····· Suzi Quatros neues Album No Control erscheint am 29. März 2019 ·····  BMG veröffentlicht Keith Richards‘ Talk is cheap als 30th Anniversary Edition ····· Back to Earth, Cat Stevens’ Schwanengesang von 1978, wird in verschiedenen Formaten neu veröffentlicht ····· Die Motörhead Worshiper Volter suchen einen neuen Gitarristen ·····  >>> Weitere News <<<  ····· 

Artikel

Liebesspiel im Wimmelbild - Der Barbier von Sevilla an der Deutschen Oper

Info

Künstler: Gioachino Rossini

Zeit: 02.01.2019

Ort: Deutsche Oper, Berlin

Veranstalter: Deutsche Oper, Berlin

Fotograf: Matthias Horn (Deutsche Oper)

Internet:
http://www.deutscheoperberlin.de

Der 2. Januar, in diesem Jahr ein Mittwoch, ist ein Tag, der als Veranstaltungszeitpunkt etwas im Schatten liegt, noch in den Schulferien zwar, aber schon wieder regulärer Arbeitstag und direkt nach der an Veranstaltungen reichen Weihnachts- und Jahreswechselzeit. Eine Zeit, in der es schwer wie selten ist, Menschen anzulocken. Von daher kann die Deutsche Oper mit dem Besucherzahlen zufrieden sein, auch wenn das Haus erkennbar nicht ausverkauft war.

Der Barbier von Sevilla gehört in dieser Inszenierung von Katharina Thalbach zum bewährten Repertoire der Deutschen Oper. Seit der Premiere am 29. November 2009 hat sie es mit diesem Abend auf 66 Aufführungen gebracht. Und so viel sei schon zum Einstieg gesagt. Die Inszenierung und das Spiel der Beteiligten wirken so frisch und lebendig, dass es nicht den geringsten Grund gibt ihnen ein Ende zu wünschen – im Gegenteil!

Die Handlung:
Kurz die Handlung zusammengefasst. Im Haus des alten Doktors Bartolo lebt die junge Rosina. Sie ist sein Mündel und er plant das vermögende Mädchen zu heiraten. Daher hält er sie in seinem Haus wie eine Gefangene. Aber der Graf Almaviva hat sich in sie verliebt. Er tarnt sich als mittelloser Student, damit der Doktor nicht mitbekommt, dass er in der Stadt ist und er sich sicher sein kann, dass Rosina nicht wegen seines Standes und seines Reichtums auf sein Werben eingeht.
Auf Figaros Rat hin verschafft er sich als betrunkener Soldat Zugang zum Haus. Bevor der Doktor ihn wieder hinaus wirft, kann er Rosina seine Liebe gestehen, die sie erwidert. Bei einem zweiten Versuch kommt der Graf als Vertretung eines Musiklehrers, der angeblich erkrankt ist. Bei diesem Besuch können die beiden Fluchtpläne schmieden.
Die aber werden verraten. Doktor Bartolo tritt die Flucht nach vorne an. Er schickt Basilio, den tatsächlichen Musiklehrer, zum Notar, um noch an diesem Abend seine Vermählung mit Rosina zu besiegeln.
Figaro und dem Graf gelingt es währendessen mit Hilfe einer Leiter zu Rosina in das Haus einzudringen. Ihre Flucht wird aber unmöglich, da die Leiter plötzlich verschwunden ist. So findet Basilio die Verliebten vor, als er mit dem Notar erscheint. Mit Hilfe einer saftigen Bestechung kann er dazu gebracht werden, als Trauzeuge die Ehe von Graf Almaviva mit Rosina vor dem Notar zu ermöglichen. Doktor Bartolo hat das Nachsehen, als er am Ort des Geschehens eintrifft. Als der Graf dann auch noch sein Incognito lüftet, ist das Happy End vollendet.

Basilio, der Figaro, Rosina

Parallelen zu Mozarts Hochzeit des Figaro sind nicht überraschend. Beide basieren auf unterschiedlichen Teilen des Schauspiels Le Barbier de Séville von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais. Das (sehr gut gemachte) Programmheft der Deutschen Oper weist auf das unterschiedliche zeitgeschichtliche Umfeld hin. Während bei Mozart noch revolutionäre Vorstellungen nachwirken, geht es bei Rossini ganz banal ums Geld. So ist es kein Wunder, dass sich nicht erst der Figaro in seiner Selbstvorstellung als Könner darstellt, der eine gute Bezahlung erwartet. Bereits in der Ouvertüre wechseln die ersten Geldscheine den Besitzer.

Die Ouvertüre:
Wer von einer Ouvertüre keine Handlung auf der Bühne erwartet, erlebt in Thalbachs Barbier von Sevilla eine Überraschung. Die Bühne ist nur zu Beginn fast leer. Den Hintergrund bildet eine schön gemalte Straßenzeile einer spanischen Hafenstadt vor 200 Jahren. Im Vordergrund befinden sich außer dem Souffleurkasten nur rechts und links zwei niedrige Betonmauern, die heute ein wenig an Absperrmaßnahmen auf Weihnachtsmärkten erinnern, aber sicherlich nicht so gemeint sind.

Mit dem Einsetzen der Instrumente belebt sich die Szenerie. Da fahren (moderne) Radfahrer über die Bühne, später auch ein Motorrad (ohne Motor). Eine Gruppe von Nonnen huscht wie ein Schwarm aufgeschreckter Hühner hin und her. Dann erscheint ein (wahrscheinlich falscher) Franziskaner mit einem (echten) Esel. Mit anderen Worten: Hier tobt das pralle Leben. Und das bleibt auch so. Aber erst einmal muss die Bühne vorbereitet werden.


Dazu erscheint von links ein Oldtimer (ähnelt einem Morgan Plus 8), der aber nicht weiter kommt, da mittlerweile auf der rechten Seite ein Trecker in Originalgröße die Bühne versperrt. (Warum der Autofahrer dem Treckerfahrer dann Geld überreicht, aber selber die Bühne frei macht, verwirrt mich bis heute.) Der Trecker fährt jedenfalls Stück für Stück weiter auf die Bühne und hinter ihm erscheint ein gigantischer Anhänger – ich schätze mal 4 Meter hoch und 6 Meter lang. Nachdem der Trecker abgekoppelt und die Bühne verlassen hat, wird die dem Publikum zuggewandte Wand des Anhängers in die Waagerechte gekippt und bildet fortan eine Bühne auf der Bühne, die das Innere des Haues von Bartolo darstellt, in dem sich die Handlung im Wesentlichen abspielt.

Die Bühne neben der Bühne:
Modernismen wie Fahrräder, motorisierte Fahrzeuge, später auch moderne Caféhaustische oder ein Ghettoblaster bedeuten zum Glück nicht, dass hier auf Sinn-komm-raus aktualisiert wird. Es sind augenzwinkernde Details, wie sie die gesamte Inszenierung prägen. Dazu bietet die ja nun wahrlich nicht sonderlich geniale Handlung auch kaum einen Anlass. Wir haben es hier mit einem Lustspiel zu tun, dessen Albernheit ernst genommen wird, indem reichlich Momente zum Grinsen eingebaut werden. Es wird hier nicht nur ein absoluter Ohrenschmaus geboten. Wer nicht zum Lachen in den Keller geht, müsste an diesem Abend auch die Lachmuskeln reichlich trainiert haben.

Ich weiß nicht, wie das Stück ursprünglich einmal inszeniert wurde. Zu seinem 200. Jubiläum (Uraufführung 1816 in Rom; erste Inszenierung in Deutschland 1820) spielt die Bühne, auf der die Bühne steht, eine wichtige Rolle. Während auf der Bühne die Burlesque um Rosina, Almaviva und Bartolo ihren Lauf nimmt, erlebt man drum herum das unbeschwerte Leben eines mediterranen Urlaubsortes. Vor den Betonmauern schmust ein Pärchen am Strand, Kinder buddeln im Sand, eine Schönheit mit großer Sonnenbrille liest im Liegestuhl; eine andere duscht unter einer tatsächlich funktionsfähigen Dusche. Auf der rechten Bühnenseite befindet sich hinter der Mauer ein Straßencafé mit ständig wechselnden Gästen, in dem von mehreren Obern, die durch eine Tür in der Kulisse auftreten, fleißig bedient wird. Auf der linken Bühnenseite wechselt die Szenerie. Mehrfach wird das Innere von Figaros Frisörsalon mit mehreren Arbeitsplätzen von der Seitenbühne her hereingefahren.

Almaviva

Dabei bleiben die Handlungen nicht streng getrennt, sondern reagieren wie kommunizierende Röhren aufeinander. Wenn es Almaviva und Rosina einmal gelingt sich zu küssen, fangen auch die Pärchen am Strand und im Café wild an zu knutschen. Wenn sich die beiden wegen der Nähe von Bartolo zurückhalten müssen, geht es auch am Strand sittlich zu. Als Almaviva – nur halb unter Rosinas Reifrock verborgen – zum Oralsex übergeht (was Rosina mit einer besonders engagierten Arie belohnt), halten die Mütter am Strand den Kindern die Augen zu. Herrlich! Irgendwann gibt es dann sogar noch eine Demonstration erboster Urlauber, die sich (durch die Handlung auf der Bühne auf der Bühne?) in ihrer Erholung gestört fühlen. "Ich verklage TUI"

Als sich Rosina von einem Kellner ein Glas Wasser reichen lässt, fragt man sich unwillkürlich, ob das in den Regieanweisungen steht, oder ob sie das Wasser in dem Moment wirklich brauchte. Das Leben auf der Bühne neben der Bühne wirkte auch in vielen anderen Kleinigkeiten so authentisch, dass ich den Eindruck habe, hier könnte wirklich einiges an spontaner Improvisation dabei sein.

Dieses Leben führt zu dem dringenden Wunsch die Oper noch einmal, bzw. als DVD zu sehen, um genauer auf die vielen Kleingkeiten zu achten, die ständig stattfinden. Für einmal Sehen passiert hier einfach zu viel. Auf der Bühne spielt sich die eigentliche italienisch gesungene Geschichte ab. Drumherum ist ein Leben, wie ein Wimmelbild der naiven Malerei. Und oben über der Bühne laufen auch noch die Übertitel in deutscher und englischer Sprache. Da bleibt man schon mal bei dem Gespräch zwischen Ober und Gast oder dem Versuch einer Mutter einen großen aufgeblasenen Hai durch eine Tür in der Kulisse zu bugsieren hängen und verpasst, was gerade im Hause Bartolo passiert oder gesungen wird. Man möchte noch mal eine Minute zurückspulen, aber das geht ja nicht. Aber was soll’s. Im richtigen Leben bekommt man ja auch nicht alles mit. Und genau das gelingt dieser Inszenierung. Auf der Bühne wird richtiges Leben in Szene gesetzt.



Die Musik:
Ja, auch die gab es. Und es lässt sich zu ihr eigentlich gar nicht so viel sagen. Sie war schlicht perfekt, ohne leblos oder gar steril zu werden. Insbesondere die Sänger waren von Start an voll präsent. Von einer gelegentlich zu beobachtende Notwendigkeit sich in den ersten Minuten warm zu singen, war hier nichts zu spüren. Man vermisste auch zu keiner Sekunde den Schauspieler in den Sängern bzw. der Sängerin. Alle Rollen wurden mit Verve und Spielfreude gesungen – egal in welcher Lage sich die Akteure befanden – z.B. Figaro am Seil hängend über der Bühne oder Almaviva auf dem Kopf stehend. Was mir besonders gefiel war, dass es keine Arienexzesse gab, bei denen eher die Fähigkeiten der Sänger(in) als die Wirkung des Gesangs im Mittelpunkt stehen.

Der Barbier von Sevilla steht in der Spielzeit 2018/19 noch zwei Mal auf dem Programm der Deutschen Oper – am 17. Januar und am 20. Mai. Es lohnt sich!


PS: Die Bilder im Artikel stammen nicht von der aktuellen Aufführung. Es sind daher nicht die Darsteller abgebildet, die am 2. Januar gespielt und gesungen haben.

Norbert von Fransecky


Zurück zur Artikelübersicht