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Der Groove kommt mit Verspätung: aJan spielen einen merkwürdigen Gig im Jenaer Kulturbahnhof

Info

Künstler: aJan

Zeit: 06.12.2019

Ort: Jena, Kulturbahnhof

Internet:
http://www.kuba-jena.de
http://www.beajan.com

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Im Netz findet man von aJan Videos, die eine mehr oder weniger voll besetzte Band zeigen, welche einen originellen, im weitesten Sinn als Psychedelic Rock mit Ethno-Elementen zu klassifizierenden Sound fährt – stutzig könnte einen freilich machen, dass die Ankündigungen für das Konzert am Nikolausabend im Jenaer Kulturbahnhof Kinderbilder (!) von vier bzw. Erwachsenenbilder von nur drei Personen zeigen. Kurz vor der planmäßigen Startzeit 22 Uhr in der Location angekommen, überrascht einen dann die bis auf drei Mikroständer, einen Gitarrenamp samt ein paar Effektpedalen und einen Laptop leere Bühne. Was passiert hier?
Die Antwort gibt es nahezu pünktlich ab 22 Uhr. Aus dem Backstageraum kommen vier Personen, auf die Bühne steigen aber nur drei – der vierte Mensch schwenkt während der ersten paar Setminuten vor der Bühne eine einfarbig orange Flagge und ist den weiteren Gig hindurch damit beschäftigt, selbigen zu filmen, greift aber nicht ins Bühnengeschehen ein. Dort sind die drei anderen Personen zugegen: ein Gitarrist sowie ein Sänger und eine Sängerin, wobei der Sänger bisweilen noch einen Schellenkranz zum Erklingen bringt. Der Gitarrist wiederum hat den Laptop neben sich stehen und holt alle Instrumentalsounds, die nicht von Gitarre oder Schellenkranz kommen, aus der Dose.
Bleibt die Frage, wie das nun klingt – und die ist enorm schwer zu beantworten. Das offizielle Infoschreiben liefert Ansätze: aJan kreiert eine einzigartige Kombination aus Wüsten-Groove und einer rave-artigen Atmosphäre. Mit ansteckenden afrikanischen und middle-eastern Grooves, energetischen Rockgitarren und dem Einfluss der Berliner Elektro-Szene, bringt aJan fantastische und belebende Live-Performances auf die Bühne.“ Das stimmt irgendwie und doch wieder nicht. Zum einen stammen die Grooves eher aus dem afrikanischen, die Gitarrenmelodien aber aus dem nahöstlichen Raum, wenn letztere nicht sowieso völlig räumlich ungebunden bleiben (der Gitarrist sei übrigens richtig gut, konstatiert ein Mensch im Publikum, der dieses Instrument auch spielt). Zum zweiten aber fehlt hier in der Beschreibung eine entscheidende Komponente, nämlich der Gesang, und der stellt zweifellos einen Haupttrumpf der Truppe dar. Von hiphopverdächtigem, aber auch für Nichthiphopper genießbarem Sprechgesang über fast melodicrockkompatible mehrstimmige Arrangements bis hin zu appellierendem morgenländischem Vortrag, der einem Muezzin zur Ehre gereichen würde, bieten die drei Vokalisten ein enorm breites Spektrum, ohne freilich in Beliebigkeit zu verfallen: Irgendwie paßt alles zusammen, auch wenn es bisweilen etwas dauert, um das zu erkennen. Auch die Songwritingideen wissen oft zu überzeugen: Aus einem reggaelastigen Anfang einen Song in die Epic-Metal-Richtung (!) zu entwickeln, ohne dass es bemüht wirkt, das schaffen nur ganz, ganz wenige, und das scheinbar in Berlin ansässige, aber verschiedene Migrationshintergründe mitbringende Kollektiv gehört zu diesen wenigen, die überhaupt erstmal auf so eine Idee kommen und dann auch noch in der Lage sind, diese auf hohem Niveau umzusetzen. Zu den erwähnten Migrationshintergründen gibt es im Infoschreiben übrigens auch noch einen Satz: aJan besteht aus Musikern mit musikalischen Hintergründen aus Nigeria, dem Mittleren Osten, dem Vereinigten Königreich und Deutschland.“ Der aus dem Mittleren Osten dürfte der Gitarrist sein – die anderen bleiben unklar, zumal ja auch nicht klar ist, auf welche Besetzung sich dieser Satz bezieht. Schrägerweise sprechen alle drei Vokalisten Englisch mit dem Publikum, obwohl zumindest die Sängerin in einer der letzten Nummern plötzlich deutsche Sätze einbaut und diese sogar fast akzentfrei singt. Außerdem verarbeitet die Band den Ortsnamen Jena in einem der Vokalarrangements und macht das durchaus gekonnt.
Über die Tanzbarkeit der Musik aJans ist bisher noch kein Wort gefallen, aber entsprechende Andeutungen gibt es schon: Selbige bewegt sich auf einem sehr hohen Niveau, und das wird vom allerdings nur in geringer Anzahl erschienenen Publikum weidlich ausgenutzt, zumal auch auf der Bühne reichlich Bewegung herrscht und sogar der Hüne von Sänger diesbezüglich eine erstaunliche Leichtigkeit an den Tag legt. Trotzdem dauert es ein wenig, bis richtig Stimmung aufkommt, und das hat zwei Gründe. Zum einen wirkt die Performance nicht bis ins Detail durchdacht: Wenn ein Song, also in diesem Fall ein Sample, endet, spielt der Gitarrist noch ein, zwei Riffs hinterher, die meist schon zum nächsten Song gehören. Dann ist kurz Stille, er schaltet am Laptop das nächste Sample ein, und dann beginnt der nächste Song. Die Ansagen kommen meist in die hinterhergespielten Riffs hinein, so dass man sie nur zur Hälfte versteht, während die Stille oft auch still bleibt und man irgendwie überhaupt nicht weiß, wann man hier eigentlich applaudieren soll. Zum zweiten hatte sich die Band einen extrem höhenlastigen Sound gewünscht, und der kommt in den ersten Songs auch und geht zumindest dem Rezensenten völlig auf die Nerven: Die eigentlich richtig guten Stimmen gellen trotz Nicht-Überlautstärke im Ohr, der Drumsound erfüllt alle Klischees, die die Gegner des Computerdrummings immer ins Feld führen, der Baß ist quasi nicht wahrzunehmen, und somit fehlt es am verbindenden Element zwischen der Gitarre und der Percussion. Nach zwei kleinen Korrekturen funktioniert das Ganze indes plötzlich deutlich besser: Den Höhen werden die Spitzen (sowohl im Gesang als auch in den Drums) genommen und der Baß hörbar gemacht – et voilà, da ist auf einmal der mehrfach angesprochene, in den ersten Songs aber nur diffus erahnbare Groove vorhanden, da ist ein erster kleiner Schritt zu einem viel harmonischeren Ganzen getan. Den zweiten könnte die Band freilich nur dann gehen, wenn sie (wieder) in voller Besetzungsstärke spielt: Man ertappt sich beim Hören immer wieder, sich zu fragen, wie dieser Psychedelic Ethno (so der Versuch, das Gehörte in eine Stilbeschreibung zu fassen) jetzt wohl mit einer echten Rhythmusgruppe und mit einem einfallsreichen Keyboarder klingen würde. Die Ideen sind ja da ...
Der Ehrlichkeit halber muß aber eins hinzugefügt werden: Große Teile des Publikums sehen zumindest die Umsetzung nicht als Problem an, sondern nehmen die Möglichkeit des Tanzbeinschwingens dankbar wahr, in intensiverer Ausprägung natürlich speziell dann, als der Groovefaktor steigt, aber durchaus auch schon vorher. Der Rezensent hingegen zieht sich auf einen Beobachterposten zurück und stellt überrascht fest, dass nach deutlich unter einer Stunde Spielzeit schon der letzte Song angekündigt wird. Natürlich fordert das Publikum Zugaben ein, bekommt allerdings zwei bereits gespielte Songs nochmal vorgesetzt, und nach nur knapp über einer Stunde ist das Konzert vorbei. Das mutet merkwürdig an, zumal die Stimmung trotz der überschaubaren Publikumskopfzahl eigentlich richtig gut ist und die Anwesenden irgendwann einfach applaudieren, wenn ihnen danach ist, ohne sich drum zu kümmern, ob da jetzt gerade Geräusche von der Bühne kommen oder nicht. Aber diese Kürze ist unerquicklich, wenngleich vielleicht bandtypisch: Das aktuelle aJan-Album Opposite Side, das kurioserweise als Mixtape angesagt wird, enthält laut Bandcamp-Eintrag auch nur sechs Songs, und diese besitzen keineswegs Überlänge, so dass wir eher eine EP vor uns haben. Was lehrt uns das Ganze nun? Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Draußen geht derweil übrigens ein Wolkenbruch nieder.

Roland Ludwig


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