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Brahms, J. (Artemis Quartett)

Streichquartette Nr. 1 & 3


Info
Musikrichtung: Kammermusik Streicher

VÖ: 18.09.2015

Erato / Warner Classics / CD / DDD (AD 2014) / Best. Nr. 0825646126637

Gesamtspielzeit: 68:24



AUSDRUCKSSATT & NUANCIERT

Beim Anhören dieser Aufnahme des 1. und 3. Streichquartett von Johannes Brahms durch das Artemis Quartett mischen sich Freude und Trauer: Freude wegen der herausragenden künstlerischen Qualität der Produktion, Trauer aufgrund des Todes des Bratschisten Friedemann Weigle, der dieses Jahr unerwartet im Alter von 52 Jahren verstorben ist. Mit seiner Kunst vermittelte er zwischen der lichten Höhen der Violinen (Vineta Sareika und Gregor Sigl) und dem erdigen Celloton von Eckhart Runge, steuerte zum Gesamtklang sozusagen den "Herzton" bei und verlieh mit seiner wehenden Mähne und dem breitbeinigen Stand den Aufführungen auch optisch eine besondere Note.
Wenn man ihn jetzt z. B. im Bratschen-Solo im 3. Satz des 3. Brahms-Quartetts op. 67 hört, dann weiß man, dass es nicht leicht sein wird, diese Lücke zu schließen. Zwar hat das Artemis-Quartett schon mehrere Wechsel bewältigt - von der Erstbesetzung ist nur noch Runge mit dabei - aber mit Weigle hatte das per se schon charaktervolle Spiel der Formation noch einmal an Kraft, Differenziertheit und Kontur gewonnen.
Insbesondere Brahms' an Altmeistern geschulte komplexe, dabei ausdruckssatte Schreibweise profitiert von der reich entwickelten Nuancierungskunst der Musiker, die den per se orchestralen Zugriff Brahms noch steigern und den Eindruck erwecken, hier seien die Pulte gleich mehrfach besetzt. Auf diesem sonoren Fundament beleben die Musiker Brahms ausgefeilte Partituren dynamisch wie artikulatorisch mit einer ungemein reichen Palette an Klangfarben, verlieren dabei aber nie die großen Linien und den dramatischen Pulsschlag aus den Augen. Vor allem das erste, unter selbstkritisch-kreativem Hochdruck komponierte Quartett entfaltet so sein ganzes dramatisches und expressives Potential; zugleich erlaubt es die reflektierte, den strukturellen Verästerlungen und Querverbindungen nachhörende Interpretation auch dem Hörer, die Musik nicht nur zu erleben, sondern auch in ihrer Konstruktion zu verstehen.
Auch den um einiges lichteren, entspannteren Ton des 3. Quartetts trifft das Artemis-Quartett wunderbar. Hier musste Brahms sich und dem Publikum nichts mehr beweisen - und die Artemis-Leute sowie so nicht. Man wünscht dieser besonderen Formation, dass sich ihnen bald wieder ein Künstler vom Format Weigles zugesellt!



Georg Henkel



Besetzung

Artemis Quartett:
Vineta Sareika und Gregor Sigl: Violinen
Gregor Sigl: Viola
Eckhart Runge: Cello


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