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Zu viele Köche? Cojones mit The Art Of Cooking im Kulturbahnhof Jena

Info

Künstler: Cojones, The Art Of Cooking

Zeit: 12.01.2019

Ort: Jena, Kulturbahnhof

Internet:
http://www.cosmic-dawn.de
http://www.cojonesband.com

Anno 2013, genauer am 25. März, hatten die Kroaten Cojones schon einmal beim Cosmic-Dawn-Team eine Livescheibe mitgeschnitten, damals noch in dessen damaligem Domizil, einer Kneipe namens Black Night. Anno 2019 haben sie das nun ein weiteres Mal vor – jetzt allerdings im doppelt so großen Kulturbahnhof, den das Cosmic-Dawn-Team heute betreibt – und fahren daher für nur zwei Gigs von Zagreb nach Mitteldeutschland, wobei sie es irgendwie schaffen, durch die starkschneegeplagten Alpen zu kommen. Am Vorabend gastieren sie in Chemnitz und spielen sich sozusagen für die Aufnahme in Jena warm.

In der thüringischen Universitätsstadt fungiert eine aus ebenjener Stadt stammende Combo mit dem originellen Namen The Art Of Cooking als Support. Wer jetzt allerdings vertonte Kochrezepte oder ähnliches erwartet (der Komponist Carl Zöllner, dem nachgesagt wurde, dass er quasi jeden Text in Musik umsetzen könne, hatte beispielsweise, als ihn diesbezüglich jemand auf die Probe stellen wollte, eine Speisekarte vertont), der wird enttäuscht, zumindest teilweise: Das Trio geht rein instrumental zu Werke, die einzigen Vokalbeiträge außer den Ansagen des Bassisten sind Samples, die jeden Song einleiten und unter wildem Geknister englischsprachige Küchentips kundtun, wie man beispielsweise die Unfallquote beim Umgang mit Küchenmessern verringern kann. Das paßt zum selbsternannten Pan-Rock der Combo natürlich wie die Faust aufs Auge, da Pan hier nicht etwa der griechische Hirtengott ist, dessen Beitrag zur Lebensmittelversorgung freilich auch gewisse Markanz aufweist, indem unter seiner Obhut ja all die Kälbchen und Zicklein heranwachsen, die dann irgendwann mal in der Pfanne (englisch: pan) landen, womit wir elegant bei der korrekten Deutung angekommen sind.
Dieser Pan-Rock läßt sich schwer in eine gesonderte Rock-Subkategorie einsortieren, von der des Hardrocks mal abgesehen. Gewisse Siebziger-Einflüsse sind zwar unverkennbar, aber ansonsten musiziert das Trio relativ zeitlos und zumeist in recht zügigen Geschwindigkeitsbereichen, wobei der Drummer bisweilen einen stoisch wirkenden Grundbeat einsetzt, den man archetypisch von Seppo Pohjolainen in der Timo-Rautiainen-&-Trio-Niskalaukaus-Nummer „Russlands Waisen“ demonstriert bekommen hat. The Art Of Cooking entwickeln ihre Songs zudem nach klassischen Songwritingmustern, geben ihren Ideen also Raum zur Entwicklung und Entfaltung und servieren sozusagen ein mehrgängiges Menü anstatt einer großen Schüssel Paella. An einigen wenigen Stellen verfeinern sie das Gericht zudem noch mit einigen Keyboardflächen, für deren Einsamplung der Drummer zuständig ist – das Gros des Sets aber bestreiten sie ausschließlich mit Gitarre, Baß und Drums und schaffen eine Situation, in der es basisdemokratisch auf jedes Instrument ankommt. Zum Glück steht mit Kulturbahnhof-Stammkraft Thomas ein wahrer Könner hinter dem Mischpult, und der zaubert den klarsten und transparentesten Sound her, den der Rezensent auf einem seiner vielen hundert Rockkonzerte bisher gehört hat – vor allem das akustisch weit hinten stehende, aber trotzdem genügend Druck erzeugende Schlagzeug sollte in dieser Abmischung Schule machen. Als einziger Wunsch bliebe, dass man die Samples noch einen Tick lauter genommen und damit ihre Verständlichkeit noch einen Deut erhöht hätte, aber das ist Jammern auf einem geradezu unbeschreiblich hohen Niveau, wenngleich es vielleicht geholfen hätte, die Frage zu beantworten, ob es Absicht war, dass Song 6, „We Need More Balls“, und Song 7, „Damn It They Took My Apples“, mit dem gleichen Sample beginnen. Letzterer Song handelt, so der Bassist, davon, dass dem Drummer bei der Einreise in die USA eine Tüte Äpfel weggenommen wurde, da deren Einfuhr verboten sei, auch wenn es die nächsten 200 Meilen kein frisches Obst zu kaufen gibt. Von diesen Geschichten, die die Musik noch lebendiger machen, hätte man gerne noch mehr gehört, aber auch so überzeugt das Trio und findet selbst in einer spieltechnisch schwierigen Situation in „We Need More Balls“ wieder zueinander – hätte der Bassist keine Bemerkung gemacht, so wäre das ungeplante Break zumindest dem mit der Combo nicht vertrauten Zuhörer vielleicht gar nicht als ungeplant aufgefallen. Vertrautheit herzustellen war bisher gar nicht so einfach, da es bisher keine Tonkonserven der immerhin schon seit 2012 werkelnden Band zu erwerben gab – aber The Art Of Cooking nutzen die Gelegenheit des an diesem Abend sowieso im Einsatz befindlichen Aufnahmeequipments, um auch ihren aus neun Songs bestehenden Gig gleich noch mitschneiden zu lassen. Nachdem in acht Songs eher höhere Tempi dominierten, packt das Trio, dessen Mitglieder übrigens stilgemäß Pseudonyme wie Metti Spaghetti oder Anti Basti verwenden, noch einen epischen Closer aus und deklariert diesen kurzerhand als Zugabe, weil man nicht mehr Songs parat habe. Das gut gelaunte und bereits in reichlicher Kopfzahl anwesende Publikum, das fleißig Applaus spendet und auch schon dezent das Tanzbein schwingt, zeigt sich ergo diszipliniert und fordert nach dem letzten Ton nicht noch eine Zugabe ein.

Cojones sind so etwas wie Stammgäste in Jena – die Liveaufnahme von 2013 wurde bereits erwähnt, aber sie haben beispielsweise auch zur Eröffnung des Kulturbahnhofs gespielt, und auch sonst vergeht kaum ein Jahr, wo sie nicht einmal hier aufschlagen. Seltsamerweise hat der Rezensent sie trotzdem noch nie auf der Bühne gesehen und ist daher gespannt, was sie dort für Qualitäten ins Feld führen können. Am Ende des Gigs macht sich, das sei vorweggenommen, eine gewisse Ernüchterung bei ihm breit.
Cojones haben 2006 als Stoner-Rock-Band angefangen, aber schon auf dem 2013er Livemitschnitt, der nach dem Albumzweitling Bend To Transcend entstand, war dieser Stil etwas in den Hintergrund getreten und hatte einem „normalen“, seventiesbeeinflußten Hardrock Platz gemacht. Diesen Prozeß führte das 2016er Album Resonate weiter, und das Infoblatt sprach in diesem Kontext wohl nicht zufällig von „Stoner/Heavy-Rock“, wenngleich man festhalten muß, dass die Reihenfolge der Termini eher reziprok hätte angeordnet werden sollen. Der Jena-Gig ist der letzte der Promotion von Resonate gewidmete, bevor sich die Combo ins Studio begibt, um neues Material aufzunehmen – ob solches an diesem Abend schon angetestet worden ist, müssen Menschen entscheiden, die anhand der untenstehenden Setlist alle frühen Releases der Band durchzuforsten in der Lage sind, um nach dort veröffentlichten Songs aus der Liste zu suchen und damit eine Liste potentieller Unveröffentlichter aufzustellen. Fest steht, dass der Set in Jena von Resonate-Material dominiert wird (bis auf „Wait A While“ erklingen alle Songs der Platte, was also numerisch sieben Beiträge sind) und – das ist einerseits eine Überraschung, andererseits aber eigentlich auch wieder keine – stilistisch so deutlich in drei Teile zerfällt, dass man sich zumindest zu wundern geneigt ist. Das Gros des zu Hörenden besteht aus dem beschriebenen Heavy Rock, kontrolliert dargeboten, zumeist mit zwei Gitarren besetzt und dem Haupttrumpf der Band einigen Raum zur Entfaltung bietend – damit ist der Gesang gemeint. Den teilen sich nämlich der Bassist und der Teilzeitgitarrist mit deutlich größerem Anteil für letzteren, und beide besitzen interessante halbhohe, relativ klare und überwiegend tontreffsichere Stimmen, mit denen sie auch eine AOR-Band klassischen Zuschnitts fronten könnten. Unterstützt werden die puren Stimmen noch durch gelegentliche Loops, die eine weitere Erhöhung der Mehrstimmigkeit ermöglichen. Seltsamerweise ist aber trotzdem die „Hitdichte“ des Cojones-Materials ziemlich dünn gesät, nicht mal das mit Halbakustikpassagen ausgestattete „Sacred Fire“ will richtig zünden. Cojones machen gute Musik, man hört ihnen dabei auch gerne zu, aber richtig berühren können sie im Gros des Sets nicht. Richtig Tiefe bekommen sie nur dann rein, als sie im dritten Viertel des Hauptsets plötzlich das Tempo rauszunehmen beginnen, spacerockige Anleihen aufnehmen und den Songs Zeit und Raum zum Atmen geben – plötzlich wird der Eindruck ein ganz anderer, zumindest solange diese Phase anhält, die freilich bald endet und nur in „Opium“, dem Closer des regulären Sets, nochmal aufgegriffen wird, als das Quartett ein letztes Mal in den Epic-Modus schaltet, in dem es zumindest an diesem Abend besonders stark ist. Als Zugabe packen die Kroaten dann aber noch zwei weitere Nummern ihres Debütalbums Sunrise aus, das noch stärker im klassischen Stoner Rock verwurzelt war – und diese Nummern bilden einen vom Rest des Materials und schrägerweise auch von den anderen beiden Sunrise-Nummern „Prozac“ und „Fairy“ irgendwie losgelöst wirkenden, eben den dritten Block, der zwar die reichlich anwesenden Altfans zu lautem Jubel veranlaßt, aber den Eindruck hinterläßt, als stehe da plötzlich eine andere Formation auf der Bühne, wenngleich auch hier ein achtbares Qualitätslevel nicht unterschritten wird.
Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, Cojones hätten an diesem Abend zuviel gewollt. Sie haben ihren eigenen Soundmann dabei, und der vollbringt zwar auch eine gute Leistung, bekommt aber einerseits ein gewisses Grundgeräusch, das nicht zum Konzept der Band gehört haben dürfte, erst sehr spät in den Griff und hat zweitens das Problem, dass der ja weiterhin im Saal anwesende und notfalls konsultierbare Stammtechniker Thomas zuvor bei The Art Of Cooking ein Meisterstück vollbracht hat, das zu übertreffen jedem Externen schwerlich möglich ist. Die Band wirkt zudem irgendwie nervös und baut eine eher ungewollte Art von Spannung auf, die sich erst löst, als der Sänger in den Nummern, wo er nicht Gitarre spielen muß, wild über die Bühne zu springen beginnt, was er im Zugabenblock dann übrigens auch mit Gitarre macht. Die Publikumskommunikation läßt indes trotzdem etwas zu wünschen übrig, und auch in der Gegenrichtung dauert es lange, bis die Anwesenden im mittlerweile fast vollen Saal intensiver das Tanzbein schwingen und mehr als freundlich gestimmten Applaus spenden. Das bessert sich im Verlauf des Sets, zugleich leert sich der Saal allerdings seltsamerweise auch und ist zum Setende kurz vor Mitternacht nur noch zu zwei Dritteln gefüllt, wenngleich die Anwesenden natürlich überwiegend trotzdem positiv gestimmt sind. Der Rezensent ist es wie beschrieben nur bedingt – obwohl Cojones rational betrachtet an diesem Abend ein gutes Level nicht unterschreiten und die Liveplatte durchaus hörbar zu werden verspricht, war die Erwartungshaltung doch eine andere – und erklärt The Art Of Cooking zum überraschenden Sieger des Abends.

Setlist Cojones:
Providence
Highway Lane
Prozac
Fairy
Sacred Fire
Asfinac
Indika
Pilgrimage
Build A Home
Rocker
Resonate
Origin Of Fire
Opium
--
Clearing Potion
Astral Queen

Roland Ludwig


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