Musik an sich


Reviews
Fleetwood Mac

Tusk


Info
Musikrichtung: Classic Rock / Prog

VÖ: 04.12.2015 (1979)

(Warner)

Gesamtspielzeit: 231:49

Internet:

http://www.fleetwoodmac.com


Entstehung und Erstveröffentlichung

Die kompetenten Liner Notes von Jim Irvin beschreiben die Entstehung der „neuen“ Fleetwood Mac als Kontrapunkt zu einem Zeitgeist, der von Punk und New Wave geprägt war. Rumors bekommt in seiner Darstellung fast so etwas wie den Charakter eines Debüt Albums, von dessen Mega-Erfolg die Band sich aber nicht unter Druck setzen lies; genauso wenig wie von den persönlichen Tragödien, die einzelne Bandmitglieder in dem Jahr durchleben mussten, in dem Tusk entstand.

Unterschiedliche Ansätze wurden zusammengetragen und mit immensem Aufwand zu dem ersten Album überhaupt zusammengetragen, das den Kostenrahmen von 1 Million US$ sprengte. Dazu trug auch die Tatsache bei, dass für die Produktion ein komplettes Studio nach den Bedürfnissen der Band eingerichtet wurde – inclusive eines Nachbaus von Lindseys Badezimmer, dessen Atmosphäre sie besonders schätzte. „Das mag nach reinem Luxus klingen,“ kommentiert Mick Fleetwood. „Aber das war es nicht. … Wir haben bei der Arbeit wie die Sklaven geschuftet. Wie immer! Und überhaupt, es war unser Geld. Wir haben unsere Ressourcen direkt in unsere Kunst zurückfließen lassen.“

Ohne dass Warner irgendetwas zu hören bekamen, wuchs und wuchs das Album, bis es zu einem Doppelalbum wurde, das zusätzlich in einem äußerlich ungewöhnlich uninformativem und innen äußerst aufwändigem Cover verpackt wurde. (Damit nicht unähnlich zu Pink Floyds The Wall, das fast zeitgleich – nur knapp 14 Tage vorher - erschienen ist.)

Jim Irvin macht durchaus deutlich, dass der Erfolg von Tusk ein zwiespältiger war. Erste Kritiken waren eher verhalten bis kritisch. Das Album brauche halt etwas Zeit, da es nicht einfach die Erwartungen der Rumors Fans erfüllte. Dennoch gingen von dem am 12. Oktober 1979 veröffentlichten Album schnell 4 Millionen über die Theke. Eine große Anzahl, aber deutlich weniger als von Rumors, und Irvin stellt die ketzerische Frage, wie oft das Album denn wohl gehört worden sei. Denn recht schnell sei es in sehr gutem Zustand in vielen Second Hand Läden zu haben gewesen.
Das deckt sich mit meinen Erinnerungen. Auch bei mir stand das Album nach dem ersten Entdecken oft mit langen Abständen im Regal und wuchs erst mit den Jahren, so dass ich es in seiner Vielfältigkeit heute fast mehr schätze als Rumors - jedenfalls so lange Rumors nicht gerade im Player liegt.


Die Ausstattung der Neu-Edition

Das Doppelalbum von 1979 erscheint nun als Dreifach-CD. Dabei enthält die erste CD das komplette Originalalbum; die anderen beiden CDs Alternativ Versionen.

Die CDs befinden sich in Stecktaschen des vierfach aufklappbaren Digi-Packs. In der vierten Tasche befindet sich ein ausführliches Booklet.

Nach dem oben bereits erwähnten sechsseitigen Artikel von Jim Irvin folgen sechs weitere Seiten, auf denen Irvin, Lindsey Buckingham, Stevie Nicks und – seltener – Mick Fleetwood die Tracks des Originalalbums Stück für Stück kommentieren.

Neben Fotos, Credits und ähnlichem enthält das Booklet dann noch die kompletten Lyrics.


Die Musik

Mit der Erinnerung an das schwelgerische, elegante auf Hochglanz polierte Rumors wirkt Tusk an vielen Stellen schroff, rau und schartig. Ich habe das im Laufe meiner langjährigen Beschäftigung selber so nie realisiert. Nachdem ich nun im Booklet aber gelesen habe, Lindsey Buckingham habe sich damals das ganze Punk und Wave Zeugs von den Sex Pistols über die Clash bis hin zu den Talking Heads und Elvis Costello reingezogen, dann wirkt das im Blick auf das, was auf Tusk teilweise zu hören ist glaubhaft.

Die Rumors-Fleetwood Mac gehören einfach auf die großen amerikanischen Stadionbühnen – neben Chicago, Toto, Earth Wind and Fire und ähnliche. Tusk dagegen kann man sich mindestens ebenso gut in einem Club in der Bleeker Street oder noch besser gleich in einem Londoner Club zwischen Hope & Anchor oder Marquee vorstellen.

Wäre die Truppe damals eine neue No Name Truppe gewesen, hätten raue kantige Rocker wie „Not that funny“, „What makes you think you‘re the One“ oder „That’s enough for me“ tatsächlich prächtig ins Vorprogramm von Costello oder den Clash gepasst.

Natürlich geht die Truppe darin nicht auf. Da gibt es weiter elegante Nummern wie „Angel“, die mit etwas mehr Glam in das Programm von Roxy Music und Bowie gepasst hätten, schmeichelnde Balladen, wie das wunderschöne „Sara“ oder das eröffnende „Over & over“. Und auch Bombast ist dabei. Den opulent mit Marching Band angerichtete Titelsong hätte Roger Waters problemlos in The Wall einbauen können.

Vielleicht hätte man das Album etwas knackiger gestalten können, wenn man es nicht auf 75 Minuten hochgefahren hätte. Allerdings kann man der damaligen Entscheidung der Band zu einem Doppelalbum auch 36 Jahre später nur zustimmen. Bei einer Kürzung auf die damalige LP-Länge von max. 50, eher gut 40 Minuten hätte einfach zu viel sehr gutes Material der Schere zum Opfer fallen müssen.

Vor dem nun dazu gekommenen Material von insgesamt mehr als der doppelten Länge, stehe ich etwas skeptisch. Es besteht ausschließlich aus Alternativ-Versionen von Album-Songs, ein Konzept, das ich nicht sonderlich schätze, das hier aber ein etwas besseres Bild abgibt, als so oft. Insbesondere die sechs aufeinander folgenden Versionen von „I know I’m not wrong „ und die fünf von „Tusk“ auf CD 2 sind tatsächlich spannend. Man kann hier gut wie selten, tatsächlich die Entwicklung der Stücke von ersten Einfällen, über Versionen mit noch textlosen Vocals bis zum fertig arrangierten Song mit verfolgen.

Was genau hinter der dritten CD steckt, wird im Booklet leider nicht gesagt. Soll der CD-Titel The alternate Tusk möglicherweise besagen, dass es sich hierbei um Versionen der Titel hält, die bei der Wahl der endgültigen Version mit in die engere Wahl gekommen sind, die 1979 also beinahe auf dem Original-Album gelandet wären? Wie auch immer: Die CD enthält das komplette Album in Original-Reihenfolge in einer noch einmal fünf Minuten längeren Version.

Empfehlenswert?

Für alle, die Tusk noch nicht besitzen, unbedingt!
Ob ich mir diese Version in den Schrank stellen würde, wenn ich das Original schon hätte, weiß ich nicht. Da wäre mir eine Live-CD als dritte CD glaube ich mehr Anreiz gewesen. Aber es gibt ja schon die gute Doppel-Live-CD, die auf der Tour zu Tusk aufgenommen wurde. Habe ich mir übrigens passenderweise 2012 in der Bleeker Street gekauft.





Norbert von Fransecky



Trackliste
Tusk
1 Over & over (4:35)
2 The Ledge (2:02)
3 Think about me (2:44)
4 Save me a Place (2:40)
5 Sara (6:26)
6 What makes you think you're the One (3:28)
7 Storms (5:28)
8 That's all for everyone (3:04)
9 Not that funny (3:14)
10 Sisters of the Moon (4:36)
11 Angel (4:58)
12 That's enough for me (1:48)
13 Brown Eyes (4:27)
14 Never make me cry (2:14)
15 I know I'm not wrong (2:59)
16 Honey Hi (2:43)
17 Beautiful Child (5:19)
18 Walk a thin Line (3:44)
19 Tusk (3:36)
20 Never forget (3:40)


Singles, Outtakes, Sessions
1 Think about me (Single Remix) (2:46)
2 That's all for everyone (Remix) (2:52)
3 Sisters of the Moon (Remix) (4:42)
4 Not that funny (Single Remix) (3:17)
5 Sara (Single Edit) (4:36)
6 Walk a thin Line (3/13/79 Song #3) (3:18)
7 Honey Hi (10/18/78 Version) (3:49)
8 Storms (11/30/78 Version) (5:15)
9 Save me a Place (10/10/78 2nd Version) (3:17)
10 Never make me cry (4/17/79 Version) (2:19)
11 Out on the Road (12/19/78 Demo - "That's enough for me") (2:45)
12 I know I'm not wrong (Demo - Lindsey's Song #1) (3:09)
13 I know I'm not wrong (10/10/78 Version) (3:22)
14 I know I'm not wrong (11/3/78 Version) (3:06)
15 I know I'm not wrong (4/25/79 Version) (2:24)
16 I know I'm not wrong (8/13/79 Version) (3:03)
17 I know I'm not wrong (1/23/79 Version) (3:02)
18 Tusk (1/15/79 Demo) (5:07)
19 Tusk ("Stage Riff" 1/30/79 Demo) (3:05)
20 Tusk (2/1/79 Outtake) (4:19)
21 Tusk (1/23/79 Outtake Mix) (4:38)
22 Tusk (6/4/79 USC Version) (3:54)

The alternate Tusk
1 Over & over (4:40)
2 The Ledge (2:09)
3 Think about me (2:47)
4 Save me a Place (3:07)
5 Sara (8:48)
6 What makes you think you're the One (3:29)
7 Storms (5:35)
8 That's all for everyone (3:47)
9 Not that funny (3:26)
10 Sisters of the Moon (5:14)
11 Angel (4:59)
12 That's enough for me (1:55)
13 Brown Eyes (mit Lindsey & Peter Green) (5:09)
14 Never make me cry (2:14)
15 I know I'm not wrong (3:05)
16 Honey Hi (3:09)
17 Beautiful Child (5:40)
18 Walk a thin Line (3:25)
19 Tusk (3:36)
20 Never forget (3:46)

Besetzung

Ian Anderson (Voc, Git, Flöte, Harmonica, Perc)
Martin Barre (E-Git)
John Evan (Piano)
Barriemore Barlow (Dr, Perc)
John Glascock (B, Voc)

Gäste:
David Palmer (Sax-Solo <1,6.12;2,14>)
Maddy Prior (Voc <1,9.15;2,8.17>)
Angela Allen (Voc <1,3.8.14;2,11.16>)


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