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Alter Mann, kein bisschen Altersmilde: Ian Hunter live in Winterbach

Info

Künstler: Ian Hunter

Zeit: 13.10.2017

Ort: Winterbach - Lehenbachhalle

Besucher: ca. 250

Ian Hunter ist definitiv einer der dienstältesten Rockmusiker, die noch live auf der Bühne zu sehen sind. Er ist 1939 geboren und somit mittlerweile geschlagene 78 Jahre alt!! Trotzdem hindert ihn das nicht daran, in regelmäßigen Abständen gute bis sehr gute Platten zu veröffentlichen. Seinen Biss und seine ironische Sichtweise auf die Welt hat er in all den Jahren bei Weitem nicht verloren, wie die jüngsten Scheiben Fingers Crossed oder das lässige When I’m President deutlich unter Beweis stellen. Seit etlichen Jahren bin ich dran, diesen Künstler einmal live zu sehen. Deshalb besuche ich seine Homepage regelmäßig, um etwaige Auftritte in Deutschland nicht zu verpassen. Als das Konzert in Winterbach bekannt gegeben wurde, bin ich fast aus allen Wolken gefallen. Für mich war klar: Dieser Termin muss gemacht werden – diese Chance gibt es so schnell nicht mehr!

Winterbach liegt kurz vor Stuttgart und die Lehenbachhalle fast zentral in der Stadt. Es ist die Schulturnhalle und die muss erstmal gefunden werden! Die „Kulturinitiative Winterbach e. V.“ ist hier sehr umtriebig und veranstaltet das heutige Konzert. Sie sind hier längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Alle zwei Jahre findet das „Winterbach Zeltspektakel“ statt, bei dem heuer solche illustren Gäste wie Golden Earring, Kenny Wayne Shepherd, Uriah Heep, Magnum oder die Hooters mit am Start waren. Das Festival findet aufgrund des hohen Personalaufwandes – die ganze Truppe macht das komplett ehrenamtlich – alle zwei Jahre statt. Das hindert den Verein jedoch nicht, weitere Hallenkonzerte zu organisieren. Bei fairen Essens- und Getränkepreisen ist es vor allem die lockere Art der Veranstalter, die einen gerne wiederkommen lässt. Ungefragt bekommen wir Ian-Hunter-Tourposter geschenkt, die Vereinsmitglieder freuen sich über unseren vergleichsweise weiten Anfahrtsweg. Leider wird das Engagement an diesem Abend nur teilweise belohnt, denn die 500er Halle ist mit 250 Zuschauern leider nur zur Hälfte voll. Ein Jammer – und das bei diesem Künstler!

Die Vorband bildet ein famoses Gitarren-Duo aus Stuttgart, das kurz vor dem Abend verpflichtet worden sind. Beide spielen selbstkomponierte Songs, die sie mit der Akustikgitarre begleiten. Das Ganze ist als Auftakt sehr gut geeignet, die beiden bringen viel Einsatz und bekommen vom Publikum ordentlich Applaus.

Bei mir steigt die Spannung gewaltig. Im Internet gibt es viele gute Live-Videos von Ian Hunter aus den letzten Jahren – doch wie wird sich der Rock-Veteran an diesem Abend präsentieren? Um 21.15 Uhr geht das Licht aus und die „Rant Band“ kommt auf die Bühne. Sie fangen mit „The Moon Upstairs“ vom berühmt-berüchtigten Sauf-Album von Mott The Hoople - „Brain Capers“ - an. Und dann kommt Ian Hunter, der lässig mit seiner Akustikgitarre beim Gesang einsteigt. Der Sound ist laut und wuchtig, aber sehr gut ausgesteuert und glasklar. Man merkt ihm zu keiner Sekunde an, dass er schon 78 Jahre alt ist – im Gegenteil. Er wirkt wie ein Jungspund und singt mit seiner unnachahmlich rauchigen Rockstimme wie eh und je.

Als zweiter Song kommt gleich seine Dampframme „Once Bitten, Twice Shy“, das ich eigentlich von Great White kennen gelernt habe. Es spricht für Hunters Selbstsicherheit, dass er diesen Song bereits am Anfang rausballert. Er ruht sich jedoch keineswegs in seiner Vergangenheit aus, sondern bringt etliche Hits seiner aktuelleren Alben. Ich finde hier „When I’m President“ genial. Der Song ist super und textlich einfach typisch Ian Hunter. Die Anwesenden sind sich im Klaren, dass sie gerade der seltenen und womöglich letzten Möglichkeit beiwohnen, diesen Ausnahmekünstler live zu sehen. Ansagen gibt es von dem coolen Lockenkopf mit seiner typischen Sonnenbrille nicht. Kaum ist der eine Song verklungen, wird wie bei den Ramones sofort der nächste Gassenhauer angezählt.

Seine Rant Band unterstützt ihn dabei nach Kräften. Die Jungs beweisen sich dabei als eine perfekte Live-Band, die ihren Boss womöglich auch mit drei Promille noch immer sekundengenau in Szene setzen könnte. Steve Holley am Schlagzeug macht schon seit ewigen Zeiten mit Hunter Musik und war sogar schon bei Paul McCartneys Wings aktiv. Das Gitarrenduo James Mastro und Marc Bosch ist Meister seines Fachs und sorgt für einen wuchtigen Vortrag der Stücke. Mark Bosch ist hier eindeutig für die Soli zuständig und Mastro für Rhythmusgitarre und die leiseren Töne. Er spielt bei „Give Me Back My Wings“ noch Mandoline.

„I Wish I Was Your Mother“ finde ich zum Niederknien, Hunter verleiht dem Lied einen unnachahmlichen Touch. Keyboarder Andy Burton sorgt nicht nur hier für saubere Hammond-Farbtupfer, sondern lässt auch im restlichen Konzert sein Können aufblitzen. Ian Hunter macht es sich bei manchen Songs am Piano gemütlich. Doch auch hier wirkt er engagiert und keineswegs altersweise. Man nimmt ihm den zornigen, kritischen Beobachter des aktuellen Weltgeschehens jederzeit ab. Vielleicht lässt ihn genau das auch so jung bzw. alterslos erscheinen. Etliche der Stücke sind auf dem genialen Live-Album „Welcome To The Club“ enthalten. Hunter präsentiert die Stücke zeitgemäß und keinen Deut softer – im Gegenteil. Brecher wie „All The Way From Memphis“ oder das rockige „Just Another Night“ kommen hervorragend an. Das von Lou Reed geschriebene „Sweet Jane“ lässt einen kurzzeitig auf einer Wohlfühl-Wolke schweben, bevor dann ganz unvermittelt auf den Putz gehauen wird.

Was sich bei dem anschließenden „Liebeslied“ (O-Ton Hunter) „Bastard“ tut, ist kaum in Worte zu fassen. Die ruppig agierende Band spielt sich hier sprichwörtlich in einen Rausch, der von Hunter noch getoppt wird. Er schreit und brüllt hier richtig ins Mikro, ich habe den Eindruck er ist geradezu entrückt. Man könnte meinen, er wirft sich irgendwelche Aufputschmittel ein, aber ich vermute, dass er aufgrund der Musik so knietief im Adrenalin steckt. Bassist Paul Page hat hier auch noch seinen großen Auftritt. Wer solche Musiker am Start hat, kann jedes Publikum mitreißen. Was für ein Koloss von Song!

Das feierlaunige Winterbacher Publikum fordert Hunter vehement zur Zugabe auf – worum er sich nicht lange bitten lässt. Das ruhige „Give Me Back My Wings“ wird von den Fans begeistert aufgenommen. Das rock’n‘rollige „Life“ vom When I’m President-Album gibt noch mal Gas, bevor mit der Bowie-Nummer „All The Young Dudes“ das letzte Stück des Abends gespielt wird. Der Über-Hit lässt zum Abschluss Fans und Band gleichermaßen feiern, es herrscht eine schöne, entspannte Stimmung. Ian Hunter bedankt sich überschwänglich beim phantastischen Publikum. Er bekommt zusammen mit seiner überragenden Band verdammt viel Beifall, was ihn sichtlich berührt. Er springt vor zur Bühne und klatscht die Fans in der ersten Reihe gleich mehrfach ab. Dabei zeigt er eine Geschwindigkeit und Beweglichkeit, die man ihm in seinem Alter wirklich nicht mehr zutrauen würde.

Hunter und die Rant Band verlassen nach 110 geschlagenen Minuten, die mir wie eine halbe Stunde vorgekommen sind, die Bühne. Ich und meine Mitfahrer sind völlig begeistert. Mit einer solchen Weltklasseleistung hätten wir niemals gerechnet – das Konzert war schlicht und ergreifend grandios! Ich denke, dass es eine der letzten Möglichkeiten war, diesen Wahnsinnskünstler in unseren Breiten live zu sehen. Ich freue mich sehr, dabei gewesen zu sein und wünsche Ian Hunter noch viele schöne Jahre, in denen er seine Musik auf der Bühne präsentieren kann!


Setlist:
The Moon Upstairs
Once Bitten Twice Shy
Fatally Flawed
When I'm President
Saint
The Truth, the Whole Truth, Nuthin' but the Truth
Morpheus
Just Another Night
Fingers Crossed
All American Alien Boy
Dandy
All the Way From Memphis
Ghosts
Roll Away the Stone
Guiding Light / I Wish I Was Your Mother
Sweet Jane
Bastard
23A, Swan Hill
---
(Give Me Back My) Wings
Life
All the Young Dudes

Stefan Graßl


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