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Artikel

KATY WINTER: Das Leben nach der Casting-Show

Info

Gesprächspartner: Katy Winter

Zeit: 09.04.2005

Interview: Telefon

Stil: R'n'B

Internet:
http://www.katy.ch

"Deutschland sucht den Superstar" und Co. waren bekanntlich keine typisch deutschen Phänomene - auch andere Länder blieben von Casting Shows nicht verschont. Sogar die Schweiz war zwischenzeitlich vom Casting-Fieber infiziert, nur hieß es dort nicht "DSDS", sondern "Music Star". Eine der Finalistinnen der ersten Staffel dieser Sendung will es nun alleine probieren - ohne dicke Plattenfirma im Rücken, dafür mit viel Enthusiasmus.

MAS:
Hier in Deutschland kennt man natürlich auch viele verschiedene Casting Shows, wie etwa 'Deutschland sucht den Superstar', 'Star Search' oder 'Popstars'. Die Schweizer Pendants sind bei uns allerdings weniger bekannt. Du warst bei Music Star - wie ist das Konzept dieser Sendung, und wie hoch ist ihr Stellenwert in der Schweiz?

Katy Winter:
Es melden sich etwa 3500 Leute an. Die werden dann immer weniger, bis noch 24 übrig sind, die in die Sendung kommen. Zehn Kandidaten werden vom Publikum per Telefon für die Finalrunde ausgewählt. Anfangs werden in jeder Folge zwei Teilnehmer rausgeschmissen, von denen einer durch die Kandidaten selbst wieder reingewählt werden kann.

MAS:
Und du warst unter den zehn Finalisten?

Katy Winter:
Genau. Jetzt bin ich allerdings völlig unabhängig von der Sendung. Einerseits bin ich zwar relativ früh ausgeschieden, obwohl mich einige vorher als eine potentielle Gewinnerin bezeichnet haben. Aber es hängt natürlich auch viel von den Geschichten ab, die im Verlaufe einer solchen Show entstehen. Ich hatte mich in einen anderen Kandidaten verliebt und wir kamen zusammen.

MAS:
Und das kam nicht gut an!? Ich dachte immer, dass die Leute gerade so etwas sehen wollen.

Katy Winter:
Irgendwie wohl nicht (lacht). Aber wir konnten das auch nicht verheimlichen, die Medien waren so richtig scharf darauf, daraus eine Geschichte zu machen. Für mich finde ich es jetzt im Nachhein gar nicht so schlecht. Ich bin ja als dritte rausgeflogen und bin jetzt unabhängig von dem Ganzen und kann machen was ich will, aufbauen, was mir gefällt. Das war immer mein Ziel, und nicht, ein Produkt der ganzen Maschinerie zu sein.

MAS:
Welche Einstellung zu Casting Shows hattest du denn vor deiner Teilnahme an Music Star?

Katy Winter:
Eigentlich eine sehr zwiespältige. Einerseits bin ich nicht so ein Fan vom "Star-machen", dass jemand so lange gepusht wird, bis er endlich berühmt und anerkannt ist. Ich mag lieber die andere Methode, dass der Künstler selbst etwas mitbringt und selbst dafür arbeiten möchte, dass er irgendwo ankommt. Aber es ist eine Plattform, auf der man sich präsentieren kann, wo viele zusehen. Man kann dadurch innerhalb der Schweiz einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichen, der später dabei hilft, Leute zu treffen, die irgendwie mit Musik zu tun haben. Es hat aber auch viele negative Seite, wenn z.B. Veranstalter kein Konzert von mir buchen wollen, weil ich bei Music Star mitgemacht habe, ohne dass sie meine Musik überhaupt gehört haben. Das finde ich sehr schade, denn ich habe diese CD selbst zusammen mit dem Produktionsteam auf die Beine gestellt, und sie hat eigentlich gar nichts mit der Sendung zu tun.

MAS:
Ich weiß nicht, wie es in der Schweiz ist, aber bei und in Deutschland gibt es diese Casting Shows mittlerweile schon seit ein paar Jahren. Man hatte schon nach kurzer Zeit das Gefühl, dass dieses Konzept bereits arg abgenutzt ist, oder?

Katy Winter:
Bei uns war es eigentlich die erste Sendung dieser Art, die im nationalen Fernsehen lief. Zumindest war die vorherige nicht so populär, weil sie auf einem Privatsender lief. Das war wirklich das erste Mal, dass auch das Schweizer Fernsehen gute Quoten hatte, das hat richtig was gebracht. Inzwischen lief die zweite Staffel und hatte schon deutlich niedrigere Quoten, daher ist bisher auch keine dritte Staffel in Planung.

MAS:
Bei uns konnte man auch immer wieder beobachten, dass hochgejubelte Casting-Show-Teilnehmer schon nach kurzer Zeit komplett in der Versenkung und Erfolglosigkeit verschwanden. Ist das bei euch ähnlich? Wie willst du dich davor schützen?

Katy Winter:
Es ist auf jeden Fall ähnlich bei uns, denn wenn ein Kandidat während der Sendung hochgejubelt wird ist das ja nur auf die momentane Leistung bezogen. Wenn er dann ein eigenes Produkt herausbringt schaut das oft ganz anders aus, denn es ist ja nicht dasselbe fremde Songs nachzusingen und eigenes Material aufzunehmen. Ich bin auch einige Male hochgejubelt worden, aber ich wusste eben, dass das zur Show gehört und eigentlich nichts mit der musikalischen Realität zu tun hat. Auf der Bühne zu stehen und ein Konzert zu geben ist etwas anderes, als ein einzelnes Lied zu singen um der Jury zu gefallen. Das Problem von vielen Casting-Show-Gewinnern ist, dass sie sich für die besten halten, weil sie ja gewonnen haben. Im wirklichen Showbusiness hat das aber nicht viel zu bedeuten.

MAS:
Zu deinem neuen Album 'Private': Was inspiriert dich zu deinen Texten?

Katy Winter:
Der Name "Private" beschreibt, dass die Texte meist sehr autobiographisch sind. Als ich klein war bin ich viel herumgekommen und habe in verschiedenen Ländern viel erlebt, auch zum Beispiel die Trennung meiner Eltern. Das ist einfach ein Verarbeitungsprozess. Ich muss also nicht überlegen "was soll ich heute schreiben?", sondern das kommt von alleine durch die Gefühle, die ein bestimmtes Lied in mir hervorruft. So werde ich dann an Geschichten aus der Vergangenheit erinnert, von denen ich in meinen Texten erzähle. Manchmal sind es aber auch fiktive Texte, zum Beispiel von Dingen, die man mal gerne erleben würde.

MAS:
Mit "Score" hast du auch direkt zu Beginn deines Albums ein Lied, das für dieses musikalische Genre eher ungewöhnlich ist. Ein Lied über Fußball findet man im R'n'B wahrscheinlich nicht alle Tage.

Katy Winter:
Ja, klar. Eigentlich kam das so, dass ich mal zu einer Sendung im kroatischen Fernsehen eingeladen war, um bei einer Fußball-Sendung die Schweiz zu repräsentieren. Und da ich gerade dabei war, Lieder zu schreiben, fand ich die Idee gut, ein Stück extra für die Sendung zu schreiben, dass auch gut zum Thema Fußball passt. So hatte es sich ergeben mit dem Lied, und da der Song auch gut ankam, wollte ich ihn mit auf der CD haben. Passt vielleicht mit dem Text nicht ganz ins Schema.

MAS:
"Wake up" finde ich mit den Cellos auch sehr interessant. Klingt fast ein wenig so, als sei es von Apocalyptica inspiriert worden.

Katy Winter:
Wir haben in einem Team zusammen gearbeitet, in dem mehrere Leute an Musik geschrieben haben. Ich konnte dann aussuchen, welche Ideen mir persönlich gefallen, deshalb sind auch sehr gemischte Sachen herausgekommen. Dieses Lied sticht vielleicht deshalb ein bisschen heraus, weil es fast schon militärisch daherkommt (lacht). Ich weiß auch nicht - ich fand's gut.

MAS:
Ebenfalls sehr aus der Reihe fällt der Song "Switch". Man hat allerdings den Eindruck, dass dieses mystisch-ambiente deiner Stimme sehr gut steht.

Katy Winter:
Eigentlich war es so, dass wir einen Remix von "Sunshine" machen wollten. Das wurde irgendwie mit diesem Lied gekoppelt. Es passte zwar gar nicht zusammen, aber ich fand den Sound wirklich cool und wollte dann gerne mal etwas orientalisches machen, auch wenn's vielleicht nicht so ganz in das Schema passt. Wir haben es dann einfach mal probiert und diesen Song aufgenommen, bei dem man vielleicht auch mal etwas abschweifen kann.

MAS:
Bei den Aufnahmen für dein Album hast du ja mit dem Produktionsteam 'Bread & Butter' zusammen gearbeitet. Wie kam die Kooperation zustande?

Katy Winter:
Freda Goodlet, die Vocal-Coacherin von Music Star, hat mich mal angefragt, ob ich Lust hätte diese Leute kennen zu lernen, mit denen sie schon einiges gemacht hatte. Ich bin dann mit denen ins Gespräch gekommen und wir haben gemerkt, dass wir genau dasselbe Produkt vor Augen hatten. Wir verstanden uns sehr gut und waren uns einig, wie es klingen sollte, und haben dann einfach mal "drauf los" geschrieben.

MAS:
Also verliefen die Arbeiten positiv?

Katy Winter:
Ja. Für uns - also für die Schweiz - ist die Qualität sehr hoch. Da ich keine finanzielle Unterstützung durch eine Plattenfirma bekam, mussten wir da alle sehr viel Energie reinstecken. Jetzt, wo das Album fertig ist, bin ich damit sehr zufrieden.

MAS:
Wird das 'Bread & Butter'-Team dich auch bei zukünftigen Alben begleiten?

Katy Winter:
Das steht noch offen. Man entwickelt sich irgendwie weiter, sowohl live als auch von der musikalischen Richtung. Wenn es wieder passt und wir das gleiche sehen wird bestimmt wieder etwas zustande kommen. Aber es ist nicht so, dass wir eine feste Abmachung haben.

MAS:
Du bist ja nicht nur in der Schweiz aufgewachsen, sondern auch in Island und Südafrika. Wo war es am schönsten?

Katy Winter:
Am schönsten war's in Südafrika. Das war eigentlich wie in den Ferien - ein bisschen Schule und danach am Strand liegen. (lacht)

MAS:
Aber wahrscheinlich sieht man da auch ziemlich viel Armut und gesellschaftliche Missstände, oder?

Katy Winter:
Teilweise war ich sehr schockiert: Als ich nach Südafrika kam war das das erste Jahr, in dem Schwarze und Weiße gemischt im Bus sitzen durften. Vorher war der hintere Teil für die Schwarzen und der vordere für die Weißen. Diese Regelung wurde gerade aufgehoben, womit einige gar nicht zurecht kamen. Ich fand das ganz normal, dass alle zusammen saßen - das war eine ganz ungewohnte Situation, zu sehen, wie die Leute auf der anderen Seite der Welt miteinander umgehen.

MAS:
Wie kam es eigentlich zu diesen ungewöhnlichen Wohnorten?

Katy Winter:
Nach der Trennung meiner Eltern hier in der französischen Schweiz, in der ich geboren bin, bin ich mit meiner Mutter nach Island gezogen - sie ist nämlich Isländerin. Aus geschäftlichen Gründen mussten wir dann irgendwann nach Afrika.

MAS:
Und war es schon immer dein Traum, Musikerin zu werden?

Katy Winter:
Nein, eigentlich gar nicht. Ich habe erst mit 16 angefangen zu singen. Vorher habe ich mal mit sechs angefangen Geige zu spielen und später ein bisschen Gitarre, das war aber nicht ganz das, wonach ich suchte. Dann kam das aber irgendwie von selbst, ich musste jeden Abend zwangsweise zwei Stunden lang singen, keine Ahnung wieso. Es machte mir einfach einen Riesenspaß und ich konnte meine Gefühle so ausdrücken. Wie bestellt kam dann der Zugang zur Musik und zum Singen. Nach der Schule wollte ich dann nicht gleich auf die Universität sondern erstmal ein Jahr aussetzen. Als dann diese Sendung kam dachte ich mir "ich hab ja Zeit, da kann ich ruhig mal mitmachen" - dann ging's immer weiter, und jetzt stehe ich hier mit einer eigenen CD. Heute kann ich ohne Musik nicht mehr leben, ich werde sicherlich auf irgend eine Weise immer weitermachen.

MAS:
Wird auch mal die Möglichkeit bestehen, dein Geigenspiel auf einem deiner Alben zu hören?

Katy Winter:
(lacht) Während der Aufnahmen habe ich mal zur Geige gegriffen um zu sehen, ob ich's noch kann, weil ich ja zehn Jahre lang nicht mehr gespielt hatte. Unser Violinist hat mir allerdings gesagt, dass ich schon ein ganzes Jahr intensiv üben müsste, um wieder Geige spielen zu können. Im Moment habe ich leider gar keine Zeit, mich auf die Geige zu konzentrieren, deshalb habe ich es eben gelassen. Aber wer weiß, wenn ich mal wieder Zeit habe...

MAS:
Hörst du eigentlich auch privat R'n'B, Soul und solche Sachen?

Katy Winter:
Es ist so, dass ich jetzt live gemerkt habe, dass Soul und Jazz die Richtung ist, in die ich auch in Zukunft noch mehr gehen möchte, weil das einfach am besten zu meiner Stimme und meinem gesamten Ausdruck passt. Das ist auch die Musik, die ich selbst gerne höre - von Aretha Franklin bis Norah Jones.

MAS:
Reicht die Berühmtheit in der Schweiz, um von der Musik leben zu können?

Katy Winter:
Das ist im Moment noch etwas schwierig zu sagen, da mich zwar viele von der Sendung kennen, aber noch nicht alle wissen, dass ich jetzt auch eine eigene CD herausgebracht habe. Die Bekanntheit macht es sicherlich nicht alleine aus. Man kann davon leben, wenn man wirklich Nr.1-Hits schreibt. So weit bin ich einfach noch nicht, auch medientechnisch, weil ich einfach keine so große Plattenfirma im Rücken habe, die richtig Geld in die Werbung investiert, damit die Leute überhaupt wissen, dass ich eine Platter veröffentlicht habe. Deshalb kann ich im Moment nicht wirklich davon leben.

MAS:
Hast du denn nach deinen TV-Auftritten nicht versucht, bei irgendeinem Major zu landen?

Katy Winter:
Das Problem ist, dass im letzten Jahr viele Labels geschlossen und Schweizer Künstler herausgeworfen haben. Deshalb gibt es hier jetzt nur noch die ganz großen, und die sind überfüllt. Universal musste ja die Kandidaten nehmen, die in der Sendung gewonnen haben, und hatten auch keinen Platz für irgendwelche anderen. Außerdem wusste ich zwar, was ich selbst machen wollte, aber von Labelseite hätte man es lieber gesehen, wenn ich auf Schweizerdeutsch singe. Das boomt hier im Moment. Aber ich mag lieber das Englische, das ist meine musikalische Sprache. Es wäre gespielt, wenn ich jetzt auf Schweizerdeutsch singen würde, zumal es auch gar nicht meine Muttersprache ist.

MAS:
Sind eigentlich auch mal Konzerte in Deutschland geplant?

Katy Winter:
Im Moment noch nicht. Wir wollen auch erst noch hier ein paar Aufnahmen machen, die man dann nach Deutschland schicken kann. Ich habe ja auch einen Manager in Deutschland, der sich so ein bisschen umschaut, ab wann es möglich wäre, außerhalb der Schweiz etwas zu machen. Im Moment haben wir ja noch Island, da ich selbst halb Isländerin bin. Die spielen dort meine Songs im Radio, das ist schonmal etwas.

Hendrik Stahl


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