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Artikel

Ein Tag beim Die Heide raucht mit Mellow Mark und Birth Control

Info

Künstler: Die Heide Raucht 2018

Zeit: 22.06.2018

Ort: Döckingen

Internet:
https://www.heide-ev.de/

Mit dem diesjährigen „Die Heide raucht“-Festival starten die Veranstalter – man kann es kaum glauben – in die 15. Auflage! Seit 1999 gibt es dieses kleine aber feine Fest das die Döckinger mit unermüdlichem Einsatz jedes Jahr wieder aufs Neue auf die Beine stellen. Ich muss zu meiner Schande leider gestehen, dass ich bis jetzt noch nie dran war, obwohl ich bloß 35 Kilometer davon entfernt wohne.

Birth Control sind für mich heuer jedoch der Anreiz, das Festival zu testen. Vor ein paar Jahren haben jene auf dem ganz in der Nähe stattfindenden Wudzdog Festival gespielt. Die Resonanz in der Presse und von etlichen Besuchern war sehr positiv. Mit dem Tod von Schlagzeuger, Sänger und Urgestein Bernd „Nossy“ Noske 2014 musste die Band einen herben Verlust hinnehmen. Nach dem 2016 erschienen Album Here And Now, das noch mit Noske eingespielt wurde, entschied sich die Band weiterzumachen. Verstärkt haben sie sich seitdem mit Sänger und Gitarrist Peter Föller, der bereits von 1973 bis 1977 bei Birth Control mit an Bord war. Als Schlagzeuger wurde Manfred „Manni“ von Bohr zurückgeholt, auch er war von 1977 bis 1980 schon Teil der Band.

Leider hat die Schafskälte Einzug gehalten und mit dem wunderbaren Sommer ist pünktlich zum kalendarischen Sommerbeginn erstmals Schluss. Warme Schuhe, lange Hose und dicke Jacke sind heute angesagt, als Birth Control spielen hat es geschätzt nur noch ca. 10 Grad.

Das Festival liegt ein bisschen außerhalb des Dorfes mit ca. 600 Einwohnern. Das Gelände liegt recht idyllisch auf einer Wiese, im Hintergrund scheint noch die Sonne und Stress oder Hektik findet man hier nirgends. Bereits am Eingang geht es lässig zu, die Security hat hier und heute sicher keinen schwierigen Job. Kommerz ist hier auch ein Fremdwort. Es gibt ein paar Verkaufsstände, eine tolle Auswahl an leckerem und preisgünstigem Essen und auch die Getränkepreise sind mehr als fair. So gefällt mir das!

Den Beginn macht MELLOW MARK, der im deutschen Reggae-Bereich sehr bekannt ist. Er hat 2003 für sein Debütalbum Revolution den Musikpreis Echo bekommen, veröffentlicht seitdem in regelmäßigen Abständen Alben und ist derzeit mit der 2018 erschienenen Scheibe Nomade im Gepäck auf Tour. Der Typ ist auf der Bühne schon ein Hingucker, da er Gitarre und Schlagzeug gleichzeitig bedient, dabei singt und hin und wieder Samples punktgenau einspielt. Seine Texte handeln hauptsächlich von Frieden, Gerechtigkeit, Liebe und dem fairen Umgang miteinander. Er schafft es die wenigen Besucher vor der Bühne zum Mitsingen und Mitklatschen zu animieren – ein Kunststück, dass ich ihm keinesfalls zugetraut hätte. Erschwerend hinzu kommt, dass Birth Control im Stau stehen und er eine längere Spielzeit bekommen hat. Das scheint ihn nicht zu interessieren, er zieht sein Programm mit einer Lockerheit und Spontanität herunter, dass es eine wahre Freude ist. Die Mischung aus Hip-Hop und Reggae würde ich mir zu Hauuse niemals reinziehen, live kommt die Sache recht amüsant rüber.

Kurz vor Konzertbeginn läuft Birth-Control-Sänger Peter Föller direkt an uns vorbei und es riecht anschließend verdächtig nach Gras. Die Intensität nimmt immer weiter zu, je weiter er sich von uns wegbewegt. Was ist denn das für ein komischer Effekt? Als ich mich umdrehe, lüftet sich das Rätsel. Hinter mir ziehen ein paar Besucher ganz entspannt eine spezielle Kräuterzigarette durch die Lunge, von der wir den Qualm direkt abbekommen.

Die Umbaupause dauert länger als gedacht und statt um 22.30 Uhr kommen BIRTH CONTROL eher um 23.15 Uhr auf die Bretter. Mit dem äußerst passenden Opener „The Work Is Done“ vom Operation-Album legen die deutschen Kultrocker los. Der Sound ist perfekt, die Hammond-Orgel rotzt und röhrt und die Musiker machen den Eindruck, dass sie hier und heute richtig gut drauf sind. Obwohl vor der Bühne vielleicht nur 100 Leute versammelt sind, spielen die Musiker, als wären sie die Hauptband eines großen Rock-Festivals.

Peter Föller hat eine Original Rickenbacker-Gitarre dabei, wie sie sonst Roger McGuinn von den Byrds oder Tom Petty gespielt hat. Leider geht die im Sound ziemlich unter, der Mischer schafft es leider während des kompletten Konzerts nicht, den Klang dieses wundervollen Instruments vollends zur Geltung zu bringen. Die Band ruht sich jedoch keineswegs nur auf ihren alten Klassikern aus, sondern spielt insgesamt sogar insgesamt vier Songs vom Here And Now-Album. Für mich ist hier kein Qualitätsverlust erkennbar, die Songs sind höchstens etwas ruhiger und relaxter ausgelegt. Das tut der Stimmung jedoch keinen Abbruch, vor allem „Wasting My Time“ und „Lost In The Sea“ gefallen mir hervorragend.

Man merkt den Musikern an, dass sie sehr gut eingespielt sind und sich in dieser Besetzung mittlerweile sehr wohl fühlen. Klar, Noske ist nicht mehr dabei und die Band ist natürlich mittlerweile eine ganz andere. Ich finde es umso erfreulicher, dass es die Truppe überhaupt noch gibt und dass sie – in welcher Besetzung auch immer – wieder live unterwegs sind. Und dass Peter Föller und Manfred von Bohr nach fast 30 Jahren Birth-Control-Abstinenz wieder zur Band zurückgekommen sind, spricht auch Bände. Vor allem Schlagzeuger von Bohr gefällt mir hervorragend. Sein Schlagzeugspiel ist wuchtig, präzise und bringt einen gewissen Progressive-Touch mit, der für die Songs äußerst gut passt. Im Verbund mit Bassist Hannes Vesper, der mittlerweile auch schon 20 Jahre dabei ist, bilden sie ein sauberes Rhythmusduo. Bei einem unterhaltsamen Drumsolo stellt er sein Können zusätzlich noch eindrucksvoll unter Beweis.

Peter Föller fühlt sich in der Rolle als Frontmann sichtlich wohl und sorgt mit seiner sympathischen, zurückhaltenden Art für eine besondere Darbietung. Hier wirkt nichts aufgesetzt oder gekünstelt, er zieht einfach sein Ding durch und lässt viel lieber die Musik sprechen. Der große Redner ist er nicht, lediglich die Songs kündigt er im Vorfeld kurz an. Sein Gesang passt hervorragend zu den alten und neuen Stücken und erinnert mich vor allem in den tieferen Lagen an den gereiften Ian Gillan (Deep Purple). Keyboarder Sascha Kühn, der seit 2000 bei Birth Control an Bord ist, sorgt mit seinem abwechslungsreichen Spiel und seinen phantastischen Hammond-Parts für den entsprechenden Nostalgie-Touch, den diese Stücke zweifellos brauchen. Es ist interessant zu beobachten, wie die Musiker vor allem bei den ruhigeren Stücken perfekt harmonieren und Spaß haben, zusammen auf der Bühne zu stehen.

Die Kälte fordert ihren Tribut und einige Konzertbesucher haben deswegen den Platz vor der Bühne verlassen und es sich an den Lagerfeuern oder am Grill bequem gemacht. Ich und etliche andere versuchen dieses „Wärme-Manko“ mit rhythmischer Bewegung, die man auch als Tanz bezeichnen kann, auszugleichen. Ein paar leicht angeschickerte Hippies nehmen mich dabei an der Hand und es wird während „Lost In The Sea“ Ringelreihe getanzt. Sowas habe ich auch noch nicht erlebt, das ist schon sehr „Back To The Roots“.

Mit „Gamma Ray“ steht der Bandklassiker schlechthin auf dem Speiseplan, den die Band nach allen Regeln der Kunst abfeiert. Das an einen indianischen Kriegstanz erinnernde Lied verfehlt seine Wirkung vermutlich nie, auch hier macht Peter Föller eine gute Figur. Hier ist wieder einiges vor der Bühne los, da etliche Konzertbesucher ihren Platz am Lagerfeuer zumindest für diesen Song verlassen. Der fabelhafte Gitarrist Martin „Ludi“ Ettrich zeigt hier sein ganzes Können und spielt sich dabei in einen wahren Rausch. Als Zugabe wird noch der letzte Song vom aktuellen Album Live In The Here And Now angestimmt. Gitarrist Martin „Ludi“ Ettrich widmet den Auftritt dem verstorbenen Noske, was vom Publikum natürlich entsprechend honoriert wird.

Unter großem Beifall verabschieden sich Birth Control nach 105 Minuten von ihren Fans, von denen sich die meisten ganz schnell wieder zurück ans Lagerfeuer oder ins Zelt verkriechen. Nach einem kurzen Plausch am Merchandising-Stand mit Bassist Hannes Vesper machen wir uns vom Acker. Die anschließende Band Strabande schauen wir uns nicht mehr an, ich bin durchgefroren und müde. Am Tag drauf sind dann unter anderem die Punk-Urgesteine Normahl und Rainer von Vielen auf dem Programm, was musikalisch jetzt nicht für mich interessant ist.

Den Veranstaltern ist es gelungen, ein friedliches, gemütliches Festival auf die Beine zu stellen, das man gesehen haben sollte und ich mir im nächsten Jahr, wenn es musikalisch für mich passt, gerne wieder besuchen werde. Und bei einem Preis für das Tagesticket von 15 Euro kann man sich nun wirklich nicht beschweren!

Stefan Graßl


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