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25 Years after - Mein Leben mit der CD; Folge 84: Tom Robinson - Living in a Boom Time

„In England the prime minister is called Maggie,“ lautete eine Ansage der Blues Band irgendwann in den 80er Jahren. „And we gonna sing a Song called „I ain’t gonna work on Maggie’s Farm no more.”.” Natürlich hatte Bob Dylan, als er das Lied 1965 schrieb, nicht an die Eiserne Lady Margaret Thatcher gedacht, die England von 1979 bis 1990 regiert hat. Aber er hat mit seinen Worten die Empfindungen vieler Briten in den 80ern auf den Punkt gebracht.

Mit eiserner Hand und nicht ohne Erfolg hatte Thatcher England aus der massiven Wirtschaftskrise, die Ende der 70er Jahre herrschte, hinausgeführt. Bezahlt wurde das von den kleinen Leuten. Demokratie, Mitbestimmung und die Gewerkschaften wurden systematisch klein gebrezelt, während die Unternehmensgewinne wieder zu steigen begannen. Ganz nebenbei steuerte sie England 1982 in den relativ sinnlosen Falklandkrieg.

Living in a Boom Time lautet der Titel eines Albums, das Tom Robinson 1992 veröffentlicht hat und das so etwas wie eine rückblickende Bilanz dieses Jahrzehnts des Thatcherismus ist. Und es ist keine rosige Bilanz, weil es eine Bilanz aus der Perspektive der Opfer ist. Und das ist nicht nur der Ex-Soldat, der in Depressionen verfällt. Es ist der Alltag, der so grau wird, weil es über das stupide Ackern hinaus keine Perspektive mehr gibt. Wo am Anfang eines Lebens oder einer Liebe Hoffnungen und Träume standen, findet sich plötzlich nur noch Resignation und Kompromiss. Fröhlich wird Robinson eigentlich nur einmal, wenn er über die Brit-Hooligans spottet, die den Ruf ihrer Nation beim Auswärtsländerspiel mal wieder so richtig in den Dreck getreten haben.

In Deutschland sah es anders aus. Zwar war die Kohl-Administration in einem ebenso unhinterfragbarem Antikommunismus und damit einem ebenso starren Ost-West-Feindbild gefangen wie die britischen Kollegen, aber Deutschland ging es vergleichsweise gut und während in England die Opposition hinweggespült wurde, waren die 80er Jahre in der BRD das Jahrzehnt, in dem sich die gesellschaftskritischen Bewegungen der 70er (Frieden / Frauen / Öko / Anti-AKW / Technologiekritik) in Form der Grünen parlamentarisch etablieren konnten. Manchmal wurde aus dieser Richtung heraus sogar die Systemfrage gestellt.

Damit war es 1992 aber vorbei. Vielleicht ist das Schlimmste was der real existierende Sozialismus der Menschheit angetan hat, dass er den Begriff „Sozialismus“ für Jahrzehnte diskreditiert hat. 1992 gebärdete sich der Kapitalismus, in Form der sozialen Marktwirtschaft, jedenfalls in der strahlenden Pose des endgültigen Siegers – ganz vorne dabei Birne Kohl. Dass er Deutschland in eine Staatsverschuldung geführt hat, aus der sich das Land bis heute nicht hat herausstrampeln können, vergisst man dabei ebenso wie die Tatsache, dass er für eine EU mitverantwortlich ist, in der der Wirtschaft europaweit Tür und Tor geöffnet wurde, während der sowieso schon recht schwache politische Arm der Regierungen durch Veto-Reglungen zusätzlich behindert wird. Der Ring, an dem die Großunternehmen die europäischen Regierungen immer wieder vorführen, wurde von Kohl (und vor allem seinen Hintermännern) ganz bewusst so geschmiedet.

Darum ist Tom Robinsons Living in a Boom Time heute genauso wertvoll, wie vor 25 Jahren, als ich die CD gekauft habe. Und wer danach ne Wut im Bauch hat, schnappt sich die beiden frühen Alben der Tom Robinson Band, als der noch als Proto-Punk durchging, und geht „Up against the Wall“!

Norbert von Fransecky


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