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Reviews

Schumann, R. (Landgraf - Koch)

Sämtliche Werke für Violine und Pianoforte


Info

Musikrichtung: Kammermusik

VÖ: 26.06.2004

Genuin / Klassik Center Kassel
3 CD DDD (AD 2004) / Best. Nr. GEN 04043


Gesamtspielzeit: 215:56

Internet:

Peri-Musik

VON WEGEN BIEDERMEIER …!

Ein ambitioniertes Projekt mit aufregend schöner Musik, zwei inspirierte, risikofreudige Interpreten und eine wahrhaft luxuriöse Präsentation mit 60-seitigem Booklettext - was darf man mehr von einer guten CD erwarten?

ENZYKLOPÄDISCH UND QUELLENKUNDIG

Dabei bietet diese Produktion viel mehr als Robert Schumanns sämtliche Werke für Violine und Klavier. Zwei Bearbeitungen - Bach und Pagagnini - sowie Romanzen von Clara Schumann, Ferdinand David und Joseph Joachim erweitern den Horizont um Werke, die im weitesten Sinne Schumanns eigene Kompositionen inspiriert haben oder die im familiären bzw. freundschaftlichen Umfeld entstanden sind.
Enzyklopädische Vollständigkeit ist die eine Seite des Unternehmens. Ein historisch fundierter Ansatz, der sich überdies auf die jüngsten quellenkundlichen Forschungen der Neuen Schumann-Gesamtausgabe stützen kann, die andere. Den Interpreten Lisa Marie Landgraf und Tobias Koch geht es dabei nicht einfach um imposante Notenklauberei, sondern um die kreative Neuentdeckung eines Repertoires, das allem Komponisten-Ruhm zum Trotz eher randständig geblieben ist.

HISTORISCH INFORMIERTER OHRENÖFFNER

Sehr zu Unrecht, wie die vorliegende Einspielung beweist. Denn die häufig monierten Balanceprobleme bei der Ausführung der „undankbaren“ oder „ausgefallenen“ Schumannschen Duos resultieren hauptsächlich aus Veränderungen beim Instrumentenbau und der Spieltechnik.
Schumann behandelt die beiden Partien völlig gleichgewichtig. Der vollgriffige Klaviersatz und ein vielschichtiger Violinpart werden mal mit-, mal gegeneinander geführt, wobei sich die klangfarblichen Möglichkeiten der beiden ungleichen Partner in immer neuen Kombinationen entfalten. Themen und Motive entwickeln sich dabei geradezu sinfonisch.
Das ist weit entfernt von biedermeierlicher Salonmusik oder den aparten „Träumereien“ eines labilen, nach innen gekehrten Romantikers. Gewiss gibt es auch hier Verspieltes, Versonnenes. Aber ebenso findet sich ungebärdige Vitalität und „Tiefkombinatorisches“ à la Bach, gepaart mit grenzgängerischer Virtuosität.

Schumanns dichter Satz gerät bei einer „modernen“ Besetzung mit Steinway und stahlbesaiteter Violine leicht aus dem Lot. Im Verhältnis zur Violine ist der Konzertflügel zu laut.
Die Folge: Entweder spielt der Pianist die ganze Zeit im Mezzoforte und beraubt sich um jene stark profilierte Dynamik, die Schumann vorschreibt. Oder die Violine forciert im Dauervibrato. Als wohldosiertes Ausdrucksmittel ist das „Beben“ des Tons erst durch die historische Aufführungspraxis wiederentdeckt worden. Ebenso der herbe Charme der Darmsaiten, die mit ihrer leichten Ansprache und einem klaren Ton ein wesentlich sensibleres, „sprechenderes“ Spiel erlauben.
Aber auch der Klavierbau hat seine Geschichte. Wenn in der vorliegenden Produktion drei(!) unterschiedliche Flügel zum Einsatz kommen, dann ist das nicht einem Instrumentenfetischismus geschuldet, sondern der schlichten Einsicht, dass Schumann mit ganz unterschiedlich klingenden Flügeln im Ohr komponierte.

„MÄHRCHEN“-MUSIK UND „GEISTERHARFE“ …

Bei den Stücken auf der ersten CD, die zwischen 1848-1851 entstanden sind, spielt Tobias Koch auf einem komplett hölzernen Flügel von Konrad Graf aus dem Jahr 1822. Ein ähnliches Instrument befand sich im Besitz von Clara Schumann. Der Klang ist transparent und vollkommen ausgewogen, mit einem ausgeprägten Obertonspektrum, das an Glocke oder Zimbal denken lässt. Die volltönende Basslage bringt die Violine (Francesco Pressenda von 1847) auch im Forte nie in Bedrängnis.
Diese Kombination passt bestens zu den eher lyrischen Fantasiestücken, den Stücken im Volkston oder den vier Mährchen-Bildern. Dass sich die Interpreten hier und überhaupt an Schumanns eher moderate Metronomangaben halten, vertieft die entrückte, malerische Wirkung mancher Sätze noch. Anderes, wie das geforderte „feurige“ oder „starke und markirte“ Spiel, gewinnt eine fast körperliche Präsenz.
Bei den drei fulminanten Sonaten vom Anfang der 50er Jahre gibt es einem Erard-Flügel von 1839 zu hören, der dank seines Stahlrahmens und der höheren Saitenspannung kräftiger und glatter als das Instrument von Graf klingt. Insbesondere bei diesen Stücken beeindruckt Landgraf auf ihrer Violine mit Sanglichkeit und Eloquenz. Die Interpretin weicht aber auch den aufrührerischen Kanten und Härten der Musik nicht aus. Dank des sparsamen Vibratos entlockt sie ihrem Instrument Töne von kristalliner Stahlkraft. Hat man traditionelle Einspielungen im Ohr, mag man diesen konzentrierten Klang freilich zunächst als distanziert, vielleicht sogar als kühl empfinden. Spezialeffekte wie das Spiel am Steg im dritten Satz der 2. Sonate geraten dagegen wunderbar unwirklich, wie auf einer „Geisterharfe“ gespielt.
CD Nr. 3 ist vorwiegend den Bearbeitungen und Werken von Clara Schumann und Kollegen gewidmet. Herausragend ist allerdings die F. A. E. Sonate, ein Gemeinschaftswerk von Schumann, Brahms und Dietrich. Mit seinem leuchtenden, weichen Ton imponiert hier der der Flügel von Johann Bernhard Klems (1850), sozusagen ein diskreter Vorläufer des Steinways. Schumann scheint diesem Instrument, einem Geschenk an seine Frau, die Transkription des Orchesterparts seiner großen Phantasie von 1853 geradezu auf den samtigen Klangkörper komponiert zu haben. Das Stück gehört auch interpretatorisch zu den eindrucksvollsten Stücken auf dieser CD - geradezu bestürzend der Effekt, wenn sich aus dem verhangenen Piano-Beginn des Klaviers der aufstrahlende Geigenton gleichsam in die Stratosphäre schraubt.

Das Projekt ist ein imponierender „Ohrenöffner“, im Ganzen gewiss auch eine Tour de Force für Interpreten wie Hörer, die ein neues, oft überraschendes Licht auf Schumanns Kammermusik für Violine und Klavier wirft.
Bleibt also nur zu hoffen, dass dieses Engagement (auch dank des moderaten Preises) nicht nur bei Spezialisten auf offene Ohren trifft …



Georg Henkel

Trackliste

CD I 64:15

Fantasiestücke für Pianoforte und Clarinette (ad libit. Violine od. Violoncell) Op.73 [Februar 1849]
Adagio u. Allegro für Pianoforte u. Horn (ad libitum Violoncell oder Violine) Op.70 [Februar 1849]
Fünf Stücke im Volkston für Violoncell (ad libitum Violine) und Pianoforte Op.102 [April 1849]
Drei Romanzen für Hoboe ad libitum Violine mit Begleitung des Pianoforte Op.94 [Dezember 1849]
Mährchen-Bilder. Vier Stücke für Pianoforte und Viola (Violine ad libitum) Op.113 [März 1851]

CD II 74:12

Sonate für Pianoforte und Violine Op.105 [September 1851]
Grosse Sonate für Violine und Pianoforte Op.121 [Oktober/November 1851]
Dritte Sonate für Violine und Pianoforte [Oktober 1853]

CD III 77:29

A.Dietrich, R.Schumann, J.Brahms: F.A.E.-Sonate [Oktober 1853]
R.Schumann: Phantasie für Violine mit Begleitung des Orchesters oder Pianoforte Op.131 [September 1849]
J.S.Bach / R.Schumann: Chaconne mit hinzugefügter Klavierbegleitung [1852/53]
N.Paganini / R.Schumann: Caprice No.10 mit hinzugefügter Klavierbegleitung [März 1855]
Clara Schumann: Drei Romanzen für Pianoforte und Violine Op.22 [1853]
Ferdinand David: Romanze No.13/14 aus: Bunte Reihe, Op.30 [1851]
Joseph Joachim: Romanze C-Dur [1852]

Besetzung

Lisa Marie Landgraf, Violine von Pressenda 1847
Tobias Koch, Pianoforte von Graf 1822, Erard 1839 und Klems 1850

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger