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Der Untergang von New Orleans: Crowbar und Macbeth in Jena

Info

Künstler: Crowbar, Macbeth

Zeit: 24.08.2017

Ort: Jena, F-Haus

Fotograf: Jimmy Hubbard

Internet:
http://www.crowbarnola.com

Wie viele andere amerikanische Bands nutzen auch Crowbar die Gelegenheit, zwischen die diversen europäischen Festivalauftritte, die ja zumeist an den Wochenenden anstehen, noch diverse einzelne Clubgigs mit jeweils lokalen Supportacts zu legen, und einer derselben findet an einem warmen Donnerstagabend in Jena statt. Der Rezensent kommt während des Intros von Macbeth in der Halle an, sucht sich seinen üblichen Platz in der Nähe des Mischpultes und ist am Ende des Gigs recht ernüchtert: Das F-Haus ist bekanntermaßen schwierig zu beschallen, und die Herausforderungen des Macbeth-Sounds meistert die Technikfraktion an diesem Abend nicht. Vocals und Drums sind gut hörbar, die Saiteninstrumente hingegen nur fragmentarisch, und wenn man in der kongenialen „Das Boot“-Adaption der Erfurter ausgerechnet die markante Doldinger-Melodielinie nicht wahrnehmen kann, dann ist definitiv etwas faul. Selbiger Song steht an Position 3 der Setlist, und da Macbeth mit „Gotteskrieger“ losgelegt haben, verbraten sie ihre zwei wohl größten „Hits“ bereits relativ früh. Die Anwesenden lassen sich durch den mäßigen Sound freilich nicht stören, und die Band liefert eine gewohnt energiegeladene Performance ab, wobei der in ein historisch wertvolles Caiman-Shirt gehüllte Olli Hippauf an den Stellen, wo er nicht nur herb shouten, sondern irgendwo auf einer Melodiestruktur landen muß, bisweilen arg danebenliegt – möglicherweise ist der Bühnensound ähnlich mäßig wie der vor der Bühne und versetzt den Fronter in eine Art akustischen Blindflug. Der nicht mehr ganz so neue Drummer Steffen Adolf hat sich offensichtlich prima eingefügt, Basser Hanjo Papst ist mit seinen weißen Haaren und seinen Shorts eh ein Original, und die Gitarristen verrichten, soweit man sie denn hören kann, gleichfalls gekonnt ihre Arbeit. „Kanonenfutter“ und etliche andere Songs verorten die Band nahe am Thrash, der gewaltige finale Donnerschlag „Untergang“ aber zeigt, daß sie als Support für eine Doomband gar nicht so deplaziert sind, wie man im ersten Moment vielleicht glauben konnte. Einzelne Enthusiasten fordern eine Zugabe ein, die mit „Hunde, wollt ihr ewig leben“ auch gewährt wird.

Crowbar haben 2016 ein markantes Bandmitglied zurückgewonnen: Der zur Jahrtausendwende ausgestiegene Bassist Todd Strange, besser bekannt als Sexy T., ist zur Band zurückgekehrt, und obwohl sowohl er als auch Sänger/Gitarrist Kirk Windstein längst nicht mehr pauschal für einen Werbespot, der die Notwendigkeit eines Weight-Watchers-Programms unterstreichen soll, besetzbar wären, so besitzen die beiden allein aufgrund ihrer immer noch kleiderschrankartigen Figuren doch eine enorme Bühnenpräsenz, die nur dann noch markant steigerbar wäre, wenn man den Posten des Zweitgitarristen mit Tad Doyle (was macht der eigentlich jetzt?) besetzen würde. Der Musikfreund im mittlerweile für einen Donnerstag sehr gut gefüllten Saal hat ausreichend Zeit, sich solchen optischen Betrachtungen hinzugeben, denn die recht hohen Temperaturen führen regelmäßig zu längeren Stimmpausen der Saiteninstrumente zwischen den Songs. Deren Ergebnis akustisch zu würdigen ist deutlich schwieriger: Erst irgendwann nach zwei Dritteln des Hauptsets kommt dem Soundmenschen der zündende Einfall, alle Instrumente etwas herunterzupegeln und vom dann erreichten Niveau vorsichtig per Einzeljustierung wieder etwas mehr Lautstärke zu geben. Bis dahin ist leider nur ein arg dröhniges Etwas aus den Boxen gekommen, das den Baß markant zur Geltung bringt, aber ansonsten die durchaus vorhandenen Feinheiten im Sludge-Doom der NOLA-Legende nur dann hörbar werden läßt, wenn es sich um doppelstimmige Gitarrenleads handelt, die merkwürdigerweise gestochen scharf herübergeweht kommen, während ansonsten eher eine Art Soundbrei herrscht (zumindest dort, wo der Rezensent steht, nach wie vor in Mischpultnähe). Aber selbst der schwierige Sound hält das Publikum nicht davon ab, die Band (die ja am allerwenigsten dafür kann) ordentlich abzufeiern und ihr erstes Jena-Konzert in den knapp 30 Jahren Bandexistenz zu einem Erfolg zu machen. Hätte man Windsteins Ansagen verstanden, wäre der Unterhaltungswert vielleicht noch gestiegen, denn ab und zu ahnt man, daß er einen Witz macht – nur leider ist gerade das Mikrofon am weitesten in den Hintergrund gemischt. Erst während „Existence Is Punishment“ findet der Soundmensch wie eingangs erwähnt die richtige Strategie, und urplötzlich kommt Struktur ins Geräusch und läßt Genrehits wie „Conquering“ oder das allseits umjubelte „Like Broken Glass“ im richtigen Licht funkeln. Bei einem nachträglichen Blick auf die Setlist des etwas über einstündigen Gigs fällt auf, daß die aktuellen Alben zwar jeweils mit Einzelsongs bedacht werden, das selbstbetitelte 1993er Werk aber gleich zur Hälfte durchgespielt wird. Gut, darüber wird ob dessen sehr hoher Qualität und stilprägender Wirkung niemand im Saal böse gewesen sein, auch der Rezensent (der das jüngere Schaffen der Band nur ausschnittweise kennt) nicht – und dann gibt es als Krönung den Zugabenblock, der die gewonnenen Soundtugenden beibehalten kann. So gerät „I Have Failed“ zum ergreifenden Manifest, und weil nach dieser Sludge-Doom-Sternstunde einige Enthusiasten immer noch keine Ruhe geben und der Soundmensch auch die Konservenmusik noch nicht wieder einschaltet, kommen Crowbar ein weiteres Mal heraus und spielen ihre gleichfalls auf besagtem 1993er Albumzweitling verewigte gewaltige Doomversion von Led Zeppelins „No Quarter“. Dieses großartige letzte Gigdrittel läßt ahnen, was aus dem ganzen Gig für ein Ereignis hätte werden können, aber man darf hier wie üblich selbst entscheiden, ob man das Glas für halbvoll oder halbleer hält. Der Rezensent wählt erstgenannte Option, freut sich, daß er die Band erstmals in seinem Leben livehaftig zu Gesicht bekommen hat, und wünscht sich ein Wiedersehen unter besseren akustischen Verhältnissen.

Roland Ludwig


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