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Die deplatzierten Hutbürger: Matthias Oldag inszeniert Carl Millöckers Der Bettelstudent an der Leipziger Musik- und Theaterhochschule

Info

Künstler: Carl Millöcker: Der Bettelstudent

Zeit: 23.05.2019

Ort: Leipzig, Hochschule für Musik und Theater

Internet:
http://www.hmt-leipzig.de

Üblicherweise bekommt man im allfrühjährlichen Opernprojekt an der Leipziger Musik- und Theaterhochschule auch tatsächlich eine Oper geboten – das ist 2019 anders: Die Kreativfraktion rund um Matthias Oldag hat diesmal Der Bettelstudent von Carl Millöcker aufs Programm gesetzt, also eine Operette. Nun haftet diesem Genre ja ein noch anachronistischerer Geruch an als dem Genre Oper – bildet das den Grund, dass diesmal der Run auf die Karten nicht ganz so immens ist und in der sechsten und letzten Vorstellung, die der Rezensent besucht, einige Plätze leer bleiben, was man von den jüngeren Opernprojekten so gar nicht kannte?
Bei genauerem Überlegen hätte aber schon der Name Oldag eine gewisse Denktätigkeit in Gang setzen müssen: Der Regisseur ist für doppel- bis dreifachbödige Inszenierungen bekannt, und so sollte man davon ausgehen können, dass er auch eine Operette nicht etwa als pures Lustspiel auf die Bühne bringt, bei dem nach ein paar kleinen Irrungen sich schnell alle finden, die sich finden müssen. Das Cover des Programmheftes (siehe Abbildung), dessen obere Hälfte in der Farbkombination Schwarz-Weiß-Rot gehalten ist und in dessen unterer Hälfte ein Ortsschild mit der Aufschrift „Krakau – Sachsen?“ prangt, läßt schon den einen oder anderen Abgrund erahnen, und richtig: Oldag hatte bereits anno 2015 Der Freischütz konsequent und mit allen Rahmenbedingungen in dessen Originalzeit, also dem Dreißigjährigen Krieg, verortet (siehe Review auf www.crossover-netzwerk.de) und tut das nun auch mit Der Bettelstudent, für den der Große Nordische Krieg den historischen Hintergrund abgibt. Das Werk spielt 1704 in Krakau, der Grundkonflikt bemißt sich zwischen den nach Unabhängigkeit strebenden Polen und den seit einigen Jahren in Gestalt von August dem Starken auf dem polnischen Königsthron sitzenden Sachsen, während die weiteren Kriegsparteien, also Rußland und Schweden, in der Operette nicht vorkommen und auch in dieser Inszenierung nicht eingefügt werden. Das Programmheft betont immer wieder den Versuch, die Konstellation historisch authentisch zu zeichnen, vergißt dabei aber einen grundsätzlichen Fakt, der offenbar auch den originalen Librettisten entgangen ist, als sie „Krakau 1704“ für ihr Werk wählten: Waren die Sachsen 1704 überhaupt die Regierungsmacht in Krakau? 1702 hatten jedenfalls die Schweden unter Karl XII. die alte polnische Königsstadt erobert, und der Rezensent hat gerade kein Grundlagenwerk über den Großen Nordischen Krieg zur Verfügung, um nachzuschlagen, wann die Stadt danach zum nächsten Mal ihren Besitzer wechselte und wieder von den Truppen Augusts des Starken erobert wurde. Dass Karl die sächsischen Verwaltungsbeamten, zumindest die hohen Offiziere, im Dienst gelassen hätte, erscheint schwer vorstellbar und war auch tatsächlich nicht der Fall: Der Krakauer Burghauptmann Wielopolski, also der lokale militärische Befehlshaber, mußte seinen Posten räumen und wurde durch den schwedischen Feldmarschall Graf Stenbock ersetzt, wenngleich dieser das Amt zumindest für eine gewisse Zeit nur nominell innegehabt haben kann, denn im Folgejahr 1703 finden wir ihn schon wieder auf anderen polnischen Kriegsschauplätzen aktiv. August wiederum hatte 1703 genug Sorgen mit der Belagerung von Thorn und 1704 mit der Rückeroberung von Warschau, so dass die Frage akut offenbleibt, wo 1704 in Krakau plötzlich wieder hohe sächsische Offiziere herkommen – justament diese spielen aber zentrale Rollen in der Operette. Das Programmheft erwähnt nicht einmal irgendeinen Zweifel in dieser Richtung – wenn aber tatsächlich Krakau 1704 noch schwedisch besetzt war, geht die Inszenierung völlig am intendierten Ziel vorbei.
Die Grundkonstellation läßt sich operettentypisch knapp zusammenfassen: Ein von einer polnischen Adligen gekränkter sächsischer Offizier will den aristokratischen Polen einen Streich spielen, tappt aber selbst in eine Falle und wird schließlich zum Opfer eines polnischen Aufstandes, wonach einer standesgemäßen Doppelhochzeit aus weiblichen Adligen und männlichen Aufständischen nichts mehr im Wege steht. Damit endet sowohl die originale Operette als auch die Inszenierung – dass der Aufstand nur kurzfristige Erfolge zeitigte und sich das Kriegsglück bald wieder mehrfach wendete, interessiert hier niemanden, auch wenn gerade das im Kontext einer konsequenten In-die-Originalzeit-Versetzung ein nicht unbedeutender Fakt gewesen wäre.
Betrachtet man die Operette anhand dessen, was man tatsächlich geboten bekommt, so fällt das Ergebnis in der Schauspielsparte recht ergötzlich aus. Der Bühnenhintergrund zeigt einen Belagerungsplan von Krakau, die Sprechtexte wurden neu gefaßt und mit einer Reihe aktueller Anspielungen versehen, mal allgemein witzig, bisweilen allerdings auch mit bitterbösem schwarzem Humor gespickt. Das trifft auch auf bestimmte Ausstattungs- und Handlungselemente zu – köstlich etwa das sächsische „Volk“, das sich auf dem Krakauer Strietzelmarkt herumtreibt, den die sächsischen Besatzer in bester kolonialer Tradition eingeführt haben: mit Hüten, wie sie ein berühmt-berüchtigter sächsischer LKA-Beamter und vom ZDF gefilmter Demonstrant, der sogenannte Hutbürger, trug, Fähnchen schwenkend und einen Tisch schnell verlassend, als sich an diesem einige Polen neben sie setzen wollen. Anton Haupt, der alle Nebenrollen in einer kombiniert, spricht ein breites Sächsisch, das vor allem zum Gefängniswärter Enterich prima paßt – eingeführt wird er allerdings weniger als Engel, als den ihn das Programmheft tituliert, sondern mit Flammenzungen eher mephistophelisch, wobei ein diesbezüglich angedeuteter Konflikt indes unaufgelöst bleibt, wenn man nicht gerade vermutet, seine letzte Rolle als polnischer Gegenkönig sei mephistophelisch gemeint, wofür es bei genauerer Betrachtung keine Hinweise gibt.
Das Problem dieses Irrwegs nimmt man freilich gerne in Kauf – das musikalische Problem allerdings nicht. Vier der sechs Vorstellungen hatte Dirigierprofessor Matthias Foremny geleitet, je eine der beiden Besetzungen (sowohl bei den Sängern als auch im Orchester gibt es jeweils eine A- und eine B-Besetzung) übernahm ein Student, was an diesem Abend Alexander Stessin ist, und der scheint mit seiner Aufgabe leicht überfordert zu sein. Dass sich bei Verzögerungen an Phrasenenden nicht immer alle einig sind – geschenkt. Aber aus dem Graben kommt trotz nicht eben voluminös besetzten Orchesters in ersten Akt eine derartige Lautstärke, dass es den Sängern ziemlich schwer fällt, sich akustisch Raum zu verschaffen. Die Balance gelingt im zweiten und dritten Akt, die durchgespielt werden, besser – dann aber tritt das andere, noch größere Problem eindrucksvoll hervor: Keiner der Sänger ist in der Lage, seinen Text durchgehend verständlich herüberzubringen. Ansatzweise gelingt das am ehesten noch Jonas Atwood als Oberst Ollendorf, aber der ist als ranghöchster der sächsischen Offiziere ja auch darauf angewiesen, klare Befehle zu erteilen. Die Deutung, mit der Unverständlichkeit sollte das Nicht-Verstehen zwischen den polnischen Besetzten und den sächsischen Besatzern ausgedrückt werden, dürfte zu weit führen – zwar ist Oldag eine solche Idee durchaus zuzutrauen, aber ebenso eine geschicktere Lösung als die, die Sänger unverständlich singen zu lassen und ihnen auch in einigen Sprechpassagen einen pseudoslawischen Akzent aufzudrücken. Das Problem bleibt freilich nicht auf die B-Besetzung beschränkt: Der Rezensent erfährt von einer Besucherin, die drei Tage zuvor auch die an jenem Abend gleichfalls von einem Studenten, nämlich Benjamin Huth, geführte A-Besetzung erlebt hat, dass die Situation dort prinzipiell die gleiche gewesen sei. Wie die Lage auch immer ist – befriedigen kann sie in der dargebotenen Form nicht, und welche Schlußfolgerung daraus zu ziehen ist, muß sich anhand der konkreten Gründe bemessen. Das Publikum stört sich an der beschriebenen Problemlage am vom Rezensenten miterlebten Abend übrigens nicht: Am Ende bricht lauter Jubel, durchsetzt mit einigen Bravi aus, wobei Atwood verdientermaßen den stärksten Applaus erhält. Dennoch: Hier offenbart sich der eine oder andere ungeplante Abgrund.

Roland Ludwig


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