····· Im April kommen RPWL mit Stores aus dem Weltall auf Tour ····· "Von Kranichen und Bären": Konzert in Berlin am 15.12. ····· King Crimson laden mit drei Drummern zum 50. Geburtstag in die Spandauer Zitadelle ····· Europa-Tour von Siena Root im Frühjahr ····· Erster Teaser zum kommenden Avantasia-Album ist online ·····  >>> Weitere News <<<  ····· 

Artikel

25 Years after - Mein Leben mit der CD; Folge 87: Gospel-Train - People gonna get better

Zehnter Juni 1993 – Auf dem Marienplatz in München ist der Gospel-Train in voller Fahrt. Deutschen Gospel-Bands gegenüber bin ich zwar immer etwas misstrauisch. Aber an diesem Tag muss diese Band so überzeugend gewesen sein, dass ich 25 DM auf den Tisch des Hauses gelegt und somit das Album People gonna get better erstanden habe.

Vielleicht war es auch die besondere Atmosphäre, die in diesen Tagen des 25. Deutschen Evangelischen Kirchentags (DEKT) in der bayerischen Metropole herrschte. 124.338 Dauerteilnehmer hatten sich für die fünftägige Veranstaltung angemeldet, während der mehrere Tausend Veranstaltungen in allen Teilen der Stadt stattfanden. Diese Zahl deckt aber nur einen Teil der Teilnehmer ab. Wer z.B. eine Unterkunftsmöglichkeit in München hatte, der konnte den DEKT gut mit einer Tageskarte für die zentralen Bereiche auf dem Messegelände und verschiedenen Kongresszentren besuchen – und sich ansonsten durch die Gemeinden, Konzertsäle, Open-Air-Bereiche und Kirchen treiben lassen, die man bei der Großveranstaltung auch ohne Karte besuchen kann.

Musikalisch wäre in diesem Monat wohl die in Charlottenburg erworbene CD Live at the Whisky von Kansas die stärkere Wahl gewesen. Aber dann hätte ich den besonderen Ort München außen vor gelassen. Der hätte sich allerdings auch mit der starken Single „The first female serial Killer“ von Miss World abdecken lassen, die ich während des Kirchentags am 11. Juni in einem Laden namens Magic Point Records erstanden habe.


Aber es sollte unbedingt eine CD vom DEKT, von diesem DEKT, dabei sein. Denn dieser Kirchentag hatte Folgen. Ohne ihn wäre diese Kolumne (und vieles anderes) möglicherweise nie erschienen.

Hard Rock / Metal und Gewalt war Anfang der 90er ein in der Öffentlichkeit stark diskutiertes Thema. Das liegt bei der Ikonographie und den Texten vieler harter Rock-Bands natürlich nahe. Befeuert wurde das Thema aber sowohl durch den Rechts-Rock, dem spätestens seit den Brandanschlägen in Rostock-Lichtenhagen im August 1992 eine überdimensional große Rolle als Ursache von rechter Jugendgewalt zugeschrieben wurde, als auch durch die Berichte von Morden und Kirchenbrandstiftung aus der Black Metal Szene Norwegens heraus.

Mein Bezug zur Metal-Szene war damals eher gering. Im Gegensatz zum Großteil meiner Umgebung hörte ich die alten Helden zwar weiterhin, beobachtete auch das, was in der Nachfolge der Hard Rock Bands der 70er geschah weiter und füllte die Backkataloge auf. Von neueren Sachen war mir aber nur das bekannt, was den Sprung ins Mainstream-Radio schaffte – Helloween, Motörhead, Guns’n’Roses, Gary Moore, Cinderella, Great White und einige mehr.


Dass ich in der Gemeinde, in der ich damals arbeitete, mit rechten Jugendlichen und ihrer Musik konfrontiert war, habe ich bereits verschiedentlich erwähnt. Das führte dazu, dass ich auf dem Kirchentag eine Veranstaltung zu eben diesem Thema besuchte. Die Veranstaltung war inhaltlich insgesamt eher mau. Ich weiß heute nicht mehr im Einzelnen, wer auf dem Podium saß. Erinnern kann ich mich an Christa Jenal, eine selbsternannte Friedenspädagogin, die damals dafür berüchtigt war, dass sie kreuzzüglerisch versuchte Rock- und Metal-Konzerte wegen ihrer Jugend gefährdenden Wirkung verbieten zu lassen. Verständnis für das Objekt der Diskussion oder gar ein Verstehen desselben war von ihr kaum zu erwarten. Aber auch der Rest des Podiums stocherte merkbar eher im Nebel. Einzige Ausnahme war Dr. Johannes Kandel von der Friedrich-Ebert-Stiftung, damals Direktor der Gustav-Heinemann-Akademie in Freudenberg, der offenbar wusste, wovon er sprach.

Ihn fragte ich nach der Veranstaltung, ob er mir eine Möglichkeit nennen könne, wie man sich sachkundig über Hard Rock und Metal informieren könne. Er nannte mir u.a. das Musik-Magazin ROCK HARD und sagte mir, dass unter den Teilnehmern der Veranstaltung, die sich an der Saaldiskussion beteiligt hatten, auch Redakteure dieser Zeitschrift gewesen sein, die mir auch positiv aufgefallen waren. Auf Seite 7 der Ausgabe 75 (August 1993) des ROCK HARD erschien dann auch ein (sehr) kurzer Bericht über diese Veranstaltung. Das war dann etwas später meine dritte ROCK HARD. Die erste habe ich mir noch in München gekauft – und seitdem habe ich keine ROCK HARD mehr verpasst.


Vier mir damals völlig unbekannte Namen standen u.a. auf der Titelseite der ROCK HARD Nr. 73: Dream Theater, Blind Guardian, Pink Cream 69 und Monster Magnet. Sie öffneten mir völlig neue Perspektiven auf die Welt härterer Musik. Die beiden ersten gehörten bald zu meinen Lieblingsbands. Es folgten Bands wie Rage, Skyclad, Morgana Lefay, Running wild, Saviour Machine u.v.a. mehr, die für mich die Tür zum härteren Rock (wieder) öffneten. So habe ich eine ziemlich merkwürdige Hard Rock Sozialisation. Die 70er (Purple, Heep, Rainbow, Scorpions, Quo u.u.u.) habe ich mit der pubertierenden Muttermilch aufgesogen. Die neueren Bands der späten 70er und die der 80er (Maiden, Saxon, Tygers of PanTang, Metallica, Megadeth, Venom, Slayer, King Diamond u.u.u) sind fast spurlos an mir vorbei gegangen. Die musste ich mir dann – wie ein 20 Jahre nach mir Geborener - auf dem „zweiten Bildungsweg“ aneignen, wie es mir einige Jahre zuvor mit den frühen Alben von Yes, Genesis, Chicago, Heep, Purple etc gegangen war.

Hendrik Stahl 2007

Eine Folge dieses Kirchentags war also, dass ich mich musikalisch fast völlig von meinem sozialen Umfeld löste. Und dann passierte etwas wirklich Einschneidendes. Aufgrund eines Leserbriefes von mir, der Ende der 90er im ROCK HARD abgedruckt wurde, nahm ein gewisser Hendrik Stahl Kontakt mit mir auf. Einige Mails gingen hin und her – und irgendwann fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, gelegentlich für ein Musikmagazin im Internet zu schreiben.

Zu diesem Zeitpunkt wurde ich bereits von einigen Metal Labels bemustert (Nuclear Blast, Massacre, Century Media), konnte in der Tageszeitung, für die ich damals schrieb, aber nur sehr punktuell Artikel unterbringen. Daher war ich nicht böse über die Gelegenheit, den Labels für ihre Zusendung mit der einen oder anderen Review zu danken.

Das Internet-Musikmagazin, zu dem mich Hendrik eingeladen hat, war .. www.musikansich.de. Seit Sommer 2001 schreibe ich für musikansich.de. 2008 hat Hendrik sich zurückgezogen und ich habe seine Rolle übernommen. Seit fast 20 Jahren vergeht nun kaum ein Tag, an dem ich nicht mindestens für ein paar Minuten ein paar Notizen für die Review einer gerade laufenden CD in die Maschine tippe.

Und das alles, weil ich vor 25 Jahren Johannes Kandel, dem ich später verschiedentlich als Islam-Experten der Friedrich-Ebert-Stiftung wieder begegnet bin (auch auf Kirchentagen), gefragt habe, wo man sich kompetent über Hard Rock informieren kann.

Norbert von Fransecky


Zurück zur Artikelübersicht