Musik an sich


Artikel
„Manchmal purzelten die Stücke wie durch Zauberhand an ihren Platz“ - Transatlantics Gitarrist Roine Stolt im Gespräch




Info
Gesprächspartner: Roine Stolt (Git, Voc) (Foto: Freek-Wolf)

Zeit: 30.01.2010

Ort: Berlin - Schweden

Interview: E-Mail

Stil: Prog Rock

Internet:
http://www.transatlanticweb.com

Vor sieben Jahren waren Transatlantic die Prog-Supergroup überhaupt. Für die vier Musiker, die sonst mit Marillion, Dream Theater, Spock’s Beard und den Flower Kings unterwegs waren, gab es kaum etwas anderes als Erfolge zu feiern. Das Ende kam aus heiterem Himmel – und das im wörtlichsten Sinn.
Sänger, Gitarrist, Komponist und Keyboarder Neal Morse hatte die Stimme Gottes vernommen, die ihm befahl, bei Spock’s Beard und Transatlantic auszusteigen. Morse startete in der Folge solo durch – mit Alben, die tief von seinem Glauben an den Gott des Alten und Neuen Testamentes und an den Martin Luthers geprägt und unzweideutig missionarisch gedacht waren.
Spock’s Beard setzten ihre Karriere ohne ihn etwas stolpernd fort. Transatlantic waren Geschichte – bis vor einigen Monaten ein neues Album angekündigt wurde. Das ist mittlerweile erschienen. Und bevor das Quartett im Mai in Originalbesetzung auf deutschen Bühnen erscheint, fragte Norbert von Fransecky den Gitarristen und Sänger Roine Stolt, wie es sich mit einem Missionar in den eigenen Reihen lebt.


MAS: Hallo Roine!
Es ist toll, dass Transatlantic wieder am Leben sind.
Es ist kein Geheimnis, warum die Band vor sieben Jahren auseinander gebrochen ist. Seitdem ist Neals Berufung, das Evangelium zu verbreiten, offenbar. Hat diese Tatsache eine Veränderung beim Schreiben der Texte für Transatlantic mit sich gebracht?

Roine Stolt: Nicht wirklich. Ich denke für uns ist es eine geringere Veränderung, als für Neal. Natürlich haben sich seine Texte verändert. Aber nach meiner Wahrnehmung sind sie in gewisser Weise schon immer spirituell gewesen. Ich denke, sie haben einfach plötzlich eine Heimat gefunden.
Als wir zusammen gekommen sind, waren wir wohl alle etwas überrascht, wie gut meine und Petes Texte mit denen von Neal zusammen passten. Es war wie ein magisches Puzzelspiel.

MAS: Hat es konkrete Gespräche darüber gegeben, wie und in welchen Maße christliche oder religiöse Inhalte in die Texte von Transatlantic einfließen sollen, bevor ihr an dem neuen Material gearbeitet habt?

Roine Stolt: Nein, darüber wurde nicht groß gesprochen. Eine kleinere Sache am Rande war, dass ich mit Neal telefoniert habe und meine Befürchtung geäußert habe, ob das Album nicht zu „düster“ sei und etwas mehr Hoffnung und Licht brauche, da ich den rächenden Gott nicht sonderlich mag. Auf der anderen Seite machte das ganze Konzept Sinn. Also ließen wir es, wie es war.
Ich glaube, wir haben alle Neals Ansichten respektiert und seinen Wunsch einige Gedanken und religiöse Positionen rüber zu bringen. Damit war für uns alles in Ordnung.
Es gibt überhaupt so viel Gemeinsamkeiten in der Musik und so viel Freude zusammen zu spielen, dass das wahrscheinlich reicht, uns glücklich zu machen.

MAS: Das inhaltliche Konzept von Whirlwind klingt recht biblisch, oder zumindest religiös. Ich will es kurz zusammenfassen:
Das Alte ist schwach. Die Mächtigen werden vom Thron gestürzt. „Out of the Night” bietet einen ersten Hoffnungsfunken, dass es einen Weg aus der Dunkelheit geben könnte. Wir können in ein Land gelangen, das wir vor langer Zeit verloren haben. „Set us free” ist eine Art Gebet. Nach einer Phase des Zweifels („Is it really happening”) tanzt die Band mit der ewigen Herrlichkeit. Jemand, der einen besseren Weg in der Hand halt, wird uns in ein jenseitiges Land führen, wo das Königreich steht.
In einer allgemeineren Terminologie ist das dem Testimony Album sehr ähnlich. Stammt das inhaltliche Konzept von Whirlwind von Neal Morse oder von der ganzen Band?

Roine Stolt: Am Anfang war es Neals Idee. Er schrieb sogar ein 40-minütiges Stück, das wir spielen sollten. Aber das funktionierte so nicht, als wir dann zusammen gekommen waren. Allerdings haben wir so große Teile seiner ursprünglichen Idee und der Texte aufgenommen, dass man fairer Weise sagen muss, es war zumindest ein guter Startschuss für das Konzept.
Letzten Endes war es im hohen Maße eine Gemeinschaftsarbeit. Wir haben versucht alles zu einer Einheit zu machen und manchmal purzelten die Stücke einfach wunderschön an ihren Platz, wie durch Zauberhand.

MAS: Trotz des Konzeptes findet sich keine explizit christliche Terminologie in den Texten von Whirlwind - kein Gott, kein Jesus, keine Heiliger Geist, etc. Die Aussagen werden in einer offeneren Sprache gemacht (von der Erwähnung von Satan in „Set us free“ einmal abgesehen). Ist das eine Art Kompromiss zwischen dem „Missionar“ Morse und dem Rest der Band?

Roine Stolt: Ich weiß nicht recht. Wir haben Neal nie gebeten, Jesus oder Gott NICHT zu erwähnen. Es ist einfach so gekommen. Es war seine eigene Entscheidung.
Ich selber habe die J & G Worte, Jesus und Gott, regelmäßig in meinen Texten verwendet; das letzte Mal erst kürzlich auf dem Agents of Mercy Album. Ich habe nicht EINEN einzigen Kommentar von Leuten gehört, die sich daran gestört haben, weil es ihnen zu religiös und so weiter gewesen sei. Auf der anderen Seite gab es eine MENGE Kritik an Neals Texten zu Whirlwind und zwar ziemlich unfaire, wie ich sagen muss.
Ich kann nicht verstehen, warum sich manche Leute so über Texte aufregen, wenn sie christlich sind, während sie keine Probleme mit Bands haben, die mit Pentagrammen und Bösartigkeiten aller Art arbeiten.
Ich denke Neal möchte über das singen, von dem er fühlt, dass es die Erlösung für die Menschheit sein kann, und aus irgendwelchen Gründen sind die Leute nicht bereit, das zu akzeptieren.

MAS: Verlassen wir die Texte!
Für mich hört sich Whirlwind deutlich softer an, als die ersten beiden Alben. Prog Metal Einflüsse sind zurückgefahren worden. Dafür sind die hymnischen Anteile gestiegen. Würdest Du dem zustimmen?

Roine Stolt: Mag sein! Aber ich persönlich habe nie so viel Metal bei Transatlantic gesehen. Das neue Album ist im Bereich der Rhythmus-Sektion sehr solide und das ist für mich das Wichtigste.
Mike und Pete haben nie so gut und so kraftvoll geklungen, wie auf Whirlwind und es gibt da tatsächlich ein paar Kleinigkeiten, die ich beigetragen habe; kleine heavy Momente bei „Lay down your Life" und „A Man can feel" zum Beispiel.
Ich genieße es einfach gute Songs zu spielen und mache mir keinen Kopf darüber, ob sie nun soft oder heavy sind. Es ist so viel Power in bestimmten Teilen des Albums, dass ich denke es ist größer und stärker, als alles, was wir vorher gemacht haben.

MAS: Jetzt kommen wir zu einem Problem von e-mail Interviews. Man weiß nie genau, was der andere antwortet. Nach der vorhergehenden Antwort könnte diese nächste Frage jeden Sinn verloren haben. Sei’s drum.
Ich könnte mir vorstellen, dass diese Veränderung ihren Ursprung in einem veränderten Input hat, den die einzelnen Mitglieder von Transatlantic geleistet haben. Ich vermute nach meinem Höreindruck, dass sich der Einfluss von Mike Portnoy verringert und der von Neal verstärkt hat. Auch hier die Frage: Würdest Du zustimmen?
Mike Portnoy (Dream Theater), Pete Trewawas (Marillion), Roine Stolt (The Flower Kings) und Neal Morse (Ex-Spock’s Beard)


Roine Stolt: Ha-Ha! Nein! Es ist sogar genau umgekehrt. Mike Portnoy hat viel MEHR zu Whirlwind beigetragen, als zu früheren Titeln oder Alben.
Neals Input ist auf diesem Album dagegen insgesamt leicht zurückgegangen. Glaub es oder nicht! Auf einigen Stücken hat er sich sogar ganz zurückgelehnt und uns drei andere machen lassen. Und es muss dann auch erwähnt werden, dass Pete ebenfalls etliches an Melodien, Riffs und überhaupt Ideen eingebracht hat. So ist überhaupt das ganze Album entstanden.
Wenn man auch weiß, dass Mike eine großer Metal Fan und bei DT ein extrem heftiger Drummer ist, so ist er ein ebenso großer Freund von guten Pop-Melodien und romantischen Prog-Epen.

MAS: In meiner Review zu Whirlwind habe ich darauf verzichtet Punkte zu geben, weil die Promo-CD als Voice over Version verschickt wurde (d.h. in jedem Stück werden mehrfach Texte eingeblendet, in denen es heißt „Sie hören jetzt eine Promo-Version der neuen Transatlantic-CD“. Damit wollen die Plattenfirmen verhindern, dass neue Alben bereits vor dem offiziellen Erscheinen ins Netz gestellt werden; NvF)
Ich denke, es ist gerade bei emotionaler und atmosphärischer Musik sehr schwer in die Stücke einzutauchen, wenn sie ständig von diesem störenden Gequatsche unterbrochen werden. Die Ansage in dem Stück „Rose colored Glasses” lies mich vermuten, dass die Band von dieser Art Absicherung ähnlich genervt sei, wie ich. (Im Falle von Whirlwind stammen die Zwischensprüche von den Bandmitgliedern selber; NvF) Dann wurde mir aber gesagt, dass die Band selber darauf bestanden habe, dass die Promo-CDs mit Vocie over Einspielungen versehen werden.
Meinst du tatsächlich, dass es eine gute Idee ist, Eure Musik auf eine Art und Weise zu schützen, die ihre Atmosphäre zerstört?

Roine Stolt: Es ist eine unglückliche Lösung. Aber wir leben in einer traurigen Zeit, in der es Mensch gibt, die es okay finden, ein neues Album hoch zu laden und es mit Tausenden von Hörern zu „teilen“, die es kostenlos runter laden können.
Neue Alben werden manchmal gleich an dem Tag hoch geladen, an dem sie veröffentlicht werden, oder schlimmer noch, bereits vor der offiziellen Veröffentlichung.
Du wirst einsehen, dass das in vielen Fällen durch „Journalisten“ geschieht, die ein Exemplar bekommen und es einem Freund leihen, der es hoch lädt, oder es finden sich irgendwelche anderen Wege, dass es kostenlos hoch geladen wird.
Ich habe nun wirklich nichts gegen das Prinzip, dass Menschen Dinge kostenlos weiter geben. Aber da das hier mein Job ist, der das Brot auf den Tisch meiner Familie bringt, die Miete zahlt, Kleidung für die Kinder bezahlt usw., wirst Du sicher verstehen, dass ich nicht länger Musik machen könnte, wenn sich alle bei kostenlosen Downloads bedienen würden. Ich müsste mir einen anderen Job suchen.
Daher, ja, es war die Entscheidung der Band, diese „nervenden“ Stimmen aufzuspielen, und wir haben es getan, weil wir wussten es würde innerhalb von Stunden im Netz zirkulieren und unsere Chancen das ganze Projekt zu finanzieren wäre nach ein paar Tagen untergegangen wie ein Stein – und das nur, weil wir ein Produkt in Top-Qualität als Promo raus geschickt hätten.

MAS: Im Mai werdet Ihr live in Europa sein. Whirlwind ist ja ein Konzeptalbum. Werdet Ihr es als Ganzes aufführen?

Roine Stolt: Ja, wir werden das komplette Stück spielen. Und ich glaube, es ist eines der anspruchvollsten Stücke (77 Minuten!), die eine Prog Rock Band je gespielt hat – zumindest seit den 70ern.

Diskografie
SMPTe (2000)
Live in America (2001)
Bridge Across Forever (2001)
Live in Europe (2003) auch als DVD
The Whirlwind (2009)
MAS: Die Fans werden sicher auch heiß darauf sein, ältere Sachen zu hören, vielleicht auch einige Überraschungen, wie die Cover-Versionen von der Bonus CD der Whirlwind Special Edition.
Wie lange werdet Ihr denn auf der Bühne stehen und wird es eine Vorband geben?


Roine Stolt: Whirlwind komplett aufzuführen ist ein großes, großes Projekt, aber um es noch zu toppen, werden wir zusätzlich einige ältere Titel von den früheren Alben spielen. Und wie Du weißt, sind auch von denen einige (nur!) 30 Minuten lang.
Eine Vorband wird es, so weit ich weiß, nicht geben und dieses Mal wohl auch keine Cover-Songs. Aber ich bin bereits am üben und versuche auch ins Fitness Studio zu gehen, um mich fit und in guter Verfassung zu halten, damit ich eine 3 Stunden Show durchhalte.
Daher denke ich, die Fans werden das Gefühl haben, einen reellen Gegenwert für ihr Geld zu bekommen.

MAS: Das dritte Transatlantic Album wird zurzeit überall gefeiert. Blicken wir dennoch schon mal in die Zukunft. Habt Ihr Euch bereits Gedanken über ein Album Nummer 4 gemacht?

Roine Stolt: Ich hoffe sehr, dass es ein weiteres Album geben wird. Ich denke, wir schulden es den Fans und uns selbst, solange wir kreativ und gesund sind. Ich denke es gibt noch einiges an Spannendem, das von diesem Quartett kommen wird. Das ist eine große Verpflichtung. Ich nehme wahr, dass wir vier unterschiedliche und starke Individuen sind, aber ich kann auch die Liebe und den Respekt zwischen uns und die Liebe zu dem Projekt spüren. Daher sehe ich noch keinen Grund aufzuhören.

MAS: Danke für die Antworten. Ich hoffe, wir sehen uns im Mai.

Roine Stolt: Danke! Bis dann!



Termine:
04.05.2010: D – Frankfurt / Batschkapp
05.05.2010: D – Hamburg / Markthalle
06.05.2010: PL – Poznan / Hala Arena
07.05.2010: D – Berlin / Columbia Club
08.05.2010: D - Köln / Live Music Hall
09.05.2010: D – Stuttgart / LKA Longhorn
10.05.2010: LU – Esch / Alzette / Rockhal
13.05.2010: ES – Madrid / Macumba
14.05.2010: ES – Barcelona / Razzmatazz 2
17.05.2010: IT – Milan / Alcatraz
18.05.2010: CH – Pratteln / Z7
19.05.2010: FR – Paris / Elysee Montmartre
20.05.2010: NL – Tilburg / 013
21.05.2010: GB – London / Sheperd's Bush Empire
22.05.2010: GB – Manchester / Academy




Norbert von Fransecky



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