Musik an sich


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Contemporary Noise Sextet

Ghostwriter's Joke


Info
Musikrichtung: Modern Jazz

VÖ: 8.7.2011

(Denovali Records)

Gesamtspielzeit: 44:51

Internet:

http://www.cnq.electriceye.pl/info.php?idm=20&idg=5
http://www.myspace.com/cnquintet


Polen hat schon lange eine florierende Jazzszene.
Nach ersten Liveerlebnissen solcher Musiker wie Michal Urbaniak oder Tomasz Stanko arbeitete ich mich langsam an die Szene heran.
So liefen mir dann unweigerlich solche großartigen Musiker wie Krzysztof Komeda , Zbigniew Namyslowski , Zbigniew Seifert und viele andere über den Weg.
Dass der polnische Jazz allerdings noch heute sehr rege und aktiv ist, belegen aktuelle Werke von zum Beispiel Marcin Wasilewski.
Und nun das Contemporary Noise Sextet!
Im Pressetext heisst es: “jazz music without jazz, film music without a movie, but something splendid instead”.
4 Alben als Quintett und Sextett inclusive eines Soundtracks für ein Theaterstück sind bisher erschienen. Was wird uns hier nun erwarten?
Zunächst etwa 7 Sekunden lang scheinbare Stille, bei hoher Lautstärke kann man etwas hören, langsam gestaltet sich aus dem Nichts kommend das erste Stück, dass nach gut 2 Minuten ein Thema vorstellt mit den Bläsern, das ist schön schwebende Musik, die Gitarre erzeugt hintergründig einige Klangfetzen, unterstützt von den Keyboards. Das erste Solo, das eigentlich gar keines ist, weil es Teil der noch immer anhaltenden Gestaltung ist, stammt von der Trompete, wobei das Saxofon dabei unterstützt. Ein mystisch anmutender Auftakt, der so ganz nach meinem Geschmack ist und mich in jene Zeit zurück begleitet, als auf ECM Künstler wie Jan Garbarek oder Enrico Rava - der passt auch hier gut als Vergleich - den Sound jenes Labels in den Siebzigern bestimmten.
Eindeutig druckvoller startet das Morning Ballet mit energischem Drive, immer wieder kurz wird das wieder von den Bläsern unisono vorgetragene Thema kurz unterbrochen durch einen Rhythmuswechsel und einen Gitarreneinwurf, bevor dann der Saxofonist in bester rauer-rauchiger Tradition eines Archie Shepp oder Pharoah Sanders ein kurzes aber packendes Solo vom Stapel läßt. Über elastischem Rhythmus erhebt sich dann ein trocken gespieltes Gitarrensolo, ganz professionell und abgeklärt mit einem kleinen Hauch von John McLaughlin, wie er in jazzigen Tagen spielte.
Erst 2 Titel, und die Musik setzt bereits klare Akzente dahingehend, ein Volltreffer zu werden. Dabei bleibt die Musik im Wechsel zwischen straffem Arrangement, Verspieltheit und Ideenreichtum.
Die Band bedient sich verschiedener Stilmittel des Jazz, vom Be Bop über den Soul Jazz hin zur Fusionbewegung der Endsechziger, nicht, ohne auch den Free Jazz völlig außen vor zu lassen.
Die Kompositionen strahlen Reife, Professionalität und Komplexität aus, es wird unter Garantie nie langweilig, zuzuhören.
Eleganz und Frechheit im Spiel fügen sich zu einem einheitlichen Sound zusammen, der mich vor allem durch seinen äußerst federnden und flexiblen Rhythmus begeistert.
Durch das ideenreiche Spiel der Akteure unter dem Hintergrund der Themen können beim Hörer durchaus 'Filme im Kopf' entstehen, seien es jene des Genres 'Film Noir' oder solche, die in ein experimentelles Umfeld gehören.
Dabei kann man sich einfach fallen lassen, bei aller Aufdringlichkeit bleibt die Grundstimmung gelassen und zum Hinwegschweben animierend, manchmal scheint es gar emotionslos dahinzuschweben. Deshalb ist das noch lange keine 'verkopfte' Musik, doch wird die Seele halt anders angesprochen, jedenfalls wird meine angenehm berührt.
Darum bleibt mir ein Fazit, nämlich, das der polnische Jazz noch immer etwas Besonderes ist!



Wolfgang Giese



Trackliste
1Walk With Marilyn
2 Morning Ballet
3 Is That Revolution Sad?
4 Old Typewriter
5 Chasing Rita
6 Normans's Mother
7 Kill The Seagull, Now! (based on Chekhov’s ”The Seagull“)
Besetzung

Kuba Kapsa (piano)
Tomek Glazik (tenor saxophone)
Wojtek Jachna (trumpet)
Kamil Pater (guitar)
Patryk Weclawek (double bass
Bartek Kapsa (drums, percussion)


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