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Österreichische Altersweisheit: Leopold Hager dirigiert Mozart und Bruckner bei der Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz

Info

Künstler: Robert-Schumann-Philharmonie

Zeit: 11.01.2018

Ort: Chemnitz, Stadthalle, Großer Saal

Fotograf: Jean-Baptiste Millot

Internet:
http://www.theater-chemnitz.de

„Guck mal, der Zacharias, der geigt!“ Dieser Satz, vorgetragen in breitem Sächsisch im Haushalt der väterlicherseitigen Großmutter des Rezensenten, bildet eine von dessen frühesten Erinnerungen an klassisches Musizieren im weitesten Sinne. Die Erörterung ging dann noch dahingehend weiter, dass der weiland äußerst populäre Geiger, der da gerade mittags in ARD oder ZDF spielte, aufgrund seines äußerst spärlichen Haarwuchses keinen Friseur brauche. Das träfe freilich auf den Pianisten und Dirigenten gleichen Nachnamens, der planmäßig das 5. Sinfoniekonzert der Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz in der Saison 2017/18 spielen und leiten soll, nicht zu, aber bei ihm handelt es sich ja auch um Christian Zacharias, während der besagte Geiger der weder verwandte noch verschwägerte Helmut Zacharias war. Allerdings assoziiert die eben gewählte Formulierung sowieso, dass Theorie und Praxis auseinanderklaffen: Christian Zacharias fällt krankheitsbedingt aus und stellt die Chemnitzer Verantwortlichen vor das Problem, einen oder auch zwei Ersatzkandidaten zu finden. Ein Mensch erstgenannter Kategorie, also einer, der vom Soloklavier aus dirigiert (wie Mozart das weiland auch gemacht hatte), läßt sich in der Kürze der Zeit nicht auftreiben, also kommt Plan B zum Einsatz, nämlich die Aufteilung der Funktionen auf zwei Personen: Leopold Hager übernimmt das Dirigat und Jean-Paul Gasparian (Foto) den Solistenpart am Klavier.

Somit muß also zumindest die Werkzusammensetzung des Konzerts nicht geändert werden, und es geht wie geplant mit Mozarts Konzert für Klavier und Orchester Nr. 24 c-Moll KV 491 los. Dirigent Hager, mittlerweile schon jenseits der 80 angekommen, legt in die Einleitung des eröffnenden Allegro eine gehörige Portion Altersweisheit und gibt damit das Programm für eine erstaunliche Interpretation vor. Dass er, Salzburger von Geburt und am Mozarteum studiert habend, die Musik Mozarts quasi im Blut hat, überrascht dabei weniger als die Stilsouveränität, die er den Chemnitzern im Umgang mit dieser Musik einpflanzt, obwohl die gemeinsame Probenzeit begrenzt gewesen sein dürfte. Der schwingende, irgendwie „typisch österreichische“ Ton der ersten Tuttipassagen spricht diesbezüglich jedenfalls bereits Bände, und der junge Pianist, Pariser von Geburt, doch offensichtlich der großen armenischen Gemeinde in Frankreich entstammend, paßt sich dieser Linie gern an. Zwar dauert es eine ganze Weile, bis eine annehmbare Klavier-Orchester-Balance hergestellt ist (vor allem die schnellen Läufe des Soloinstruments drohen im ersten Satz lange Zeit zu versacken), aber das überschaubare Tempo hilft bei dieser Aufgabe durchaus. Paradoxerweise geraten einige der Dialoge zwischen dem Klavier und den Holzbläsern einen Tick zu hölzern, aber dafür gelingt die Einbindung des einzigen etwas düster-dramatischeren Parts ins umliegende, mit diesem beschriebenen Grundschwingen ausgestattete Areal erstklassig. In die Kadenz legt Gasparian allerdings, und das hätte man nun nicht erwartet, eine ungeahnte Härte und Schärfe, die das Orchester danach zumindest partiell aufnimmt, bevor zum Satzende hin wieder diese schwingende Leichtigkeit erreicht ist.
Im Larghetto an zweiter Satzposition streut Gasparian Puderzucker aus, wonach das Orchester allerdings Brei anrührt – erst im Miteinander finden beide wieder eine Linie, diesmal weniger schwingend, sondern eher weich ausgeprägt. Das tut dem kammermusikalischen Aspekt ebenso gut wie der hier deutlich besseren Klangbalance zwischen Klavier und Orchester, und selbst wenn aus dem Holz bisweilen etwas zu viel Geklapper kommt, bleibt das stimmungsvolle Gesamtbild erhalten, auch als Hager in Richtung des Satzendes das Tempo etwas anzieht.
Damit ist der gedankliche Bogen zum abschließenden Allegretto geschlagen, das sich anfangs gar nicht so sehr vom Larghetto unterscheidet und erst allmählich ein eigenes Profil aufbaut. Zupackende Dramatik gibt es auch hier nur einmal kurz, und trotz Tempoverschärfung bleibt alles im Fluß. Eine bisweilen zu spürende Nervosität in den variationsartigen Teilen wird durch einige prima perlende Läufe Gasparians locker wettgemacht, und das Schwingen aus dem ersten Satz ist bisweilen auch wieder da, so dass sich das Bild rundet. Der Applaus fällt herzlich aus und entlockt dem Pianisten eine Zugabe in Gestalt von Rachmaninows Etude-Tableau es-Moll op. 39 Nr. 5: wilder Impressionismus eher französischer denn russischer Prägung mit im Vergleich zum Mozart-Konzert enorm vielen Noten aus der linken Hand, am Ende lange ausgespielt und so spannend, dass der Applaus noch vor dem Verklingen des Schlußtons wieder einsetzt. Bemerkung am Rande: Dass man bei einem Altersunterschied von 60 Jahren sein Ein- und Abgangstempo ein wenig an das des Älteren, hier also des Dirigenten, anpaßt, wird der junge Pianist sicherlich noch lernen.

Vom Sitzplatz des Rezensenten aus hatte Hager im Mozart-Konzert exakt hinter dem geöffneten Flügeldeckel gestanden, so dass also keine Aussagen über seinen Dirigierstil möglich sind. In Anton Bruckners Sinfonie Nr. 6 A-Dur ist die Sicht nun frei und ermöglicht interessante Einblicke in die Bewegungsmuster des Salzburgers. Zu Beginn des eröffnenden Majestoso gilt es erstmal die Streicher einzufangen, die sich rhythmisch nicht so ganz einig sind, und dass das erste Tutti wie ein Fremdkörper wirkt, dagegen kann auch der Dirigent nichts tun. Aber auch in dieser Sinfonie legt er eine große Portion Altersweisheit an den Tag, wenngleich hier nicht mit einem speziellen österreichischen Touch, aber etwa mit einer Tempowahl, die die sowieso schon langsame verbale Vorzeichnung Bruckners noch unterbietet. Und wie Hager die angezählten ruhigen Momente dem Orchester förmlich aus der Nase zieht, das muß man in dieser Weise erstmal hinbekommen, zumal dadurch nicht etwa Langeweile, sondern im Gegenteil ein spezielles Interesse an dieser Interpretationsweise aufkeimt. Genügend Leben herrscht im Gesamtsatz allemal noch, bisweilen an diesem Abend auch etwas zu unterschiedliches, aber dafür entschädigt etwa die mustergültige Vorbereitung des großen Tutti-Ausbruchs. Dass der mal wieder nur begrenzte Klangwucht entfaltet, liegt in der bereits mehrfach analysierten Saalarchitektur begründet, und im Rahmen der Möglichkeiten schafft Hager eine sehr gekonnte Dynamikgestaltung, weit unten anfangend und damit im Finale des Satzes trotzdem noch einige Stockwerke auftürmen könnend, auch wenn das Gesamtgebäude niedriger ausfällt als anderswo.
„Sehr feierlich“ hat Bruckner über das Adagio geschrieben, und das nimmt Hager ernst: Er läßt das Orchester trotz sehr schleppenden Tempos Melancholie, aber keine Trauer erzeugen, nicht mal im großen Marsch über den dunkel gezupften Kontrabässen herrscht existentielle Gefährdung, wie man sie aus anderen Bruckner-Adagios kennt („Der Grundhaltung der Sechsten entspricht es, dass tragische Konflikte darin nicht auszufechten sind“, lesen wir in Fritz Grüningers Bruckner-Buch, wobei „darin“ die ganze Sinfonie meint, ausgenommen einige Kampfmomente des Finales). Die anfänglichen Einsatzunsicherheiten in den Kleinstrukturen weichen bald einem geschlossenen Bild, das neben dem erwähnten Marsch auch die etwas tempolastigeren Passagen in der hinteren Satzhälfte prägt. Selbst die aus markanten absteigenden Notenschritten gebauten großen Flächen sind klanglich überraschend aufgehellt und passen sich damit ins Gesamtbild des Satzes in Hagers Lesart ein. Zwar geraten die Flöteneinsätze im Satzschluß viel zu hart, aber ein zauberhafter Streicherausklang macht das locker wieder wett.
Über das Scherzo hat Bruckner „Nicht schnell“ geschrieben und findet damit logischerweise einen Verbündeten in Hager. Wie der die Riffs aus den Kontrabässen gleichermaßen unauffällig wie als Grundierung wirkungsvoll einsetzt, verrät den Altmeister, und darüber liegt eine Art Spuk, der bisweilen durch Gepolter unterbrochen wird. Das inkorporierte Trio möchte Bruckner sogar „Langsam“ haben, also tut Hager ihm diesen Gefallen. Außer den einleitenden Hörnern erinnert hier nichts an etwa das berühmte Jagd-Scherzo aus der Vierten, Hagers Tempo liegt wieder sehr weit unten, die gezupften Streicher erzeugen jetzt eine andere Art von Spuk, und das Trio-Finale ist recht eigenartig modelliert, bevor die Scherzo-Reprise in normalen Bahnen verläuft, Hager aber, indem er im Satzschluß das Gedonner etwas stärker herausfahren läßt, schon geschickt den letzten Satz vorbereitet.
Auch über besagtem Finale steht wieder eine Anweisung des Komponisten: „Bewegt, doch nicht zu schnell“. Ergo gestaltet Hager die diversen Tempoaufnahmen eher unterschwellig, akzentuiert dafür die Tutti stärker als im ersten Satz und läßt ins Seitenthema wieder diesen österreichischen Touch legen, wie man ihn als nichtösterreichisches Orchester nur schwer hinbekommt. Die Chemnitzer schaffen das unter Hagers Anleitung prima, und das gekonnte Aus-der-Nase-Ziehen der verschleppten Teile (von denen es auch hier im Finale einige gibt, wenngleich weniger als im ersten Satz) kennt der Hörer ja nun schon. Hager legt im Finalsatz weniger Wert auf eine stringente Entwicklung innerhalb des Satzes, sondern betont die Wechsel aus Statik und Dynamik stärker, womit er diesmal dem Problem der nicht erreichbaren letzten Tuttiwucht entgeht und trotzdem ein exzellent ausgemeißeltes Satzfinale auf die Bühne zaubert. Viel Jubel und etliche Bravi belohnen Orchester und Dirigent für ihre eigentümliche, aber gekonnte Interpretation.

Roland Ludwig


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