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Artikel

The Shanes: Mit der Hardpolka im Ohr Richtung Americana

Info

Gesprächspartner: The Shanes

Zeit: Juni 2013

Stil: Folk/Countryrock, Hardpolka

Internet:
http://www.shanes.de
https://www.facebook.com/pages/THE-SHANES/134311819938595

Viel Folk - allerdings nicht keltisch, sondern vor allem ost- und mitteleuropäsich - gepaart mit Punkeinflüssen: das ist das was die Trierer The Shanes schon vor über zwei Jahrzehnten kultiviert haben. Die Band nennt ihre Klangmelange selbst ganz selbstbewusst „Hardpolka“ und hat damit ein eigenes Eckchen im Folkrock-Tümpel eingenommen. Eigentlich sollte die Geschichte der Band vor ca. drei Jahren und dem Album Squandering Youth beendet sein. Doch glücklicherweise überlegten es sich die Shanes anders. „Einmal Musiker, immer Musiker“ lautet wohl das Credo. Und so spielt man nicht nur weiterhin fleißig Konzerte, sondern veröffentlichte kürzlich mit Road Worrier eine neue Studioaufnahme. Darauf wandte man sich noch mehr als je zuvor amerikanisch klingenden Sounds zu, was der Gruppe gar nicht schlecht steht. MAS fragte beim hoch gewachsenen Sänger und Frontmann Kornelius Flowers nach, was es sonst noch Neues im Shanes-Camp gibt.


Vor nicht allzu geraumer Zeit verkündeten die Shanes ihren Abschied von der Bühne. Es gab dann aber doch wieder vereinzelte Konzerte - jetzt auch ein „Comeback-Album“. Hat es einfach wieder in den Fingern gekitzelt oder war es eine Art Missverständnis?

Wir hatten vor gut drei Jahren wirklich genug - vor allem vom Touren und der vielen Zeit auf den Straßen. Das hat uns zur Abschiedstour 2010 bewogen. Die Option auf einzelne, ausgewählte Konzerte haben wir uns nach wie vor offen gehalten, zumal das Album Squandering Youth ja gerade erst veröffentlicht wurde. Zu einem neuen Album kam es aber erst durch die Neuorientierung mit neuen Bandmitgliedern, vor allem wegen den beiden Briten Matt Dawson und Chris Birch, mit denen wir unserem Sound eine neue Note einhauchen konnten. Dadurch sind neue Songs entstanden und auch die Auftritte und das Biertrinken im Tourbus machen wieder richtig Spaß.

Das Wortspiel des Albumtitels klingt wie ein Bezug auf das typische „highway to hell“-Thema eines Musikers. Liege ich hiermit nicht ganz falsch?

Es ist ein Wortspiel: nicht „Road Warrior“ sondern „WORRIER“. Das hast du sicher gecheckt. Aber im Grund hast Du Recht, genauso so ist es, wobei wir uns gerade eher ziemlich wohl fühlen in unserer kleinen Shanes-Familie. Also erstmal keine Hölle.

Was waren auf dem Weg über die Straßen der Welt die absoluten High- und Lowlights der Shanes-Geschichte?

Wir hatten einen guten Start vor 20 Jahren mit unseren ersten Alben und Strangeway-Records. Danach hatten wir einen ziemlich langen Durchhänger für bestimmt fünf bis sechs Jahren, wenn nicht noch länger. Hauptsächlich alkohol- und drogenbedingt. Erst als wir uns wieder im Griff hatten und 2005 mit unserem eigenen Label SumoRex und dem Broken-Silence-Vertrieb durchgestartet sind, läuft es wieder super. 1999 waren wir auf dem SXSW-Festival in Austin und haben darum noch Shows in Houston, Dallas und Ft. Worth gespielt. Das war für mich ein großes Highlight, Konzerte jenseits des Atlantiks zu spielen.

Stilistisch seid ihr mit Road Worrier noch etwas weiter westlicher als je zuvor gerutscht. Eine bewusste Abkehr vom ost-/mitteleuropäischen „Polka-Rock“ Richtung Country/Americana oder eher ein Ergebnis der neuen Musiker?

Eher das letztere, wobei sich verstärkte Americana-Einflüsse auch schon auf Squandering Youth abzeichneten. Irgendwie ist dieser Sound natürlich auch durch Matts Steel-Guitar etc. weiter in den Vordergrund gerückt. Aber das war nicht bewusst herbeigeführt. Der Sound passt einfach zu unserem derzeitigen Lebensgefühl.

Mit dem Gitarristen Albert Lee (u.a. Eric Clapton, Emmylou Harris) habt ihr bei ein paar Songs ein bisschen Prominenz auf dem Album. Wie kam es dazu?

Albert ist ein guter Kumpel von Matt. Er hat ihn spontan in einem Studio in Luxemburg zu unserem Zeug spielen lassen.

Mit „The girl who lives on Heaven Hill“ habt ihr wieder eine schöne Coverversion (im Original von Hüsker Dü) mit an Bord, der eine gute Ladung Melancholie eingeimpft wurde. Nach welchen Kriterien wählt ihr potenzielle Covers aus und was ist Dir bei der „Shanifizierung“ besonders wichtig?

Danke, danke! Ich liebe diese Punkrock-Ära der 80er. Aber egal, welche Songs gecovert werden, es geschieht spontan. Nie suche ich nach einem Song um ihn zu shanifizieren. „Girl who lives on heaven hill“ hab ich in der Shanes-Version zu 90% schon gehört, bevor wir es aufgenommen hatten. Das springt mich einfach an. Es ist ein einfacher, aber großartiger, zutiefst emotionaler und punktgenauer Song mit hübschen Lyrics. Im übrigen ist Grant Hart (Schlagzeuger und Verfasser des Titels - Anm.d.Red.) genauso begeistert wie ich von der neuen Version und wir planen gemeinsam die Veröffentlichung einer 7-Inch in den USA. Ich weiß nur noch nicht, was ich als B-Seite nehmen soll.

Der Song ist nicht die einzige Referenz an den Punk. Bei der letzten Platte hattet ihr auch einen Song von GG Allin neu aufgenommen. Wie wichtig ist der Punkeinfluss für die Shanes - ist das nicht auch nur Songwriter/Folkmusik mit anderen Mitteln?

Das kann ich nur mit „Ja“ beantworten. „Bite It You Scum“ hat eine phantastische Botschaft und ungeheuer rohe Kraft. Da hab ich die Shanes-Fassung auch gleich im Kopf gehabt ohne viel Aufhebens und der Funke sprang schnell auf die Band über. Ansonsten ist der Punkeinfluss in der Band ziemlich groß. Auch wenn wir manchmal gerne Balladen spielen sind wir doch alles - ältere - Punker und schätzen die mehr oder weniger gepflegte Verwahrlosung.

Folkpunk ist gerade auch schwer angesagt, wenn man sich Bands die Dropkick Murphys oder Flogging Molly ansieht. Bei euch stehen allerdings mehr die folkigen Melodien und Instrumente im Vordergrund. Sehen sich The Shanes eigentlich mehr als Folk- oder als Rockband - oder spielen solche Kategorisierungen überhaupt keine Rolle?

Ich persönlich sehe The Shanes eher als Folkband mit Punkrock-Background, weniger als Rockband. In den Anfangstagen haben wir uns schließlich absichtlich weg von Rocksounds hin zu Folksounds mit Akkordeon, Geige, Mandoline, Banjo usw. orientiert und das ist immer noch unser Schwerpunkt. Die Rockelemente sollen in erster Linie die Melodien unterstützen. Eine verzerrte E-Gitarre gibt es bei uns niemals als Selbstzweck, sondern wenn, dann mehr dazu, die Folkmelodien knallen zu lassen. Ich hab auch viel Zeit damit verbracht, unsere Folkinstrumente bühnentauglich zu machen. Jeder Folker kennt den Scheiß mit den Tonabnehmern und Feedbackproblemen bei Geigen, Akkordeons, Banjos. So funktionieren wir live eigentlich wie eine Rockband, nur mit mehr Kanälen für die traditionellen Folkinstrumente. Letztere stehen bei allem Gerocke aber wohl noch mehr im Vordergrund als bei den Mollys und erst Recht mehr als bei den Murphys.

Diskografie

Songs From The Urban Country Hell (1992)
Polka Hard (1993)
Love Will Tear Us Apart (Vinyl-Single, 1994)
These Days (EP, 1995)
Budapest Sessions feat. Vezerkar (1996)
5 Years of Hard Polka 1993-1998 (1998)
The Haunted House Of Polka (2001)
Pölka (2005)
Polka Over Serbja - live in Chosebuz (2007)
Squandering Youth (2009)
Home For Christmas (Single, 2011)
Road Worrier (2013)
Road Worrier wird meiner Meinung nach - wie auch schon der Vorgänger - von einer gewissen Ladung Melancholie durchzogen und wirkt ruhiger und abgeklärter als eure früheren Alben. Manch einer würde da vielleicht einwerfen „ihr werdet alt“. Aber ist es nicht eine größere Herausforderung so zu klingen?

Ach ja... klar werden wir alt. Und das ist auch vollkommen okay so. Ich liebe die Abgeklärtheit der alten Meister wie Dylan, Cohen und Van Morrison und vielen anderen und würde deren Spätwerke jederzeit ihren frühen Alben vorziehen. Zwar versuchen wir nach wie vor, das bestmögliche an Energie in den Sound einfließen zu lassen. Aber wir verwechseln das nicht mehr so sehr mit Lautstärke und Tempo, sondern setzen da mehr auf wahre Authentizität und echte Verwahrlosung!

Mit dem Wissen von heute: würdest Du irgendetwas an der Shanes-Geschichte ändern wollen?

Klar: ich wäre in den ersten Jahren gerne viel professioneller zu Werke gegangen. Aber wir hatten nicht die Reife dazu. Jetzt sind wir vielleicht etwas zu alt für eine neue Karriere. Doch fände ich es schön, noch ein paar Jahre mit der jetzigen Besetzung zu erleben.

Wenn man Dich vor die Wahl stellen würde, nur noch Songs im Studio aufnehmen oder nur noch Livespielen, was würdest Du wählen?

Obwohl ich sehr gerne live spiele, würde ich mich fürs Studio entscheiden. Unser Bassist Danny Dannehl hat ein tolles Studio und da könnte ich ewig arbeiten. Danny hat auch Road Worrier aufgenommen. Im Studio können wir viele Feinheiten herausarbeiten, die live niemals möglich wären. Und man muss keine langen Fahrten zu dem Locations auf sich nehmen. Andererseits können live auf der Bühne auch Sachen entstehen, die man später im Studio bei Aufnahmen aufgreift. Vielleicht werden wir doch alt - also Studio!

Mit welchen Musikern bzw. Bands würdest Du gerne mal zusammenspielen - egal ob nur die Bühne teilen oder vielleicht auch die eine oder andere Kooperation?

Ich freue mich einfach, mit einer so krassen Band wie The Shanes - Chris Birch, Natasa Grujovic, Börgermeister Schu, Matt Dawson, Danny Dannehl, Warpig Stoffregen - spielen zu dürfen. Jeder andere der mich inspiriert, ist gerne willkommen.

Und zum Schluss: Wo sollte der Weg der Shanes noch hinführen?

Wahrscheinlich in die Hölle... Gute Nacht!

Mario Karl


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