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Artikel

Evolution und Musikgeschichte: Warum Musik zum Menschsein gehört

Info

Autor: Christian Lehmann

Titel: Der genetische Notenschlüssel - Warum Musik zum Menschsein gehört

Verlag: Herbig Verlag

ISBN: 978-3-7766-264-9

Preis: € 19,95

254 Seiten

Internet:
http://www.herbig-verlag.de

In seinem Buch Der genetische Notenschlüssel - Warum Musik zum Menschsein gehört geht Christian Lehmann zu Beginn der interessanten Frage nach, inwieweit die Musikalität des Menschen kulturell und soziologisch erworben wird und wie viel davon aber auch genetisch veranlagt und somit evolutionsbiologisch entstanden ist. Ein spannendes Thema, dem sich der Musikwissenschaftler und Biologe der Universität München da nähert, und ebenso spannend und unterhaltsam wird es präsentiert.

Man mag dieses Buch auf den ersten Blick als populärwissenschaftlich abtun, doch das ist es wahrlich nicht - interdisziplinär ist hier wohl die passendere Umschreibung, denn der Autor bringt hier Erkenntnisse der Musikwissenschaft, der allgemeinen Biologie, der Evolutionsbiologie, der Geschichte und der Psychologie gekonnt unter einen Hut. Wer sich für Musik allgemein und gleichzeitig aber auch für die Evolution des Menschen - vom Affen zum "Homo musicus" - begeistern kann, findet hier - zumindest in ersten Teil des Buches - lohnenden Lesestoff.

Lehmann behandelt die Musikalität im Tierreich und zeigt, dass sich diese bei unterschiedlichen Gattungen wie Vögeln, Walen oder eben auch dem Menschen unabhängig voneinander entwickelt hat. Und während unsere nächsten Verwandten, die Primaten, eher völlig unmusikalisch sind, d.h. weder kreativ mit ihren Stimmorganen umgehen noch die Fähigkeit zur stimmlichen Nachahmung besitzen, hat der Mensch doch schon recht früh in seiner Entstehungsgeschichte die Musik für sich entdeckt: er spielte bereits Flöte, bevor er Häuser baute oder das Rad erfand. Und der Mensch ist zudem das einzige Lebewesen auf Erden, bei dem sich mehrere Individuen synchron zu einem Takt bewegen können - das gemeinschaftliche Headbangen wie auf einem Heavy-Metal-Konzert ist somit leider im Tierreich nicht zu finden (schade eigentlich...).

In den folgenden Abschnitten des Buches, in dem u. a. die kulturelle Musikgeschichte Europas von der Antike bis zur Neuzeit erzählt wird, ist der Lesestoff mitunter zwar deutlich trockener, aber trotzdem nicht uninteressant - die biologischen Aspekte, die im Titel und im Begleittext hervorgehoben werden, geraten hier aber deutlich ins Hintertreffen. Doch auch die weiteren gesundheitlichen, erzieherischen und gesellschaftlichen Aspekte rund um das Thema Musik sind durchaus lesenswert, wenn auch nicht mehr ganz so spannend wie der Beginn des Buches. Lehmann stellt z.B. treffend fest, dass sich der heutige Mensch vom singenden und aktiv musizierenden zum überwiegend nur noch passiv musikhörenden entwickelt hat (das aufgeführte Martinszug-Beispiel mit CD-hörenden statt singenden Kindern ist hier wohl sehr passend) - und so bleibt zu hoffen, dass zumindest aktives Lesen noch eine Zeit lang modern bleibt und die Hörbuch-Version dieses Buches noch etwas auf sich warten lässt...

Der Autor kommt insgesamt zu dem Schluss, dass uns die Musik in die Wiege gelegt wurde, d.h. uns zu einem großen Teil in den Genen steckt. Er diskutiert verschiedene evolutionäre Gründe, die zu dieser Musikalität geführt haben könnten und beschreibt auch die kulturelle Entwicklung, Vielfalt und Eigenarten der menschlichen Musik von den alten Griechen bis hin zu Paul Potts - viele musikalische Nischen des Menschseins werden hier beleuchtet: Fangesänge im Fußballstadion (Anm. des Rezensenten: vielleicht gibt es sie ja doch, die musikalischen Primaten?), das aus dem Nichts entstehende rhythmischen Zugabeklatschen auf Konzerten, religiöse und rituelle Gesänge, Wiegenlieder und vieles mehr.

Fazit: Der genetische Notenschlüssel spannt einen riesigen Bogen um allerhand Fachrichtungen, die wohl so in dieser Form noch nie in einem Buch vereint waren - für lesende Musikliebhaber sicherlich lohnend!

Jürgen Weber


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