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Artikel

"Wir sind am Ziel und mit uns im Reinen..." - Das Abschiedsfestival „Vaya con Tioz“ der BÖHSEN ONKELZ

Info

Künstler: Böhse Onkelz

Zeit: 17.06.2005

Ort: Lausitz, Eurospeedway

Besucher: 110.000

Internet:
http://www.onkelz.de

25 Jahre!
Nicht viele Bands können auf eine so lang andauernde Karriere zurückblicken und einen Weg vorweisen, der keinen Einbruch bei Faninteresse oder Verkaufszahlen aufweist, sondern immer stetig nach oben ging.

An diesem Juniwochenende feierten sie aber nicht nur ihren 25. Geburtstag, sondern auch und vor allem ihren Abschied vom Musikerdasein.
Prominenten Support hatten sie sich unter anderem von Bands wie Motörhead, Machine Head, JBO, Children of Bodom und In Extremo, welche die Fans auf der über 75m breiten Bühne aufheizen sollten. Der Eurospeedway Lausitz wurde der Platz dieses „Schauspiels“ und war mehrere Tage lang im Ausnahmezustand. Wartezeiten von sieben Stunden mussten in Kauf genommen werden, um überhaupt aufs Gelände zu gelangen. Auch die Wege zum Konzertareal und den Campingplätzen dauerten zu Fuß mehrere Stunden, da aufgrund der Menschenmassen die Wege verstopft waren und sich alle nur im Schneckentempo bewegten. Die Polizei hatte alle Zufahrtsstraßen mit Kontrollen versehen und eine Vielzahl von Security Leuten sollte die Veranstaltung in geordneten Bahnen halten. Der Polizeibericht spricht von mehr als 140.000 Leuten, die ob mit oder ohne Karte den Weg zum Gelände angetreten hatten und hält fest, dass keine außergewöhnlichen Vorkommnisse zu verzeichnen waren und die meisten Anzeigen wegen gefälschten Karten zustande kamen. Auch der Veranstalter selbst äußert sich in einer Erklärung auf der Homepage positiv. Kein Wunder bei einer Veranstaltung, die so viele Leute anlockt, wie im ganzen Landkreis wohnen.
110.000 Leute mit gültigen Tickets waren gekommen um Abschied von ihren Idolen zu nehmen und ihnen die letzte Ehre zu erweisen. Und bei einem Großteil der Fans trifft die emotionale Bedeutung dieser Worte wirklich zu.

1980 gegründet, avancierten die Böhsen Onkelz erst in Frankfurt, dann in ganz Deutschland schnell zu einer großen Nummer im Rockgeschäft. Mit dem Vorwurf konfrontiert, rechtsradikales und ausländerfeindliches Gedankengut zu verbreiten, welcher aus der Veröffentlichung von einem Demotape aus den Gründungsjahren der Band, das Lieder mit Textzeilen, wie: „Deutschland den Deutschen...“, „Türken raus, alle Türken müssen raus...“, oder „...ja wir sehn uns in jedem Fall, im Sommer 84 beim Frankreichüberfall...“ enthielten, distanzierte sich die Band nicht nur von ihren Anfangsjahren, sondern auch von den Fans, die in den Böhsen Onkelz noch immer die Verkörperung ihrer ausländerfeindlichen und menschenverachtenden Ideologie sahen und heute noch sehen.


Denn weder die Fans noch die schreibende Zunft wollten der Band die Wandlung abkaufen und gaben sich mit der Erklärung, diese Songs wären Teil ihrer Punkvergangenheit bzw. Jugendsünden, nicht zufrieden. Für die Argumentation der Presse spricht, dass die erste Platte der Band mit dem Titel Der nette Mann einen Teil der genannten Lieder (“Frankreich 84“) enthält und, wenn auch aus anderen Gründen, von der Bundesjugendprüfstelle indiziert wurde. Dagegen spricht, dass diese Platte von der Band als Teil der Vergangenheit identifiziert wurde, von welcher sich die Böhsen Onkelz seit über zwanzig Jahren zu befreien versuchen. Unabhängig davon halten Fans und Medien an ihren Vorstellungen fest. Die Medien, die keine Gelegenheit auslässt darauf zu verweisen, dass es sich bei den Böhsen Onkelz um eine rechtsradikale Band handelt und diejenigen Fans, die die Band in der gleichen Tradition sehen, wie explizit verbotene, rechte Bands, wie Landser, Störkraft, oder ähnliche.

Die Plattenindustrie dagegen sah nur das kommerzielle Potential der Vier, die von Frankfurt aus die deutschen Plattenläden eroberten und zu überaus erfolgreichen Künstlern avancierten. 1994 signte Virgin die Band und sie stiegen verkaufszahlenmäßig in eine Liga mit den Toten Hosen und den Ärzten auf. Seitdem spielten sie alle zwei Jahre in den größten Hallen Deutschlands, die sie mühelos ausverkauften, ohne ihre Tour zu bewerben.
Eine gewisse Konsequenz beinhaltete dann der Schritt, im Jahre 2000 ein eigenes Label unter Federführung von Bassist und Texter Stephan Weidner zu gründen und Abschied von der in ihren Liedern oft gescholtenen Industrie zu nehmen.

Und nun, 25 Jahre nach der Bandgründung und auf dem Höhepunkt der Karriere der Abschied von Tourstress, Schaffensdruck und einer überwältigenden Erwartungshaltung seitens der Fans. Dies könnte auch den Verlauf der Konzerte und das Zustandekommen des Abschieds erklären. Denn in den Gesichtern der Bandmitglieder zeichneten sich nicht nur Nervosität aufgrund der überwältigenden Anzahl von Fans und Wehmut wegen des Abschieds von einem Vierteljahrhundert Bandgeschichte, sondern auch Erleichterung ab.
Erleichtert, nun nicht mehr zu Göttern gemacht zu werden, nicht mehr das Zielobjekt von Hoffnungen und Wünschen Hunderttausender zu sein, die sie nicht immer erfüllen konnten und wollten. Auch in einem ihrer Texte heißt es:

„Hörst Du diese Lieder. Böhse Onkelz immer wieder. Sie sind ein Teil von meinem Leben. Sie sind ein Teil von mir. Sie sind für Dich, ich schenk’ sie Dir. Mehr kann und will ich Dir nicht geben.“

Denn auch wenn die Fans die Böhsen Onkelz als ihre Band betrachten, als ihre Stimme, die die Mauern des Alltags durchbricht, war schon immer eine Kluft vorhanden, die nicht nur, aber auch aus der rechten Gesinnung vieler Fans und der klaren Distanzierung der Band resultierte. Die Band spielte Konzerte gegen rechte Gewalt, Platten entstanden auf Ibiza und in Irland und der Kopf der Band Stephan Weidner hat schon lange seine Liebe für fremde Länder und besonders für Mittel- und Südamerika entdeckt und in vielen Texten sprechen sie davon, nicht blind Autoritäten zu folgen, sondern selbst über die Welt nachzudenken. Diese Tatsachen decken sich oft nicht mit den Erwartungen und den Einstellungen der Fans.

Der Auftritt der Vorbands, welche trotz fehlender Medienlobby und drohender Boykotts, sehr hochkarätig waren, waren auch Teil der beschriebenen Beobachtung. Denn immer wieder schallten die Rufe: „Wir wollen die Onkelz sehn“ durch die Menge und obwohl sich alle bemühten, wollte die Stimmung nicht so recht in Schwung kommen. Einschränkend muss man aber sagen, dass es vor so vielen Leuten trotzdem ein Erlebnis war zu spielen. Am ersten Abend spielten die Wonderfools, eine norwegische Band, die auch die letzte Tour supportet hatte, die Eröffnung, danach Discipline, DAD, Sub7even und schließlich die Metalgrößen Motörhead und Machine Head. Vor allem die beiden letztgenannten hatten trotz allem eine Menge Spaß, was auch daran lag, dass sich ein paar Stunden bevor die Onkelz die Bühne betraten, eine beeindruckende Menschenmenge die Rennstrecke säumte. Jeweils eine gute Stunde stimmten sie die Fans auf das von denen langerwartete Konzert ein.


Die Böhsen Onkelz betrachten sich schon lange als eine normale Rockband, die außergewöhnliches erlebt und geschaffen hat. Ein Großteil der Fans dagegen sehen sie als außergewöhnliche Verkörperung ihrer normalen Leben und räumen ihnen einen Stellenwert ein, der den anderer Bands, bei weitem überschreitet. Diese Mischung aus Verklärung, Verfälschung und der rechten Ideologie mancher Fans, muss nicht nur sehr anstrengend für die Band gewesen sein, sonder sie auch zu der Erkenntnis geführt haben, dass sie auf der einen Seite, diese Missverständnisse nicht beseitigen können und auf der Anderen, auch auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs stehen.

So treten sie ab mit der Gewissheit, sich selbst nicht verraten, und zwischen ihrem ersten Konzert im Jugendzentrum Bockenheim vor einer Handvoll Leuten und ihrem Abschlussfestival mit über 100.000 Leuten, trotz aller Kritik, eine gewichtige Rolle im deutschen Rockgeschäft gespielt zu haben.
Natürlich traten die beschriebenen Sachverhalte während den beiden Konzerten nicht so offen zu Tage.

Am ersten Abend gab die Band Titel aus den ersten 12,5 Jahren ihres Bestehens zum Besten, am zweiten Abend aus der anderen Hälfte des Schaffens. So spielten sie am Freitag Hits, wie “Nie wieder“, “Stunde des Siegers“, “Heute trinken wir richtig“ und das so erfolgreiche wie auch unvermeidliche “Mexico“. Zum Abschluss der 2,5 Stunden, welche von den Fans mitgesungen bzw. mitgegrölt wurden und viele ihren Emotionen im „Pogo-Kreis“ freien Lauf ließen, verabschiedete sich die Band mit dem Titel “Erinnerungen“, welcher über 15 Jahre lang den Abschluss eines jeden Onkelz Konzert bildete. 110.000 sangen laut: „Ich erinner’ mich gern an diese Zeit. Eine Zeit, die man nie vergisst. Doch ich muss mein Leben leben, meinen Weg alleine geh’n. Mach’s gut du schöne Zeit, Auf Wiederseh’n.“

Dass auch dieser Song die Abkehr von alten Werten darstellt, wenn auch unkritischer als in anderen Liedern, dürfte für viele Fans nicht von Belang sein. Das Konzert war von der Gewissheit geprägt, dass allen der wahre Abschied noch bevorstand. Und dieser wurde, wie nicht anders zu warten, nicht leicht.

Denn wer eine Lebensphase abschließt, die so vieles bereitgehalten hat, kann sich nicht nur leise verabschieden und die Bühne verlassen. Dementsprechend ließen es sich die Musiker nicht nehmen, nochmals alles zu geben und weitere 2,5 Stunden ihre Songs für sie sprechen zu lassen. Zuvor hatten Psychpunch, Pro Pain, welche auch schon eine Onkelz Tour supporteten, JBO, In Extremo, die Altrocker von Rose Tattoo und schließlich Children of Bodom die Menge aufgewärmt. Doch hatten die Bandmitglieder mit der Setlist einen Gegensatz zum Abend davor geschaffen, an dem sie viele schnelle Songs spielten und den Fans kaum Luft zum Atmen blieb. So spielten sie noch nie live gespielte Stücke (“Das Messer und die Wunde“), viele langsamere Songs (“Der Platz neben mir“ Part I+II, “Nur die besten sterben jung“), aber auch Klassiker, welche die Band nicht weglassen konnte (“Auf gute Freunde“, „Terpentin“) und wohl, in diesem Moment zumindest, auch nicht wollte. Denn bei dem Titel “Finde die Wahrheit“ und der Textzeile: „...zeigt mir die Hände“, erhoben sich 220.000 Hände in den Himmel. Bei aller Euphorie seitens der Fans, war der Band die Nervosität anzumerken. Mehrere Verspieler, ein paar textliche und stimmliche Aussetzer zeigten dies deutlich und waren untypisch für eine Band, die routiniert Tournee um Tournee abspulten. So konnte man daraus wohl lesen, dass diese zwei Konzerte für die Frankfurter Band keine Routine waren.


Vor allem dieser zweite Abend, der sich dann unausweichlich dem Ende zuneigte. Nach dem obligatorischen Bühnenabgang und den anschließenden fünf Liedern, lag es dann an Stephan Weidner vor dem letzten Lied angemessene Worte zu finden, die nicht nur den Abschluss einer ganzen Karriere, sondern auch den Beginn eines neuen Lebens bilden sollten. Doch der Anblick von den Menschenmassen, die der Band Respekt zollten, hatte es wohl in sich. Dann knieten die Fans nieder und applaudierten andächtig mehrere Minuten lang. Ohne diesen Kult verherrlichen zu wollen, muss man doch die Emotionalität dieses Moments eingestehen. Die Ära der Böhsen Onkelz ging dann mit dem Song “Ihr hättet es wissen müssen“ und einem großen Feuerwerk zu Ende. Unter den Fans flossen die lange zurückgehaltenen Tränen und ihre Helden traten nach einigen Minuten den Rückzug an. Nur Sänger Kevin Russell hatte sofort nach dem letzten Song die Bühne verlassen. Ohnehin eher öffentlichkeitsscheu, waren ihm wohl die Trauer und Verehrung zuviel gewesen. Doch auch Schlagzeuger Peter „Pe“ Schorowsky äußert in der zwei Tage nach dem Konzert erschienenen Tour DVD, dass es ihm unangenehm sei, in Gesichter voller Tränen zu blicken, die ihm bzw. der Band gelten würden.
So ging die Band, überwältigt von den emotionalen Abschiedsszenen und wohl traurig von der Bühne endgültig abzutreten. Aber auch erleichtert in ein normales Dasein zurückzukehren.

Mit diesen Konzerten endete also die Karriere der umstrittensten deutschen Rockband, die den Spagat zwischen Bodenständigkeit und Kommerz versuchte und dabei über 5 Millionen Tonträger verkaufte,
Die versuchte ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und dabei an einem Teil ihrer eigenen Fans scheiterte.
Die zu den Göttern wurden, vor denen sie selbst immer warnten.
Die aber immer ihren eigenen Weg gingen und nun den Mut hatten einen neuen einzuschlagen, obwohl dieser in den Köpfen vieler bis ans Ende vorgezeichnet war.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von onkelz.de verwendet.

Alexander Kitterer


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