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Der metallische Äther: Der Jenaer Kulturbahnhof feiert 20 Jahre Hellborn Metalradio

Info

Künstler: Manos, Fall Of Serenity, Asphodelos, Final Sequence

Zeit: 06.04.2019

Ort: Jena, Kulturbahnhof

Besucher: 220 (ausverkauft)

Internet:
http://www.cosmic-dawn.de
http://www.hellborn.de

Wer im Raum Jena Metal im Äther sucht, hat durchaus gute Chancen, fündig zu werden: Während Metal Cry im Offenen Kanal Jena alle zwei Wochen hauptsächlich traditionellen Metal sendet, ist Hellborn Metalradio eine Instanz im extremeren Bereich. Letztgenannte Truppe feiert nunmehr ihr 20jähriges Bestehen mit einem doppelten Konzertabend: Während am Freitag im Rosenkeller grindiges Gepolter dominiert, ist der Samstag im Kulturbahnhof etwas abwechslungsreicher besetzt.
Der Rezensent verpaßt Final Sequence, die pünktlich 19 Uhr begonnen haben: Als er eine knappe Dreiviertelstunde verspätet im Kulturbahnhof eintrifft, baut die Band gerade wieder ab, so dass ihm sein erster Liveeindruck der Formation unter diesem Namen entgeht – unter ihrem alten Namen Svart hat er sie letztmalig vor reichlich 16 Jahren im Frohburger Schützenhaus als Support für die weiland noch recht unbekannten Disillusion gesehen, und damals hatten sie ihre blackmetallischen Anfänge gerade in Richtung melodischen Death Metals zu verschieben begonnen, den sie gemäß der theoretischen Beschreibungen auch heute noch spielen, laut bereits Anwesender überwiegend im höheren Tempobereich. Die Umbaupausenmusik macht dann deutlich, dass an diesem Abend kein Schubladendenken gefragt ist: Auf grindiges Gepolter folgt da doch tatsächlich Bon Jovis „Runaway“ ...
Asphodelos legen nach einer ziemlich langen Umbaupause (das bleibt übrigens ein Kennzeichen des Abends) los, spielen nach einem langen Konservenintro ein ebenso langes doommetallisches Bandintro mit dem griechischen Titel „Thalatta melasos Puros“, wechseln für ihre sieben Songs dann aber in den Death Metal. Kurioserweise klingt gleich der Opener „Crowns Are Inherited, Kingdoms Are Earned“, als ließe man einen Death-Metal-Sampler jeweils bruchstückweise laufen. Da gibt es viel altertümlichen Stockholm-Death, gern mit klassischem Ufta-Ufta-Drumming, aber auch mit Doompassagen, dazu ebenso altertümlichen melodischen Göteborg-Death, etwas Wikinger-Feeling Marke Amon Amarth und ein leicht folkiges Riff, das auch die Prä-Tales-Amorphis hätten schreiben können. In Song 3 kommt auch noch ein deathcoreartiger Breakdown dazu, und da das gemäß Ansage eine neue Nummer ist, die im Herbst aufgenommen werden soll, bleibt mit Interesse abzuwarten, ob die Entwicklung stärker in diese Richtung geht oder die traditionalistischen Neigungen des Quintetts den Sieg davontragen. Selbigen Song sagt der Sänger als „I Envy The Dead“ an, den folgenden aber gleich nochmal, so dass erst ein Blick auf die Setlist auch dem Nicht-Kenner verrät, welcher der beiden denn nun so heißt (es ist der dritte, also der neue). Der Sound ist nicht überlaut, vor allem seitens des Schlagzeuges nicht (gegen Ende hin hört man kurioserweise sogar die Blasts immer weniger), was den Gitarren die Möglichkeit bietet, Dominanz auszuüben, so dass der Hörer das Können ihrer Bediener durchaus gut nachvollziehen kann. Der Sänger artikuliert sich zumeist in einem nicht gar zu tiefen Idiom, das ein wenig an den frühen Nick Holmes erinnert und bisweilen auch noch etwas weiter in die Höhe geht. Die Crux am Gesamtbild ist freilich, dass sich der Eindruck des Death-Metal-Samplers in den ersten fünf Songs nicht ändert und es mit der eigenen Identität des ostthüringischen Quintetts doch ziemlich hapert. Dann kommt eine Coverversion (der Rezensent kennt das markante Gitarren-Doppellead, verknüpft es im Hirn irrigerweise aber mit einer Gates-Of-Ishtar-Nummer und weiß bis heute nicht, was es wirklich war), und die löst dann auch die bisher etwas gebremste Stimmung im Publikum, so dass letztlich auch die den Set abschließende Eigenkomposition „Nothingness“ angemessen bejubelt wird – sie entpuppt sich als bestes Asphodelos-Werk dieses Abends, mit einem eingängigen Ufta-Refrain ausgestattet und sich zu einer großen Hymne entwickelnd. Davon darf’s in Zukunft gerne mehr sein.

Bei Fall Of Serenity glaubte sich der Rezensent im ersten Moment an einen Auftritt beim No Silent Backlands Festival in Weißenfels zu erinnern – aber Pustekuchen: Dort hatte 2009 eine andere deutsche Metalcoreband mit drei Worten im mit F beginnenden Namen gespielt (und sich nicht allzulange später aufgelöst), nämlich Fear My Thoughts. Fall Of Serenity gehörten zur zweiten Generation der Metalcorebands in Thüringen (die erste Generation bestand aus nur einer Band, nämlich den Übervätern Heaven Shall Burn), verließen diese Welt jedoch nach geraumer Zeit und siedelten sich im melodischen Death Metal an, bevor sie die Aktivitäten 2009 vorerst einstellten, sie mittlerweile aber sporadisch wieder aufgenommen haben, an den Spät-, nicht an den Frühstil anknüpfend. Heißt praktisch: Die Core-Herkunft bemerkt man außer in ein, zwei Breakdowns nur noch in den Ansagen des Sängers, der coretypisch mit Widmungen und Danksagungen an Gott und die Welt arbeitet und dabei kaum zum Luftholen kommt, und im wilden Stageacting nicht nur des Sängers, sondern auch der drei Saitenschwinger, die trotz nicht eben großen Platzangebots auf der Bühne fleißig die Plätze wechseln. So weit, so gut – nur zu hören ist von ihnen viel zu wenig. Der Sound wird lauter und unklarer, besteht im wesentlichen aus Vocals, Drums, gelegentlichen Gitarrensoli und einem Geräusch, aus dem sich erst ab Song 4, „The Crossfire“, etwas stärker Strukturen, Melodien und Harmonien herausschälen, aber nach wie vor so diffus bleiben, dass man sich enorm anstrengen muß, um sie überhaupt wahrnehmen zu können, und das ist eigentlich nicht Sinn und Zweck eines Death-Metal-Konzerts der melodischer orientierten Sparte. So stimmt im Gesamtbild also der Energietransport zweifellos positiv, Abwechslungsreichtum und Spielfreude sind prinzipiell auch wahrzunehmen und zu loben, und das reicht den meisten Anwesenden, die viel Stimmung machen, partiell fleißig ihre Matten kreisen lassen und eine Zugabe wünschen, was das südostthüringische Quintett aber nicht erfüllt.

Manos sind, rechnet man die Zeiten des Bandvorgängers Löwenherz und eine temporäre Ruhephase im aktuellen Jahrzehnt mit, seit mehr als 30 Jahren am Start und live recht aktiv, aber kurioserweise hat der Rezensent sie noch nie gesehen, sondern kennt lediglich begeisterte Berichte über den Unterhaltungswert der Show. Trotz beengten Platzes kann selbiger auch für den Jena-Gig konstatiert werden, und schon die Bühnendeko macht auch dem völlig Uneingeweihten (falls es solche unter den Anwesenden gegeben haben sollte) klar, dass hier mit einer gewissen Portion Absonderlichkeit zu rechnen sein dürfte, ist doch das Schlagzeug unter einem großen bunten Sonnenschirm plaziert und steht vor diesem ein Korbsessel. Bassist Eule zeichnet wie immer dafür zuständig, den Vogel abzuschießen, schleppt während der ersten beiden Songs am Hals seines Basses einen kompletten Lampenständer (!) mit, von dessen drei Lampen allerdings nur eine brennt, und agiert zudem mit einer Art Maske auf halbem Weg zwischen Schweißerbrille und Raumanzug. Aber auch nachdem er diese Utensilien abgelegt hat, sinkt sein Auffälligkeitspotential keineswegs, würde er doch rein optisch jedes Gandalf-Casting für sich entscheiden, wenn Der Herr der Ringe nochmals verfilmt würde. Die Publikumskommunikation bestreitet allerdings ausschließlich Sänger/Gitarrist Andrew, der auch die weiteren nichtmusikalischen Attraktionen ankündigt, also eine riesige Stoffschlange ins Publikum wirft, die als Bockwurst ausgegeben und dann minutenlang durch die Menge gereicht wird, und zudem den Aufbau einer Rutsche (!) ankündigt, wo sich dann die feierwütige Menge vergnügt. Außerdem dienen ein Schaukelpferd und ein Schlitten der weiteren Belustigung, und ein paar Freaks versuchen sogar, mit diesen Gerätschaften die Rutsche hinunterzurutschen. Dummerweise steht diese im relativ kleinen Raum so weit vorn, dass der „Auslauf“ fast bis in Bühnennähe reicht, so dass die Aufmerksamkeit der Vorderen im Publikum während dieses Programmteils weniger der Band gehört als vielmehr der Sorge um die Sicherheit der eigenen Kehrseite.
Musik gibt es dazu natürlich auch, zumal das Trio justament ein neues Album namens True Life herausgebracht hat, das selbstredend angemessen vorgestellt werden will. Der übliche Manos-Sound liegt dabei zwischen Motörhead, Venom und ein paar Grindelementen, recht geradlinig, mit einem ziemlich eigentümlichen Gitarrensound und harschen Vocals. Das könnte man im Gesamtbild durchaus als primitiv werten, aber es handelt sich um gewollte Primitivität, und das Trio aus Querfurt zeigt durchaus, dass es noch mehr kann, wenn es will – spieltechnisch wie stilistisch. Die Foyer-des-Arts-Coverversion „Komm in den Garten“ wird also beispielsweise zum Reggae, „Der Fuchs schleicht“ versetzt die DDR-sozialisierten Anwesenden in ihre Kindheit zurück und besingt u.a. auch den legendären Drehrumbum, zu Ehren der Jubilare erklingen die ersten beiden Strophen von „Weil heute dein Geburtstag ist“, und auf ein ganz großes Echo im feierfreudigen Publikum stoßen naturgemäß die Halb-Grindversionen von Schlagern wie „Manchmal möchte ich schon mit dir“, in der auf dem legendären Erstlingswerk La Bumm – Die Fette befindlichen Studiofassung „Roland K.“ betitelt, oder „Hello Again“, welchletzteres den ersten Zugabenblock einleitet. Trotz sich ausbreitender Ermüdungserscheinungen in der letzten halben Stunde vor Mitternacht spielen Manos noch einige mit letzter Kraft eingeforderte Zugaben, und obwohl der Hauptset vielleicht zwei, drei Songs zu lang ausgefallen ist, herrscht im Saal doch allgemeine Zufriedenheit.

Roland Ludwig


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