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Nightwishfreier finnischer Quartettabend: Marko Hietala und Oceanhoarse in Leipzig – aber ohne Material von Hietalas Stammband

Info

Künstler: Marko Hietala, Oceanhoarse

Zeit: 07.02.2020

Ort: Leipzig, Anker

Internet:
http://www.nuclearblast.de
http://www.facebook.com/markohietalaofficial
http://www.facebook.com/oceanhoarse

Was Nightwish-Chefdenker Tuomas Holopainen recht ist, das kann seinen Mitmusikern nur billig sein, nämlich sich in der mehr oder weniger rar bemessenen Freizeit anderen musikalischen Betätigungen hinzugeben, beispielsweise ein Soloalbum aufzunehmen. Das hat der Chef vor einigen Jahren mit dem (leider überwiegend mißglückten) Music Inspired By The Life And Times Of Scrooge getan, und das tut nun auch Nightwish-Bassist Marko Hietala, der sein Album Mustan Sydämen Rovio anno 2019 mit finnischen Texten herausbrachte, aber, weil außer vielleicht Eläkeläiset keine Band mit finnischen Texten in Mitteleuropa so richtig populär geworden ist (und das mit der Popularität bei den Humppa-Rentnern andere Gründe hatte und hat), auch noch eine englischsprachige Version erstellte, die im Januar 2020 unter dem Titel Pyre Of The Black Heart das Licht der internationalen Welt erblickt hat. Selbiges Ereignis gibt auch den Anlaß für eine kleine Europatour ab, und da die Nightwish-Konzerte in der Leipziger Arena immer gut besucht waren, riskiert es der Tourbooker, auch für diese Solotour ein Leipzig-Konzert anzusetzen, wenngleich natürlich nicht in der riesigen Arena, sondern im gemütlichen Vorstadtgasthof Anker, der nach sich ewig hinziehenden Sanierungsarbeiten seit 2019 wieder volles Programm fährt und wo sich das betagtere Publikum gern an Konzertsternstunden wie Gamma Ray/Morgana Lefay/Factory Of Art anno 1995 erinnert.
Als Oceanhoarse nahezu pünktlich 20 Uhr loslegen, ist der Saal nicht über-, aber doch anständig gefüllt, und als die Finnen 40 Minuten später wieder abrücken, dürften sie den einen oder anderen neuen Anhänger hinzugewonnen haben. Ihr bisheriger Bekanntheitsgrad vor allem bei der älteren Generation dürfte sich strukturell bedingt noch in Grenzen halten, denn die erst seit 2018 aktive Formation hat sich entschieden, keine vollen Alben herauszubringen, sondern nur laufend neue Singles, je nachdem wie die Songs fertigwerden. Ein wenig abgewichen sind sie von dieser Strategie aber im Herbst 2019, denn da beschlossen sie, eine 20minütige EP namens Voluntary Bends herauszubringen, vier Eigenkompositionen und das Slipknot-Cover „Duality“ enthaltend, und es verwundert natürlich nicht, dieses Material auch im Tourset wiederzufinden, ergänzt um einige der Singletracks. Die Slipknot-Wahl könnte allerdings in die Irre führen, will man den Stil des Quartetts ergründen – Oceanhoarse pendeln zwischen traditionellem Hardrock bzw. Metal und moderneren Einflüssen hin und her und machen es dem Hörer nicht gerade einfach, sie zu kategorisieren, was freilich schon Methode hat: Bei Amoral, der Ex-Band von Oceanhoarse-Kopf/-Gitarrist Ben Varon, war das nicht anders gewesen, wobei dort noch eine Portion Melodic Death Metal mit im Topf war, der bei Oceanhoarse fehlt, obwohl der Sänger an einigen wenigen Stellen auch mal herzhaft ins Mikrofon brüllt, während er sich sonst eines halbhohen und eher klaren Vortrags befleißigt, hier und da andeutend, dass er auch noch weiter in die Höhe gehen könnte, wenn er das wollte. Das Selbstverständnis der Band lautet allerdings auf Traditionsmetal, wie der Vokalist verrät, als er in einer Ansage bekanntgibt, dass jede True-Metal-Band einen Gitarrenhelden braucht und so Oceanhoarse natürlich auch. Varon spielt allerdings daraufhin kein Gitarrenheldensolo, sondern ein eher ruhiges, trotzdem arpeggiengeprägtes Instrumentalstück, und bereits zuvor hat auch der Bassist, der mit seinen Dreadlocks Amorphis-Tomi Konkurrenz machen könnte, ein Solo abgeliefert, nach Song 4. Als mehr oder weniger völlig unbekannte Band in der Supportrolle nach 4 Songs ein Baßsolo zu spielen bedarf eines gewissen Wagemuts – Oceanhoarse beweisen ihn und gewinnen: Die Stimmung im Publikum ist von Anfang an ziemlich gut, Mitklatsch- und Fäustereckaufforderungen werden fleißig befolgt, auch Mitsingspiele klappen schon, und so können die vier Finnen diesen Gig definitiv als Erfolg verbuchen, auch wenn man die Rhythmusgitarren im Sound gerne noch etwas schärfer gehört hätte, während die Durchhörbarkeit der Leads (und die dominieren sowieso) besser ist. Nach der Quasi-Bandhymne „We Are The Oceanhoarse“, zu der noch ein fünfter Mensch auf die Bühne steigt, mit einer krakenähnlichen Maske verkleidet und im großen Schlußwirbel die Gitarre übernehmend und seine Shredderqualitäten unter Beweis stellend, haben es Oceanhoarse jedenfalls geschafft, sowohl Traditionalisten als auch Modernisten zu überzeugen und nicht, was die parallel lauernde Gefahr gewesen wäre, zwischen den Stühlen zu landen.

Marko Hietala hat wie erwähnt sein Soloalbum Pyre Of The Black Heart draußen, hat fünf Nightwish-Alben mit eingespielt (bzw. eigentlich sechs, aber das sechste erscheint ja erst im April 2020) und außerdem noch eine Handvoll Alben mit seiner alten Stammband Tarot in der Hinterhand, die diversen Projekte wie die Northern Kings noch nicht mitgezählt. Was kann also für eine Setlist erwartet werden? Das Soloalbum wird dominieren, das ist klar, aber welches Nightwish- und Tarot-Material dazu noch ausgegraben wird, das durfte mit Spannung erwartet werden, und bei einer kleinen Rundschau im Saal ist schnell klar, dass unter den ausgewählten Bandshirts Nightwish die klare Mehrheit stellen.
Am Ende ist die Überraschung bei vermutlich nicht wenigen Anwesenden groß: Es gibt kein Material von Tarot zu hören – aber es gibt auch keines von Nightwish. Statt dessen stehen alle zehn Songs des Soloalbums im Set, dazu kommen drei Covernummern: „Olet Lehdetön Puu“ von Heikki Veikko Harma, unter dem Pseudonym Hector einer der Gottvatis der finnischen Rockmusik (dieser Song wird als einziger des Sets in finnischer Sprache dargeboten), David Bowies „Starman“ und als erste Zugabe Black Sabbaths unverwüstliches und unglücklicherweise inhaltlich zeitloses „War Pigs“, das Hietala den Herrschaften Trump, Putin, Bolsonaro & Co. widmet. Interessantes Detail am Rande: Alle drei Originalsongs datieren aus den frühen Siebzigern. Aber es gibt noch eine andere Überraschung: „Hard Prog“ nennt Hietala den Stil des Albums, und mit solchem kann man in Leipzig, wenn man nicht gerade Disillusion heißt, üblicherweise keinen Blumentopf gewinnen – an diesem Abend jedoch ist das anders. Die Stimmung im Publikum ist enorm gut, die Mitklatsch- und Mitsingintensität noch deutlich höher als bei Oceanhoarse, und es scheint nicht viele unter den Anwesenden zu geben, die ob der nightwishfreien Setlist gram sind. Die gute Kenntnis des Materials überrascht hingegen nur scheinbar – zwar ist Pyre Of The Black Heart erst seit zwei Wochen draußen, aber in den Zeiten des Internets stellt es für den interessierten Anhänger natürlich kein Hindernis dar, sich auch schon zuvor ein akustisches Bild von den bereits seit Mai 2019 verfügbaren finnischen Versionen zu machen, die sich im instrumentalen Bereich wenig bis gar nicht von den englischen unterscheiden dürften, so dass der Wiedererkennungswert gewahrt bleibt.
Das Stichwort „Wiedererkennungswert“ ist ein gutes: Hard Prog läßt ja durchaus noch ein breites Spektrum an Herangehensweisen zu, und diejenige Hietalas ist dort eher randständig positioniert – die Breakdichte hält sich im Rahmen, die Songs sind eingängig und klar durchstrukturiert, und selbst das Wort „Hard“ müßte man anhand des Liveeindrucks eigentlich eher einklammern, denn die Rhythmusgitarre ist ziemlich weit in den Hintergrund gemischt und sorgt so kaum für Druck, und auch das Spieltempo erreicht mit einer Ausnahme, nämlich ausgerechnet „Starman“, allenfalls mittlere Kategorien, so dass Speedfreaks an diesem Abend nicht auf ihre Kosten kommen. Die Songs entwickeln sich bedächtig, die Atmosphäre bleibt oft düster, aber Doom ist es dann doch auch wieder nicht, und nicht mal die doomige Hälfte von „War Pigs“ gerät sonderlich massiv. Statt dessen herrscht eine gewisse verspielte Filigranität vor, mit dominanter Rhythmusgruppe und ebenfalls markant nach vorn gestellten Vocals (neben Hietala singt der Gitarrist, was er zumeist recht hoch tut, sich für einen Traditionsmetalgesangsposten empfehlend), während unglücklicherweise die Keyboards oftmals etwas untergehen und man den Tastenmenschen zwar hinter seinem Instrument wild bangen sieht (was auch nicht immer so ganz zur Atmosphäre paßt), ihn aber nur phasenweise klarer durchzuhören in der Lage ist, so dass diese Komponente bei der Beurteilung des Liveeindrucks nur bedingt herangezogen werden kann.
Aber all das stört die positive Stimmung in der Halle nicht und die angedüsterte Atmosphäre auch nicht (und der Fakt, dass man Hietalas Witze in den Ansagen nicht immer versteht, auch nicht): Daß selbst ein Düsterballadenepos wie „For You“ live funktioniert, mag mancher vielleicht nicht für möglich gehalten haben – aber dieser Abend tritt den Beweis an. Und das Material ist schon so weit bekannt, dass Hietala in der letzten Ansage des Hauptsets aus dem Publikum bereits Rufe mit dem Songtitel „Stones“ hört – das zugehörige Video hat offensichtlich einiges an Aufmerksamkeit gebracht. Als Zugaben spielt das finnische Quartett (es sind die gleichen Musiker, die auch die Platte eingezimmert haben) zunächst das erwähnte „War Pigs“ und packt dann noch eine angedüsterte Halbballade aus, nämlich das auch auf dem Album als Finalnummer fungierende „Truth Shall Set You Free“, bei dem Hietala ab der Songmitte zu einem Cello greift und dessen Streicherfinale dann als Outro vom Band kommt, wonach klar ist, dass nicht mit weiteren Zugaben zu rechnen ist und etwaige Hoffnungen, vielleicht als Rausschmeißer doch noch fröhliches Gehopse der Marke „Last Of The Wilds“ vorgesetzt zu bekommen, keine Erfüllung finden. Aber wie bereits bekundet: Der positive Überraschungsfaktor überwiegt – und nun geht das gespannte Warten auf die neue Nightwish-Scheibe los.

Setlist Marko Hietala:
Star, Sand And Shadow
Dead God's Son
The Voice Of My Father
For You
Death March For Freedom
Olet Lehdetön Puu
I Dream
I Am The Way
Runner Of The Railways
Starman
Stones
--
War Pigs
Truth Shall Set You Free

Roland Ludwig


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