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Artikel

Heat-Festival 2017 - DIE jährliche Melodic- und Hardrock-Sause im Süden Deutschlands

Info

Künstler: Heat Festival 2017

Zeit: Dezember 2017

Ort: Ludwigsburg - Rockfabrik

Fotograf: Karl-Friedrich Wild

Internet:
http://heat-festival.eu

Das Heat-Festival gibt es mittlerweile seit 2008, lediglich 2015 wurde ein Jahr pausiert. Ich beobachte das Festival schon länger, doch in diesem Jahr musste ich aufgrund folgender Bands unbedingt dort hin: Dare, Tyketto und FM. Alle drei mag ich sehr gerne und in dieser Kombination findet man die so nirgends. Vor allem FM und Dare machen sich auf deutschen Bühnen mittlerweile sehr rar. Das Festival ist vom Bahnhof hervorragend zu erreichen. Hänsel und Gretel haben damals versucht, sich an den herumliegenden Brotkrumen zu orientieren. Hier muss man nur nach zerbrochenen Flaschen, Müll und Erbrochenem Ausschau halten, dann ist man Ruckzuck bei der Rockfabrik. Interessanterweise weisen die Veranstalter der Rofa mehrfach darauf hin, hier doch bitte Rücksicht walten zu lassen.


Samstag, 2.12.17

Als wir am Samstag um 15 Uhr an der Rockfabrik ankommen, ist hier schon eine ganze Menge los. Vor der Bühne ist der Platz gut gefüllt, wobei die SUPERNOVA PLASMAJETS mir bislang unbekannt sind. Die deutsche Band um die ausdrucksstarke Frontfrau Jennifer Crush lassen sich nicht lange bitten und legen ein solides Set auf die Bühne. Die Band präsentiert sich als eingeschworene Truppe, die hervorragend aufeinander eingespielt sind. Von der Optik her erinnert die Band ein bisschen an Poison oder Mötley Crüe – 80er-Jahre-Rock rules! Bei zwei Songs lassen sie Fans mit auf die Bühne kommen, was den Partyfaktor noch um einiges steigert. Zum Ende des Auftritts macht die Gitarrenfront eine Polonaise durchs Publikum und zeigt damit, dass sie keinerlei Berührungsängste hat. Die Mischung aus melodischem Hard- und Glamrock kommt beim Publikum hervorragend an, die Truppe ist authentisch und musikalisch klasse. Macht weiter so!

DANTE FOX aus England haben gerade ihr neues Album Six String Revolver veröffentlicht und waren noch nie vorher für einen Auftritt in Deutschland! Dementsprechend groß sind die Erwartungen des Publikums. Sängerin Sue Willetts Manford wirkt vor allem zu Beginn des Sets ein wenig unsicher und macht nicht den Eindruck, sich wohl zu fühlen. Bei ihrer Band sieht es da schon ganz anders aus. Bassist Alan Mills sorgt zusammen mit dem zuverlässigen Schlagzeuger Andy Perfect (was für ein Künstlername) für eine rundum gelungene Basis. Gitarrist Tim Manford ist der eigentliche Frontmann des Gigs. Er post wie ein Weltmeister und singt den kompletten Background-Gesang. Gegen Ende kommt auch Sue Willets Manford besser rein und wirkt sicherer. Allerdings hat sie insgesamt gesanglich doch ein paar Schwächen und müht sich gerade bei den hohen Passagen ziemlich ab. Für mich ein Auftritt mit Seltenheitswert, aus dem die Band insgesamt ein bisschen mehr hätte machen können und müssen!

Die Schweden ART NATION gibt es seit 2014. Die Band hat 2015 ihr Debüt-Album Revolution veröffentlicht und war, soviel ich weiß, bisher noch nicht in Deutschland unterwegs. Sänger Alexander Strandell überzeugt vom Fleck weg durch einen coolen Gesang und viel Interaktion mit dem Publikum. Die Gitarrenfront um Johan Gustavsson und Sam Söderlindh lässt nichts anbrennen und setzt die eingängigen Songs der Skandinavier ordentlich in Szene. Songs wie „The Real Me“ oder „Ghost Town“ kommen hervorragend an. Die Jungs wirken äußerst lässig und wissen genau, dass sie mit den starken Songs und der überzeugenden Live-Präsenz letztlich jedes Publikum um den Finger wickeln können. Am Vortag waren sie noch übermäßig beim Feiern und sind laut Sänger Strandell erst nachts um 4 Uhr nach Hause gegangen – aber das merkt man den bockstarken Skandinaviern zu keiner Sekunde an. Die überwältigenden Publikumsreaktionen machen klar, dass die Schweden eindeutig zu den Gewinnern des Tages gezählt werden können!

JIM JIDHED, der ehemalige Sänger der schwedischen Band Alien, ist seit 1990 unter seinem eigenen Namen als Solokünstler unterwegs. In Melodic-Rock-Kreisen ist er kein Unbekannter. Veranstalter Eddy Freiberger kündigt ihn als seinen Lieblingssänger an und ich bin gespannt, was er so draufhat. Jidhed erinnert an eine Mischung aus Steve Perry von Journey und Jorn Lande. Seine Songs sind Perlen des Melodic-Rocks, die beim Publikum genau ins Schwarze treffen. Für mich ist der Alien-Hit „Wild Young And Free“ definitiv das Highlight des Konzerts. Stimmungstechnisch ist hier einiges los, Jidhed wird von der Begeisterung des Publikums sichtlich angesteckt. Sicherlich ein Auftritt mit Seltenheitswert! Bei Bon Jovi oder Journey wäre das eine oder andere Stück des Schweden sicher ein Megahit geworden! Bei der folgenden Autogrammstunde ist am Stand dann einiges los. Jidhed unterschreibt, was das Zeug hält und freut sich über den enormen Zuspruch der Fans.

SHAMELESS ist eine Band aus München, bei der mittlerweile der ehemalige TUFF-Sänger Stevie Rachelle am Mikrophon tätig ist. Bassist Alexx "Skunk" Michael, der vom Aussehen sehr an Michael Monroe von Hanoi Rocks erinnert, hat die Band 1989 gegründet. Beim Debüt-Album Backstreet Anthems waren namhafte Musiker wie Michael Sweet (Stryper), Bruce Kulick (Ex-Kiss), Eric Singer (Kiss) und eben auch Stevie Rachelle mit von der Partie. Heute ist eine Mischung aus beiden Bands am Start – die eigentliche Shameless-Besetzung läuft hier mit Stevie Rachelle auf. Das Debüt-Album von Tuff – What Comes Around Goes Around – wurde 1991 veröffentlicht und war in Hair-Metal-Kreisen bekannt. Ganz im Kielwasser von Mötley Crüe präsentierten die Amis simple, eingängige Stücke. Nirvana und der Grunge fegten diese Band jedoch bereits im Ansatz von der Bildfläche. Heute ist von Traurigkeit oder Nostalgie jedoch nichts mehr zu spüren. Die Band rotzt nur so vor sich hin, dass es eine wahre Freude ist. Stevie Rachelle scheint wie von der Tarantel gestochen und singt, als wäre zwischen damals und heute keine Zeit vergangen. Mit viel Einsatz und einer gehörigen Portion Ironie präsentiert er Stücke wie „Good Guys Wear Black“ und „Summertime Goodbye“, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Ich bin hellauf begeistert, auch das Publikum in der Rockfabrik feiert die Musiker ziemlich ab – und das völlig zurecht! Die wohl proportionierte Mischung aus Rotz und Glam waren in dieser vitalen Form ein erfreulicher Farbtupfer für das Festival!

TYKETTO mit Sänger Danny Vaughn sind live immer eine Bank. Seit dem Comeback 2012 hat die Band zwei Alben produziert, der aktuelle Silberling heißt Reach. Thunder-Bassist Chris Childs ist dieses Mal nicht mit von der Partie, ihn ersetzt Greg Smith, der bereits unter anderem bei Dokken, Rainbow oder Blue Öyster Cult aktiv war. Ich habe den Fehler gemacht und nach Tuff kurz meinen Platz seitlich an der Bühne aufgegeben. Als ich kurz darauf nach vorne komme, muss ich leider aufgrund des großen Andrangs weiter hinten stehen bleiben. Das Titelstück der neuen Scheibe eröffnet den Gig, der während der kompletten Spielzeit immer am oberen Limit abläuft. Zentrum des Auftritts ist Sänger Danny Vaughn, der stimmlich und optisch immer noch mitten in den 90er Jahren steckt. Was für ein Organ – nicht nur mir klappt die Kinnlade runter, wenn ich dem Burschen beim Singen zuschaue. Eingebildet ist er gar nicht, im Gegenteil: Er fordert mehrfach Szenenapplaus für seine Bandkollegen ein – auch nicht üblich heutzutage! Balladen wie „End Of The Summer Days“ wechseln sich ab mit geradlinigen Rockern der Marke „Strengh In Numbers“. Im Background wird er von dem wackeren Keyboarder Bobby Lynch hervorragend unterstützt. Sein Kumpel aus den Anfangszeiten, Michael Clayton, lässt es hinten am Schlagzeug ordentlich krachen. Als besonderes Schmankerl wird der Waysted-Hit „Heaven Tonight“ gespielt – eine gelungene Hommage an ganz alte Zeiten und an Ex-UFO-Bassist Pete Way. Als finale Dampframme wird wie immer „Forever Young“ vom Stapel gelassen. Hier gleicht die Stimmung einem Hexenkessel! Danach ist leider schon viel zu früh Schluss – ich hätte hier noch stundenlang zuhören können.

Auf DARE freue ich mich ganz besonders. Die Band um den ehemaligen Thin-Lizzy-Keyboarder Darren Wharton habe ich bis heute noch nie live gesehen. Mit Gitarrist Vinny Burns und Bassist Martin Sheldon sind erfreulicherweise zwei Urgesteine aus der Gründungszeit der Band mit am Start. Das Publikum freut sich riesig, diese seltenen Gäste live zu sehen und geht von Beginn an richtig gut mit. Ich habe mir meinen Platz zurückerobert und nun wieder gute Sicht auf die Bühne. Darren Wharton kündigt aus seinen „Metal-Times“ von der Scheibe Blood From Stone einige Stücke an. Erfreulicherweise, denn „Wings Of Fire“ (mein Highlight) und „We Don’t Need A Reason“ sind Stücke, die eigentlich nicht fehlen dürfen und hervorragend ankommen. Dare sind klasse eingespielt und präsentieren die Stücke mit einer Wucht, die man auf den Studioversionen manchmal ein bisschen vermisst. Mit „Home“ und „I’ll Hear You Pray“ haben es immerhin zwei Stücke des neuen Albums Sacred Ground in das Set geschafft. Seinem Freund und Mentor Phil Lynott zollt er mit seiner Version des Lizzy-Krachers „Emerald“ Tribut. Highlight des Auftritts ist sicherlich die Verneigung vor seinem ersten Album. Mit insgesamt fünf Stücken des Debüts ist die Auswahl erstaunlich klassisch ausgefallen. So kommen nach und nach die Perlen der ersten Scheibe zum Zuge. Mit dieser grandiosen Setlist hätte ich niemals gerechnet, das war wirklich ein Geschenk an seine Fans, die ihn hierzulande so lange nicht live gesehen haben. Darren Wharton kündigt von der Bühne herab an, dass er definitiv wieder zurück auf die deutschen Bühnen kommen wird. Wäre schön, wenn das klappt! Mit Dale, einem beinharten Dare-Anhänger aus Manchester unterhalte ich mich dann in der Pause. Er war vor kurzem in Athen, um Dare dort live zu sehen. So kommt er im Laufe der Zeit durch ganz Europa und ist ständig mit Dare-Fans in Kontakt. Ein wirklich sympathischer und lässiger Typ!

Überhaupt die Fans: Was hier abgeht ist schon ganz großes Kino! Die meisten bleiben während des ganzen Tages auf ihrem Platz, man sieht immer wieder die gleichen Gesichter. Und es wird Englisch gesprochen: Ich unterhalte mich mit Franzosen, Belgiern, Schotten, Holländern, Polen, einem Serben und einem Argentinier. Allesamt sehr freundliche und verrückte Zeitgenossen, für die mehrere Hundert Kilometer zu diesem Ereignis kein Problem darstellen. Etliche waren schon öfters vor Ort und haben schon ähnliche Festivals wie das Frontiers-Festival in Italien oder Rockingham in England besucht.

HARDLINE sind die Hauptband des ersten Tages. Von der Besetzung des legendären Debüt-Albums Double Eclipse ist mittlerweile nur noch Sänger Johnny Gioeli mit an Bord, der auch noch bei Axel Rudi Pell den Job des Sängers innehat. Der Soundmann meint es besonders gut und macht den Sound noch ein bisschen lauter, was teilweise an Körperverletzung grenzt. Das Keyboard hat mittlerweile Alessandro Del Vecchio übernommen, der im AOR-Bereich sehr aktiv ist und auch für andere Bands viele Stücke schreibt. Die neue Bassistin Anna Portalupi bildet mit dem brachialen Schlagzeuger Francesco Jovino ein starkes Rhythmusduo und macht darüber hinaus auch optisch eine gute Figur. Gioeli ist aufgedreht ohne Ende und zappelt ständig auf der Bühne hin und her. Dabei singt er grandios und bringt zwischen den Songs immer wieder Ansagen, die stark zwischen lustig und seltsam hin und her pendeln. Herzstück des Auftritts bilden sage und schreibe sechs Stücke des Debüt-Albums von 1992, denen man das Alter jedoch genau wie Gioeli zu keiner Sekunde anmerkt. Im Gegenteil: Sie werden von der taufrischen Band um einiges härter präsentiert als auf der CD. Der Auftritt verfliegt wie im Fluge und ist viel zu schnell vorbei. Hardline haben mächtig Gas gegeben und es geschafft, dem dauerbeschallten Publikum noch einmal ordentlich einzuheizen. Definitiv ein würdiger Headliner!




Sonntag, 3.12.17

Den Sonntag beginnen die Nordlichter LIONCAGE. Sie haben’s definitiv nicht leicht. Obwohl vor der Bühne bereits um 13.30 Uhr wieder sehr viel Betrieb ist, merkt man den meisten Festivalbesuchern den ersten Tag noch deutlich an. Obwohl der Alkoholkonsum gegenüber einem klassischen Metal-Festival doch noch hinterherhinkt, hat der eine oder andere doch noch einen Rausch im Gesicht stehen. Mit ihrem Album Done At Last im Gepäck schaffen es die sympathischen, spielfreudigen Musiker, die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Sänger Thorsten Bertermann mit leichtem Roger-Chapman-Touch singt sehr gut und bildet mit Gitarrist Lars König den Dreh- und Angelpunkt der Band. König zockt ein lässiges Solo nach dem anderen raus, die um diese frühe Zeit leider gar nicht so zur Geltung kommen wie sie sollten. Ihre Einflüsse Genesis, Journey oder Foreigner hört man deutlich heraus. Ein paar Genesis-Stücke werden kurz angespielt und fügen sich hervorragend in ihr eigenes Material ein. Lioncage bekommen für diese Zeit viel Zuspruch seitens des feierlaunigen Publikums – definitiv mehr als nur Höflichkeitsapplaus!

Die Schwedin MARTINA EDOFF muss unmittelbar danach auf die Bühne. Sie hat die aktuelle Scheibe We Will Align im Gepäck, von der sie auch das eine oder andere Stück präsentiert. Edoff hat ihre Fans, die vor der Bühne etliche Songs auswendig mitsingen können. Sie hat qualitativ hochwertige Songs und eine tolle Stimme, so viel steht fest. Ich finde den Auftritt gut, aber nicht sehr gut. Gesanglich hat sie auch die eine oder andere Schwäche gezeigt und das Songmaterial ist nicht so ganz mein Geschmack. Aber sie hat definitiv ihre Fans und sicher auch an diesem Nachmittag etliche neue dazu gewonnen.

Die Schweizer CRYSTAL BALL treten selbstbewusst wie immer vor das Publikum und lassen nichts anbrennen. Mit ihren hymnischen Hardrocksongs kommen sie beim Publikum erwartungsgemäß sehr gut an. Mir gefällt vor allem die lässige Gitarrenarbeit von Scott Leach und Tony Castell, die sich perfekt ergänzen. Sänger Steven Mageney hat das Publikum bestens im Griff und animiert etliche Fans vor der Bühne zum Mitmachen. Ein Großteil der Fans kennt die Crystal-Ball-Songs eh auswendig, von daher gleicht das Konzert eher einem Heimspiel. Fazit: Ein sehr solider Auftritt, der definitiv Lust auf mehr macht!

Die Schweden DA VINCI sind seit kurzem mit ihrer Mark II-Besetzung und dem neuen Album Ambition Rocks im Gepäck zu Gast auf dem Festival. Von der ursprünglichen Besetzung sind nur noch Gitarrist Gunnar Westlie und Keyboarder Dag Selboskar mit dabei. Die Band hat mit ihrem Debütalbum Da Vinci (1987) und dem Nachfolger Back in Business (1989) zwei in AOR-Kreisen bestens bekannte Alben abgeliefert, 1993 hat sich die Band dann leider aufgelöst. Der Start läuft für die Skandinavier nicht optimal. Mit dem Keyboard gibt es Probleme, so dass die Truppe von ihren 45 Minuten Spielzeit maximal 25 auf der Bühne bestreiten kann. Angeführt vom stimmgewaltigen Sänger Erling Ellingsen machen die Schweden das Beste daraus und rocken, dass die Schwarte kracht. Musikalisch sind die Jungs zweifellos sehr stark. Allerdings gelingt es ihnen während dieser kurzen Spielzeit und der daraus resultierenden Nervosität unter den Musikern leider nicht mehr, den Funken der Begeisterung im Publikum zu entfachen. Die Songs im Fahrwasser von Europe gefallen mir zwar hervorragend, aber hier hat die Technik dem Auftritt leider einen Strich durch die Rechnung gemacht. Schade für die äußerst engagierten Musiker – bei der vollen Spielzeit wäre hier definitiv mehr drin gewesen!

Die deutsche Band SINNER um Bassist, Sänger und Szene-Urgestein Matt Sinner haben in der Rockfabrik natürlich ein Heimspiel. Urig ist die Tequila- und Jägermeister-Bar, die von einem Roadie der Band bedient wird. Hier kann jeder der Musiker während des Gigs Getränke bestellen, die dann von dem Barkeeper blitzschnell serviert werden. Neben dem Barkeeper steht Sänger Sascha Krebs, der die Truppe bei den Background-Vocals unterstützt. Sinner walzen musikalisch alles weg, was nicht niet- und nagelfest ist. Gegenüber Da Vinci ist der Sound um einiges lauter und druckvoller, was mich zum Rückzug in den hinteren Bereich der Rofa zwingt. Die beiden Gitarristen Tom Naumann und Alex Scholpp lassen die Gitarrensolos in bester Thin-Lizzy-Manier vom Stapel – ein Markenzeichen, das die Band konsequent in ihren Songs einfließen lässt. Bei der abwechslungsreichen Setlist wechseln sich Klassiker mit aktuellen Songs der Marke „Tequila Suicide“ gut ab. Schlagzeuger Francesco Jovino ergänzt die Basslinien von Matt Sinner perfekt. Stimmungsmäßig ist bei den Hardrock-Granaten mit Rock'n'Roll-Einschlag einiges los, die Band wird vom Publikum mit offenen Armen empfangen. Dass man bei Sinner auch auf Coverversionen zurückgreift, ist bekannt. Der Billy-Idol-Klassiker „Rebel Yell“ sorgt zusammen mit dem unschlagbaren „Germany Rocks“ für einen passenden Abschluss eines rundum gelungenen Gigs.

Die Finnen BROTHER FIRETRIBE werden im Melodic-Rock-Sektor derzeit sehr hoch gehandelt. Bislang hat die Band seit 2006 vier Alben veröffentlicht. Ursprünglich nannte sich die Band „False Metal“ – eine Anspielung auf die Band Manowar, die gerne den Slogan „Death To False Metal“ ins Publikum werfen. Prominentestes Mitglied der Band ist Gitarrist Emppu Vuorinen, der seine Brötchen normalerweise bei Nightwish verdient. Das aktuellste Album Sunbound wurde 2017 veröffentlicht. Vor der Bühne ist es zu Beginn knallevoll. Die Fans feiern die Band nach allen Regeln der Kunst ab. Sänger Pekka Ansio Heino singt klasse und bringt die Songs sicher und souverän rüber. Gitarrist Emppu Vuorinen steht lässig am rechten Bühnenrand und serviert mit Dauergrinsen seine Solos, die er zielsicher ins Publikum schmettert. Der Auftritt ist solide, da gibt es nichts daran auszusetzen. Was mich jedoch enorm stört, sind die übertrieben eingespielten Background-Vocals, die Bassist Jason Flinck in dieser Intensität niemals allein aus seiner Goldkehle herauspressen kann. Die Songs sind guter AOR-Stoff, aber Überflieger sind das in meinen Augen auch nicht. Aber gut: Geschmäcker sind verschieden und das ist auch gut so. Ein äußerst stimmungsvoller Auftritt, der mich jedoch nicht vom Hocker gerissen hat. Am Merchandising-Stand ist bei der anschließenden Autogrammstunde die Hölle los – ein weiterer Beleg für die momentane Popularität der sympathischen Finnen.

FM sind für mich das Highlight des zweiten Tages. Die Briten um den Sänger Steve Overland sind äußerst selten in Deutschland unterwegs. In den letzten Jahren veröffentlichten sie regelmäßig gute bis sehr gute Alben, der jüngste Silberling aus dem Jahr 2015 heißt Heroes and Villains. 2016 hat die Band dann ihr Debüt-Album Indiscreet 30 Jahre nach der ursprünglichen Veröffentlichung mit der aktuellen Besetzung noch einmal neu aufgenommen. Das Quintett kommt routiniert und pünktlich auf die Bühne. Die Setlist enthält neben neue Songs ausschließlich alte Klassiker der Marke „We Belong To The Night“, „Tough It Out“ oder „Burning My Heart Down“. Steve Overland singt klasse und zeigt, dass Hardrock keine Frage des Alters ist. Bei den ersten Songs macht die Truppe noch einen etwas hüftsteifen Eindruck, was sich aber im Laufe des Sets komplett ändert. Bassist Merv Goldsworthy und Keyboarder Jem Davis übernehmen den kompletten Background-Gesang. Das hört sich auf jeden Fall „echter“ an als bei Brother Firetribe und gefällt mir allein deswegen schon wesentlich besser. Schlagzeuger Pete Jupp ist zwar um einiges grauer geworden, bearbeitet sein Instrument aber immer noch mit der Wucht eines Hufschmieds. Bei den Fans merkt man jetzt mittlerweile halt auch ein bisschen, dass die meisten auf dem Zahnfleisch daherkommen. „That Girl“ ist für mich das Highlight des Auftritts, hier stimmt einfach alles. FM werden unter tosendem Applaus vom Publikum verabschiedet und das völlig zurecht. Ein Auftritt, der in dieser Form viel öfters in Deutschland stattfinden könnte. Einziger Wermutstropfen: Die Ballade „Frozen Heart“ wurde leider nicht gespielt – das hätte dem Konzert noch die Krone aufgesetzt!

Als Headliner und Abschlussband des Festivals wurden DAN REED NETWORK verpflichtet. Etliche Fans haben nach FM das Festival bereits verlassen. Es schneit ohne Ende und viele haben noch einen weiten Heimweg. Ich bin sehr gespannt, was mich jetzt erwartet. Die Band war in den 80er Jahren eine große Nummer – Bands wie Bon Jovi oder die Rolling Stones haben sich darum gerissen, die Truppe als Vorband auf ihren Touren (New Jersey, Steel Wheels) mit dabei zu haben! Das kommt fast schon einem Ritterschlag in Rockerkreisen gleich. Dan Reed Network habe ich bisher noch nie live gesehen – gelingt es, die ausgepumpten Fans nach dem Hammerprogramm noch einmal nach vorne zu pushen?
Veranstalter Eddy Freiberger kündigt die Band als „Groove Monster“ an – mal schauen, was da kommt. Die Combo betritt die Bühne und das Spektakel geht los. Dan Reed selbst sieht sehr unspektakulär und unauffällig aus – was sich jedoch schlagartig ändert, als die Band zu spielen beginnt. Was hat dieser Typ für ein Energielevel! Er hüpft, springt und tobt wie ein Derwisch über die Bühne! Dabei singt er ausgezeichnet und schafft es so völlig mühelos, das Publikum mitzureißen. Ich habe selten eine Hauptband beim Festivalabschluss gesehen, die auf und vor der Bühne noch einmal so viel Energie entfachen kann.
Seine Musiker sind bis auf Keyboarder Rob Daiker seit 1984 feste Mitglieder seines „Netzwerks“. Diese Sicherheit und den unbändigen Zusammenhalt in der Truppe merkt man sofort. Gitarrist Brion James haut ein lässiges Solo nach dem anderen raus. Einmal wird ein Medley angespielt, bei dem z. B. auch Metallicas „Enter Sandman“ relativ wuchtig präsentiert wird. Die Rhythmusfraktion ist ebenfalls Weltklasse. Bassist Melvin Brannon steht wie ein Fels am rechten Bühnenrand und poltert seine Basslinien in bester John-Entwistle-Manier raus. Immer punktgenau, immer songdienlich – und dabei musikalisch allererste Sahne! Zusammen mit Schlagzeuger Dan Pred bilden die beiden eine wahre Groove-Maschine! Eddy Freiberger hat bei weitem nicht zu viel versprochen. Diese Spielfreude und musikalische Virtuosität überträgt sich während des kompletten Gigs wie ein Virus aufs Publikum. Es kann sich keiner dem Rhythmus entziehen, es ist ständig Bewegung im Publikum. Dan Reed macht bei einem Song einen Ausflug von der Bühne ins Publikum und singt dann eben mal vor der Bühne. Der wohl bekannteste Song „Ritual“ (bitte unbedingt das Video anschauen!) wird gnadenlos abgefeiert, hier geht förmlich der Punk ab. „Get To You“ beendet den regulären Teil, zur Zugabe gibt es ein ganz besonderes Schmankerl: FM-Sänger Steve Overland wird zu dem Gospel-Song „Long Way To Go“ auf die Bühne geholt. FM hatten den Song auf ihrem Unplugged-Album No Electricity Required veröffentlicht. Als Dan Reed das erfahren hatte, wollte er die Nummer unbedingt zusammen mit Overland singen. Diese Nummer wird dann zu einem würdigen Abschlusssong! Die beiden spielen sich die Bälle nur so zu (man kann sich das Video im Internet anschauen), die Fans singen mit und der Song bringt eine geradezu sakrale, besinnliche Stimmung in die Rockfabrik. Danach gibt es riesigen Applaus, die Band bedankt sich ausgiebig beim feierlaunigen Ludwigsburger Publikum. Was für ein Auftritt – ich bin überwältigt und muss sagen: Schaut euch den Burschen und seine Truppe an, das lohnt sich definitiv!

Danach ist endgültig Schluss. Eddy Freiberger bedankt sich auf Englisch bei allen Fans, Helfern und Musikern für das Gelingen eines gemütlichen, entspannten und sehr gelungenen Festivals. Bis auf einige technische Probleme gab es hier definitiv nix auszusetzen. Der Sound war meistens genial, die Bands haben alle richtig viel Einsatz gezeigt und es war kein Totalausfall darunter. Einen Kritikpunkt habe ich dennoch, doch da ist der Veranstalter komplett raus: Das Essen im Rofa-Bistro war geradezu lächerlich! Es werden etliche Gerichte angeboten, von denen auf Nachfrage ein Großteil gar nicht bestellbar ist. Und wenn man dann mal endlich bestellen kann, dauert es 30 - 45 Minuten, bis man Pommes Frites oder einen Hamburger zwischen die Kiemen bekommt! Das geht bei der kurzen Spielzeit der Bands finde ich gar nicht! Ich habe wegen der langen Wartezeit die ersten drei Songs von Tyketto leider nur akustisch mitbekommen und hatte dann einen schlechten Platz, was mich sehr geärgert hat. Ansonsten war das Festival äußerst gelungen! Wenn die Bands für mich interessant sind, bin ich nächstes Jahr auf jeden Fall wieder am Start!



Stefan Graßl


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