Musik an sich


Reviews
CHARMANT, WITZIG, VERWIRREND: "DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN" ALS OPERN-CARTOON
Leos Janácek (1854-1928): Das schlaue Füchslein (1926)

Opus Arte DVD (AD 2003) / Best. Nr. OA 0839 D
Moderne / Oper
Cover
Interpreten:
Christine Buffle (Füchsin), Grant Doyle (Förster), Richard Coxon (Fuchs), Keel Watson (Wilderer), Peter von Hulle (Schulmeister, Mücke, Grashüpfer), Andrew Foster-Williams (Pfarrer), Katarina Giotas (Frau des Försters, Eule), Richard Roberts (Hahn), Michelle Sheridan (Anführerin der Hühner), Mark Wilde (Specht), Matt Baker (Hofhund) u. a.
BBC Singers - New London Children's Choir
Deutsches Sinfonie-Orchester Berlin
Ltg.: Kent Nagano

Interpretation: ++++
Klang: ++++
Inszenierung/Bildregie: +++/++++
Edition: +++

OPER IM DISNEY-FORMAT?

Keineswegs! Walt Disneys Toon-Experiment "Phantasia" (#), bei dem Klassik-Hits auf mehr oder weniger originelle Weise mit Zeichentrickepisoden verschmolzen wurden, mag zwar als Begründer dieser sehr speziellen Gattung Pate gestanden haben. Ansonsten markiert diese Trickfilmversion von Leos Janáceks Schlauem Füchslein stilistisch und ästhetisch einen ganz eigenen, gewissermaßen europäischen Standpunkt.

Aber muss das überhaupt sein: Oper im Zeichentrickformat? Nun, in diesem Fall könnte man sagen, dass Janáceks Werk zu seinen Wurzeln zurückkehrt. Denn der tschechische Komponist ließ sich durch das volkstümliche Tierepos vom schlauen Füchslein Bystrouska anregen, das ab 1920 im liberalen Brünner "Volksblatt" erschienen war. Die Geschichte von Rudolf Tesnohlídek diente als Kommentar zu den originellen Federzeichnungen des Malers Stanislaw Lolek, von denen einige auf dem Anhang der DVD beim Interview mit dem Regisseur Geoff Dunbar zu sehen sind. Janácek machte aus der Vorlage ein Libretto, 1925 war das Werk vollendet. Die seltsame Geschichte, in der Menschen und Tiere als gleichberechtigte Charaktere auftreten, stellt an jede Regie besondere Herausforderungen. Wie soll man so etwas inszenieren, ohne dass es lächerlich oder kitschig anmutet? Entsprechend selten ist das Werk heute auf den Bühnen zu sehen.

WEDER FABEL NOCH PARABEL

Angesichts dieser Schwierigkeiten, scheint das "moderne", "künstliche" Medium des Zeichentrickfilms, das per se auf Verfremdung und Übersteigerung der Realität angelegt ist, wie geschaffen für eine überzeugende Darstellung. Schon Loleks ursprüngliche Zeichnungen bestechen durch einen wohltuenden Realismus, der die Tiere nicht verniedlicht. So, wie auch die Geschichte alles andere als ein naives Kindermärchen ist. Janácek hat daraus eine Art Parabel über den Kreislauf von Leben und Tod gemacht.
Seine Oper erzählt aus dem Leben des kleinen schlauen Füchleins Scharfohr, dass vom Förster gefangen wird, auf dessen Hof einige Abenteuer erlebt und u. a. den Hühnerstall mit Beredsamkeit und Jägerinstinkt tüchtig aufräumt. Schließlich gelingt die Flucht. Im Wald erobert Scharfohr die Höhle des allseits unbeliebten und griesgrämigen Dachses. Dann verliebt sie sich in einen stattlichen und eleganten jungen Fuchs, heiratet, bekommt Junge - und fällt am Ende dem tumben Wilderer Háraschta zum Opfer. Die Oper endet "einige Jahre später": Der Förster sitzt wie zu Beginn unter einem Baum, sinnt über das Leben nach und erinnert sich an "sein" schlaues Füchslein, das er all die Jahre gesucht hat. Als ihm ein kleiner Fuchs unter die Augen läuft, erkennt er darin einen Enkel von Scharfohr ...

LEIDER NUR DIE HALBE WAHRHEIT ...

So zumindest stellt sich die Geschichte in der Trickfilmversion dar. Für diese wurde rund eine Stunde der Musik gestrichen, um das Werk auf die übliche Zeichentricklänge von 70 Minuten zu bringen. Was in der Bearbeitung weggelassen wurde, ist ein großer Teil der Menschenwelt. Förster, Schulmeister und Pfarrer tauchen zwar in Nebenerzählungen auf, erkennbar wird ebenfalls, dass sie alle eine besondere Geschichte mit dem schlauen Füchslein verbindet. Doch das knappe Booklet schweigt sich darüber aus. Erst der Blick in den Opernführer verrät mehr darüber. Das selbstbewußte, unkonventionelle, starke und freie schlaue Füchslein repräsentiert die Natur als Gegenwelt zu einer menschlichen Gesellschaft, die in ihren Zwängen befangen ist. Jeden der drei Männer erinnert Scharfohr an eine Frau, die in ihren Leben eine entscheidende Rolle gespielt hat: das Zigeunermädchen Terynka. Doch nie waren Zuneigung, Liebe und gar erotische Leidenschaft stark genug, um die gesellschaftlichen Schranken zu überwinden. Nur der Wilderer Háraschta, der jenseits der Normen lebt, kann diese Liebe leben. Von all dem erfährt man in dieser Trickfilmversion allerdings so gut wie nichts. Lediglich der Förster und der Wilderer gewinnen etwas schärfere Konturen, der Rest bleibt Episode. Schade eigentlich, denn:

DIE ANDERE HÄLFTE IST ALLERDINGS SEHR SCHÖN GEMACHT!

Das zeigt sich schon bei der unsentimentalen, bei allem Detailwitz eher strengen Gestaltung der Charaktere. Das hat nichts vom süßlichen Realismus mancher Disney-Figuren. Es auch schwer vorstellbar, dass die sinnliche Liebesszene zwischen Fuchs und Füchsin in einer Disney-Produktion Platz gefunden hätte. Die animalischen Nebenfiguren, angefangen von den Bienen, über Heuschrecken und Frösche, sind allesamt originell und liebevoll gezeichnet. Fuchs und Füchsin sind keine verkleideten Menschen, sondern bewahren sich ihren animalischen Charme. Pfarrer und Schulmeister sind eher Typen, doch der eisgraue, vergrübelte Förster gewinnt eine geradezu tragische Dimension. Die Hintergründe erscheinen mal abstrakt, mal duftig aquarelliert. Sichtlich wurde darauf Wert gelegt, den Wechsel der Jahreszeiten auch atmosphärisch erfahrbar zu machen. Eine rundum gelungene Visualisierung, die man sich auch gerne 2 Stunden angeschaut hätte!!

UND DIE MUSIK?

... harmoniert vollkommen mit den Bildern. Janáceks Klangwelt verbindet Folkloristisches mit Sinfonischem zu einer suggestiven, stimmungsvollen Musik, die die Charaktere und Lebenswelten plastisch herausarbeitet. Zwar tritt sie hier akustisch etwas in den Hintergrund, wird wegen ihres künstlerischen Gewichts aber nicht zu bloßen Filmmusik. Kent Nagano passt sich mit dem Sinfonie-Orchester Berlin dem visuellen Tempo des Film- und Fernsehformats an, indem er die Tempi etwas anzieht. Das sorgt z. B. bei der pulsierenden Ouvertüre für Geschmeidigkeit.
Auch die Gesangspartien fügen sich ganz natürlich in diese Welt ein: Dass die gezeichneten Protagonisten singen, scheint ganz selbstverständlich und keinesfalls albern. Freilich kommen diesem Eindruck Janáceks Musik und die englische Übersetzung des Librettos entgegen: Der Gesang ist äußerst sprachnah, eher deklamtaorisch oder liedhaft als arios. Manches, insbesondere der abschließende Monolog des Försters, könnte da auch in einem Musical seinen Platz finden. Und weil die Sänger sich dem besonderen Medium durch eine ausgesprochen schauspielerische Gesangsmanier anpassen, wird man für die fehlende Bühnenpräsenz mehr als entschädigt.

14 Punkte

Georg Henkel

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