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Die Abschaffung der Baßsounds: Brass Against und J. P. Bimeni müssen in Jena weitgehend ohne tiefes Tonspektrum auskommen

Info

Künstler: Brass Against, J. P. Bimeni

Zeit: 21.08.2019

Ort: Jena, Kulturarena

Internet:
http://www.kulturarena.de
http://www.brassagainst.com

Sechs Wochen lang bietet das Kulturarena-Festival in Jena allsommerlich einen bunten Mix aus Filmen, Theateraufführungen und Konzerten von Acts verschiedenster Stilrichtungen. Letztere finden zu einem kleinen Teil in den Clubs und Hallen der Stadt statt, zum größeren Teil aber open air auf dem Engelplatz vor dem Theater, was auch auf diesen Abend zutrifft, dessen Programm pünktlich um 19.30 Uhr mit dem Supportact beginnt. Ein Sextett aus zwei Bläsern, einem Keyboarder, einem Gitarristen, einem Bassisten und einem Drummer, allesamt spanische Namen tragend, agiert zunächst anderthalb Songs lang instrumental, bevor die eigentliche Hauptperson dieser Formation die Bühne betritt: J. P. Bimeni, bürgerlich Jean Patrick Bimenyimana, gebürtig aus Burundi und einem dortigen Adelsgeschlecht angehörend, allerdings politisch in Ungnade gefallen und nach diversen Attentatsversuchen sicherheitshalber nach England emigriert, wo er erst Politik studierte und dann Musik zu machen begann. Singen kann er – er klingt wie eine schwarze Version von CCRs John Fogerty, allerdings weitgehend ohne Anflüge von Rauhigkeit, leicht flächig und durchaus zu einer gewissen Expressivität fähig. Mit dieser Stimme führt er seine Band kreuz und quer durchs klassische soulnahe Repertoire, in dem sich der Rezensent zu wenig auskennt, um detaillierte Analysen zu liefern. „Keep On Running“ von der Spencer Davis Group ist jedenfalls dabei, und eine Freundin des Rezensenten rechnet damit, dass irgendwas von Sydney Youngblood kommen könnte, aber das trifft dann doch nicht ein. Ein wenig seltsam aufgebaut ist der Set dabei schon: In den anderthalb Songs ohne den „Chef“ agiert die Band knackig bei flotteren Tempi – kaum ist der „Chef“ aber da, nimmt sie das Tempo heraus, und aus ist’s mit der Lebensfreude, ohne aber auch in richtige bluesige Schwärzegrade vorzustoßen. Irgendwie mutet das alles viel zu indifferent an, unterstützt durch einen saft- und kraftlosen Sound: Vermutlich gilt es Dezibelobergrenzen zu berücksichtigen, aber selbst das rechtfertigt noch nicht, dass der Baß ähnlich dynamisch abgemischt ist wie bei den Flippers und irgendwie alles andere aus den Boxen kommt, aber keine Idee, wie beseeltes Musizieren klingen kann. Das tun die Instrumentalisten dann kurioserweise wieder im lange ausgespielten Outro, nachdem der „Chef“ von der Bühne verschwunden ist. Unsympathischerweise überredet Gitarrist Fernando das freundlich applaudierende, aber alles andere als begeisterte Publikum dann indes noch zu einer Zugabe, obwohl der Zeitplan eigentlich keine solche zuläßt, und es gibt zu allem Überfluß nicht nur einen Zugabensong, sondern sogar deren zwei, was sich am Ende noch rächt. Von einem „sensationellen Konzert“ spricht der etwas verstrahlt wirkende Moderator danach, steht mit dieser Meinung allerdings eher alleine da, wenngleich das Ganze auch wiederum alles andere als richtig schlecht war.

Brass Against sind eigentlich keine Band im eigentlichen Sinn, sondern ein Künstlerkollektiv um den Gitarristen Brad Hammonds und den Saxer Andrew Gutauskas (bei dem Namen muß der litauische Wurzeln haben), die sich eines Tages fragten, wie Nummern von Rage Against The Machine klingen würden, wenn man sie mit Blechbläsern spielt. Die Idee griff um sich, und aktuell besteht das Kollektiv aus etwa 20 Musikern, von denen acht die aktuelle Europatour bestreiten, welchselbige bereits reichlich zwei Monate dauert und in Jena ihr drittletztes Konzert erlebt. Neben dem Gitarristen und dem Saxer haben wir eine Sängerin, eine Posaunistin, zwei Trompeter, einen Drummer und einen Menschen, der in ein Sousaphon, also die amerikanische Version des Helikons, kriecht, vor uns. Der rockmusikerfahrene Hörer bemerkt sofort, dass es keinen Bassisten gibt – diese Rolle fällt teilweise dem Saxer, der ein großes Baritonsax spielt und damit teils beeindruckend tief herumknarzt, überwiegend aber dem Sousaphonisten zu. Der würde ihr sicher auch gerne nachkommen, aber der Soundmensch bremst ihn aus: Wie schon bei Bimeni ist auch hier der Baßsound so weit in den Hintergrund gemischt, dass man sich anstrengen muß, um ihn wahrzunehmen, und sowas wie ein satter Groove oder auch nur grundlegende Power von unten überwiegend völlige Fehlanzeige darstellt.
Das ist schade, denn dadurch verliert das Grundkonzept von Brass Against etwas an Wirkung. Zwar haben sie das Repertoire mittlerweile auf (Protest-)Songs anderer Acts ausgedehnt, aber auch da findet sich viel mit „schwarzer“ Attitüde wieder, dem ein angemessenes Tiefenspektrum zu wünschen wäre und eine druckvollere Gitarre gleich dazu. Oder anders: Hier rockt zu wenig, bleibt vieles musikalisches Stückwerk, liegt der akustische Sexfaktor in der Nähe der Grasnarbe, und das alles ist nicht der Band bzw. ihrem Spiel an diesem Abend anzulasten. Dass der Gig grundsätzlich trotzdem zum Erfolg wird, liegt einerseits an der Qualität der Vorlagen, andererseits am Ideenreichtum der maßgeblich durch Gutauskas konzipierten Umsetzung und nicht zuletzt an der individuellen Klasse der Musiker. Vor allem Sängerin Liza Colby, ein Energiebündel mit einer extrem wandlungsfähigen Stimme, holt so manche Kastanie aus dem Feuer, macht die Bühne zum Laufsteg und ist scheinbar zu keiner Bewegung unfähig, schreit, singt und rappt sich durchs Material und bildet klar den Mittelpunkt der Show, während sich Hammonds bewußt etwas zurücknimmt, aber bei passender Gelegenheit gleichfalls das Wort ergreift. Dass diverse der, von der Sängerin abgesehen, alle einheitlich in Weiß gekleideten Musiker gleichfalls multiple Talente besitzen, zeigt sich, als die Posaunistin zum Mikrofon greift und unter Beweis stellt, dass sie stimmlich auch in einer Black-Metal-Band nicht deplaziert wäre.
Von der Setlist her stellen Rage Against The Machine natürlich nach wie vor einen guten Teil des Materials, beginnend gleich mit „Wake Up“ und den größten Hit „Killing In The Name Of“ auch schon relativ früh, nämlich an Position 5, bringend. Ansonsten gibt es aber auch Nummern etwa von Tool, Jane’s Addiction, Royal Blood oder den Beastie Boys, die Altrocker im Publikum freuen sich über Led Zeppelins „Kashmir“, und mit einer gewissen Überraschung registriert man selbst Danzigs „Mother“. Die Stimmung im Publikum ist trotz des kraftlosen Soundgewandes gut, man singt fleißig mit, beklatscht auch die politischen Statements (wobei freilich anzumerken bleibt, dass die Dichte und Intensität der Statements an der Sinnhaftigkeitsgrenze kratzen), und ein paar Enthusiasten versuchen sogar zu hüpfen, was auf dem kleinformatigen, mit breiten und recht tiefen Fugen verlegten Pflaster des Engelplatzes mit normalen Straßenschuhen gar nicht so einfach ist. Nichtsdestotrotz freut man sich auf ein ausgedehntes Konzerterlebnis, bis die Band nach wenig mehr als einer Stunde den letzten Song ankündigt und danach die Bühne verläßt – eine Zugabe gibt es nicht, und die unangenehme Aufgabe, dem empörten Publikum die Lage zu erklären, kommt dem verstrahlten Moderator zu: Es ist 22 Uhr und damit die Sperrstunde erreicht. Wohl niemand unter den Zuschauern hätte etwas dagegen einzuwenden gehabt, wenn man Bimeni konsequent den Strom für die Zugaben abgedreht hätte, sofern man gewußt hätte, dass diesem unkollegialen Gebaren der Vorband (!) die Zugaben des Headliners (und vielleicht sogar ein Teil von dessen regulärem Set) zum Opfer fallen würden. So mischen sich in die Freude über ein grundsätzlich durchaus interessantes Konzert zwei Wermutstropfen in Gestalt von Zeitmanagement und Sound.

Roland Ludwig


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