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Reviews

Cage, J. (Diverse)

Klang der Wandlungen


Info

Musikrichtung: Neue Musik

VÖ: 20.10.2017

(Edition RZ 3 CD / AD 1985-2011 / ADD/DDD / Best. Nr. RZ 1033-35)

Gesamtspielzeit: 193:01

ÜBERWIEGEND HEITER BIS SPHÄRISCH

2017 wäre John Cage 105 Jahre alt geworden. Das ist kein richtig rundes Jubiläum für den amerikanischen Avantagardisten. Aber vielleicht doch Anlass genug, um eine 3-CD-Box auf den Markt zu bringen: Die Berliner Edition RZ, seit langem eine der ersten Adresse für Neue-Musik-Raritäten, hat Ende 2017 unter dem Titel Klang der Wandlungen fünf Aufnahmen mit Werken herausgebracht, die sämtliche Schaffensperioden von Cage abdecken und in dieser Form bislang auch noch nicht veröffentlicht wurden:

Vom frühen Solostück In a Landscape (1948) bis zum späten Number Piece Seventy-For (1992) für Orchester spannt sich der Bogen. Zeitlich dazwischen liegen Postcards from Heaven (für 1 bis 20 Harfen, 1982) und Some Of "The Harmony Of Maine" (für Orgel, 1978). Zum Spätwerk schließlich zählt auch das zweite Number Piece der Edition, das monumentale 103 (1991).
Wie bei Seventy-Four leitet sich auch hier der Titel von der Besetzungsstärke ab. Und das Prinzip ist bei beiden Werken im Wesentlichen das gleiche: Das mit Hilfe eines Computers zufällig generierte Notenmaterial - das sich gleichwohl zu großen harmonischen Blöcken fügt - wird den Spielern mit sogenannten Time-Brackets vorgegeben. Diese geben ein Zeitintervall an, innerhalb dessen der jeweilige Ton gespielt und wieder beendet werden soll; Einsatzbeginn und -ende können innerhalb dieses Zeitrahmens vom Spieler frei gewählt werden. Die Töne sollen überwiegend langanhaltend und leise gespielt werden; wenn sie nur kurz erklingen, können sie auch laut sein. Weitere Details wie die Artikulation sind dem ausführenden Musiker überlassen. Der große Rahmen ist also festgelegt, die Details varrieren je nach Aufführung.

Das Ergebnis ist bei 103 ein überwiegend zart fluktuierendes, oft sphärisches und in wechselnden dynamischen Schattierungen atmendes Klanggewebe, das von punktuellen Unregelmäßigkeiten - den laut gespielten Tönen - durchzogen ist (dazu kommen noch die gelegentlichen Huster des Publikums).
Mit 90 Minuten ist es eines der längsten Stücke von Cage und wie die übrigen Number Pieces von einer gewissen entrückten Statik. Wenn man so will, ist 103 ein Beitrag zum Ambient - wenngleich wesentlich weniger "eintönig". Aber obwohl ständig etwas passiert, gibt es keine Prozesse oder Höhepunkte, auf die das Stück zurstrebt. Solche Momente ergeben sich eher beiläufig im Zusammenspiel, wenn einzelne Aktionen sich verdichten und gegenseitig verstärken: Klangfarbenballungen, dynamische Spitzen, Pausen oder vermeintliche Kadenzen suggerieren dem suchenden Ohr einen Zusammenhang oder eine Struktur, die nicht existiert.
Das Stück könnte theoretisch schon lange vorher begonnen haben und im Grunde ewig weiterklingen. Ein großer, erfüllt-leerer Raum entsteht, der wie so oft bei Cage vom Geist des Zen inspiriert ist. Der Klang meditiert sich selbst und der Hörer ist eingeladen, darin einzutauchen und gleichsam zu schweben. Tatsächlich klingt 103, wie übrigens sehr viele Stücke von Cage, auf eine fast konventionelle Weise schön und wiederlegt wieder einmal auf elegante Weise die Vorstellung, dass Musik aus Melodien, Rhythmen und anderen erkennbaren Mustern bestehen muss, um als Musik zu gelten. Cage radikale Botschaft, dass Musik alles sei, was man hören könne, klingt in diesem Fall geradezu verführerisch in den Ohren. Man könnte sich 103 ohne auch weiteres als Soundtrack in einem Planetarium vorstellen, um einen Flug durch das Hubble-Universum zu untermalen.
Tatsächlich hat Cage an so etwas gedacht, als er die gleichzeitige Aufführung von 103 und dem Film One11 vorsah: One11 ist ein stummes Number Piece, für das ein dunkler, leerer Raum verschieden ausgeleuchtet und das Ganze dann gefilmt wurde; das Material wurde dann wieder durch einen zufallsbestimmten Schnittplan montiert. Die Aufnahme des Duos ist bei Mode Records erschienen. Der 103-Soundtrack stammt auch bei der DVD-Produktion von der Kölner Konzertpremiere des Stücks im September 1992, gespielt vom Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchchester (heute WDR Sinfonieorchester). Und zwar mit Stoppuhren statt eines Dirigenten, dieser wird lediglich als eine Art Supervisor für die Proben benötigt.

Bei Seventy-Four werden die Intonations-Abweichungen, die an sonsten beim gemeinsamen Einstimmen korrigiert werden, bewusst einkalkuliert, um mikrotonale Färbungen zu erreichen. Da die Töne hier überwiegend lang gehalten werden und die Kurztoninstrumente allenfalls die Textur etwas aufrauen, entsteht ein an Giacinto-Scelsis Orchesterwerke erinnerndes irisierendes Spiel großer Klangblöcke. Wenn man nicht weiß, dass es sich um akustische Instrumente handelt, könnte man das Ganze auch für elektronsiche Musik halten. Das Stück ist mit 12 Minuten wesenltich kürzer als 103, in der reinen Massierung der Klänge dafür aber ungleich "dramatischer". Eine entsprechende Lautstärke steigert die Wirkung noch. Die Aufführung durch das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freibung (unter der Leitung von Jonathan Stockhammer) aus dem Jahr 2011 ist von vergleichbar hoher Qualität wie die Aufführung von 103.

Während das modale, exakt auskomponierte In a Landscape in der Version für Harfe von Erik Satie inspiriert erscheint und mit seinen großen mäandernden Bögen so etwas wie eine weit schwingende Landschaft in den Hörraum projiziert, arbeitet Postcards from Heaven wieder mit Zufallsprozessen: Ein Raga wird zunächst dekonstruiert und das flexible Notenmaterial bei der Ausführung durch 1 bis 20 Harfen durch vielfache Überlagerung in etwas anderes verwandelt. Perkussive Klänge, die den Korpus der Harfe einbeziehen, verschmelzen dabei mit sinnlichen melodischen Fragmenten zu einer eigenwilligen Himmels-Impression. In diesem Fall wurden 16 Stimmen mit der Harfenisten Gabriele Emde vorproduziert und die 17. Stimme von ihr live dazu aufgenommen.
Aufnahmetechnisch wurde das Stück vorzüglich eingefangen, sowohl was die horizontale Staffelung der einzelnen Instrumente wie auch die tiefenräumliche Wirkung angeht. Man ist als Hörer "im Klang". Der Effekt ist vergleichbar sphärisch, ja geradezu psychedelisch wie bei den beiden Orchesterwerken; es entsteht eine multiple Grußbotschaft aus himmlischen Regionen - wie oft bei Cage mischt sich ein ernsthafter kompositorischer Ansatz mit augenzwinkernder Ironie: Keine Regierungsform war für Cage die beste Regierungsform, setzt freilich eine große Disziplin voraus. Man hört ein anarchisches Engelkonzert, bei dem alles auf einer höheren Ebene harmonisch ineinanderklingt. Beide Harfenstücke wurden als Studioproduktionen 1985 aufgezeichnet.

Die letzte CD der Edition enthält Some Of "The Harmony Of Maine" für Orgel. Das Ausgangsmaterial sind amerikanische christliche Hymnen aus einem Choralbuch von 1794. Mit Hilfe des altchinesischen Orakelbuchs I Ching hat Cage bestimmte Teile aus den Stücken entfernt; die verbliebenen Fragmente wurden wieder miteinander verbunden, Einzeltöne verlängert. Wesentliche Aufgaben übernehmen die sechs Registranten (hier: vier), deren Einsätze ebenfalls durch das I Ching geregelt ist. Auf der Orgel ist der ursprünglich religiöse Kontext erahnbar, um es mit Cage zu sagen: Der "smell" der alten Hymnen bleibt erhalten, obwohl die alten Vorlagen weitgehend abstrahiert werden. Der Konzert-Mitschnitt mit Jakob Ullmann, der 1990 in der Bartholomäus-Kirche in Berlin-Friedrichshain entstand, verbindet eine gewisse (auch aufnahmetechnisch bedingte) Direktheit und Sprödigkeit mit hieratischer Strenge. Die Vergleichseinspielung von Mode Records mit Gary Verkade klingt weicher, die Orgel scheint hier noch mehr in melancholischer Versunkenheit für sich selbst zu spielen.

Die auch gestalterisch sehr ansprechende Box wird durch ein umfangreiches, reich bebildertes Beiheft mit einem ebenso informativen wie verständlich geschriebenen Text von Jakob Ullmann begleitet.
Wie heißt es so schön: "Für Cage-Fans unverzichtbar." Und für alle übrigen Hörer eine Möglichkeit, faszinierende Klangwelten zu entdecken und die Hörgewohnheiten nachhaltig zu verwandeln.



Georg Henkel

Trackliste

CD I 63:19
Seventy-Four für Orchester
103 für Orchester (Beginn)

CD 2 70:35
103 für Orchester (Ende)
Postcard from heaven für 1-20 Harfen
In a Landscape für Klavier oder Harfe

CD 3 59:07
Some of "The Harmony of Maine" für Orgel und 6 Assistenten

Besetzung

Gabriele Emde, Harfe
Jakob Ullmann, Orgel

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Leitung: Jonathan Stockhammer
Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester, Einstudierung: Arturo Tamayo

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger