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Humppa-Schmalhans: Eläkeläiset auf Vierteljahrhunderts-Jubiläums-Tour in Jena

Info

Künstler: Eläkeläiset

Zeit: 02.10.2018

Ort: Jena, F-Haus

Internet:
http://www.humppa.com

Interessanterweise gibt es in den Weiten des MAS-Archivs zwar vier Eläkeläiset-Tonträgerreviews, aber bisher keinen einzigen Konzertbericht über diese einzigartigen Finnen. Also wird‘s Zeit, zumal die Combo anno 2018 auf ihr 25jähriges Bestehen zurückblicken kann, sich aus diesem Anlaß ein neues Studioalbum namens Humppainfarkt aus dem Kreuz geleiert hat und auf Jubiläumstour durch die deutschen Lande reist, wo sie vermutlich weltweit nahezu am populärsten ist, vielleicht populärer noch als in ihrer finnischen Heimat.
„Populär“ ist auch ein wichtiges Wort bei der Beschreibung des musikalischen Konzeptes, dem die Finnen seit nunmehr einem Vierteljahrhundert frönen. Sie nehmen Preziosen populären Liedguts her und wandeln diese in Humppa-Versionen um, dargeboten in einer Grundbesetzung aus Drums, Baßgitarre, Akkordeon und zwei Keyboards historischen Zuschnitts, also geschätzt aus einer Zeit kurz nach der Erfindung der elektronischen Rechenmaschine. Das Tempo liegt fast immer ziemlich hoch, und damit Ermüdungserscheinungen vermieden werden, streut die Band gelegentlich Umsetzungen im langsamen Jenkka-Stil ein. Damit die Identifizierung der Originalsongs nicht gar zu einfach wird, übernehmen Eläkeläiset zumeist nur einige markante Teile und dichten zudem neue Texte, die im Refrain fast alle das Wort Humppa enthalten, in Finnisch gehalten sind und Sprachkennern zufolge, zu denen der Rezensent nicht gehört, durchaus einige weniger jugendkompatible Passagen enthalten sollen.
Diese Combo ist aktuell wie bereits eingangs beschrieben auf Jubiläumstour und spielt am 1.10. in der Moritzbastei in Leipzig. Der Rezensent, der, wenn er Eläkeläiset live erlebte, das zumeist in besagter Lokalität tat, ist am besagten Abend keine hundert Meter weiter im Gewandhaus verpflichtet, und der dortige Termin endet erst, als auch die Eläkeläiset-Konzertbesucher schon wieder der Moritzbastei entströmen. Da mit diesem Zeitmanagement vorher bereits zu rechnen war, hatte sich der Rezensent entschieden, den Gig am Folgetag im F-Haus in Jena zu besuchen, und das ist auch der Ort, wo er 2014 die Combo letztmalig zuvor gesehen hatte (siehe Review auf www.crossover-netzwerk.de). Die Grundfläche des F-Hauses ist deutlich größer als die der Veranstaltungstonne der Moritzbastei, und so bleibt zum Schwingen des Tanzbeins deutlich mehr Platz, auch oder gerade wenn eine Besucheranzahl anwesend ist, die man in Leipzig hätte stapeln müssen, wie es an diesem Abend der Fall ist. Vor der Bühne bildet sich rasch ein recht bewegungsaktiver Radius, in dem sich u.a. Leute in Seemannsuniform und in Weihnachtsmannkostümen tummeln, und ringsherum tobt der Bär etwas geruhsamer, aber auch die dort stehenden Leute wissen, was sie mit den Stagedivern (und der einen -diverin!) anzufangen haben, die ab dem zweiten Setdrittel aktiv werden und von denen es etliche tatsächlich bis hinter zum Mischpult schaffen.
Der Rezensent ist wenige Minuten zu spät dran, und laut Auskunft eines neben ihm stehenden Besuchers hat er anderthalb Songs versäumt. Das paßt auch zum üblichen Leadvocals-Verteilmanagement: Die fünf Bandmitglieder sitzen horizontal auf der Bühne aufgereiht, und beginnend mit dem aus Publikumssicht rechts außen sitzenden Onni singt immer einer nach dem anderen die Leadvocals einer Nummer – als der Rezensent den ersten Blick auf die Bühne wirft, ist Petteri dran, der zweite von rechts. Also wird die betreffende Aussage stimmen. Das mit dem Sitzen stimmt übrigens nur bedingt: Akkordeonist Lassi tummelt sich gelegentlich auch im leeren vorderen Teil der Bühne, und Onni tut das immer dann, wenn er von seinem Keyboard an ein anderes Instrument wechselt. 2014 hatte er u.a. ein Banjo und eine Mandoline dabei, die er diesmal in Finnland gelassen hat (oder sie sind nur im allerersten Song zum Einsatz gekommen), aber die Violine spielt er auch 2018 wieder, wenngleich deutlich seltener als damals, denn er hat noch ein anderes Saiteninstrument für sich entdeckt: die E-Gitarre, und die spielt er nicht nur auf der Bühne, sondern wird kurz vor Setende von einem der Weihnachtsmänner auf die Schultern genommen und eine große Runde durch den Saal getragen. Leider hört man die Gitarre an einigen Stellen im Soundmix nicht so sehr gut, ansonsten aber gelingt dem Soundmenschen im nicht einfach zu beschallenden F-Haus ein durchaus achtbares Gesamtklangbild – lediglich die große Aufgabe, die Mikrofone alle so einzustellen, dass man auch das gewohnte lustige Ansagenkauderwelsch aus Deutsch, Englisch, Finnisch und weiteren Sprachen, diesmal sogar Japanisch, durchgängig versteht, kann abermals nicht vollends gelöst werden.
Ansonsten aber ist alles wie gehabt. Alles? Nein – 2014 trommelte noch Kristian, aufgrund seiner markanten Statur ein nicht unbedeutender optischer Faktor der Band. Zwischenzeitlich muß es einen Besetzungswechsel gegeben haben, den ersten seit langer Zeit. Neu-Drummer Tapio kann mit den optischen Eigentümlichkeiten seines Vorgängers nicht konkurrieren und liegt auch stimmlich bisweilen mal im, sagen wir, punkigen Bereich, aber den Schlagzeugteppich rollt er genauso kompetent aus wie sein Vorgänger, und wenn er instrumental anarchistisch zu klingen hat, dann geschieht das genauso mit Absicht wie bei seinen Bandkollegen – wer wissen will, wie das gemeint ist, suche mal auf YouTube nach der Eläkeläiset-Version von „Thunderstruck“. Was dem Drummer gleichfalls zufällt, ist eine markante Rolle als derjenige, der jeweils den Abschluß eines Songfünfers singen darf, und weil Eläkeläiset das wissen, plazieren sie „Jääkärihumppa“ als den diesmaligen größten Hit im Set (original Europes „The Final Countdown“) an einer solchen Stelle. Ansonsten kommen in den ersten Teilen überwiegend jüngere Interpretationen zum Zuge, die Hitdichte steigert sich nach hinten, und das Ratespiel „Was war nun das gleich noch im Original?“ bleibt wie gewohnt interessant. Wer auf „Run To The Hills“ oder „Nemo“ wartet, geht diesmal übrigens leer aus, dafür kommen u.a. „Dancing With Myself“ (als willkommener langsamer Kontrapunkt) und „Sharp Dressed Man“ zum Zuge, und der Zugabenteil ist wie gewohnt mit Hits gespickt, darunter „Humppalaki“ aka „Breaking The Law“ diesmal in einem großen Medley, das nicht nur „Humppaa Tai Kuole“ aka „No Limit“ enthält, sondern noch weitere Komponenten.
Nur erlauben sich Eläkeläiset diesmal einen bösen Schabernack mit dem Publikum: Die aktuelle „Humppainfarkt“-Tour ist wie erwähnt als Jubiläumsgastspielreise zum 25jährigen Bandjubiläum deklariert, und da erwartet der Hörer eigentlich etwas Außergewöhnliches – und geht leer aus. Aber er bekommt zudem auch noch eine deutlich niedrigere Dosis vom (natürlich prinzipiell auch genehmen) Normalprogramm: Hatten Eläkeläiset anno 2014 sechs Komplettdurchläufe des Gesangsschemas plus zwei Einzelsongs gespielt und waren mit 32 Nummern auf knapp zwei Stunden Spielzeit gekommen, so erklingen diesmal nur fünf Komplettdurchläufe plus ein Einzelsong, und mit den 26 Songs ist bereits nach anderthalb Stunden Schluß. Gut, man muß natürlich einen Humppainfarkt sowohl bei den Bandmitgliedern als auch beim Publikum vermeiden, aber das hätte dann doch etwas mehr sein dürfen. Wenigstens stimmt der Unterhaltungswert natürlich auch diesmal grundsätzlich positiv, zumal im Zugabenblock sogar deutsch gesungen wird – nicht im finalen „Das Model“, aber im Refrain von „Guantanamera“, das in der Textfassung „Ein‘ Rudi Völler“ zum besten gegeben wird. „Das Model“ allerdings hält noch einen Effekt der ganz besonderen Art bereit: Die oben genannte Stagediverin erklimmt die Bühne und drückt Onni einen Kuß auf die Wange, woraufhin der sein Keyboard Keyboard sein läßt und statt dessen mit der Diverin eine flotte Sohle über den vorderen Teil der Bühne legt. So endet ein zwar musikalisch gewohnt interessantes und unterhaltsames, aber deutlich zu schmalhansiges Konzert – kurioserweise erlebt der Rezensent drei Tage später ebenfalls in Jena The Whiskey Foundation, bei denen eine halbe Stunde weniger Spielzeit den Gig deutlich aufgewertet hätte (siehe Review auf diesen Seiten), während diese halbe Stunde gerne noch von Eläkeläiset hätte draufgeschlagen werden können.

Roland Ludwig


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