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Stalingrad an der Moldau: Accept treffen auf ihrer Orchestermetaltour in Leipzig nicht immer das ideale klangliche Mischungsverhältnis

Info

Künstler: Accept & The Orchestra Of Death

Zeit: 21.04.2019

Ort: Leipzig, Haus Auensee

Internet:
http://www.acceptworldwide.com

Seit jeher besaß der Metal Accepts Berührungspunkte zu dem, was man landläufig mit dem Terminus „klassische Musik“ zusammenfaßt, und die Triebkraft hinter dieser Verbindung stellt zweifellos Gitarrist Wolf Hoffmann dar, der nicht umsonst bereits zwei Soloalben mit klassisch verwurzeltem Material veröffentlicht hat. Anno 2017 konnte sich Hoffmann einen Traum erfüllen, nämlich einen Orchestermetalauftritt in Wacken – und es blieb nicht bei dieser einmaligen Aktion: 2019 gelang es, eine ganze Orchestermetaltour unter dem Titel „Symphonic Terror“ auf die Beine zu stellen, wobei das aus Tschechien stammende achtzehnköpfige Orchester, welches das Gros der Gigs spielte, unter dem Namen The Orchestra Of Death firmierte. Diese Idee könnte auf Uwe Lulis zurückgehen, der mit Grave Digger vor einem Vierteljahrhundert mal ein Minialbum mit dem Titel Symphony Of Death herausgebracht hatte und heutzutage bekanntlich bei Accept musiziert. Spannend war eine andere Personalfrage: Mitten in den Vorbereitungen für die Tour verließ Urgestein Peter Baltes die Band, und nachdem eigentlich Daniel Silvestri einspringen sollte, der schon 2017 in Wacken mit von der Partie gewesen war, wurde schließlich Martin Motnik als Bassist für die Tourbesetzung bekanntgegeben, zusammen mit der Violinistin Ava-Rebekah Rahman als zusätzliche Solistin. Der Rezensent war in Wacken nicht dabei, besitzt auch das zugehörige Livealbum bisher nicht und war somit sehr gespannt, was ihn erwarten würde – Accept gehören schließlich schon jahrzehntelang zu seinen musikalischen Helden, aber im klassischen Bereich ist er genauso zu Hause.
Die Halle ist komplett bestuhlt, und klassiktypisch geht es sogar pünktlich los, so dass manch Ungeübter im Dunkeln während des Openers „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ seinen Platz suchen muß. Diese Mussorgski-Nummer steht wie auch der Rest des ersten „Klassikblocks“ auf Hoffmanns 2016er Album Headbangers Symphony, wird mit Orchester plus Bandinstrumentalisten dargeboten und stellt den Soundmenschen vor erste Probleme: Der Gesamtsound ist zumindest dort, wo der Rezensent sitzt (Mitte links), durchaus nicht überlaut, aber die Band dominiert das akustische Geschehen eindeutig, selbst wenn von ihr nur Drummer Christopher Williams und eben Hoffmann so abgemischt sind, dass man sie aus dem Grundgeräusch klar heraushören kann. Ebenfalls klar durchhörbar sind die Vocals, wie sich ab „Princess Of The Dawn“ herausstellt, das den ersten Block von Accept-Nummern einleitet und das Mark Tornillo zum Warmsingen braucht – er hat hier und da ziemlich zu kämpfen und gewinnt erst ab dem folgenden „Stalingrad“ mehr und mehr an stimmlicher Sicherheit, wenngleich er gelegentlich hörbar an Grenzen stößt. Ob deshalb die Backing Vocals, beigesteuert von allen vier Bandinstrumentalisten, so dominant abgemischt wurden, dass man den Leadgesang über den Chören gar nicht mehr hört und sich der Sänger somit „ausruhen“ kann? Keine Ahnung. Aber das Auditorium singt natürlich auch fleißig mit, zumindest bei den älteren Stücken, aber auch beim noch keine zehn Jahre alten „Stalingrad“, das auch in der Gesamtbetrachtung zum Besten gehört, was die Band je erdacht hat, und auch an diesem Abend ohne Wenn und Aber zu überzeugen weiß. In diese Kategorie gehört zweifellos auch „Breaker“, das den ersten Bandblock abschließt und in dem Williams‘ Doublebass leider quasi alles andere übertönt.
Der nächste Block hebt mit „Schwanensee“ an, Hoffmann und die bisher akustisch völlig im Abseits stehende Sologeigerin im Duett präsentierend und akustisch klarmachend, dass im Orchester tatsächlich auch Bläser vorhanden sind, von denen man bisher ebenfalls noch nichts wahrnehmen konnte. Das zwischengeschaltete „Shadow Soldiers“ demonstriert anschließend, wie klasse eine Metal-Orchester-Mischung live klingen kann, bevor „The Moldau“ als kongeniale Bombast-Doom-Variante überzeugt – keine Hommage an die Herkunft der allesamt als Tod verkleideten Orchestermusiker samt des im Habit antretenden Dirigenten, sondern eine Nummer von Hoffmanns 1997er Soloalbum Classical. „Metal Heart“ stellt natürlich eine Pflichtübung dar, und das Publikum singt fleißig das Beethoven-Thema mit, während die Halbballade „Kill The Pain“ noch einen weiteren Musiker offenbart, der bisher quasi nicht wahrnehmbar gewesen war: den Keyboarder und Arrangeur Melo Mafali, der ebenfalls im Habit bescheiden und unauffällig ganz hinten sitzt. Das neue „No Regret“ demonstriert abermals, dass schneller Orchestermetal akustisch nicht ausschließlich aus Doublebassgeknatter bestehen muß, was von „Fast As A Shark“ mit üblem Soundbrei freilich gleich wieder ad absurdum geführt wird. Immerhin kann man hier noch heraushören, dass der Arpeggio-Soloteil verlängert worden ist.
Damit ist der Hauptset zu Ende – als Zugaben folgen das um Griegs „Bergkönig“ erweiterte „Shades Of Death“, das abermals beweist, dass eine sinnvolle Doublebass-Dosierung möglich ist, „Teutonic Terror“, das ebenfalls noch halbwegs durchhörbar daherkommt, und das nochmal extrem weit aufgedrehte und daher im Klangmulm erstickende „Balls To The Wall“. Eine kurze Verabschiedung seitens Mark Tornillo – und dann kommt gleich „Bound To Fail“ vom Band und löst die Versammlung auf. Der Rezensent ist hin- und hergerissen zwischen dem, was er hören konnte, und dem, was (vermutlich) gedacht war: Das Orchester kann nicht mal in den Orchesternummern große eigene Akzente setzen und fügt den Bandnummern quasi keinerlei Mehrwert hinzu, die Sologeigerin steht bis auf geringfügige Ausnahmen völlig im klanglichen Abseits, und der Keyboarder ist auch fast nur physisch anwesend. Unter idealen Bedingungen mag die Lage anders sein – unter den Umständen dieses Abends bleibt das Sinnbild eines kraftvoll abspringenden, aber zu kurz springenden Pferdes. Interessanterweise stört sich das Gros der Anwesenden nicht an den Problemen, sondern feiert die Bühnenaktiven ab, als hätten sie soeben eine neue Welt erschaffen, und das betrifft auch die Leute, die in der Nähe des Rezensenten sitzen bzw. stehen, also die gleichen oder ähnliche klangliche Verhältnisse gehabt haben müssen wie er. Sind sie mit anderen (niedrigeren) Erwartungshaltungen gekommen? Oder liegen die Gründe woanders? Wie auch immer: Das in der Theorie hochinteressant klingende Experiment kann seine Praxistauglichkeit zumindest an diesem Abend nur begrenzt unter Beweis stellen.


Setlist Accept & The Orchestra Of Death:
Night On Bald Mountain (Mussorgski)
Scherzo (Beethoven)
Pathétique (Beethoven)
Double Cello Concerto in G Minor (Vivaldi)
Symphony No. 40 in G Minor K.550 (Mozart)
Princess Of The Dawn
Stalingrad
Dark Side Of My Heart
Breaker
Swan Lake (Tschaikowski)
Shadow Soldiers
The Moldau (Smetana)
Arabian Dance (Tschaikowski)
Aragonaise (Bizet)
Metal Heart
No Regrets
Kill The Pain
Fast As A Shark
--
Shades Of Death/In The Hall Of The Mountain King
Teutonic Terror
Balls To The Wall

Roland Ludwig


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