Marais, M. (Joubert-Caillet, F.)

Premier Livre des Pièces des Viole


Info
Musikrichtung: Barock Gambe

VÖ: 05.05.2017

(Ricercar / CD / DDD / 2014-2015/ Best. Nr. Ric 379)

Gesamtspielzeit: 256:17



GAMBENUNIVERSUM

Die Bücher für Gambe von Marin Marais sind so etwas wie das Große Testament der Gambenliteratur. Zwischen 1686 und 1725 erschienen fünf umfangreiche Suitensammlungen mit zusammen über 600 Stücken und mehr als 20 Stunden Gesamtspielzeit. Angesichts der schieren Fülle an Musik kann es nicht verwundern, dass bislang kein Gambist eine Gesamteinspielung angegangen ist.

Nun aber wagt sich auf Anregung des Riccercar-Gründers Jérôme Lejeune der Gambist François Joubert-Caillet mit seinem Ensemble L'Achéron an eine vollständige Einspielung von Marais' Kosmos. Eine CD mit Pièces favorites im vergangenen Jahr war der vielversprechende Auftakt zu dem Projekt. Und wie dort so gefällt auch beim kompletten Premier Livre des Pièces des Viole der wunderbar ausgewogene, vollreife Klang, den Jérôme Lejeune eingefangen hat.
Ohne indiskret zu sein, bringt er den Hörer so nahe an das musikalische Geschehen heran, wie es im Konzert kaum möglich ist. Man taucht gleichsam ein in den sonoren Bassgambenklang, der in der Tiefe bronzig-erdig und in der Höhe obertonreich-näselnd ist; bei entsprechender Dynamik lässt er mitunter die Bauchdecke sanft vibrieren.

Marais hat seine Stücke aber nicht nur für eine solistische Bassgambe geschrieben (wenngleich eine solche Ausführung auch möglich ist), sondern für ein oder zwei Gamben und Continuo. Dieses kann von einer zweiten Gambe, Cembalo und/oder Laute ausgeführt werden. Abhängig von der jeweiligen Grundstimmung der Suiten machen L'Achéron Gebrauch von den verschiedenen Kombinationen, was für willkommene Farbvariationen sorgt: Eher melancholisch wirkt die Lautenbegleitung, kraftvoll, ja majestätisch wird die Musik bei Einbeziehung derzweiten Gambe, brillant, erhaben und weiträumig tönt die Ausführung mit Cembalo.

Das Ensemble folgt im Großen und Ganzen der Anordnung der Stücke durch den Komponisten. Die Suiten kann man im Sinne von musikalischen "Miniserien" hören, die eine "Geschichte" erzählen oder bestimme Szenen und Charaktere porträtieren. Das eröffnende Prelude stellt in der Regel so etwas wie einen stimmungsvollen Prolog dar, der in der anschließenden Folge von verschiedenen Tänzen durch mehrere Episoden hindurch fortgesponnen wird, bevor z. B. ein finales Rondo oder eine erhabene Chaconne die Erzählung beschließt.
Damit sich Marais' Kunst in all ihren subtilen Facetten erschließen kann, sollte man das Premier Livre gut dosiert genießen.

François Joubert-Caillet und seine inspirierten Mitstreiter tun alles, um dieses Gambenuniversum zu verlebendigen und in jedem Stück jenen besonderen Moment zu entdecken, der Marais zu seiner Komposition angeregt haben mag. In der Tongebung sind Joubert-Caillet und Andreas Linos ausgesprochen flexibel. Sie kosten die dynamischen Möglichkeiten ebenso aus wie die vielfältigen Schattierungsmöglichkeiten. Insbesondere die Suiten in D-Moll (CD II und IV) und D-Dur (CD III und IV) sind eindrucksvolle Beispiele ihrer Kunst.
Auch der emotionale Höhepunkt der Sammlung, das Tombeau de Mr Meliton, gelingt herausragend durch die raffinierte "Klangregie", mit der die schmerzvollen Sekundreibungen dargeboten werden, die dieses Stück auszeichnen. Doch nicht nur solche pathossatten Miniaturen, auch die vielen virtuosen und humorvollen Nummern gelingen überzeugend.
Dass Marais nie übertreibt, sondern immer eine gewisse höfische Contenance wahrt, macht sich nicht als Beschränkung bemerkbar, sondern wird im Sinne immer neuer Vertiefung zum Erlebnis. Daran haben auch die Beiden Continuo-Spieler Philippe Grisvard am Cembalo und Miguel Henry an Theorbe, Erzlaute oder Guitarre wesentlichen Anteil.
Besonders hervorzuheben ist auch das ausführliche und mehrsprachige Booklet.

Fazit: Das ambitionierte Projekt liegt musikalisch und editorisch offenbar in besten Händen.



Georg Henkel



Besetzung

François Joubert-Caillet und Andrea Linos, Bassgambe

Philippe Grisvard: Cembalo
Miguel Henry: Theorbe


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