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Kopplungen: Mr. Bison mit Nuclear Pillmachine in Jena

Info

Künstler: Mr. Bison, Nuclear Pillmachine

Zeit: 01.02.2019

Ort: Jena, Kulturbahnhof

Internet:
http://www.cosmic-dawn.de

Beim Fuzzmatazz-Festival anno 2018 am gleichen Ort waren Nuclear Pillmachine innerhalb kürzester Frist für die krankheitsbedingt ausgefallenen Osaka Rising eingesprungen (siehe Rezension auf diesen Seiten). Das ist diesmal anders: Sie spielen als planmäßiger lokaler Support für Mr. Bison, sind entsprechend medial auch angekündigt, den Anwesenden zumindest theoretisch zumindest namentlich bekannt – und sie haben möglicherweise ein paar Anhänger aus ihrer Heimatstadt, dem benachbarten Gera, mitgebracht, die zum guten Füllstand des Kulturbahnhofs beitragen.
Was das Quartett grundsätzlich tut, hat sich in den seit besagtem Gig vergangenen zehn Monaten natürlich nicht geändert: Sie begannen weiland als Fu-Manchu-Coverband und spielen auch noch heute etliches aus deren Schaffen, koppeln dieses aber mit mehr und mehr Eigenkompositionen, so dass, wenn der Rezensent nichts übersehen hat, an diesem Abend das Eigen-Fu-Verhältnis bei 2:1 liegt und von letzteren nur viermal Stoff erklingt, interessanterweise je zwei Songs von den beiden finalen Fu-Manchu-Alben: „Mongoose“ und der Titeltrack von Eatin‘ Dust, „Hell On Wheels“ sowie abermals der Titeltrack von King Of The Road. Da die Eigenkompositionen einen grundsätzlich ähnlichen Stil fahren, ergibt sich eine problemlose Homogenität innerhalb des Sets, wenngleich die Geraer durchaus nach gewisser Eigenständigkeit streben, und das fällt besonders dann auf, wenn sie die Rockkante mal zurückschrauben. Das halbakustische Outro von „Final Dawn“ gehört ebenso in diese Kategorie wie ein noch unbetiteltes Instrumentalstück, das irgendwo zwischen Halbballade und epischen Elementen pendelt und das Kunststück fertigbringt, gleichermaßen das stilistisch am weitesten abweichende als auch das emotional packendste Stück darzustellen. Das soll freilich nicht bedeuten, Nuclear Pillmachine würden auf ihrem ureigenen Gebiet etwa schwächeln – auch dort geben sie ihr Bestes, und das ist durchaus nicht wenig. Gesanglich sind abermals alle drei Saitenartisten beteiligt, wobei der Löwenanteil nach wie vor dem auch das Gros der Leads spielenden Gitarristen gehört, während sein Kompagnon an der Leadarbeit gefühlt mittlerweile etwas stärker beteiligt ist, interessanterweise aber der Thin-Lizzy-artige Eindruck, der sich 2018 bisweilen ergab, diesmal deutlich marginaler ausfällt. Soundmäßig gut nachvollziehen kann man das nach einer gewissen Anlaufzeit in bewährter Weise wieder, nur an einigen wenigen Stellen hätte man die Backings gern noch einen Tick deutlicher vernommen, und der verzerrte Effekt des Zweitmikrofons auf der Bassistenseite kommt in „Eatin‘ Dust“ auch noch nicht ganz so wie gewünscht zum Tragen. Temposeitig pflügt sich das Quartett wieder durch alle möglichen Regionen, wobei der Rezensent erst mitten im Quasi-Opener „Written In Stone“ eintrifft und daher diesmal nicht sagen kann, ob das einleitende Tempomanagement wieder vom Doom ausgehend in schnellere Gefilde führt, wie das 2018 der Fall gewesen war. Auffällig ist jedenfalls, dass Nuclear Pillmachine ihren Hauptset mit zwei eher flotteren Eigenkompositionen, nämlich „Super Panic!“ und „Awesome“, beenden, bevor sie die Zugabewünsche aus dem Auditorium noch mit „Hell On Wheels“ erfüllen. Was sie diesmal auch besser lösen als zehn Monate zuvor, ist der Aspekt, dem Publikum ihren Bandnamen klar und deutlich zu nennen (sogar zweimal) und damit auch bei denjenigen Anwesenden, denen die Supportankündigung entgangen war, für strukturelle Klarheit zu sorgen, wer da eigentlich spielt. Nur die Überbrückung der Pausen zwischen den Songs müssen sie noch üben – da haben gleich drei Leute Mikrofone vor der Nase, aber der zweite Gitarrist schweigt ansagetechnisch ganz, der Sänger ist auch keine Plaudertasche, und so springt gelegentlich der Basser in die Bresche, allerdings auch nicht durchgehend, so dass doch einiges an Stille entsteht: Das schon fleißig tanzbeinschwingende Publikum applaudiert zwar fleißig, aber nun nicht so frenetisch, dass es alle Pausen mit Geräuschen füllen würde. Da darf also gerne von der Bühne noch mehr kommen, wenngleich Nuclear Pillmachine das Problem schon dahingehend zu minimierten getrachtet haben, indem sie einige Songs verbindend spielen. Trotzdem geht da im Sinne der Setgeschlossenheit noch mehr, was aber den grundsätzlichen musikalischen Wert nicht in Frage stellt – der Applaus ist jedenfalls definitiv gerechtfertigt.

Setlist Nuclear Pillmachine:
Intro
Written In Stone
Eatin‘ Dust
Hunting Season
King Of The Road
Final Dawn
SFTD
Instrumental
Califonia Crossing
Mongoose
Super Panic!
Awesome
--
Hell On Wheels


Mr. Bison könnten sich auch The Matteos nennen, schließlich hören zumindest in der aktuellen Besetzung alle drei Mitglieder auf diesen Vornamen, und es bedürfte somit nicht mal einer Flunkerei wie bei The Ramones, um eine strukturelle Homogenität herzustellen. Das Trio bezeichnet seinen Stil selbst alternativ als Heavy Rock Psych Blues oder als Stoner Psych Blues Rock, und beide Varianten haben etwas für sich und lassen den Leser doch ein wenig im Regen stehen, zumal es da noch einen weiteren strukturell interessanten Aspekt gibt: Beide Frontmatteos singen und spielen Gitarre, der dritte Matteo sitzt hinter dem Schlagzeug und singt gelegentlich auch mit – der rockmusikerfahrene Hörer bemerkt also, dass die Band über keinen Bassisten verfügt. Nun ist es heutzutage ja keine Hexerei mehr, dass einer der Gitarristen parallel zu seiner Hauptaufgabe mittels Hilfe der Elektronik auch noch Baßlinien erzeugt (das gab es in mechanischen Zeiten übrigens auch schon – Koppeln an Orgeln, mit denen man außer dem eigentlich angesteuerten Register auch noch weitere erklingen ließ, existieren schon seit Jahrhunderten) – hier aber tun das gleich beide Gitarristen im Wechsel, was Soundmann Thomas in Tateinheit mit einer gewissen Sprachbarriere vor eine nicht ganz kleine Herausforderung stellt. Aber die Aufgabe konnte bewältigt werden, und der Hörer bekommt ein zwar nicht an allen Stellen restlos austariertes, aber im Gesamtbild doch überzeugendes Klanggewand serviert, in das außer den beschriebenen Komponenten auch noch einige spacige Geräusche (meist als Zwischenspiel zwischen einzelnen Songs, aber nicht auf diese Position beschränkt) und altertümlich klingende Hammondorgelsounds, von denen der Rezensent keineswegs sicher ist, ob sie vom Band dazugespielt werden oder einer der beiden Gitarristen, von denen jeder ein riesiges Arsenal an Effektgeräten vor sich stehen hat, auch noch diese mit seinem Instrument per Umwandlung erzeugt, einfließen. Allerdings nehmen diese Passagen keinen so großen Raum ein, dass man Mr. Bison in die reine Space- oder Psychedelic-Ecke zu stecken geneigt wäre – der Grundfaktor liegt klar im Rock und dort speziell in der Siebziger-Sparte, während die Stoner-Anteile eher überschaubar bleiben, die stilistische Verortung also nur bedingt in den Neunzigern möglich wäre. Interessanterweise sind die Italiener aber immer dann besonders stark, wenn sie sich dem Flow der Musik ausgiebig hingeben und ihre Songideen in epischer Breite auswalzen, wohingegen nicht alle der kompakteren Nummern gleich auf den ersten Höreindruck hin ihre Reize preisgeben – zum Tanzbeinschwingen geeignet sind sie aber durchaus, wenn man sich nicht von dem einen oder anderen ungewöhnlichen Tempo- bzw. Rhythmuswechsel ins Bockshorn jagen läßt. Erstaunlicherweise ist der Füllstand des Raumes ein wenig geringer als bei Nuclear Pillmachine, aber so bleibt für das zuckende Tanzbein genügend Platz, und in den ersten Reihen finden sich einige Enthusiasten, die jeden einzelnen Ton des Trios förmlich in sich aufsaugen. In diesem Kontext ist dann auch weniger wichtig, was die Band spielt (sie hat bisher drei Alben veröffentlicht), sondern dass sie spielt – und sie spielt gut, richtig gut teilweise sogar. Dazu tritt die Abwechslung im Gesang: Wie erwähnt singen alle drei Matteos, aber der Fokus liegt bei den beiden Saitenschwingern, von denen der eine leicht angerauht shoutet, der andere aber klar singt, was interessante Wirkungen ergibt. Nur sind gerade die beiden wenig kommunikativ, so dass der Drummer das Gros der Ansagen bestreitet, bisweilen allerdings auch schweigt, was in ähnlicher Form wie bei Nuclear Pillmachine dann zu Atmosphärelöchern führt, wenngleich es davon hier schon deswegen weniger gibt, weil Mr. Bison viel mehr Songs mit den erwähnten Zwischenspielsounds aneinanderkoppeln, was sie nach hinten heraus sogar so intensiv machen, dass der Drummer irgendwann nicht etwa den letzten Song ankündigt, wie das allgemein Usus ist, sondern verkündet, man habe soeben den letzten Song gespielt. Natürlich fordert das prima gelaunte Publikum auch hier Zugaben ein und bekommt von der Band nicht nur die geplanten zwei, sondern noch eine außerplanmäßige dritte serviert, weil die Italiener nach eigener Aussage den Club so schnucklig finden, dass sie sich wünschen, alle Spielorte ihrer laufenden Tour wären so – und wenn man die Atmosphäre im Kulturbahnhof, dazu die Fähigkeiten von Sound-Thomas und, schon von vielen Bands lobend erwähnt, die exzellente Verpflegung für die Künstler ins Kalkül zieht, so wird das keine Schmeichelei, sondern ehrliche Überzeugung gewesen sein. Kurz vor Mitternacht ist dann aber endgültig Schluß mit einem starken Gig, und es bleibt zu hoffen, dass trotz der Verkehrsverhältnisse – es hat während des Konzerts begonnen, auf einen teilweise noch gefrorenen Boden zu regnen – wie der Rezensent alle sicher nach Hause gekommen sind.

Roland Ludwig


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