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Wenn die Ambitionen realitätsfern werden: Der zweite Abend des Magnificent Music Festivals in Jena fällt zu guten Teilen durch

Info

Künstler: Magnificent Music Festival, Abend 2 mit Tuber, The Great Machine, Velvet Two Stripes

Zeit: 28.09.2019

Ort: Jena, Kulturbahnhof

Internet:
http://www.kuba-jena.de
http://www.magnificentmusic.de

Die Berliner Bookingagentur Magnificent Music pflegt ein herzliches Verhältnis zum Team des Kulturbahnhofs in Jena, und so bildet diese Location einerseits einen Stammtermin, wenn Bands dieses Hauses auf Tour sind – andererseits aber gibt es da auch noch das Magnificent Music Festival, das meist an einem Septemberwochenende in Berlin und Jena abgehalten wird, und zwar so, dass die meisten Acts, die am Freitag in Berlin gespielt haben, dann am Samstag in Jena auftreten und umgekehrt. Der Rezensent kann bei der 2019er Auflage des Festivals am Freitag in Jena nicht zugegen sein – eine Bekannte, die ab der zweiten Band anwesend war und die üblicherweise recht strenge Maßstäbe anlegt, ist mit dem, was sie von Love Machine und DeWolff geboten bekommen hat, sehr zufrieden. Und da, was unter dem Magnificent-Banner segelt, üblicherweise qualitativ hochwertig ist, herrscht auch Vorfreude auf den zweiten Abend.

Als der Rezensent mit einer knappen halben Stunde Verspätung im Kulturbahnhof eintrifft, stehen Velvet Two Stripes seit etwa 10 Minuten auf der Bühne. Die schweizerische Formation ist als Garage Rock angekündigt, und dort läßt sich die Basis ihres Sounds auch tatsächlich verorten, wenngleich die Garage keinen ölverschmierten, sondern durchaus einen aufgeräumten Eindruck hinterläßt. Pieksauber geht’s aber auch wiederum nicht zu Werke – da ist schon die Sängerin vor, die sich in einer Stimmlage wie eine schnoddrigere Version von Doro Pesch anhört, sich aber durchaus nicht auf diese Lage beschränkt: Wenn sie diese einsetzt, trifft sie die Töne durchaus nicht immer „mittig“, aber wenn sie sich mit der Bassistin zum melodienseligen Zwiegesang trifft, schaffen beide durchaus klare Harmonien, so dass der erwähnte Nicht-Mittig-Treff-Effekt ein Stilmittel darstellen und nicht auf etwaige vokale Schwächen verweisen dürfte. Auch die Gitarristin neigt bisweilen dazu, Riffs eher in die Breite zu ziehen, anstatt rockige oder gar metallische Schärfe ins Spiel zu bringen, aber auch hier findet sich eine Passage, wo die beiden Sechssaiter – die Sängerin greift in einigen Songs zur Zweitgitarre – ein doppelläufiges Riff hervorzaubern, das jede Epic-Doom-Band mit Kußhand übernommen hätte. Und apropos Doom: Der Drummer, das einzige männliche Bandmitglied und optisch auch bei den Landsleuten Eluveitie gut aufgehoben, hält den Beat zumeist in gehobeneren Lagen, aber ein gutes Stück unterhalb der Speedgrenze – gleich in mehreren Songs aber schaltet er phasenweise konsequent herunter, und es ergeben sich entweder Proto-Doom-Breaks oder aber eine Passage, die eher an Pink Floyd erinnert. Diese langsamen Passagen entwickeln viel mehr Intensität als das als Blues angesagte, aber etwas orientierungslos im Midtempo dahinwabernde „12 O’Clock Burn“, wenngleich auch das kein per se schlechter Song ist und das Quartett in der Gesamtbetrachtung ein achtbares Niveau nirgendwo unterschreitet. An der Publikumskommunikation muß die Sängerin allerdings noch arbeiten – sie wirkt in den Ansagen fast scheu, obwohl sie, wie man später feststellt, wenn man sie im Publikum trifft, durchaus ein lockeres Mundwerk besitzt, wobei das der Bassistin aber noch lockerer zu sein scheint. Trotzdem herrscht allgemein gute Stimmung im sehr gut gefüllten Kulturbahnhof, und findet sich zu Beginn des Sets nur ein Enthusiast im Saal, der quasi im Dreieck springt und die Band frenetisch anfeuert, so steigt die Zahl dieser Personen durchaus an, zumal man dank eines klaren und nicht zu lauten Klanggewandes alle Einzelheiten gut mitverfolgen kann. Das enorm starke episch-breite „Plastic“ schließt den Set ab, das Auditorium spendet fleißig Applaus, aber die Zugabeforderungen bleiben sehr spärlich – die Band stellt aber fest, dass sie noch Zeit habe, und intoniert mit „She’s On Fire“ noch ein kurz-knackiges Extra, in dem sie zu allem Überfluß auch noch mit Disco-Rhythmen spielt. Das Gesamtbild des Sets kann man durchaus differenziert betrachten – als gekonnt angereicherten Garage Rock, aber auch als noch in der Stilfindungsphase befindliche Band, und man wird das Gefühl nicht los, dass man sich das Quartett auch richtig gut als Blumenkinder-Version der frühen Black Sabbath vorstellen könnte. In jedem Fall eine Band, die man weiter beobachten sollte – sofern man optisch noch dazu in der Lage ist: Der Lichtmann richtet Teile der Anlage mit derart intensiven Blendeffekten in Richtung Publikum aus, dass man sich wünscht, man habe eine Sonnenbrille dabei.

Setlist Velvet Two Stripes:
Intro
Hey Boy
Somebody Is Fool
Drinks
Karma
Madeline
City
Mad Machine
12 O’Clock Burn
Gypsy
Sister Mercy
Lizard Queen
Plastic
--
She’s On Fire

The Great Machine machen sich zunächst unbeliebt, indem sie beim Soundcheck auf der Bühne und auch später beim Konzert rauchen, damit einige Anwesende animierend, die Atmosphäre gleichfalls zu vergiften. Außerdem absolvieren sie den Soundcheck in barbarischer Lautstärke, die der Soundmann beim Gig dann zwar anfangs zurückfährt, wofür er mit einem schön klaren und ausgewogenen Klanggewand belohnt wird – aber nur während des ersten Songs: Danach werden die Regler auf Ohropax-erforderndes Level hochgefahren, und mit der Klarheit ist’s dahin, zumindest was die Vocals angeht, die fortan nur sehr weit im Hintergrund zu erahnen sind, während die Lage bei den Instrumenten etwas besser ist. Obwohl alle drei Bandmitglieder Leadvocals singen, steht der Gesang bei den Israelis allerdings per se weniger im Fokus, wodurch sie sich einiger Gestaltungsmöglichkeiten berauben, zumal alle drei klar unterscheidbar sind: Der Gitarrist, der am wenigsten singt, shoutet mehr oder weniger auf einem Ton, der Drummer singt melodisch und wäre auch in einer AOR-Combo gut aufgehoben, und der Basser, dem der vokale Löwenanteil gehört, besitzt ein kräftig-rauhes Organ der Marke „Lemmy mit Schnupfen und Halsweh“. Daß er auch noch aussieht wie ein Hybride aus Reinhard Mey und eben Lemmy, geht als Kuriosum durch, denn erstgenannter hat keinerlei Spuren im Sound des Trios hinterlassen, letzterer aber schon: Kann sich jemand vorstellen, wie es klänge, wenn Motörhead Stoner Rock spielen würden? Die Antwort liefern The Great Machine. Sie schalten gelegentlich allerdings auch mal für einen ganzen Song ins Doomfach herunter, und wenn sie sich auf kompakte Songs mit gelegentlichen instrumentalen Eskapaden konzentrieren, dann sind sie eigentlich richtig gut. Leider tun sie das nur in der ersten Sethälfte – danach verlieren sie sich in Verwirrtheit, die schon von Anfang an abseitigen Ansagen des Bassisten werden endgültig unzurechnungsfähig, und anstatt Songs gibt es nur noch Sound, der nach nicht gar zu langer Zeit gehörig zu nerven beginnt, sowie Show, die den Mangel an Songs auch nicht kompensieren kann: Der Basser läßt sich singenderweise durchs Publikum tragen, und alle drei verlegen zum Schluß ihr Aktionsgebiet vor die Bühne, auch der Drummer, der dafür sein Instrument auseinandernimmt. Das gefällt Teilen der Anwesenden ob der Publikumsnähe, aber die ist im Kulturbahnhof ja sowieso da (dass Versuche der Inszenierung von Distanziertheit hier eher zum Scheitern verurteilt sind, wissen wir spätestens seit dem Jex-Thoth-Desaster von 2018 – siehe Rezension auf diesen Seiten), und man wird das Gefühl nicht los, dass andere Dinge plötzlich wichtiger sind als die Musik. Das ist schade, denn so übel musizieren die drei Israelis wie geschildert prinzipiell nicht, wenngleich sie natürlich nicht das größte Ding seit der Erfindung des Rades darstellen. Diverse Menschen im begeisterten Teil der Anwesenden fordern eine Zugabe ein, die die Band aber zum Glück für den anderen Teil nicht spielt. Der Lichtmann wiederum schießt den Vogel ab, indem er die Blendintensität des Publikums noch erhöht, obwohl der Rezensent woanders steht als bei Velvet Two Stripes und teilweise sogar einen der wenigen Menschen, die markant größer sind als er, als Blendschutz vor sich stehen hat. Nach ein paar Songs hat das Licht den Rezensenten derart entnervt, dass er nach rechts außen ins Areal vor der Bar flüchtet und dort einen Platz sucht, wo die auch dorthin noch blendenden Scheinwerfer möglichst alle hinter einer Säule verborgen sind. „Überambitioniert“ ist das einzige treffende Wort, das den Gig von The Great Machine in seiner Gesamtheit adäquat beschreibt.

Die genannte Vokabel darf man auch gleich im Gedächtnis behalten. Der Zeitplan ist längst völlig aus den Fugen, die Umbaupause dehnt sich, die beiden Gitarristen von Tuber lungern viele Minuten lang startklar auf der Bühne herum, der eine hat auch sein Spaceeffektgerät erfolgreich getestet – aber als die Verspätung sich der Stundenmarke nähert und immer noch ein Pulk Leute auf der Bühne steht und am Schlagzeug herumschraubt (sarkastisch-resignierter Kommentar eines dieser Menschen, als er die Bühne mal kurz verläßt: „Künstler ...“), ergreift der schon von The Great Machine nachhaltig entnervte und langsam ermüdende Rezensent endgültig die Flucht und begibt sich auf seine reichlich 100 Kilometer Heimweg. Trotz der anhörenswerten Velvet Two Stripes bleibt das Beste an seinem Abend somit kurioserweise die Umbaupausenmusik von den Beatles („Drive My Car“) und Queen („Fat Bottomed Girls“, „I Want It All“, letzteres sogar gleich zweimal erklingend).
Was später noch passierte, erfährt der Rezensent von einem Dabeigebliebenen: Tuber haben irgendwann doch noch zu spielen begonnen, wurden nach einer halben Stunde indes erneut ausgebremst – nach einer weiteren halben Stunde Ursachenforschung stellte sich heraus, dass das Effektpedal eines der Gitarristen der Störenfried war. Zehn Minuten Spielzeit folgten noch, bevor die Griechen ihren Set beendeten. So ergibt sich die Erkenntnis, dass auch sonstige Qualitätsgaranten wie Magnificent Music nicht vor Fehlschlägen gefeit sind und man andererseits durch so ein Konzert diejenigen, wo alles klappt und ein großartiges Erlebnis im Gedächtnis bleibt, umso stärker zu würdigen weiß.

Roland Ludwig


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