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25 Years after - Mein Leben mit der CD; Folge 21: Wolfgang Niedecken & Complizen - Schlagzeiten





Wolfgang Niedecken ist (oder war) ein Phänomen. Ich glaube nicht, dass ich mich jemals einem Musiker so nahe gefühlt habe, wie dem Sänger von BAP. Er war mehr großer Bruder, als ferner Rockstar. Mit BAP lieferte er den Soundtrack für eine ganze Generation. Auch wenn die Bots wahrscheinlich auf mehr Demonstrationen gespielt haben als BAP, sind für mich immer die Kölner die Hausband der Friedensbewegung gewesen und der damit verbandelten sozialen und politischen Bewegungen. Und zwar gerade weil sie nie in erster Linie eine politische Band waren. Das waren die „81er“ schließlich, anders als die 68er, auch nicht.

Wir waren „Betroffene“ zu einer Zeit, in der „Betroffenheit“ noch nicht zur gefühligen Worthülse verkommen war. Wir waren die erste Generation, die an der Schule bereits einige Lehrer erleben durfte, die die 68er Zeit an der UNI erlebt hatten. Wir waren die Generation, die in einer Zeit politisiert wurde, in der scharfe Kritik an der politischen Klasse an sich langsam die Mitte der Gesellschaft erreicht hat. Es wurde also nicht nur aus dem bürgerlichen Lager auf die „Sozis“ geschimpft, oder von den Arbeitern auf die Pfeffersäcke. Friedensbewegung und Anti-Atomkraft-Bewegung stellten grundsätzliche Fragen an das politische System, die weit über die klassenkämpferischen Parolen der K-Splitter-Gruppen der späten 60er und 70er Jahre hinausgingen. Kapitalismuskritik war hier nicht nur Verteilungskampf, sondern eine grundsätzliche Anfrage an Leistungs- und Industriegesellschaft, sowie an den bislang unerschütterlichen Glauben an den immerwährenden Segen des (groß)technologischen Fortschritts. Es waren die Jahre, in denen die Grünen als "unpolitische politische" Partei, eine völlig neue Dimension in das politische Denken und Fragen hineintrugen, die große Teile der Gesellschaft und nicht zuletzt der Kirchen neu ausrichtete.

BAP haben diese Zeit begleitet und Wolfgang Niedecken war ihr Aushängeschild – nicht als politischer Agitator, sondern als scharfsinniger, sensibler, humorvoller und mitfühlender Beobachter. Das gilt in demselben Maße auch für seine erste Solo-CD Schlagzeiten. Niedecken erzählte die Geschichten aus der Kölner Südstadt, die so in jedem „normalen“ Umfeld einer deutschen (Groß)stadt passieren konnten. Keine Reportage vom sozialen Brennpunkt, auch wenn „Will“ soziale Krisensituationen beschreibt; keine politische Agitation, auch wenn sich „Gröön en Platania“ deutlich auf die Seite von Demonstranten stellt, keine Zeigefinger-Politik auch wenn Fragen von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus immer wieder thematisiert wurden.

Unheimlich wichtig waren bei den BAP- und Niedecken-Scheiben die „warmen Worte“, in denen der Sänger seine Texte in einen Kontext des Entstehens hineinstellte. Das war nicht nur Verstehenshilfe. Niedecken öffnete so einen Teil seines Tagebuchs, nahm den Hörer mit hinein in ein Leben, das zwar auch das eines tourenden Rocksängers, einer öffentlichen Person war, auf der anderen Seite aber auch völlig normal und alltäglich. Was Niedecken erzählte, das – so hatte man immer das Gefühl – hätte man auch selber erzählen können. Die Gefühle und Empfindungen, die hier deutlich wurden, waren die eigenen. Die Kritik und die Fragen waren dieselben.
Und es gelang ihm sogar die Quadratur des Kreises, sein Berühmt-Werden nicht nur nicht zu verschweigen, sondern so zu thematisieren, dass er authentisch blieb („Maat et joot“) und einen mit an die Hand nahm hinauf auf den Weg zum Ruhm, ohne dass man sich fremd wurde – jedenfalls bis zu einem gewissen Zeitpunkt.
Und als das mit den etwas auf Hochglanz geputzten Alben der späten 80er brüchig wurde, dann wohl nicht nur durch die Wandlung der Band und der Hörer, sondern auch, weil das alternativ-politische Milieu, aus dem BAP entsprungen waren, mit Abflauen der Friedensbewegung, Ende des kalten Krieges, der Wende, ja und auch der Integration des „grünen“ Ansatzes in die Politik aller Parteien immer mehr in Auflösung geriet.


Norbert von Fransecky



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