Norwegische Schiffe und kleinrussischer Frühling: Smyth, Grieg und Tschaikowski (und noch einer) beim Gewandhausorchester




Info
Künstler: Gewandhausorchester

Zeit: 15.12.2022

Ort: Leipzig, Gewandhaus, Großer Saal

Fotograf: Gregor Hohenberg

Internet:
http://www.gewandhausorchester.de

Zum letzten regulären Großen Concert des Gewandhausorchesters im Dezember (die Neunte in den letzten Tagen vor Jahreswechsel nicht gerechnet) ist traditionsgemäß auch der Gewandhauskapellmeister am Start, diesmal mit einem Programm aus Werken von drei Komponisten, die allesamt in den 1880er Jahren eine enge Beziehung zu Leipzig hatten und sich in den hiesigen Salons auch mindestens einmal getroffen haben (nämlich im Winter 1887/88 beim Geiger und Gewandhaus-Konzertmeister Adolph Brodsky und dessen Frau Anna), was die Eingliederung in den Programmfokus „Leipziger Salonbekanntschaften“ erklärt.

Ethel Smyth studierte am Leipziger Konservatorium, und ihre Oper „The Wreckers“ wurde 1906 am damaligen Neuen Theater Leipzig, dem Vorgänger des heutigen Opernhauses, uraufgeführt, damals „Strandrecht“ betitelt. Die Ouvertüre ist im Gewandhaus auch bereits erklungen, nämlich am 8.5.2022, allerdings gespielt vom MDR-Sinfonieorchester unter Dennis Russell Davies. Für die Beschreibung der Grundstruktur kann natürlich trotzdem auf das zugehörige Review verwiesen werden. Andris Nelsons, bekanntlich ein erfahrener Wagner-Dirigent, findet selbstredend auch leicht Zugang zu dieser Musik, in der man Wagner beim Wiederhören noch deutlich stärker um die Ecke lugen sieht, als das beim Erstkontakt ein reichliches halbes Jahr zuvor der Fall gewesen war, ohne dass freilich auch das Gewandhausorchester eine Wagner-Kopie aus Smyths Ouvertüre machen würde. Aber den Naturalismus-Faktor arbeitet Nelsons noch etwas stärker heraus als Davies, seien es Quasi-Unterwasserszenen oder Schiffssirenen, und für die sehr weit zurückgenommene Gestaltung zurückhaltender musikalischer Gedanken ist der Dirigent ja bekannt. Konzertmeister Sebastian Breuninger, also sozusagen Brodskys Nachfolger, führt eine einfach nur noch schöne Kammermusik an, die choralartigen Elemente läßt Nelsons fast wie deutschen Wald ergrünen, die feierlichen Passagen legt er sehr breit an, in puncto Orgelbombast bleibt natürlich auch an diesem Abend nichts zu wünschen übrig, und nur der seltsame anhängende Tanzpart macht auch diesmal noch keinen organisch eingebundenen Eindruck, wenngleich er viel Coolness atmet. Nach dem gut akzentuierten Schluß gibt es viel Applaus.

Edvard Grieg hatte bereits 1858 am Leipziger Konservatorium zu studieren begonnen und kehrte später immer wieder für längere Zeit in die Messestadt zurück, wo „sein“ Verlag C.F. Peters beheimatet war. Das Klavierkonzert a-Moll op. 16 war in Leipzig zunächst mit Distanz aufgenommen worden, hatte sich aber schrittweise doch noch durchgesetzt und gehört längst zu den Klassikern des Repertoires. An diesem Abend sitzt mit Leif Ove Andsnes (Foto) einer der profiliertesten heutigen Pianisten Norwegens auf der Bühne des Gewandhauses und beweist, dass er diese Musik aus der Tiefe heraus versteht. Nelsons bietet ihm schon im Allegro molto moderato einen großen Rahmen, indem die Paukenwirbel von ganz unten nach ganz oben reichen, ehe sich das Thema entspinnt, dessen typische, leicht unterkühlte Tonsprache man auch in so manchem anderen Werk des Komponisten wiederfindet und die Nelsons und Andsnes in perfekter Manier umsetzen. Der Dirigent sorgt dafür, dass der Mix aus Lebendigkeit und öfterem Innehalten nicht zu stark zerklüftet anmutet, und auch mit dem Orchester findet sich Andsnes oft prima, wenngleich hier und da auch mit Reserven, etwa wenn er sich mit den Hörern nicht ganz einig wird. Die perlende Kadenz bekommt dafür Hochspannung injiziert und gerät fast zum Stillstand, im Übergang zum Orchesterfinale denkt man bisweilen an Aases Tod, und der kurze Schluß gelingt schön knackig.
Von Nelsons’ Gestaltungsfähigkeiten profitiert besonders das Adagio, und zwar von Beginn an. Der Rahmen wird mit dem sehr weit zurückgenommenen, dabei aber enorm in die Breite gezogenen Streicherintro nämlich noch größer als im ersten Satz, und manche Dinge wandeln sich auch zum Guten: Der Solohornist beginnt zu zaubern, und auch die Dialoge mit dem Pianisten sitzen nunmehr paßgenau. Das Geschehen wird immer tiefgründiger und immer spannender, und als letztes Wort steht auf dem Notizzettel des Rezensenten nur noch „brillant“.
Läßt es sich auch auf das temposeitig dreigeteilte, praktisch attacca anhängende Finale übertragen? Ja, fast uneingeschränkt. Wie die Musiker hier losstürmen, aber gleichzeitig hochgradige Eleganz an den Tag legen, das schaffen in der Form nur die ganz Großen. Wieder nimmt Nelsons die Seitengedanken weit zurück, gestaltet sie aber diesmal etwas wärmer, und wenn sich Andsnes und die Offbeat-Streicher finden, dann wird auch hier was ebenso Eigentümliches wie Geniales draus. Balanceprobleme gibt es im ganzen Konzert nahezu keine, einzig im Andante-maestoso-Bombast verschwindet der Solist dann doch, was aber angesichts der schieren Größe dieses Teils verzeihlich bleibt, zumal die Spannung nach hinten heraus dann steht wie eine Eins, bevor die ersten Bravi ertönen. Der Norweger gibt allerdings weder Grieg noch den Leipziger Säulenheiligen Bach zu, sondern Antonín Dvoráks Frühlingslied aus dem Zyklus „Poetische Stimmungsbilder“ op. 85, einen hübschen Mix aus einem volksliedhaften Thema mit unruhigem Laufwerk, woraus sich eine interessante Kombination aus Drama und Eingängigkeit ergibt. Wer sich fragt, warum ausgerechnet dieses Stück als Zugabe ertönt, wo es doch abgesehen von der grundsätzlichen Entstehungszeit (Erstdruck 1889) wenig mit Grieg und nur unwesentlich mehr mit dem Rest des Programms zu tun hat, der stößt neben der Überlegung, dass der Zyklus durchaus auch in einem damaligen Salon gespielt hätte werden können, wenn man denn einen fähigen Pianisten am Start hatte, auf den ganz profanen Aspekt, dass Andsnes diesen Zyklus justament auf Tonträger eingespielt hat ...

Peter Tschaikowski kam kurz vor Jahresende 1887 erstmals nach Leipzig – er kannte Brodsky aus gemeinsamen Moskauer Zeiten und wurde nicht nur von diesem in die musikalischen Kreise der Messestadt eingeführt, woraus sich etwa die Bekanntschaft mit Arthur Nikisch ergab, der zu einem wichtigen Propagator der Sinfonien Tschaikowskis werden sollte. Die 2. Sinfonie c-Moll op. 17 trägt den Beinamen „Kleinrussische“, was der Nichtkenner der osteuropäischen Geschichte der letzten Jahrhunderte schnell mißinterpretieren könnte und sich daher belesen sollte, was da konkret dahintersteckt – hier soll die Andeutung, dass es um volksliedhafte Motive aus dem Areal der heutigen Ukraine geht, genügen.
Der 1. Satz macht schnell klar, wo der Hase entlangläuft – der Andante-sostenuto-Teil besteht aus einem Orchesterschlag und dann ausgedehnter solistischer Dominanz, ehe Nelsons eine intensive dunkle Grundierung für den nicht übertrieben folkloristisch daherkommenden Überbau wählt, wobei die Fortsetzung etwas unentschlossen anmutet, ehe mit der kongenialen Dramatikgestaltung zum Allegro-vivo-Übergang hin wieder alles in Butter ist. Der weitere Satz sägt streicherseitig einige Wälder in Bretter, und der finale Zusammenbruch erfordert weiträumige Gestaltung, aber das kann Nelsons ja bekanntermaßen, ehe sich das Heer der Solisten mit zauberhafter Kammermusik aus dem Satz verabschiedet.
Das Andante marciale, quasi moderato klingt bisweilen ein wenig, als würde man den (deutlich später komponierten!) dritten Satz aus Mahlers Erster in doppelter Geschwindigkeit wiedergeben – das ist nun wieder ganz etwas für das Beuteschema des 21. Gewandhauskapellmeisters. Der läßt dem Witz seinen Raum, behandelt ihn aber nicht vordergründig, legt ein relativ zügiges Tempo auf die Bretter, holt die groovigen, teils pizzikato gespielten Parts in einer seiner typischen Haltungen aus dem Orchester, nämlich lässig mit einer Hand hinten am Pultgeländer – und dass er auch die ganz kleinteilige Struktur des abermals witzigen Satzschlusses mit Streichern im vielfachen Pianissimo hinzaubert, setzt dem Satz die Krone auf.
Das Scherzo wünschte sich Tschaikowski als Allegro molto vivace – also läßt Nelsons das Orchester munter drauflosmarschieren, natürlich nicht ohne feingliedrige Dynamikstufen einzubauen. Aus der netten, aber wenig markanten Holzkammermusik im Trio ist freilich an diesem Abend nichts Besonderes herauszuholen, wenngleich selbst dort die minimalen Dynamikschattierungen dem Hörer ein anerkennendes Kopfnicken entlocken.
Dem Finale impft der Dirigent zunächst im Moderato assai staatstragenden Charakter ein, der freilich unvollendet bleibt und einer Pseudo-Fuge weicht. Auch weiterhin geschieht allerlei Seltsames in diesem Satz – die Unisono-Streicher mit einem Becken im Offbeat hätte man sonstwo erwartet, aber nicht hier. Freilich steht der Dirigent auch in diesem Satz wieder über den Dingen, wie es sein muß, nimmt selbst wilde Tutti mal entspannt mit Hand am Gitter und schwebt in tänzerischen Seitengedanken förmlich übers Pult. Die wüste Dramatik hin zum großen Gongschlag ist natürlich nicht das Ende der Fahnenstange – das abschließende Presto holt tempotechnisch den Knüppel aus dem Sack, die Dynamikspitze setzt Nelsons dorthin, wo sie hingehört, nämlich ans Ende, und was er für einen großen runden Schlußton hervorzaubert, das kann so auch nicht jeder Kollege und jedes Orchester. Der sofort ausbrechende Jubel ist daher mehr als berechtigt.


Roland Ludwig



 << 
Zurück zur Artikelübersicht
 >>