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Artikel

Give ‘em the Axe: Accept mit Night Demon in Leipzig

Info

Künstler: Accept, Night Demon

Zeit: 16.01.2018

Ort: Leipzig, Haus Auensee

Internet:
http://www.acceptworldwide.com

Duplizität der Ereignisse: Im Frühjahr 2015 spielten innerhalb von nicht mal zwei Monaten sowohl Accept in der neuen Formation mit Mark Tornillo am Mikrofon als auch ihr Ex-Fronter Udo Dirkschneider (weiland unter dem U.D.O.-Banner) in Leipzig und boten dem interessierten Traditionsmetaller die Option, seine Lieblingsmusik gleich zweimal in jeweils artverwandter Form, aber individueller Ausprägung zu erleben. Wie das damals gelungen ist, kann der Leser in den beiden Reviews auf www.crossover-netzwerk.de nachverfolgen. Um den Jahreswechsel 2017/18 herum kommt es nun zu einer analogen Konstellation, freilich mit den markanten Unterschieden, dass erstens Udo Dirkschneider diesmal mit dem puren Accept-History-Programm, das er unter dem Bandnamen Dirkschneider fährt, anrückt und zweitens der Rezensent diesmal dort nicht dabei ist, also keine aktuellen Direktvergleiche ziehen kann, sondern allenfalls zum ersten Dirkschneider-Programm vom Frühjahr 2016, das er gleichfalls in Leipzig verfolgt hat (Review siehe ebenda). Aber die Individualbetrachtung gibt noch viel mehr Gesprächsstoff her.

Zunächst allerdings gilt es Night Demon zu betrachten, und auch bei denen bietet sich ein Vergleich an, denn sie haben im März 2015 im Bandhaus Leipzig gespielt, also im totalen Undergroundmaßstab. Damals war gerade das Debütalbum Curse Of The Damned erschienen, das logischerweise dann auch die Setlist prägte, obwohl auch die selbstbetitelte Debüt-EP nicht vergessen wurde. Aktuell betouren Night Demon nun ihren Zweitling Darkness Remains und teilen die 12 Eigenkompositionen so auf, dass der Neuling fünfmal zum Zuge kommt, der Debütlongplayer viermal und die EP dreimal. Wer angesichts der Zahl stutzt, die doch für einen Supportgig relativ hoch erscheint: Night Demon gehören zu den Freunden kompakter Arrangements, und da sie auch noch melodischen Speed Metal spielen, kommen viele ihrer Songs bereits ein gutes Stück vor der Vierminutenmarke zum Finale. Gefühlt finden sich diesmal sogar noch deutlich mehr schnellere Kompositionen im Set als drei Jahre zuvor, aber das Trio ist routiniert genug, um zu wissen, wann man in welcher Form für Abwechslung sorgen muß. Musikalisch fühlt man sich immer noch an Riot (trotz nur einer Gitarre) und speziell an eine melodischere Version von Raven erinnert, wobei der auch bassende Sänger immer noch mit seiner klaren Stimme arbeitet und nicht in Gallagher-Gekreisch schaltet. Backgroundvokale Unterstützung bekommt er gleich von beiden anderen Mitgliedern, und der Soundmensch sorgt für ein Kuriosum: Instrumental ist die Band zwar laut, aber ziemlich klar abgemischt, und auch die Mikros des Gitarristen und des Drummers finden klar und deutlich ihren Weg ins Ohr des Hörers – nur das Leadmikro des Sängers erzeugt seltsame, manchmal gar an einen Verzerrer erinnernde Effekte, die definitiv nicht so geplant gewesen sein dürften, zumal sie rein stilistisch auch gar nicht zum konsequenten Traditionsmetal der Kalifornier passen. Ob sich der Sänger deswegen so mit Ansagen zurückhält? Etwas ausführlicher plaudert er lediglich einmal, als er den Folgesong Fast Eddie Clarke widmet, dem wenige Tage zuvor verstorbenen letzten Mitglied der klassischen Motörhead-Triobesetzung: Es erklingt die erste Hälfte von „Overkill“, die dann in die Eigenkomposition „Dawn Rider“ übergeht. Der Energietransport von der Bühne gen Publikum klappt tadellos, und Accept müssen ein gehöriges Selbstbewußtsein an den Tag gelegt haben, als sie diese hungrige Band als Support verpflichteten (kein Vergleich zu den soliden, aber unauffälligen Reds’Cool von 2015). So steigt auch die Begeisterung im Publikum deutlich über das bei einem Supportact Normalen, rechts vorn schütteln einige Enthusiasten fleißig ihre Matten, und Night Demon gehen umgekehrt davon aus, schon so bekannt zu sein, dass sie das Publikum ohne Einführung auch längere Chorusmelodien übernehmen lassen. Die Dreiviertelstunde vergeht jedenfalls wie im Flug. Witz am Rande: Accept hatten bekanntlich mal einen Song namens „Demon’s Night“ geschrieben – den covern Night Demon allerdings zumindest an diesem Abend nicht (und hatten das auch 2015 nicht getan, wo sie statt dessen u.a. Jaguars „Axe Crazy“ auspackten), und Accept selbst spielen ihn auch nicht.

Setlist Night Demon:
Welcome To The Night
Full Speed Ahead
Maiden Hell
Curse Of The Damned
Hallowed Ground
Ritual
Heavy Metal Heat
Overkill
Dawn Rider
Black Widow
Screams In The Night
The Chalice
Night Demon

Accept haben ein neues Album namens The Rise Of Chaos am Start, das Kollege Rainer Janaschke einige Sorgen bereitete, was den Entwicklungsfaktor angeht, obwohl es das erste Studiowerk darstellt, auf dem die neuen Mitglieder Uwe Lulis (Gitarre) und Christopher Williams (Schlagzeug) zu hören sind, man also hätte vermuten können, dass, wenn tatsächlich neue Impulse kommen sollten, diese in der neuen personellen Konstellation wahrscheinlicher wären als in der vorher über drei Alben stabilen Besetzung. Die Meinungsbildung des hier tippenden Rezensenten über das Werk ist noch nicht abgeschlossen, aber als allermindestens gutklassig zu bezeichnen dürfte es allemal sein, wenngleich es wohl nicht an Stalingrad als dem bisher besten Accept-Album der Tornillo-Ära vorbeikommt. So blieb auf alle Fälle Spannung, wie sich das neue Material live bewähren würde.
Mit „Die By The Sword“ eröffnet das Quintett den Set auch gleich mit einem der Neulinge, schiebt dann allerdings erstmal wie schon 2015 den Stalingrad-Titeltrack als nach wie vor besten Song der Tornillo-Ära hinterher. Die Stimmung im Publikum ist freilich von Anfang an prima, und, soviel sei vorweggenommen, das ändert sich auch während des gesamten Gigs nicht. Das bedeutet praktisch, dass Accept ihr Setlistexperiment als geglückt verbuchen können. Sie spielen nach dem ersten Klassikerblock, bestehend aus „Restless And Wild“, „London Leatherboys“ und „Breaker“, die anderen vier von The Rise Of Chaos stammenden Songs direkt nacheinander – das muß man sich als Band, die bei allem gegenwärtigem Erfolg nicht zuletzt auch von ihrer musikalischen Vergangenheit lebt, erstmal trauen. Accept tun’s und gewinnen: Vielleicht rotiert die eine oder andere Haarpracht etwas langsamer als bei den Klassikern, vielleicht fallen die Publikumschöre auch nicht ganz so vielstimmig aus, aber das grundsätzliche Feierlevel, das im Saal herrscht, sinkt nicht unter ein bestimmtes Niveau, und beispielsweise der Refrain von „Analog Man“ wird fast so enthusiastisch mitformuliert wie mancher der alten Klassiker. Mit diesem Song haben Accept offensichtlich einen bestimmten Nerv bei ihren Altfans getroffen, so wie 1993 „Slaves To Metal“ einen programmatischen Charakter bekam. Kuriosum anno 2018: Vor dem Rezensenten steht ein Jungspund, der den Refrain von „Analog Man“ fleißig mitformuliert, aber den Sinn dieser Ode an die Vergangenheit völlig verkannt haben muß, denn in jedem Song checkt er mindestens ein- bis zweimal die auf seinem Smartphone eingehenden Nachrichten, macht Fotos oder filmt Sequenzen mit.
Wenn wir gerade beim Analysieren der Kuriosa sind – da gibt es noch eins, nämlich den Sound. Bei Night Demon betraf das kratzige Gewand nur das Leadmikro, in der Umbaupause erklangen dann u.a. einige AC/DC-Klassiker in einer Weise, dass man Bon Scott akustisch kaum wiedererkannte, obwohl es sich um die regulären Studiofassungen vom Highway To Hell-Album handelte. Bei Accept sorgt die Abmischung dann dafür, dass man die vier (!) Backingmikros (auch Drummer Williams singt mit) und damit die Chöre glasklar hört, Tornillos Frontmikrofon aber steht akustisch so weit im Hintergrund, dass eine Einschätzung seiner Gesangsleistung praktisch unmöglich ist. Hinzu tritt ein anderes Phänomen: Bisweilen beginnt die Anlage ein Grunddröhnen auszuspucken, das einem die Hörfreude an manchen Stellen gehörig verhagelt, wenn etwa Wolf Hoffmann in seinem Gitarrensolospot Ravels „Bolero“ verarbeitet, dazu zunächst das Ostinato erzeugt, das dann wohl per Loopstation übernommen wird, dazu aber ebenjenes Dröhnen kommt, dessen Tonlage zu besagtem Ostinato in einem solchen widrigen Verhältnis steht, dass die ganze Darbietung ungewollt an Free Jazz erinnert. Das ist schade, da diese Probleme besonders den melodischen Aspekt des Accept-Schaffens, speziell in der Gitarrenarbeit, betreffen, und der besitzt neben der Energieübertragung bekanntlich ein besonderes Gewicht. Kurioserweise tritt dieses Dröhnen nicht dauerhaft auf, und der Rezensent, kein Tontechniker, kann kein Muster feststellen, nach dem es da oder eben nicht da ist.
Apropos Gitarren: Uwe Lulis wirkt aktuell auf der Bühne immer noch etwas wie ein Fremdkörper – das ist ein Problem, an dem Accept noch arbeiten sollten. Natürlich ist klar, dass der Fokus nie auf seiner Position liegen wird, aber dass sein Mikrofon ganz am aus Rezensentensicht linken Bühnenrand und außerhalb des zentralen Scheinwerferkegels steht, verstärkt diesen Eindruck eher, als dass etwa die Momente, wenn er zentral mit Hoffmann Doppelleads spielt, für eine bessere Integration sprechen. Angekommen ist dagegen Williams – nicht nur dass er die Sangesfraktion verstärkt, er steht auch bei mancherlei Gelegenheit auf und beteiligt sich an der Anfeuerung des Publikums. Schlagzeugtechnisch beherrscht er das neue, leicht komplexere Fach ebenso wie die etwas geradlinigeren älteren Nummern völlig problemlos und sorgt mit einer gehörigen Portion Druck dafür, dass seine älteren Mitmusiker gefordert werden. Die leisten allerdings auch Erstklassiges: Peter Baltes hat das sprichwörtliche Honigkuchenpferd am Start, und Wolf Hoffmann dominiert das Geschehen auf der Bühne eindeutig. Wenn, ja wenn da dieser Sound nicht wäre ...
Schon 2015 hatten sich Accept einige Setlistausgrabungen gegönnt, und das tun sie inmitten des Klassikerreigens, der natürlich nicht ausbleibt, auch diesmal: „Midnight Mover“ und „Up To The Limit“ sind kein Standardprogramm, und den Wunsch des Rezensenten, auch die Phase nach der ersten Reunion zu berücksichtigen, erfüllt das Quintett auch diesmal – nicht mit „Bulletproof“, sondern mit dem gleichermaßen exzellenten Titeltrack des Objection Overruled-Comebacks, das für so manchen Anwesenden mit DDR-Vergangenheit der Einstieg ins Accept-Schaffen gewesen sein dürfte. Und nachdem man sich schon gefragt hatte, ob das Blood Of The Nations-Comeback unberücksichtigt bleiben würde (Blind Rage hatte „Final Journey“ gestellt, Stalingrad neben dem Titeltrack noch „Shadow Soldiers“), packt die Band doch noch „Pandemic“ aus und strukturiert den Zugabenblock analog zu 2015, also zwischen „Metal Heart“ und „Balls To The Wall“ noch „Teutonic Terror“ von ebenjenem Blood Of The Nations-Album positionierend und damit die Verbindung von Alt zu Neu souverän und selbstbewußt markierend. So bleiben zwei Stunden Traditionsmetal – theoretisch vom Feinsten, praktisch durch die erwähnten Soundprobleme etwas beeinträchtigt, wofür die Band natürlich nichts kann. Prima unterhalten worden ist der Rezensent aber auch diesmal.


Setlist Accept:
Die By The Sword
Stalingrad
Restless And Wild
London Leatherboys
Breaker
The Rise Of Chaos
Koolaid
No Regrets
Analog Man
Final Journey
Shadow Soldiers
Guitar Solo
Neon Nights
Princess Of The Dawn
Midnight Mover
Up To The Limit
Objection Overruled
Pandemic
Fast As A Shark
--
Metal Heart
Teutonic Terror
Balls To The Wall

Roland Ludwig


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