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...And Then There Were Eight: Die Amsterdam Klezmer Band löst mit variierter Besetzung Tanzwut im Volksbad Jena aus

Info

Künstler: Amsterdam Klezmer Band

Zeit: 19.05.2018

Ort: Jena, Volksbad

Internet:
http://www.amsterdamklezmerband.com

Szikra heißt die neue Scheibe der Amsterdam Klezmer Band, und es ist kein gewöhnliches Bandalbum, sondern eine Kollaboration mit der ungarischen Formation Söndörgö. In selbiger Doppelkonstellation stehen auch einige Livedates an, zwischendurch spielen die Niederländer aber auch immer wieder in ihrer Normalbesetzung – oder einer gewissen Variation davon.

Letzteres ist an diesem Abend in Jena der Fall: Das althergebrachte Septett besitzt keinen hauptamtlichen Drummer, sondern lediglich drei Teilzeitpercussionisten, die diese Aufgabe gelegentlich übernehmen, wenn sie in ihren sonstigen Funktionen nicht gebraucht werden, wobei der Löwenanteil auf Sänger Alec entfällt – allerdings beschränken sich diese percussionistischen Einwürfe meist auf ein kleines Becken oder voluminös ähnlich gelagerte Instrumente. An diesem Abend (und bei einigen weiteren Konzerten) aber spielt ein achter Musiker mit, der sich extra für diese Gigs den immerhin knapp zweistündigen Set draufgeschafft hat – und dieser Mann namens Arno van Nieuwenhuize sitzt hinter dem Drumkit und sorgt dafür, dass die sowieso schon hochgradig tanzbare Mixtur der Band, die aus viel Klezmer, etwas Reggae bzw. Ska, ein wenig Folklore slawisch angehauchter Natur und ein paar Spritzern noch anderer Genres besteht, an diesem Abend noch ein paar Stufen bewegungsfördernder und tanzwuterzeugender ausfällt. Das Publikum läßt sich denn auch nicht lange bitten: Vor dem Gig sieht das Volksbad zwar aus, als habe hier gerade ein Kongreß von Veteranen, die die Gründung des Staates Israel vor 70 Jahren noch selber miterlebt haben, stattgefunden – rechts und links unter den Emporen sowie auf selbigen stehen Tische und Bänke bzw. Stühle, letztere mit vielen Menschen älteren Baujahrs besetzt –, aber der große freie Raum vor der Bühne füllt sich während der ersten zwei, drei Songs schnell mit tanzfreudigem jungem und junggebliebenem Publikum, das die akustischen Angebote des Oktetts zum Ausleben des Bewegungsdranges dankbar annimmt. Mittendrin steht auch der Rezensent, der sich diese Gelegenheit selbstverständlich ebenfalls nicht entgehen läßt, wenngleich er gegen Gigende dann doch bemerkt, dass die Kondition fürs muntere Herumhüpfen im fünften Lebensjahrzehnt etwas nachzulassen beginnt. Trotzdem versucht er sich ein Beispiel an Saxophonist/Teilzeit-Sänger/Moderator Job zu nehmen, denn der ist offensichtlich deutlich älter als der Rezensent, scheint aber in einen Jungbrunnen gefallen zu sein und springt noch im Zugabenblock munter auf der Bühne hin und her, als gäbe es sowas wie Alterserscheinungen überhaupt nicht.

2012 und 2013 hat der Rezensent die Amsterdam Klezmer Band in Leipzig live erlebt, und beim ersten dieser Gigs hatte die Truppe die Setlist so strukturiert, dass sie mit langsameren Stücken begann und fast linear immer schneller wurde. 2013 gab es eine derartige Grundtendenz gleichfalls, aber mit einigen Schlenkern und Wendungen mehr. 2018 nun sieht die Lage grundlegend anders aus: Lineare Tempoentwicklungen im Set sind passé, es herrscht ein munterer Wechsel, auch mit eingestreuten schrägeren Taktarten, die das Finden eines geeigneten Tanzrhythmus zu einer gewissen Herausforderung stempeln, und das, obwohl das diesbezüglich archetypische Stück „The Magnificient Seventh“, das aus verschiedenen Siebener-Taktarten besteht, nicht mal in der Setlist steht. Es geht also tempotechnisch sehr bunt zu, und nach den beiden eröffnenden Midtempostücken „Papa Chajes“ und „Noar ’t Noord’n“ kommt mit „Pure Pepper“ gleich eines der schnellsten Stücke der Bandgeschichte überhaupt. Ansonsten hat die seit reichlich zwei Dekaden aktive Truppe natürlich mittlerweile das Luxusproblem einer ganzen Armada an Alben, aus denen eine Setlist zu formen nicht eben einfach ist. Dass sich kein Szikra-Material im Set findet, überrascht dabei weniger als der Fakt, dass auch der Albumvorgänger Benja unberücksichtigt bleibt, das vom Konservierungszustand her jüngste Material mit „Op Je Hoede“ und „Bigoudi“ also vom 2014er Werk Blitzmash stammt. Das stört das Publikum in Jena freilich nicht, zumal ein gewisser Teil der Anwesenden zu Bandgründungszeiten im Kindergartenalter oder noch gar nicht geboren gewesen sein dürfte, ergo eine Art Best-Of-Set auch noch einigen Neuigkeitenwert besitzt, wenngleich die Truppe nicht zum ersten Mal in der Saalestadt spielt. Dass die Spielfreude enorm hohe Werte annehmen dürfte, war zu erwarten und tritt dann auch ein, und es bekommen auch alle Musiker, einschließlich des Gastdrummers, Gelegenheit, ihr jeweiliges Instrument mit einem kurzen oder auch längeren Solospot vorzustellen, wofür besonders Akkordeonist Theo Szenenapplaus erhält. Der steht in den ersten drei, vier Songs akustisch noch ein wenig zu weit im Hintergrund, aber dann findet der Soundmensch einen Weg, ihn trotz einer geballten Macht von vier Bläsern in der Frontreihe (neben dem Saxer noch ein Klarinettist, ein Posaunist und ein Trompeter) hörbar zu machen, auch die kleinen Percussionsinstrumente nicht von den Drums in den Schatten stellen zu lassen und ein insgesamt sehr klares und nicht überlautes Soundgewand zu schneidern.

Alte Hits wie „Takaj Zhizn“ oder „Oy Oy Oy“ sorgen in bewährter Weise für prima Stimmung im osteuropäisch angehauchten sowie im klassischen Klezmer-Sektor, aber auch eine reggaelastige Nummer wie „After The Storm“ bringt die Tanzbeine im Publikum gekonnt in intensive Bewegung, wobei der Füllstand des Volksbades zwar keineswegs niedrig ist, aber auch nicht so hoch, dass man etwa Gefahr laufen würde, bei jeder Tanzbewegung seinen Nachbarn oder seine Nachbarin aufs Kreuz zu legen. Auch bei den diversen Mitsingspielchen macht das Publikum gerne mit, und wenn man ein wenig Kritik üben will, dann allenfalls an einem Aspekt: Das melancholische musikalische Element wohnt zwar dem Klezmer stilimmanent inne, bleibt in der Bandversion mit dem Drummer aber weitestgehend außen vor – auch „Bigoudi“ weist einen Extrapunch auf, der den Charakter dieser Komposition relativ markant verändert. Das fällt allerdings zweifellos unter den Begriff „Luxusproblem“ und dürfte zumindest im Raum vor der Bühne niemanden entscheidend gestört haben. So bekommen wir knapp zwei Stunden Modern Klezmer vom Feinsten, natürlich inclusive eines zwar in der Setlistabschrift kurz wirkenden, aber in Realzeit ausgedehnten Zugabenblocks (das Medley aus Teilen des 2005er Albums Son ist nämlich urlang), und begeisterter Applaus belohnt das Oktett, das seinen Ruf als hervorragende Liveband ein weiteres Mal unter Beweis gestellt hat. Und auch der Rezensent hofft, dass bis zum nächsten Liveerlebnis nicht wieder mehr als viereinhalb Jahre ins Land ziehen.

Setlist Amsterdam Klezmer Band:
Papa Chajes
Noar ‘t Noord’n
Pure Pepper
Op Je Hoede
Oerolistic
Takaj Zhizn
Cocek À La Kopyt
After The Storm
Oy Oy Oy
Bigoudi
Op Een Goppe
Marusja
Lambru
Lolo
Geen Sores
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Elsie’s Tune
Son-Medley

Roland Ludwig


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