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Artikel

Jesper Munk stellt sein neues Album bei den Rother Bluestagen vor

Info

Künstler: Jesper Munk

Ort: Roth - Kulturfabrik

Fotograf: Micha Brenner

Jesper Munk war vor drei Jahren bereits auf den Rother Bluestagen zu Gast. Seitdem hat er das Album Claim veröffentlicht, auf dem er eindrucksvoll seine musikalische Version des Blues präsentiert. Am 27.4.18 kommt sein neues Album Favourite Stranger in den Verkauf, für das er auf seiner Facebook-Seite wirbt. Für mich ist es das erste Konzert des Musikers, ich kenne bislang lediglich Claim, auf dem mich vor allem der Gesang sehr beeindruckt. Das heutige Konzert war ursprünglich für den März geplant, fiel jedoch aufgrund einer Erkrankung von Jesper Munk aus.

In der Kulturfabrik ist einiges los. Vor allem viele jüngere weibliche Fans tummeln sich vor der Bühne. Das passiert normalerweise bei Bands wie Savoy Brown, Hundred Seventy Split oder Ten Years After eher nicht. Um kurz nach 20 Uhr kommen die Musiker auf die Bühne und beginnen ohne Jesper Munk. Er kommt dann etwas später und wird vom Rother Publikum mit großem Beifall begrüßt.

„Clean“ vom Album Claim eröffnet das Konzert, hier groovt sich die Band erstmal ein. Die Band besteht aus einem Gitarristen, einem Pianospieler, Bassisten und Schlagzeuger. Die Truppe macht einen recht bunten Eindruck. Der Bassist hat eine Medaille der Bundesjugendspiele um den Hals, der Pianospieler sieht ein bisschen aus wie ein abgedrehter Professor und der deutlich ältere Gitarrist spielt im Sitzen. Bei den Solos jedoch erhebt sich der Gitarrist von seinem Stuhl und zockt ziemlich rüde und rabiat völlig abgedrehte Solos, die teilweise an Pink Floyd erinnern. Jesper Munk selber hat eine schwarze Pluderhose an, ein weißes offenes Hemd und einen Gürtel, der mehr an eine Art „Kummerbund“ erinnert. Wie ein „Bluesman“ sieht er nicht gerade aus.

Und heute Abend präsentiert er sich auch musikalisch nicht als solcher. Er wirkt auf mich eher wie ein Musikstudent, der mit seinen Semesterkollegen ein paar seiner neuen Stücke zum Besten gibt. Die Gitarrensolos werden fast komplett von seinem Gastgitarristen übernommen, der eine fabelhafte Slide-Gitarre spielt und definitiv was auf dem Kasten hat. Das Zusammenspiel der Musiker passt perfekt. Sie spielen sich die Bälle gegenseitig zu, alles wirkt recht spontan und lässig. Von seinem neuen Album präsentiert er insgesamt satte acht Songs! Das allein ist schon sehr mutig, wenn man bedenkt, dass das Teil ja erst veröffentlicht wird und die Stücke dem Publikum gar nicht bekannt sein können.




Die musikalische Ausrichtung der neuen Stücke ist auch definitiv eine andere. Die Songs sind vom Tempo her langsam, wirken teilweise melancholisch bis düster und lassen eine gewisse psychedelische Einfärbung erkennen. Für mich wäre die Musik der perfekte Soundtrack für einen entspannten Wochenend-Trip nach Holland… Hier kommt definitiv keine Hektik auf. Einige Stücke begleitet Munk am Klavier, wo er sich auch sichtlich wohlfühlt. Die Stücke des Vorgänger-Albums Claim unterscheiden sich schon sehr stark von den neuen Sachen, mit Blues hat das meiner Meinung nach eher wenig zu tun.

Jesper Munk wirkt auf der Bühne sehr introvertiert und versinkt total in seine Stücke. Im Rampenlicht zu stehen ist nicht seine Sache. Ich habe das Gefühl, dass es ihm ganz recht ist, wenn sein Gitarrist die Solos übernimmt. Seine Bandkollegen sind bis auf den Gitarristen auch eher introvertierte Typen, die sich in ihre Songs hinein versetzen und diese mit viel Hingabe und Herzblut spielen – allerdings ohne das Publikum groß zu animieren. Munk kann an der Gitarre definitiv auch was, das steht völlig außer Frage. Nur konzentriert er sich heute lieber auf den Gesang. Hin und wieder spricht er mit dem Publikum, was ich aufgrund seiner etwas undeutlichen Aussprache jedoch nicht immer ganz verstehe.

Er entschuldigt sich für das ausgefallene Konzert im Mai und begründet es damit, dass er einen Weisheitszahn ziehen lassen musste und infolgedessen nicht singen konnte. Der Typ ist ehrlich, sympathisch und keinesfalls arrogant oder abgehoben. Was man ihm schon anmerkt: Munk ist ein Künstler durch und durch, der sein Ding durchzieht. Er hat Lust darauf, seine Musik zu verändern und anders klingen zu lassen – dann tut er das auch. Viele der neuen Stücke klingen sehr balladenmäßig und lassen den Blues nur noch sehr schwach durchschimmern. Mir fehlt hier der Bezug, seine älteren Stücke gefallen mir besser. Beim Publikum kommen die neuen Stücke hervorragend an!

Originell ist sein Gesang. Wie auf der CD auch singt er zwei verschiedene Tonlagen. Einmal die klare Stimme mit dem Mikrofon und einmal die verzerrte Stimme mit dem Uralt-Mikrofon. Dieser Kontrast hat definitiv seinen Reiz und macht sein Organ je nach Song sehr variabel. Leider hört man diesen Effekt in den vorderen Reihen nicht immer, hinten kann man den Unterschied besser heraushören.




Als Zugabe spielt er mit „Why Worry“ einen Song von Tom Waits ganz ohne Begleitung am Klavier. Der letzte Song des Abends ist das Stück „Solitary“, das vom neuen Album als Single ausgekoppelt wird und zu dem auch ein Video gedreht wurde. Das Stück ist gut, allerdings brauche ich gerade bei den neueren Stücken etwas, um reinzukommen.

Nach 110 Minuten ist Feierabend. Munk bedankt sich beim feierlaunigen Rother Publikum, das sichtlich begeistert ist. Ich gehe mit gemischten Gefühlen nach Hause. Der Auftritt war interessant, handwerklich stark gemacht und musikalisch mal was ganz anderes. Allerdings hat mir der Blues-Anstrich gefehlt, die neuen Stücke gehen doch in eine deutlich andere Richtung. Klar, jeder Künstler kann letztlich machen, was er möchte und sollte dies auch ohne Kompromisse durchziehen. Meine Erwartungen an den Gig waren jedoch andere.



Setliste:
1. Clean
2. Happy When I'm Blue
3. Ya Don't Have to Say Goodbye
4. The Parched Well
5. Icebreaker
6. Morning Coffee
7. Line
8. Blue Shadows
9. Reeperbahn
10. 7th Street
11. Stranger
12. Joy
13. Cruel Love
14. Slow Down
15. Easier
16. Why Worry
17. Solitary



Stefan Graßl


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