Musik an sich


Reviews
Marais, M. (Niquet)

Sémélé


Info
Musikrichtung: Barock / Oper

VÖ: 01.03.2008

Glossa / Note 1 2 CD (AD DDD 2007) / Best. Nr. GCD 921614

Gesamtspielzeit: 137:26

Internet:

Le Concert Spirituel



TEMPOREICHE EHRENRETTUNG

Die Fans dürfen sich entspannen: Hervé Niquet, der gerne mit dem Rotstift dirigiert und bei seinen bisherigen Einspielungen französischer Barockopern häufig nicht nur den Prolog, sondern einzelne Nummern oder sogar ganze Szenen gestrichen hat, präsentiert Marin Marais’ meisterliche Sémélé praktisch ungekürzt. Es wäre auch zu bedauerlich gewesen, etwas von dieser Musik ungespielt zu lassen; gerade der Prolog enthält einige der besten Stücke. Lediglich auf Reprisen bei der Ouvertüre und einigen Tänzen dieser 1709 uraufgeführten lyrischen Tragödie muss man verzichten.

Seinerzeit war das Werk beim Publikum durchgefallen. Auch heute vermag an dem Werk weniger das schematische Libretto von Antoine Houdar de la Motte Interesse zu wecken als die reiche musikalische Einkleidung Marais’. Der reagierte auf die eher galant-erotische Vorlage mit einer ausgesprochen vielgestaltigen Musik, die bei aller Treue zum hohen französischen Stilideal keine Angst vor dekorativen und malerischen Elementen kennt.
Überdies zeichnet sie sich durch instrumentale Effekte und rhythmische Finessen aus, die schon auf Rameau vorausweisen. Auf Platte lag von Marais bislang nur die ungleich erfolgreichere Vorgängerin, die spektakuläre Alcyone, in einer ausgesprochen dramatischen Einspielung unter Marc Minkowski vor.
Auch von daher bedeutet diese neue Produktion eine verdiente Ehrenrettung des Opernkomponisten Marais. Leider kommt der Trost für ihn etwas zu spät: Der Meistergambist hat nach dem Misserfolg dieses vierten Bühnenwerks bis zu seinem Tod 1726 kein weiteres mehr komponiert.
Niquet lässt die Sémélé nicht minder spannungsvoll, aber insgesamt sehr viel eleganter und kultivierter Singen und Spielen als Minkowski und seine Truppe die Alcyone. Das bei Niquet etwas über zweieinviertel Stunden dauernde Werk wirkt wie aus einem Guss. Schon von der Ouvertüre an schlägt der Dirigent über die zahllosen, filigran bis prächtig gearbeiteten Mosaiksteine spannungsvolle Legatobögen. Der Ton ist biegsam und plastisch. Zeremonielle Statik ist nicht die Sache des Dirigenten.
Eine farbig besetzte und manchmal schon zu prominente Continuo-Gruppe sorgt durch ihr glitzernd-sonores Spiel dafür, dass der Klangstrom nicht abreißt. Fast entsteht der Eindruck der Durchkomposition, zumal Niquet ein insgesamt zügiges Tempo anschlägt und eine am normalen Sprechtempo orientierte, leidenschaftliche Deklamation bevorzugt.

Das junge, versierte Ensemble setzt seinen temporeichen Ansatz makellos um, wenngleich es gegenüber der im Vorjahr veröffentlichten Callirhoé von André Cardinal Destouches schwer fällt, ähnlich herausragende Gesangsleistungen wie die von Stéphanie d’Oustrac, Cyril Auvity oder João Fernandes auszumachen. Nichtsdestotrotz bieten Shannon Mercer, Bénédicte Tauran, Jaël Azzaretti oder Anders J. Dahlin und Thomas Dolié stilistisch einwandfreien französischen Barockgesang. Vielleicht liegt es auch an dem zwar üppigen, vor allem aber im vokalen Part distanzierten Klangbild der Aufnahme, dass niemand sonderlich heraussticht. Unbeschadet dessen zeigt sich das Concert Spirituel einmal mehr in Bestform. Wenn im Herbst 2008 Lullys Proserpine erscheinen wird – hoffentlich ohne die massiven Striche der konzertanten Darbietung im vergangenen Jahr! –, dann wird bei Glossa eine ausgezeichnete Trilogie großer französischer Barocktragödien auf CD vorliegen. Hoffentlich bleibt sie nicht das letzte Wort Niquets in Sachen tragedie lyrique.



Georg Henkel



Besetzung

Shannon Mercer, Sémélé
Bénédicte Tauran, Dorine
Jaël Azzaretti, La Grande Pretresse de Bacchus
Hjördis Thébault, Junon
Anders J. Dahlin, Adraste
Thomas Dolié, Jupiter
u. a.

Chor und Orchester „Le Concert Spirituel“

Ltg. Hervé Niquet


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