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Artikel

Kiss: Sonic Boom over Europe

Info

Künstler: Kiss

Zeit: 25.05.2010

Ort: Leipzig - Arena

Internet:
http://www.kissonline.com
http://www.myspace.com/kiss

KISS präsentieren im Jahr 2009 ein neues Album mit dem Namen Sonic Boom und die passende Tournee dazu im Jahr darauf. Als die Tourdaten herausgegeben werden, ist kein Termin in Bayern dabei. Die nächste Stadt ist Leipzig, die immerhin noch stolze 280 km von Nürnberg entfernt ist. Ich will die Rock-Legende unbedingt sehen und kaufe mir ein Ticket.

Vor der Halle angekommen merke ich, was mir in letzter Zeit immer öfter auffällt: Die großen Bands kommen in die Jahre. Man sieht es an ihren Fans. Der Großteil der Besucher ist zwischen 40 und 55 Jahren. Da gehöre ich mit meinen 30 Jahren noch zur „jugendlichen Fanschicht“. Der Merchandise-Stand ist bei Kiss-Konzerten immer eine zwiespältige Angelegenheit. Die T-Shirts sind sauteuer und der Rest der angeboten wird, eigentlich auch. Umso mehr überrascht es mich, dass doch tatsächlich Shirts von der „35 Alive“-Tour 2008 für geschlagene 15 Euro verkauft werden! Der neueste Trick: Für 25 Euro kann man das Konzert des jeweiligen Abends auf einem USB-Stick bekommen. Man hat dann quasi sein eigenes Konzert zuhause. Ich find das ganze vom Preis her überteuert, da man ja kein Booklet und nichts dabei hat. Der Mann am Merchandise-Stand lässt sogar diese Sticks namentlich reservieren. O-Ton des Verkäufers: „Dann musste nach dem Konzert nicht so lange auf den Stick warten.“ Nach dem Konzert stehen er und seine Mitarbeiter mit Eimern gefüllt mit USB-Sticks herum und versuchen, das Teil an den Mann zu bringen...

Die Vorband Wolfmother möchte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Als ich im Innenraum angekommen bin muss ich leider feststellen, dass statt Wolfmother die Band TAKING DAWN die Supportrolle bekommen hat. Die sind jedoch allererste Sahne und reißen sich mit ihrer 80er Jahre Metal-Mischung gewaltig den Allerwertesten auf. Die vier legen einen fulminanten Auftritt hin, der es wirklich in sich hat. Einen Song widmet der Sänger dem kürzlich verstorbenen Ronnie James Dio - eine Geste, die ich sehr gut finde! Als letztes Lied wird eine Coverversion des Fleetwood Mac-Klassikers „The Chains“ präsentiert, der sich ebenfalls in der härteren Version sehr gut macht. Die Band verlässt unter großem Beifall des Leipziger Publikums die Bühne und Leadsänger/Gitarrist Chris Babbitt springt in die Menge und holt sich somit den unmittelbaren Kontakt zum Publikum. Wirklich sehenswert, die Jungs!

Die Umbaupause dauert für KISS-Verhältnisse gerade mal eine dreiviertel Stunde - das geht auf jeden Fall. Großer Jubel kommt im Publikum auf, als der Kiss-Vorhang fällt und die Bühne verdeckt wird. Um 21 Uhr geht das Licht aus. Auf den riesigen Bildschirmen werden Kiss in guter King Kong-Manier präsentiert, wie sie in Übergröße durch Leipzigs Straßen laufen. Man sieht ein paar Backstage-Sequenzen, Manager Doc Mc Ghee wie er die vier zur Bühne lotst. Dann kommt die bekannte Ansage „All Right Leipzig! You wanted the best, you’ve got the best: The hottest band in the world - Kiss!” und das Spektakel beginnt. Diesmal werden Gene, Paul und Thommy mit einer Hebebühne vom Bühnenhintergrund über das Schlagzeug gewuchtet - wieder eine neue Variante, ein Konzert zu beginnen. Die obligatorischen Böllerschüsse lassen lautstärkemäßig Schlimmes erahnen. Die Band legt mit „Modern Day Delilah“ los. Doch der Sound ist unglaublich leise im Vergleich zu den Böllern. Die Ohrenstöpsel kommen sofort raus, sonst ist außer Pyros fast nichts zu hören.

Paul Stanley, der wie immer die Songs ansagt, brüllt wie eh und je ins Mikro und macht seine Spielchen mit dem Publikum. Leider versteht man seine Ansagen nicht immer so genau. Er wundert sich dann natürlich, warum nicht die Reaktion kommt, die er erwartet hat. Spinal Tap lässt grüßen... Kleiner Trost für ihn: Das „Sächsisch“ des Publikums wäre für ihn wohl ähnlich. Es fällt jedoch schon ziemlich bald auf, dass Mr. Stanley sich um das Singen drückt - und zwar gewaltig. Die meisten Songs, die an diesem Abend präsentiert werden, sind allesamt Songs, bei denen Gene Simmons die Hauptarbeit des Gesangs übernimmt. Selbst beim Background-Gesang, der bei Kiss in meinen Augen extrem wichtig ist, glänzt „Starchild“ durch Abwesenheit. Umso mehr übernehmen Thommy Thayer (Gitarre) und Eric Singer (Schlagzeug), doch Paules Goldkehlchen können die beiden halt im Leben nicht ersetzen.

Bei „Firehouse“ wird die komplette Bühne in enorme Nebelschwaden gehüllt und Gene spuckt Feuer, anschließend rammt er das Schwert in den Hallenboden. Eine echte Überraschung im Set ist für mich ganz klar „Crazy Nights“, das live sehr gut ankommt und zeigt, dass Kiss auch in der unmaskierten Phase coole Rockhits geschrieben haben. Hier singt Paul Stanley richtig gut, die Tonlage passt. Thommy übernimmt Ace Frehleys „Shock Me“ und präsentiert ein Gitarrensolo, bei dem er zeigen kann, was er drauf hat - und das ist eine ganze Menge. Unterstützt wird er dabei von Eric Singer, der am Schlagzeug alles gibt und einer der großen seiner Zunft ist. Thommy feuert ein paar Raketen aus seiner Les Paul, die am Schluss des Solos in den Hallenhimmel entschwebt... Das Leipziger Publikum macht gut mit, eben den Umständen entsprechend. Paul übertreibt es gewaltig mit seinen Singspielchen, was im Publikum mehrfach mit vereinzeltem Gelächter honoriert wird. Mich nervt’s! eine Pinkelpause ist das einzige Mittel, um sich dem Gekaspere zu entziehen.

„I’m An Animal“ ist ein Highlight des Abends. Der Song ist Gene auf den Leib geschneidert und die Lichtshow unterstreicht die Aussage des Songs. Bei „I Love It Loud“ spuckt Gene Blut und fliegt zur Hallendecke - eine Szene, die immer wieder beeindruckt. Dabei ähnelt er dem Komodo-Waran, der Inspiration seines Kostüms doch sehr. Mit einer Top-Gesangsleistung animiert er das Publikum zum Mitsingen, die Stimmung ist hier klasse. Bei „Love Gun“ singt wieder Paul und auch hier merkt man im Vergleich zu früheren Live-Aufnahmen: Er hat wirklich stark nachgelassen. Die über allem thronende Stimme gibt es nicht mehr. Ich denke, dass keiner sich mehr darüber ärgert, als er selbst. Schon 2008 in München ist mir das aufgefallen, allerdings war es da nicht so krass. „Black Diamond“ und „Detroit Rock City“ beenden den regulären Teil. Die Band bekommt viel Beifall vom Leipziger Publikum und geht für eine kurze Pause hinter die Bühne.

Bei „Lick It Up“ wird im Zwischenteil wieder das coole „Won’t Get Fooled Again“-Stück eingebaut, was mir persönlich sehr gut gefällt. „I Was Made For Lovin You“ bringt Paul dazu, auf ein Podest mitten im Publikum zu schweben - von da aus singt er dann auch. Paul singt hier sehr tief und lässt den Refrain komplett das Publikum singen - die machen zumindest begeistert mit. Ist halt einfach nicht mehr der Jüngste, der Gute. „God Gave Rock N Roll To You“ wird auf den Leinwänden im Hintergrund mit Bildern bereits verstorbener Rock-Legenden untermalt. Eine tolle Geste der Band ist es, dass mehrfach Eric Carr, der ehemalige Kiss-Schlagzeuger, eingeblendet wird. Zuletzt kommt noch „Rock N Roll All Night“, bei dem ein Konfettiregen das Ende des Konzerts erahnen lässt. Danach ist Schluss, das Licht geht an und Kiss sind genau so schnell weg, wie sie gekommen sind.

Ich weiß nicht ob es daran lag, dass Paul Stanleys Gesang heute enorme Schwächen offenbart hat oder die Band insgesamt etwas hüftsteifer geworden ist - Kiss sind definitiv in die Jahre gekommen. Paul Stanley war für mich sonst immer der Gitarrist und Klasse-Sänger, der vor allem live in unglaublichen Höhen gesungen hat und somit den Songs seinen Stempel aufgedrückt hat. Die beiden Hauptakteure Gene Simmons und Paul Stanley sind auch beide schon um die 60 und das lässt sich mittlerweile nicht mehr verheimlichen. Angesichts dessen geht die gezeigte Leistung durchaus in Ordnung. Ich finde die Tatsache auch nicht weiter tragisch. Problematisch ist nur, dass die Vorband „Taking Dawn“ vom Stageacting her definitiv „heißer“ als Kiss waren. Einen Tag nach dem Konzert bin ich sogar soweit dass ich sage, Kiss sollten nach dieser Tour definitiv live nicht mehr auftreten. Nur so bleiben sie dem Publikum in bester Erinnerung und der Legendenstatus, der sich nach wie vor um die Jungs in Schwarz-Weiß rankt, bleibt erhalten!

Setlist:
Modern Day Delilah
Cold Gin
Let Me Go, Rock 'N' Roll
Firehouse
Say Yeah
Deuce
Crazy Crazy Nights
Calling Dr. Love
Shock Me
I'm An Animal
100,000 Years
I Love It Loud
Love Gun
Black Diamond
Detroit Rock City
---
Lick It Up
Shout It Out Loud
I Was Made For Lovin' You
God Gave Rock 'n' Roll to You II
Rock And Roll All Nite


Und hier noch ein paar optische Eindrücke aus Leipzig:




Stefan Graßl


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