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Musik an sich
 
Jean Baptiste Lully: Persée
Bereits erschienen (Astrée Naïve)
Barock Oper
 

(Paul Agnew, Anna Maria Panzarella, Salomé Haller, Jérôme Correas, Laurent Slaars u. a. - Chor "Les Chantres des la Chapelle", Orchester "Les Talens Lyriques" - Christophe Rousset

Die CD-Produktion einer Lully-Oper ist immer noch etwas Besonderes. Fast immer handelt es sich dabei um Premieren, so auch bei ‚Persée', der als Live-Einspielung beim französischen Label Astrée vor kurzem das Licht der Welt erblickte. Daß man bei der vorliegenden Produktion auf das werbeträchtige ‚World-Premiere-Recording' verzichtet hat, muß entweder auf Vergeßlichkeit oder Fatalismus beruhen. Wahrscheinlich auf letzterem: "Lully geht ganz schlecht!" informierte mich der Musikfachhändler meines Vertrauens beim Kauf. Immerhin wußte er, worum es sich handelt. "Abgesehen von diesem Soundtrack über den tanzenden König." Immerhin. Den hatte ich hier schon mal besprochen und allen Neugierigen ans Herz gelegt. Falls jemand daraufhin zum Kauf geschritten ist, wird hofftentlich seinen Spaß am pompösen Barocksound und der saftigen Interpretation von Musica Antiqua Köln gehabt haben. Aber wahrscheinlich wird er von der Musik kaum so entflammt worden sein, sich gleich eine ganze Oper anzuschaffen, die immerhin drei Stunden dauert, drei CDs beansprucht und auch drei CDs kostet. Obwohl's in diesem Fall etwas billiger ist, zumindest für Klassikverhältnis. Einen solchen Bonus hat die neue Produktion aber auch nötig.

Sie ist wohl mehr was für Liebhaber geworden. Und daß das so ist, liegt in diesem Fall an der nicht ganz befriedigenden Einspielung. Dabei ist der Booklet-Text nicht um Eigenlob verlegen. Aber was nützt es, wenn man von der dort angekündigten kontrastreichen Gestaltung der einzelnen Szenen nichts bemerkt? Was der Einspielung fehlt, ist das dramatische Feuer, das erst aus einem intimen Kammerspiel eine dramatische Barock-Oper macht. Interpreten wie William Christie und Marc Minkowski haben in den vergangenen Jahren auf ganz unterschiedliche Weise gezeigt, wie man's machen muß: mit Delikatesse und mit Wucht. Das hat nicht unbedingt mit der Besetzungsstärke zu tun, sondern vor allem mit der musikalischen Herangehensweise. Und hier spürt man vor allem, daß Rousset von Haus aus Cembalist ist. Das Filigrane und Ornamentale liegen ihm mehr als der große Bogen. Dabei gelingen ihm und seinem Ensemble in den Rezitativen, Monologen und Arien durchaus berückend schöne Momente. Insbesondere das Continuo-Spiel ist sehr ausgefeilt. Diese Feinzeichnung reicht leider nicht, um die große Architektur des Werkes zu tragen. Hier haben vor allem die zahlreichen Chöre eine wichtige Funktion. Sie gestalten Massenszenen, treiben das Drama voran oder kommentieren das Geschehen. Die Sängerinnen und Sänger der recht dünn besetzten ‚Les Chantres des la Chapelle' singen allerdings selbst in Momenten höchster Erregung mit einer Gemütlichkeit, die die Dramatik mancher Szenen geradezu implodieren läßt. "Zittert, verwegene Sterbliche, fürchtet den Zorn der Götter" (III; 8) klingt in etwa so bedrohlich wie "Guten Tag". Und leider paßt sich auch das Orchester zu oft dem Konversationston an. So entsteht genau jene Monotonie, die man Lully zu oft als kompositorische Schwäche ausgelegt hat.

Gemischt ist auch der Eindruck, den die Solisten hinterlassen. Paul Agnew als Held Perseus hat nur eine kleine Rolle, die er klangschön aber ohne großen Verve bewältigt. Bei den Damen übertrifft Salomé Haller als Merope mit ihrem klar fokussierten Sopran die weniger konturscharfe Andromeda von Anna Maria Panzarella. Vorzüglich ist auch Laurent Slaars als Medusa: Er macht aus der grotesken Gestalt kein unheimliches Monstrum, sondern eine schon tragisch-komische alte Vettel, die an ihrer eigenen Häßlichkeit verzweifelt. Weniger gelungen dagegen Jérôme Correas Phinée. Die Komik der Figur wirkt hier nur aufgesetzt.

Fazit: Eine etwas blasse Einspielung und eine verschenkte Chance, Lully als Musikdramatiker zu rehabilitieren.

Interpretation: 3 Punkte
Repertoire: 5 Punkte
Klang: 3 Punkte (etwas unruhige Akustik, aber trotz einiger Bühnengeräusche nur selten störend)
Edition: 4 Punkte (Booklet auf Französisch und Englisch)

15 von 20 Punkte

GEORG HENKEL

 

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