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Götter, Gräber und Gelehrte: Nightwish buddeln auf ihrer Decades-Tour zahlreiche alte Perlen aus

Info

Künstler: Nightwish, Beast In Black

Zeit: 16.11.2018

Ort: Leipzig, Arena

Internet:
http://www.nightwish.com
http://www.nuclearblast.de

Drei Anstoßzeiten kursieren für dieses Konzert: Die Lokalpresse vermeldet 19 Uhr, die Facebookseite der Arena 20 Uhr und die Homepage der Arena die seltsame Zeit 20.20 Uhr. Der Rezensent schafft 19 Uhr nicht, geht kurz vor 19.15 Uhr am Westeingang der Arena vorbei und hört drinnen bereits Livemusik erschallen. Bis er allerdings am Presseticketschalter am Osteingang und dann in der Halle angekommen ist, vergehen weitere 10 Minuten, und da sind Beast In Black bereits in „The Fifth Angel“ angekommen, haben also offensichtlich tatsächlich nicht allzulange nach 19 Uhr angefangen. Die Halle ist in der vorderen Hälfte schon ziemlich gut gefüllt, und offensichtlich kennt und schätzt so mancher Anwesende das 2017 erschienene Debütalbum Berserker – die Reaktionen sind jedenfalls deutlich besser, als man sie aus reiner Höflichkeit zeigen würde. Zudem darf sich das Quintett über eins der transparentesten Soundgewänder freuen, das der Rezensent bisher in der Arena gehört hat, und das, obwohl neben zwei Gitarren, Baß, Drums und mehreren Gesangsmikrofonen auch noch die Samples abzumischen sind, die im Sound der Band eine markante Rolle spielen – zwar wurzeln Beast In Black im Traditionsmetal, aber sie statten diesen mit einer sehr stark ausgeprägten Zusatzkomponente aus der Konserve aus, seien das nun perkussive Elemente, Orchesterflächen oder noch andere Bestandteile. Das reicht so weit, dass „Ghost In The Rain“ fast an eine Übersetzung von klassischem Euro-Dancefloor in Metal grenzt, wofür man die Band vor einem Vierteljahrhundert noch geteert und gefedert hätte. Auch heute sind Sonic Syndicate, Amaranthe und eben Beast In Black nicht gerade als metallische Authentizitätsgaranten verschrieen, aber andererseits machen sie zugängliche, harte, spielfreudige, auch emotionale und trotzdem eingängige Musik und haben Erfolg damit. Zudem besitzt die schöne Ballade „Born Again“ einiges an eskapistischem Feeling, und die starke stimmliche Leistung von Sänger Yannis Papadopoulos nicht nur, aber gerade in diesem Song macht seine bisweilen leicht übermotiviert wirkenden Ansagen locker wett. Auch die Instrumentalisten der finno-ugrischen Freundschaft sind kompetente Leute, von denen in Deutschland Gitarrist Kasperi Heikkinen aufgrund seiner Jahre bei U.D.O. den wohl größten Bekanntheitsgrad besitzen dürfte, während sein Sechssaitenpartner Anton Kabanen manchem von Battle Beast geläufig sein könnte, während er aktuell parallel bei den ungarischen Wisdom spielt, von denen auch Bassist Máté Molnár kommt. Der gleichermaßen spiel- wie showfreudige Drummer Atte Palokangas komplettiert das Quintett, das neben sieben der zehn Berserker-Songs auch zwei vom Anfang 2019 zu erwartenden Albumzweitling From Hell With Love bietet: das erwähnte „Ghost In The Rain“ und den etwas episch angehauchten Setcloser „End Of The World“, was im Blick auf die grundsätzliche Ausrichtung der Platte noch einige Möglichkeiten offenläßt. Der Fronter lädt das Publikum dazu ein, sich selbst zu überzeugen – die Headlinertour zu besagtem Album wird das vielversprechende Quintett im März 2019 abermals nach Leipzig führen.

Setlist Beast In Black:
Beast In Black
Eternal Fire
Blood Of A Lion
The Fifth Angel
Born Again
Ghost In The Rain
Crazy, Mad, Insane
Blind And Frozen
End Of The World

Auch Nightwish-Chanteuse Floor Jansen hegt spezielle Erinnerungen an Leipzig, bildete der Gig am 7.9.2002 doch den Tourabschluß ihrer damaligen Formation After Forever als Support von, richtig, Nightwish, was die Tour zum Century Child-Album war und zugleich die einzige Nightwish-Tour, die der Rezensent nicht gesehen hat. Lange Zeit fremdelte Chefdenker Tuomas Holopainen ja ein wenig mit dem Frühwerk seiner Band und begann erst ganz allmählich, die eine oder andere Nummer wieder ins Programm aufzunehmen. Da allerdings das aktuelle Album die Compilation Decades ist, welchselbige eine Reise vom aktuellsten Studiomaterial aus dem Jahr 2015 bis hin zu den ersten Nightwish-Aufnahmen von 1996 unternimmt und auch alle Zwischenstationen bedenkt, durfte man auf der zugehörigen Tour darauf hoffen, vielleicht eine noch etwas stärkere Berücksichtigung älteren Materials zu erleben. Die Tourankündigung nährt diese Hoffnung, denn da steht wörtlich folgendes geschrieben: „Für diese Tour wird die Band auch eine ganz besondere Setlist spielen, die u.a. aus einzigartigem Material aus der Anfangszeit der Band besteht. Das wird nicht nur für Fans, sondern auch für Nightwish selbst etwas Besonderes. Bereiten Sie sich auf viele alte Songs in neuem Gewand vor.“
Die Neugier ist also geweckt und die Spannung groß, als der Set gegen 20.20 Uhr beginnt (die schräge Zeitangabe auf der Arena-Homepage stellt sich bezüglich des Headliners also als korrekt heraus). Ins orchestrale Intro wird u.a. eine Erzählpassage im Stile von Richard Dawkins eingeflochten, hier allerdings gegen das Mitfilmen der Show und für ein pures Miterleben argumentierend – und dann klappt die Kinnlade nicht nur des Rezensenten in Richtung Hallenboden: Als Opener servieren uns Nightwish „Swanheart“ in einer umwerfenden Instrumentalversion mit Troy Donockley am die Gesangslinie nachvollziehenden Gebläse. Besagte Nummer ist immer noch die stärkste Ballade, die sich Tuomas Holopainen je aus dem Kreuz geleiert hat, und sie steht nicht auf Decades, was die Überraschung, ausgerechnet sie als Showopener zu hören zu bekommen, perfekt macht – der Rezensent hat vorher bewußt nicht auf die Setlists anderer Shows der Tour gelinst, um völlig unbeeinflußt zu sein, und schwebt emotional danach erstmal auf Wolke achteinhalb (oder so ähnlich).
Sollte irgendjemand danach noch Zweifel an der Hochkarätigkeit dieses Abends gehegt haben, wischen Nightwish diese mit dem folgenden Doppelschlag aus „Dark Chest Of Wonders“ und „Wish I Had An Angel“ weg, um dann weiter in ihrer frühen Vergangenheit zu graben. Für Decades-Besitzer ist der Überraschungseffekt danach nicht mehr ganz so groß, aber mit „Come Cover Me“ immer noch vorhanden, denn diese Wishmaster-Nummer steht nicht auf der Compilation, wurde allerdings auf jüngeren Touren bereits reaktiviert, wobei Floor Jansen die nicht hundertprozentig stimmungskompatiblen „Hey-Hey“-Zwischenanfeuerungen, die man von From Wishes To Eternity her kennt, leider adaptiert. Dazwischen steht freilich noch „10th Man Down“, und es ehrt Tuomas Holopainen, dass er bei der Zusammenstellung des Decades-Materials auch die Over The Hills And Far Away-EP nicht vergessen hat. Ansonsten reiht sich in diesem Showteil ein altes Highlight ans nächste, und in diesem Umfeld funktioniert selbst „Elán“ als homöopathische Endless Forms Most Beautiful-Zutat, während „Gethsemane“ und besonders „Dead Boy’s Poem“ die allergrößten Geniestreiche dieses Blocks markieren. Apropos Blöcke: Dass die beiden Imaginaerum-Beiträge „I Want My Tears Back“ und „Last Ride Of The Day“ direkt hintereinander kommen, überrascht ebenso wie ihre Einrahmung durch die beiden Debüt-Beiträge „Elvenpath“ und „The Carpenter“, wobei man bei aller Freude an der archäologischen Arbeit so ehrlich sein muß, nicht zu verschweigen, dass gerade letzteres am Gros des Publikums irgendwie vorbeigeht und selbst die hübsche Blondine links neben dem Rezensenten, die augenscheinlich ein gutes Stück jünger ist als die Band und sonst durchgängig textsicher mitsingt, hier schweigt. Dafür macht der „Elfenjig“, ein Traditionscover, Laune, und das Doppel aus „The Kinslayer“ und „Devil & The Deep Dark Ocean“ versetzt die Altanhänger abermals in den siebenten Himmel, bevor „Nemo“ alle im Saal zu einer großen Feiermenge vereint. Nicht zwingend gebraucht hätte es danach „Slaying The Dreamer“ – der Rezensent hält die eher pseudoharte Nummer nach wie vor für einen der ganz wenigen schwächeren Tracks im Nightwish-Frühwerk und hätte sich an dieser Stelle eher über das gleichfalls auf Decades enthaltene „End Of All Hope“, das ein Vierteljahr zuvor in Wacken auch gespielt wurde, gefreut. Aber man kann ja nicht alles haben – und „The Greatest Show On Earth“ wird wie schon 2015 positiverweise wieder aufgeteilt, nämlich in drei Live-Teile (das Hauptthema hat zwischenzeitlich beim Rezensenten übrigens doch noch gezündet und seine Größe preisgegeben, aber nicht auf alles vom Rest des Songs trifft Gleiches zu) und die hinteren beiden als nicht mehr zwingend Aufmerksamkeit erforderndes Outro nach dem Orchesterlongtrack-Prototypen „Ghost Love Score“, der das über die allerweitesten Strecken kongeniale Konzert abschließt. Nur die Freunde des Dark Passion Play-Albums gehen komplett leer aus – zwar stehen „The Poet And The Pendulum“ sowie „Amaranth“ auf Decades, und letztgenanntes war auf dem Südamerika-Zweig der Tour auch gespielt worden (anstelle von „Last Ride Of The Day“ übrigens, das nicht auf Decades steht), aber in Leipzig steht es nicht auf dem Programm. Und wer im stillen gehofft hatte, den Demotrack „Nightwish“, welcher Decades abschließt, live zu hören, bekommt diese Hoffnung gleichfalls nicht erfüllt, aber bei aller Exzentrizität, die man Tuomas Holopainen zweifellos zuschreiben darf, war damit realistisch nun wirklich nicht zu rechnen. (Obwohl – wer eine Best Of mit einer 24minütigen Orchestermetalnummer beginnt ...)
Mit gewisser Spannung durfte erwartet werden, wie sich Floor Jansen im Altmaterial schlagen würde – obwohl sie ebenfalls klassisch ausgebildeter Sopran ist, bedient sie sich überraschenderweise kaum dieses Teils ihres Stimmspektrums, sondern setzt die alten Nummern eher in dem Stil um, den man auf Endless Forms Most Beautiful hörte, wobei er hier zumeist besser paßt als im Studiomaterial. Dass sie allerdings in Bestform ist, daran gibt es keinen Zweifel, und die instrumentalen Mitstreiter lassen sich gleichfalls nicht lumpen, soweit man das wahrnehmen kann: Kai Hahtos Doublebass schmeckt etwas vor, und da die gerade im alten Material nicht selten zum Einsatz kommt, hört man in diesen Passagen bisweilen nur Drums und Vocals, was einen eigentümlichen Eindruck hinterläßt, allerdings glücklicherweise der einzige größere Problemfall beim Sound bleiben soll, der ansonsten zumindest am Standort des Rezensenten etwa auf halber Strecke zwischen Bühne und Mischpult durchaus recht transparent ausfällt. Zu erwähnen ist auch die anspruchsvolle Gestaltung der Videoprojektionen, und wem „The Greatest Show On Earth“ hier und da zu langatmig vorkommt, der kann sich an schönen Unterwasseraufnahmen erfreuen und Riffbarsche, Korallen etc. bestaunen. So sind zumindest in der Umgebung des Rezensenten am Ende alle glücklich, einem exzellenten Konzert beigewohnt zu haben, der Rezensent selber teilt diese Meinung mit den erwähnten minimalen und in der Gesamtbetrachtung kaum ins Gewicht fallenden Abstrichen, und selten war der Wunsch nach einer Livekonservierung stärker, der allerdings bereits mit einem Mitschnitt des Südamerika-Astes erfüllt worden ist. Aber wie das so ist mit Wünschen, gibt es noch einen weiteren: noch so eine Tour, dann mit „The Riddler“, „FantasMic“, „Angels Fall First“ etc. pp. Vielleicht zum 30-Jährigen – Herr Holopainen, wie wär’s?

Setlist Nightwish:
Swanheart
Dark Chest Of Wonders
Wish I Had An Angel
10th Man Down
Come Cover Me
Gethsemane
Élan
Sacrament Of Wilderness
Dead Boy’s Poem
Elvenjig
Elvenpath
I Want My Tears Back
Last Ride Of The Day
The Carpenter
The Kinslayer
Devil & The Deep Dark Ocean
Nemo
Slaying The Dreamer
The Greatest Show On Earth (Chapter I: Four Point Six; Chapter II: Life; Chapter III: The Toolmaker)
Ghost Love Score
The Greatest Show On Earth (Chapter IV: The Understanding; Chapter V: Sea-Worn Driftwood)

Roland Ludwig


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