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Ein Abend von Wiederholungstätern: Wucan, Ouzo Bazooka und Deviltrain allesamt zum mindestens zweiten Mal im Jenaer Kulturbahnhof

Info

Künstler: Magnificent Music X-Mas Night mit Wucan, Ouzo Bazooka, Deviltrain

Zeit: 14.12.2019

Ort: Jena, Kulturbahnhof

Internet:
http://www.magnificentmusic.de
http://www.kuba-jena.de

Im Regelfall kann man im Jenaer Kulturbahnhof die Uhr danach stellen, dass es, wenn 21 Uhr Anstoßzeit verkündet ist, 21.10 Uhr losgeht. An diesem Abend gilt diese Regel freilich nicht, denn als der Rezensent „pünktlich“ 21.10 Uhr da ist, spielen Deviltrain schon, und das bereits seit 20.50 Uhr – man hatte sich angesichts eines Drei-Band-Packages mit anspruchsvollem Zeitmanagement zu einem geringfügig früheren Beginn entschlossen und das auch auf Facebook kundgetan, was dem Rezensenten freilich entgangen war, und ihm entgeht folglich auch die erste Sethälfte der Openerband, aber er vermutet nicht, dass die zu einem wesentlich anderen Urteil geführt hätte: Deviltrain erweisen sich zumindest in der zweiten Sethälfte als konsequente Stiltraditionalisten, die die Flagge des skandinavisch geprägten (Hard-)Rocks mit starkem Rock’n’Roll-Einfluß hochhalten, wie man ihn seit dem Ende des letzten Jahrtausends von Bands wie den Backyard Babies oder den Hellacopters gewohnt war. Alte Schule gibt es auch im Songwriting: Hat sich die Band für eine Grundidee und ein Tempo entschieden, dann wird das konsequent durchgearbeitet bzw. beibehalten – das markante Midtempobreak in der ansonsten ziemlich flotten Bandhymne „Deviltrain“ geht hier schon als die Spitze der Progressivität durch. Überhaupt befleißigen sich die Bamberger zumeist eines eher zügigen Vortrags, und der Leadgitarrist streut gelegentlich einige etwas furiosere Soli ein, die aus dem Material hervorstechen. Die zweite Gitarre spielt die Sängerin, die einen generell noch etwas zu unsicheren Eindruck hinterläßt: Publikumskommunikation findet kaum statt, und im vokalen Bereich arbeitet sie mit einer guten Normalstimme, der hier und da aber noch ein wenig mehr Expressivität zu wünschen wäre. Irgendwie ertappt man sich allerdings ständig bei der Vorstellung, dass ihre Stimmfarbe gut in eine Doomband passen könnte, wo freilich die Expressivität dann noch weiter gesteigert werden müßte. Gute Ansätze zeigt eine noch unkonservierte Bluesnummer, die nur mit Stimme und Gitarre vorgetragen wird – den Rest des Sets stellen dann das selbstbetitelte Debüt und der aktuelle Zweitling Troubled Times mit seinem originellen Autowrack-Cover. Arbeiten muß das Quartett noch an der Strukturierung des Sets: Dauernd spielt einer der Instrumentalisten in die Songpausen rein, was zwar die Sängerin von der Pflicht, Ansagen zu machen, befreit, aber dazu führt, dass das Publikum keinen Applaus spendet, weil es nicht weiß, wann es das tun soll. So fällt das Miteinander im gut gefüllten Kulturbahnhof, wo die Band offenbar nicht zum ersten Mal spielt, doch etwas zu distanziert aus, wenngleich man dann doch mehr als freundlich applaudiert, als einem die Band mal die Möglichkeit einräumt. Eine gute, aber ausbaufähige Leistung, übrigens bei sehr klarem und lautstärketechnisch angenehmem Sound.

Setlist Deviltrain:
Intro
Runnin‘ Out Of Realness
Trouble
Won‘t Let Go
Timeless
Sinner
Move On
Go My Way
Deviltrain
Thundermachine
Soul On Fire

Auch Ouzo Bazooka standen schon auf der Bühne des Kulturbahnhofs, aber der Rezensent sieht sie an diesem Abend gleichfalls zum ersten Mal. Die Israelis (nicht etwa Griechen, wie man anhand des ersten Wortes des Bandnamens vermuten könnte) beenden mit diesem Set eine zweieinhalbwöchige Europatour, sind entsprechend prima eingespielt und wissen auch bei den improvisatorisch angehauchten Nummern genau, was der jeweils andere macht. Das Quartett spielt als Basis Psychedelic Rock, bewegt sich von dieser aber immer wieder weg und läßt beispielsweise orientalische Elemente einfließen, wozu ein Albumtitel wie Simoom natürlich auch prima Gelegenheit bietet, verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung (im deutschen Sprachraum eher unter der Alternative Samum bekannt) doch ein klassischer Sand- und Staubsturm der nordafrikanischen und arabischen Wüstengebiete, von dem schon Alfred Bertholet vor mehr als 100 Jahren behauptete, dass wir ihn in verschiedenen Gotteserscheinungen des Alten Testaments beschrieben finden. Einen tobenden, alles unter sich begrabenden Sturm erzeugen Ouzo Bazooka auf der Bühne freilich nicht, sie halten ihren Grundsound zumeist eher kompakt und brechen ihn nur an ausgewählten Stellen auf, wie auch dem Nichtkenner schnell klar wird: Mit „Monsters“ und „Sleep Walk“ stehen zwei nach dem sich langsam entwickelnden Intro des ersteren eher kompakt inszenierte Nummern am Setbeginn, „Space Camel“ hingegen weitet die Strukturen mit ausgedehnten Instrumentalsoli erstmals auf, und im weiteren Verlauf wechseln sich beide Herangehensweise munter ab, wobei das Tempo zumeist in mittleren Gefilden bleibt, aber durchaus variabel angelegt wird. In „Killing Me“ und später nochmal im Closer „Latest News“ beginnt der Gitarrist sogar rhythmisch zu hüpfen, und hätte er ein anderes Publikum vor sich gehabt, so hätte dieses Bewegungsmuster auch weitere Verbreitung gefunden, obwohl man es in diesem musikalischen Kontext nun ganz und gar nicht vermutet hätte. Prägenden Einfluß auf den Gesamtsound übt besonders die Keyboarderin mit ihren historischen Sounds aus, von denen keiner ein Entwicklungsdatum später als 1979 getragen haben dürfte – hier blubbert und zischt es, dass es nur so eine Freude ist, und auch der melodische Aspekt kommt in ihrem Spiel nicht zu kurz. Vielfalt ist auch beim Gesang Trumpf: Zwar übernimmt der Gitarrist mit einer an einen echo- und hallverstärkten Ozzy erinnernden Stimme das Gros der Vocals, aber alle anderen Bandmitglieder singen Backings, was die Möglichkeit von bis zu vierstimmigen Sätzen einräumt. Leider kann man diese nicht in ihrer vollen Schönheit wahrnehmen: Die Band hat einen eigenen Soundmann dabei (gekleidet übrigens in einen roten Overall und mit einem kleinen Hut geschmückt), und der tappt in die alte Falle, die Gesamtlautstärke etwas zu hoch anzusetzen, worunter hier von Anfang des Sets an die zu undeutlichen Gesänge zu leiden haben, was sich noch potenziert, als – noch eine alte Falle – um die Hälfte des Sets herum die Gesamtlautstärke weiter nach oben gefahren wird. Wenigstens bleibt das Klangbild der Instrumente relativ klar, und man kann die Spielfreude des einen grundsympathischen Eindruck hinterlassenden und fleißig beklatschten Quartetts eindrucksvoll nachvollziehen. Den stärksten Eindruck hinterlassen das furiose Finale des orientalisch geprägten „1001 Nights“ und der epische Setcloser „Latest News“, der gleichfalls den expressiven Charakter nochmal stark in die Höhe treibt. Eine Zugabe wird vom Publikum eingefordert, kann aber aufgrund der fortgeschrittenen Zeit nicht gewährt werden – der Hauptset ist aber auch schon sehr lang gewesen.

Setlist Ouzo Bazooka:
Monsters
Sleep Walk
Space Camel
Homesick
When She’s Away
Killing Me
Lady Alien
Mermaid Man
I Got You
1001 Nights
It’s A Sin
Trip Train
Latest News



Auch Wucan sind in bezug auf den Kulturbahnhof Wiederholungstäter – der Gig dieses Abends ist bereits ihr dritter hier, und der Rezensent hat einen der beiden Vorgänger gesehen, nämlich im Rahmen des Magnificent Music Festivals am 10. September 2016 (siehe Review auf www.crossover-netzwerk.de). In den drei seither vergangenen Jahren ist das Quartett die eine oder andere Stufe auf der Erfolgsleiter nach oben geklettert und befindet sich aktuell auf einer Mini-Tour durch vier deutsche Städte, wo Material des irgendwann 2020 zu erwartenden, allerdings noch nicht fertiggestellten neuen, summiert dritten Albums schon mal live angetestet wird. Jena ist der letzte der vier Orte, und so zeigt sich die Band auch bei den drei neuen Nummern (die ersten beiden könnten noch auf Arbeitstitel hören, denkt man, wenn man die Setlist sieht) schon gut eingespielt, soweit man das in Unkenntnis der Studiofassungen bereits beurteilen kann. Am grundsätzlichen Stil hat sich nichts verändert: Wucan bleiben im Siebziger-Rock verwurzelt, unternehmen aber Ausflüge in diverse benachbarte Stile, erinnern trotz massiven Querflöteneinsatzes eher selten an Jethro Tull und haben mit dem Theremin ein äußerst originelles Instrument am Start, das einerseits den Sound bereichert, aber andererseits auch fürs Auge etwas bietet – die schlangentanzähnlichen Bewegungen, die so manches weibliche Wesen im harten Rockbereich auf der Bühne vollführt, sind hier bei Francis Tobolsky die Spielbewegungen, indem das elektromagnetische Feld des Instruments an bestimmten Stellen unterbrochen wird und dadurch Töne hervorkommen, die durchaus Einzigartigkeit beanspruchen dürfen, wenn man mal davon absieht, dass man einerseits heute sowas natürlich auch sampeln könnte, es aber andererseits einige artverwandte Instrumente gibt, z.B das Ondes Martenot, bei dem der Rezensent nach einem Liveerlebnis von Olivier Messiaens „Turangalila“-Sinfonie, in der ebenjenes Instrument eine markante Rolle spielt, von einem weiblichen Wesen zu hören bekam, das Ondes Martenot höre sich an wie eine Frau beim Orgasmus. Multiinstrumentalistin Francis, gekleidet diesmal mit völlig zeitloser lockerer Eleganz in ein dunkles Top mit weißem Oberteil und eine hautenge schwarze Hose, beschränkt sich freilich nicht auf das Theremin (und nein, es war nicht sie, von der die eben genannte Äußerung stammt), sondern bedient auch noch andere Effekte, greift zum Schellenkranz oder zu anderen Percussionsinstrumenten, spielt in einigen Songs Zweitgitarre, ist auch für die Flöte zuständig – und den Gesang bestreitet sie auch noch nahezu im Alleingang, nur gelegentlich durch Backingeinwürfe des Leadgitarristen und/oder des Bassisten gestützt. Und das Erstaunliche ist, dass sie in nahezu allen Disziplinen erstklassige Leistungen vollbringt und man nirgendwo das Gefühl hat, hier würde etwas um der Vielfalt willen erzwungen. Leider ist an diesem Abend das Mikrofon einen Tick zu weit in den Hintergrund gemischt, so dass man einige Elemente nicht mit der wünschenswerten Klarheit wahrnehmen kann und nicht mal die deutschen Texte einiger der Songs durchgängig versteht. Das ist schade, denn engagiert agiert die Band hier durchaus: Da gibt es einen Song (das ist der dritte neue, nach „Don’t Break The Oath“ und „Kill The King“) namens „Fette Deutsche“, der die Pegida-Bewegung geißelt, als vielleicht dreiminütiger Hardrockklopfer daherkommt und so simpel gehalten ist, dass auch die Gegeißelten mit ihrem eingeschränkten Horizont sich nicht herausreden können, ihn nicht zu verstehen, wie das vielleicht mit diversem anderem Wucan-Liedgut der Fall wäre – gleich mal mit einem Zehnminüter Marke „Wie die Welt sich dreht“ den Set zu eröffnen kann sich wahrlich nicht jede Band trauen, auch der viertelstündige Setcloser „Wandersmann“ ist recht komplex strukturiert, und ein Theremin dürfte für den gemeinen Pegida-Anhänger sowieso Teufelszeug sein. Dazwischen gibt es einen Streifzug durch das noch junge Schaffen der Band, auch die 2018er Single „Night To Fall“ steht im Set, und all das paßt trotz der Vielfalt prima zusammen und hinterläßt einen geschlossenen Eindruck. Apropos Vielfalt: Sollte Tuomas Holopainen mal eine neue Nightwish-Sängerin brauchen, die nicht nur multiinstrumental unterwegs ist, sondern auch ein mindestens genauso breites, wenn nicht noch breiteres gesangliches Spektrum abdecken kann als Floor Jansen (auch wenn sie gefühlt nur halb so groß ist), dann wüßte der Rezensent eine heiße Kandidatin ... Und wie man in gefühlter Millisekundendistanz vom Flötenspiel in wildes Gebrüll übergeht, ist ihm auch ein Rätsel. An Expressivität mangelt es der Vokalistin also keineswegs, und dass da nicht ganz jeder Ton hundertprozentig mittig sitzt – geschenkt: Sich darüber zu beklagen wäre Jammern auf einem enorm hohen Niveau. Dass die drei Bandkollegen gleichfalls äußerst fit sind, sollte freilich nicht unterschlagen werden. Der äußerst intensive psychotische Schlußteil von „Wandersmann“ mit seiner indisch-philosophischen Rezitation bildet ein so logisch anmutendes Finale des Gigs, dass der Rezensent in Zweifel gerät, ob in diesem Falle eine Zugabe überhaupt angebracht ist – wenn, dann muß es noch etwas ganz Besonderes, sich vom „Normalprogramm“ Abhebendes sein. Und genau das kommt auch: Zunächst gibt es eine kleine Jamsession, begonnen vom Drummer, dann den Basser (im stilechten Südstaatenrockeroutfit übrigens) und schließlich den Gitarristen einfallen lassend, und danach stellt Francis das Publikum vor die Wahl zwischen 1972 und 1979. Das begeisterte und gewitzte Publikum wünscht sich indes beides und bekommt beides: von 1972 „Zwischen Liebe und Zorn“ („da waren wir noch die Klaus Renft Combo“) und von 1979 „Am I Evil?“ („da hießen wir noch Diamond Head“). Vor allem letztgenannte Nummer versetzt auch den Rezensenten in enorme Begeisterung, hat er es bisher doch noch nicht geschafft, Diamond Head mal live zu erleben, und Metallica hatten das Stück auf ihrer 1996er Tour ziemlich verhunzt (wie ihren ganzen Set übrigens). So versetzt er mal wieder sein ergrauendes Haupthaar in Rotation, was er nur noch äußerst selten tut, und die jungen Dresdner bieten eine sehr starke Interpretation dieses Klassikers, wobei der Gitarrist ins Finale noch das „Smoke On The Water“-Riff einschmuggelt. Kurz vor Geisterstundenende ist damit auch das Finale eines überwiegend sehr starken und verdientermaßen sehr gut besuchten Gigs erreicht. Auf dem Heimweg singt im Gebüsch übrigens eine Nachtigall, und das am 15. Dezember um 1 Uhr nachts bei 5 Grad über Null.

Setlist Wucan:
Wie die Welt sich dreht
Don’t Break The Oath
Looking In The Past
Kill The King
Father Storm
Night To Fall
Fette Deutsche
Wandersmann
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Zwischen Liebe und Zorn
Am I Evil

Roland Ludwig


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