Bach, J. S. (L'Arte della Fuga)

Die Kunst der Fuge (Ed. H.-E. Dentler)


Info
Musikrichtung: Barock Ensemble

VÖ: 26.05.2017

(Oehms / Naxos / 2 CD oder 3 LP / AD 2016 / DDD / Best. Nr. OC 1854)

Gesamtspielzeit: 103:38



FASZINIEREND UNBEFRIEDIGEND

2004 veröffentlichte der Cellist Hans-Eberhard Dentler eine vielbeachtete Studie, in der er J. S. Bachs unvollendetes Spätwerk Die Kunst der Fuge als pythagoräisch inspiriertes Rätselwerk identifizierte. Bach habe diese Sammlung von Fugen und Kanons in d-Moll als Jahresbeitrag für die von Lorenz Christoph Mizler gegründete Correspondierende Societät der musicalischen Wissenschaften verfasst, deren Mitglied er war. Bachs kontrapunktische Kathedrale wird damit in die Tradition jener spekulativen "Harmonie der Sphären" eingeordnet, die seit der Antike immer wieder Musiker beschäftigt hat. Sein Fugen-Zyklus wäre dann eine Art komponierte Kosmologie, ja Kosmogonie.

Bach hat seine Komposition ohne Angaben zur Instrumentation hinterlassen. Der nackte Notentext ist auch nicht in Partitur überliefert, sondern jede Stimme ist separat notiert. Gemeinhin wird es als ein Werk für Tasteninstrumente, namentlich das Cembalo, betrachtet.
Andere Besetzungen sind freilich auch möglich und wurden in den vergangenen hundert Jahren erprobt: Diverse Einspielungen für Cembalo über die Orgel bis zum Klavier und vollen Orchester, für Streichquartett und sogar ein Saxophonquartett finden sich darunter. Meistens müssen dabei allerdings Kompromisse eingegangen werden, da der Tonumfang und bestimmte satztechnische Besonderheiten eine notengetreue Ausführung weder auf einem Tasteninstrument noch bei einer anderen klassischen Besetzung wie dem Streichqartett ohne weiteres erlauben.

H.-E. Dentler allerdings ist sich sicher, eine Lösung gefunden zu haben, die sowohl die durchgängige Spielbarkeit wie die gewünschte Klangbalance und Transparenz garantiert: Violine, Viola, Cello, Kontrabass & Fagott.
Mit seinem eigenen Ensemble L'Arte della Fuga, das vor allem aus italienischen Musikern besteht, hat er in den vergangenen Jahren den Beweis für seine Theorie angetreten. 2016 schließlich wurden mehrere Konzerte von Oehms-Classic mitgeschnitten und nun sowohl auf CD wie auch in einer signierten 3-LP-Luxusbox veröffentlicht.
So faszinierend Dentlers Deutung sich liest und so neugierig die von ihm favorisierte Lösung auch stimmt: Wirklich überzeugen kann seine Version nicht. Das liegt nicht so sehr an der Besetzung, sondern vor allem an der Interpretation. Dentler und seine Mitstreiter pflegen einen breiten, mitunter druckvollen, im Ganzen auf Brillanz abgestellten Grundklang. Die Basslinie ist aufgrund der Doppelbesetzung Kontrabass/Fagott sehr kräftig, was dann auch viel zu dem gewünschten erhabenen Gesamteindruck beiträgt.

An den Ergebnissen der historisch-informierten Aufführungspraxis sind die Musiker allerdings nicht weiter interessiert. Vielmehr wird diese von Dentler im Booklettext unter Verweis auf die Besonderheit der Kunst der Fuge einfach suspendiert.
Die von Bachs Zeitgenossen ins Spiel gebrachte erforderliche Sanglichkeit bei der Ausführung wird im Sinne einer eher romantischen Klangvorstellung interpretiert. Das daraus resultierende Dauerlegato, mit dem die Töne aneinandergebunden werden, wirkt aber auf Dauer ermüdend, um nicht zu sagen enervierend. Und die teilweise schleppenden Tempi unterstützen einen pastosen Gesamteindruck. Letzterer wird durch die hallige Kirchenakustik verstärkt. Wirklich irritierend ist allerdings, dass beim Canon all'Ottava das Cello (?) offenbar verstimmt ist und der Ton aufgrund des unbequem hohen Registers so porös wird, dass man den Atem anhält. Was ist denn da passiert?

Der Vergleich mit der Einspielung von Reinhard Goebel und der Musica Antiqua Köln auf historisch mensurierten Streichinstrumenten und zwei Cembali vom Anfang der 1980er Jahre zeigt: Es geht auch ganz anders. Man muss mit gewissen Manieren der historisch informierten Aufführungspraxis nicht einverstanden sein und kann das Ganze in diesem Kontext sicherlich auch wieder ganz anders realiseren. Aber die Musik hat bei Musica Antiqua Luft, sie federt, tanzt, konzertiert, spielt.
Andächtige Monumentalität alleine wird der Kunst der Fuge nicht gerecht. Sie ist gewiss zeit-los in dem Sinne, dass sie den barocken Stil transzendiert. Ein spekulatives mathematisch-musikalisches Zahlenwerk alleine hat Bach aber nicht komponiert, sondern ein Synthese der Musik seiner Zeit auf dem Basis höchst entwickelter kontrapunktischer Kunst.

Fazit: Faszinierende Idee - unbefriedigende Umsetzung. Bleibt trotzdem zu wünschen, dass die Einspielung von L'Arte della Fuga andere Interpreten für diese besondere Besetzung interessiert - mit dann hoffentlich überzeugenderen Realisationen.



Georg Henkel



Trackliste
CD 1 52:11
CD 2 51:27
Besetzung

Carlo Parazzoli: Violine
Raffaele Mallozzi: Viola
Hans-Eberhard Dentler: Violoncello
Francesco Bossone: Fagott
Antonio Sciancalepore: Kontrabass


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