk gehalten ist das a cappella auf Latein gesungene Intro des Setclosers „The Hallowed Leech“, der sich mit einer kolportierten Verfehlung von Papst Innozenz VIII. befaßt, freilich auf nicht sonderlich tiefschürfende Weise tut, da die Überlieferungssituation des Anwurfs, er habe in Jünglingsblut gebadet oder aber selbiges getrunken, um sein Leben zu verlängern, zweifelhaft ist und das Ganze möglicherweise nur eine aufgebauschte antijüdische Geschichte war (der Leibarzt des todkranken Papstes, der ihm die Methode einer Quasi-Bluttransfusion als letzten Rettungsversuch empfohlen haben soll, war Jude). Der Set wird von einem englisch ausgesprochenen „Amen“ abgeschlossen. Interessanter Stoff, wenngleich bei näherer Betrachtung doch nur an der Oberfläche schürfend – nur über einen anderen Bandnamen sollten die Hamburger dringend nachdenken. Keine Ahnung, ob sie früher mal anders klangen, aber der Name paßt zur jetzigen Musik so ganz und gar nicht.

Urza bringen in ihrer knappen Stunde Spielzeit lediglich drei Songs unter, und es dauert erstmal zwei, drei Minuten, bis sich in „Lost In Decline“ aus diversen Einzeltönen so eine Art Rhythmus herausschält. Der bleibt dann über die gesamte Spielzeit hinweg in sehr niedrigen, aber durchaus in gewisser Weise variablen Tempi, und die „schnellsten“ Passage Urzas entsprechen ungefähr den langsamen Passagen von Asphyx. Stilistisch bekommen wir Doom Death der klassischen Sorte geboten, allerdings schon relativ nahe am Funeral Doom oder je nach Sichtweise auch bereits jenseits der Grenze zu selbigem liegend. Ein relativ klarer Sound läßt den Hörer vor allem die Gitarrenharmonien gut nachvollziehen, und die Entwicklung der Ideen geht zwar eher bedächtig vorwärts, aber sie geht eben vorwärts, und das Ganze ist dementsprechend strukturiert genug, um nicht in die Drone-Ecke gestellt zu werden, zumal der Drummer auch weiterhin tatsächlich nachvollziehbare Rhythmen spielt und hier und da gar die Doublebass anwirft, mit dieser dann allerdings ein wenig zu starke Klangdominanz ausübt, wobei dieses Stilmittel immer nur episodenhaft eingesetzt wird. Der Sänger bedient sich hauptsächlich der grunzenden Artikulation, verfällt nur selten in Gekreisch und ganz selten mal in einen appellierenden Sprechgestus. Sein Mikrofon ist laut genug eingestellt, dass man ihn während der Songs gut hört, aber die (einzige) Ansage vor „In The Aftermath Of Dystopia“ versteht man trotzdem nur rudimentär. Bei Urza ist’s mit Tanzbeinschwingen, das bei beiden bisherigen Bands bisweilen möglich gewesen war, natürlich aus und mit Headbangen auch, da die Haare schon längst wieder unten wären, auch wenn der Takt noch lange nicht vorbei ist – also steht das Publikum einfach nur still da und bestaunt das Berliner Quintett mit mehr oder weniger Interesse: Zwischen „spannend“ und „langweilig“ sind hier alle Einschätzungen möglich, und der Rezensent gibt zu, dass ihm die letzten zehn Minuten von „In The Aftermath Of Dystopia“ auch ziemlich an den Kräften gezehrt haben. Trotzdem gibt’s am Ende reichlich Applaus, aber aus nachvollziehbaren Gründen fordert niemand eine Zugabe ein.

Setlist Urza:
Lost In Decline
Path Of Tombs
In The Aftermath Of Dystopia


Der klassische romantische Doom Death niederländischer Prägung erscheint quasi ausgestorben – viele Bands hatten sich ihm nur temporär gewidmet (The Gathering, Phlebotomized, Celestial Season, Orphanage ...) oder sind mittlerweile verblichen (Morphia). Aber da gibt es ja noch Officium Triste, die die Fahne dieses Stils weiter hochhalten: The Death Of Gaia heißt das neue Album des Quintetts und stellt gleich etliche Songs für den Set im Bandhaus, während andererseits natürlich auch alte „Hits“ wie „This Inner Twist“ aus dem Jahre 2004 nicht vergessen werden. Neben die klassische metallische Instrumentierung aus zwei Gitarren, Baß und Drums treten hier weitere Elemente wie Orchesterflächen oder Klavierlinien, für die in der in Leipzig aktiven Besetzung allerdings kein Keyboarder steht, so dass sie vom Band geholt werden und ab „On The Crossroads Of Souls“ auch außerhalb von Intro und Zwischenspielen, nämlich während der Songs selber klar durchhörbar sind, da das Klanggewand nach für die live gespielten Instrumente schon gutem Anfang nun komplette Klarheit gewonnen hat. Und die ist enorm wichtig, hängen doch hier keineswegs nur an den Gitarren reizvolle Melodiegirlanden breitesten Ausmaßes, und man staunt die sprichwörtlichen Bauklötze über so viel Klangschönheit, ganz besonders in „My Charcoal Heart“, dessen Mittelteil kaum in Worte zu fassen ist. Interessanterweise fühlt man sich hier ein wenig an eine Band ganz anderer Herkunft erinnert, nämlich an Amorphis zu Elegy-Zeiten, und das ist als großes Kompliment für die Niederländer zu verstehen und nicht so gemeint, dass sie hier etwa bei den Finnen wildern gehen würden. Der Dreiertakt macht diesen Song ähnlich beschwingt wie schon das auf dem neuen Album stehende, aber kompositorisch schon ziemlich betagte „World In Flames“, und so bekommt man hier Qualitäten zu hören, die man auf einem Doomgig kaum erwarten würde. Der Sänger artikuliert sich zumeist mit einer kantigen Grunzstimme, die ein wenig an seinen Kollegen von Orphanage erinnert, und wechselt nur selten in halbhohe melodische Gefilde, die per se keineswegs schlecht sind, aber in diesem Fall vor dem Problem stehen, dass da eben die pure Vielfalt hochklassiger Melodien aus den Instrumenten rings herum lagert. Das geht freilich als Luxusproblem durch, und die Niederländer werden somit fleißig bejubelt, zumal sie auch einen offenen Kommunikationsstil pflegen und der Sänger in seinen Ansagen mehr Worte macht als seine drei bisherigen Kollegen zusammen, obwohl er sich sogar noch für sein schlechtes Deutsch entschuldigt hat, das freilich keineswegs schlecht ist, auch wenn es an einer Stelle Anlaß zu akuter Heiterkeit bietet, nämlich in der Ansage der Zugabe: Das neue Stück „Like A Flower In The Desert“ sei etwas untypisch für die Band, da ziemlich „geschwindig“. Tatsächlich wechselt das Quintett hier mal in schwere Midtempogefilde, die es aber mit doomigeren Passagen koppelt, so dass es wirklich das schnellste der sieben Stücke ist, aber die Doomgefilde trotzdem nicht entscheidend verläßt. In der Nähe des Geisterstundenendes endet dann auch ein interessantes Konzert, das dem Zweifler wieder mal die große Bandbreite des Doom-Genres demonstriert hat, wenngleich die Zugänglichkeit der einzelnen Formationen naturgemäß großen Schwankungen unterlegen ist.

Setlist Officium Triste:
The End Is Nigh
World In Flames
On The Crossroads Of Souls
This Inner Twist
My Charcoal Heart
Like Atlas
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Like A Flower In The Desert

Roland Ludwig


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